Harald Martenstein Über engagierte Literatur

Von
ZEITmagazin Nr. 42/2015

Sie fragen nach der engagierten Literatur? Ob es die wieder in stärkerem Maße geben sollte? Da frage ich zurück: Wozu soll das gut sein? Was soll das bewirken? Vorbilder, nach denen andere Menschen sich in größerer Zahl eventuell richten, arbeiten heutzutage fürs Fernsehen, fürs Kino oder im Musikbusiness. Wer engagierte Literatur schreibt, ist ein eitler Fratz, der sich überschätzt. Der will sich vor den Spiegel stellen, sich selbstverliebt übers Haar streichen und sagen: "Schaut her, ein engagierter Autor. Je suis Sartre."

Engagierte Literatur kämpft fürs Gute, für eine bessere Welt, oder? Sie denken an J’accuse von Zola oder an Onkel Toms Hütte. Klar, man kann sich auch für den Bau von Konzentrationslagern oder die Ausrottung des Breitmaulnashorns engagieren, das wäre ebenfalls Engagement, aber so verstehen Sie den Begriff sicher nicht. Wissen Sie, für das Gute kämpft heutzutage jeder, dafür braucht man die Literatur nicht mehr. Neben der Bild-Zeitung mit ihrer herzzerreißenden Titelseite, auf der Prominente sich für Flüchtlinge engagieren, neben den engagierten Fernsehmoderatoren, die vor Rührung über ihre eigenen Kommentare mit den Tränen kämpfen, neben all den engagierten Bloggern und den NGOs und den besorgten Leitartiklern und, nicht zu vergessen, den sexy Liedermacherinnen mit dem engagierten Augenaufschlag soll ich mich auch noch engagieren? Sind Sie irre? Ich soll dem Armageddon an Moralismus, in dessen Mitte wir uns befinden, diesem sauren Regen aus säuselndem Philistertum, auch noch was hinzufügen? Wenn’s hilft, gerne. Aber wenn nicht mal Claus Kleber die Welt retten kann, dann bleibt sie eh ungerettet.

Eine bessere Welt, was ist das überhaupt? Kein Hass, keine Kriege, so was in der John-Lennon-Richtung? Es gibt Kriege, die ich richtig finde, und es gibt vielleicht sogar Hass, den ich richtig finde, also zurzeit. Alle 20 Jahre ändere ich sowieso meine Meinung und Sie auch. Aber Literatur sollte länger halten. Um mich engagieren zu können, müsste ich mir meiner eigenen Meinung sicher sein und Antworten besitzen, kurz, ich müsste das Gegenteil eines interessanten Autors sein. Ich schreibe einen Roman, wenn ich eine Frage habe, auf die ich keine Antwort weiß. Deshalb erzähle ich eine Geschichte, um dabei selbst klüger zu werden, um zu suchen und nicht, um anderen etwas beizubringen. Ich bin nicht Jesus, I am only the piano player. Wenn ein Buch uneindeutig ist, wenn es mehrere Sichtweisen zulässt, wenn es mich an meinen wackligen Ansichten zweifeln lässt, wenn ich über die Guten wütend werde und um die Bösen weine, wenn ich mich im Kopf eines Menschen befinde, der ein bisschen anders tickt als ich, dann ist es für mich ein gutes Buch. Das hat nichts mit Meinungen zu tun. Für Literaturkritiker, welche die Qualität eines Buches vor allem daran messen, ob es mit ihrer Meinung übereinstimmt, habe ich nur Verachtung übrig.

Ich könnte eine engagierte Geschichte über ein Flüchtlingsmädchen schreiben, das gibt es ja tausendfach und ist manchmal auch gut geschrieben. Nicht dass ich so was nie gelesen hätte. Das lesen die ohnehin Überzeugten, das ist wie politisches Kabarett anno 1970, nur in rührend. Die NPD-Ortsgruppe wird, wie so oft, auch dieser Lesung fernbleiben. Was Literatur im besten Fall erreichen kann, wenn sie denn unbedingt etwas erreichen soll: Sie kann das Denkvermögen stärken. Und je länger du nachdenkst, desto weniger Gewissheiten hast du, desto misstrauischer wirst du in Bezug auf dich selbst. Und eine Welt, in der alle an ihren Gewissheiten zweifeln, wäre tatsächlich eine bessere Welt.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Selten, dass ich Martenstein mal wirklich Recht geben muss. Aber hier... jo.

"Die Reflexion auf Werke von Johann Sebastian Bach stellt ein zentrales Motiv von Gehen, Ging, Gegangen dar. Deren innere Spannung erreicht der Roman allerdings selten. Bach wusste, dass man große Kunst und Predigt auseinander hält."

Das schrieb ich vor ein paar Wochen in meiner Doppelrezension zu Buchpreisfavorit und letztendlichem Träger. Ersterer tappt voll in die Engagement-Falle: http://diekolumnisten.de/...