© Jacob Russell

Kurdistan Land in Sicht

Seit fast hundert Jahren träumen die Kurden von einem eigenen Staat. Im Nordirak haben sie jetzt eine Chance. Unterwegs in einem Land, das noch nicht existiert. Von
ZEITmagazin Nr. 43/2015

Die Reise durch das Land, das es noch nicht gibt, beginnt an einem Sommerabend. Die Luft in Erbil ist auf erträgliche 28 Grad abgekühlt, in den muslimischen Stadtteilen rufen die Muezzine zum Gebet, im christlichen Viertel Ainkawa schalten Kneipenbesitzer die Neonreklame für Johnny Walker an. Der Biergarten neben dem amerikanischen Konsulat ist voll. Die Gäste, fast ausschließlich männlich, rauchen Wasserpfeife, trinken Whisky. "27, 12, 46, 3, 30", ruft eine Stimme über Lautsprecher, und plötzlich zücken alle Papier und Bleistift. Freitag ist Bingo-Abend. Niemand beachtet die Fernsehbilder von Kämpfen mit der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) rund 50 Kilometer vor der Stadt. "Möchten Sie die Chicken-Wings mit oder ohne Pommes?", fragt der Kellner.

Willkommen in der einzigen Gegend des Mittleren Ostens, aus der nicht nur schlechte Nachrichten dringen: In der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak hält die Armee der Peschmerga den IS in Schach, mithilfe deutscher Waffen und Ausbildern der Bundeswehr. Hier gibt es ein gewähltes Parlament, die Religionsfreiheit ist garantiert, niemand verbrennt amerikanische Fahnen. In der Hauptstadt Erbil glitzern die neu errichteten Hochhäuser, im Hinterland wird Erdöl gefördert. Reiseagenturen werben mit Ökotourismus, die Lufthansa bietet Direktflüge an, und die kurdische Fußballnationalmannschaft war 2012 sogar Weltmeister. Wenn auch nur im Turnier der nicht anerkannten Staaten mit Gegnern wie Südossetien und West-Sahara.

Syrien und Irak zerfallen gerade durch Krieg und Terror. Die Türkei wird erschüttert vom Bürgerkrieg zwischen der kurdischen PKK-Miliz und der Armee sowie von Selbstanschlägen wie zuletzt vor zwei Wochen in Ankara. Im Nordirak aber träumen viele Kurden ihren alten Traum, für den ihr Volk seit fast hundert Jahren kämpft – die Ausrufung eines unabhängigen Staates. So lange schon sind sie versprengt über den Irak, Syrien, den Iran und die Türkei. Eine Hymne haben sie immerhin schon, eine eigene Fahne und ein Nationales Olympisches Komitee. Warum nicht auch eine kurdische Mannschaft bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro?

"Das wird so schnell nichts", sagt Beriwan Hatam. Wir treffen sie in Erbil in einer Mini-Mall. "Taekwondo-Schule" steht an der Tür. Davon gibt es hier inzwischen Dutzende – eine Hinterlassenschaft südkoreanischer Soldaten, die 2003 nach dem Sturz Saddam Husseins zusammen mit der US-Armee das Land stabilisieren sollten. Beriwan Hatam ist ein großes Talent. Sie zupft ihr Kopftuch zurecht, den Hidschab, den sie auch beim Training trägt, "weil Gott das so will". 21 Jahre ist sie alt, zierlich, blass, die Stimme leise – außer beim Kampfschrei. Sie ist Trägerin des 3. Dan, war 2011 irakische Meisterin und hat bislang fast alle ihre Kämpfe gewonnen. Auch den gegen ihren Vater, der ihr den Sport verbieten wollte. Weil Frauen nach seiner Ansicht nie die Faust ballen sollten.

Ihr Trainer, ein Hüne namens Hussein Gardy, sagt: "Eigentlich hätte Beriwan schon bei den Olympischen Spielen 2012 in London dabei sein müssen." Aber da habe der irakische Verband keine Kurdinnen mehr in die Mannschaft gelassen. Jetzt träumt Beriwan Hatam von einer kurdischen Nationalmannschaft in Rio und weiß doch, das dies eine Illusion ist. Bis auf Weiteres bestehen die Regierung in Bagdad wie auch die internationale Gemeinschaft auf einem vereinten Irak – auch wenn dieser gespaltener ist denn je.

Nach drei Stunden Training hockt Beriwan Hatam müde auf der Matte. "Für den internationalen Sport bin ich momentan unsichtbar", sagt sie. Aber vielleicht schaffe es Kurdistan wenigstens bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, ein souveräner Staat zu werden, hofft sie. Dann ist sie 26 und im besten Athletenalter.

Die letzte Sparringsrunde heute: Sie nimmt Anlauf, springt, dreht sich in der Luft um die eigene Achse und trifft mit dem Spann die lederne Pratze, die ihre Partnerin auf Kopfhöhe hält. Im Hintergrund leuchten die Berge und Wiesen ihrer Heimat. Kurdistan ist auch hier nur ein Traum, eine Fototapete.

Am nächsten Vormittag sitzen wir schlapp im Auto von Junes Mohammed, unserem Fahrer und Übersetzer, den wir in Erbil angeheuert haben. Die Hitze verwandelt den Fahrtwind in ein Föngebläse. Wir passieren Erbils Neubauviertel, dessen Werbeschilder ein "exklusives Wohnerlebnis" versprechen, Shoppingmalls, Autohandlungen. Das neue Kurdistan, aus dem Boden gestampft innerhalb des Jahrzehnts nach dem Sturz von Saddam Hussein, als der relativ sichere kurdische Norden des Iraks boomte, während sich Sunniten, Schiiten und US-Soldaten im Rest des Landes bekriegten.

Wir wollen in die Berge, ins ursprüngliche Kurdistan, das noch unberührt ist von Leuchtreklame und Baukränen. Vor uns schlängelt sich die Hamilton Road. "Ein Geschenk der Briten", sagt Junes, es ist nicht dankbar gemeint.

1928 begann der Ingenieur Archibald Hamilton im Auftrag der britischen Mandatsmacht eine knapp 170 Kilometer lange Straße von Erbil nach Hadschi Omaran an der Grenze zum Iran zu bauen. Eine technische Meisterleistung. Und eine gute Tat, wie Hamilton fand, der damit der Völkerverständigung den Weg bereiten wollte. Nur hatten die Kurden damals längst erkannt, dass sie bei der Neuordnung des Mittleren Ostens leer ausgegangen waren. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende des Osmanischen Reiches bekamen sie nicht, wie erhofft, ein eigenes Territorium, sondern fanden sich verteilt auf andere Staaten wieder: im Iran, in der gerade ausgerufenen Republik Türkei, im französischen Mandatsgebiet Syrien und im britisch kontrollierten Irak. Jeder Versuch einer Sezession, jeder Anspruch auf Selbstverwaltung oder kulturelle Autonomie wurde in den folgenden Jahrzehnten brutal unterdrückt. Wenige Jahre bevor Hamilton mit dem Straßenbau begann, hatte die britische Luftwaffe ein kurzerhand ausgerufenes kurdisches Königreich unter Einsatz von Giftgas wieder aufgelöst. Weitere Revolten sollten folgen. Die Hamilton Road schuf keinen Frieden, auf der Straße wurde Kriegsnachschub transportiert, sie war oft umkämpft.

Wir gewinnen an Höhenmetern, die Landschaft erinnert jetzt an die Alpen, Ferien-Chalets säumen die Straße. Ein Schild weist zum nächsten Skilift. Familien schleppen Koffer und Tüten aus ihren Autos. "Urlauber?", sage ich. "Araber", antwortet Junes. Es sind wohlhabende arabische Familien aus dem Zentralirak, die sich auf der Flucht vor dem Krieg gegen den IS nun dort einmieten, wo Erbiler im Sommer Erholung vor der Hitze suchen und im Winter Ski fahren. Junes kennt das Gefühl der Heimatlosigkeit. Als Kind musste er mit seiner Familie vor der Diktatur von Saddam Husseins Baath-Partei fliehen. Iraks sunnitische Araber waren Saddams Machtbasis. Damals kamen die Sunniten als Unterdrücker in den Norden, heute kommen sie als Vertriebene.

Wir biegen von der Hamilton Road nordwestwärts auf eine kleine Bergstraße, die nach wenigen Kilometern durch einen Checkpoint blockiert wird. Peschmerga inspizieren Auto und Pässe.

Die Landschaft sieht hier so idyllisch aus wie auf der Fototapete in Beriwan Hatams Sportclub. Wären da nicht drei irritierend große graue Betonkuppeln am Berghang. Wir sind in Barsan angekommen, der angeblichen Quelle des Kurdentums.

"Wir heißen die deutsche Presse herzlich willkommen", sagt Scheich Xalat, unser Gastgeber, sein Händedruck ist sehr weich. "Deutschland hat einen Ehrenplatz in den kurdischen Geschichtsbüchern. Wir danken eurer Kanzlerin für die Hilfe im Kampf gegen die Araber und gegen den Terror. So Gott will, wird unser Traum von der Unabhängigkeit jetzt wahr, für den wir so viel geopfert haben ..."

Der Scheich ist gehüllt in die Duftwolke seines Rasierwasser. Seine Peschmerga-Uniform ist makellos gebügelt, das Hemd ist mit einem B bestickt. B wie Barsani. Xalat Barsani, 39, gehört zum mächtigsten Stamm in Kurdistan. Einer seiner Verwandten leitet den Geheimdienst in der Autonomen Region, ein anderer ist Premierminister, sein Onkel Massud Präsident. "Und mein Großonkel Mustafa, der für unsere Nation und unser Volk alles gegeben hat, kam hier auf die Welt und liegt hier begraben."

Nach Barsan darf nicht jeder fahren, für einen Besuch ist die Erlaubnis des Scheichs nötig. Schnell wird klar, warum wir sie bekommen haben. Xalat Barsani möchte sich für die Milan-Raketen bedanken, welche die Bundesregierung im vergangenen Jahr für den Krieg gegen den IS geliefert hat. Und er möchte Kurdistan als idealen Bündnispartner anpreisen. "Wir teilen alle eure Werte, wirklich alle. Bei den Frauenrechten waren wir sogar Vorreiter, beim Naturschutz auch ..." Der Scheich muss sich kurz räuspern. Sein Polizeichef, den er zum Gespräch dazugebeten hat, wirft schnell ein: "Und Christen und Juden haben wir auch immer beschützt!" – "Darf ich Ihnen jetzt das bescheidene Grab meines Großonkels zeigen?", fragt der Scheich.

Tatsächlich säumt nur eine schlichte Mauer die letzte Ruhestätte von Mullah Mustafa Barsani. Geboren am 14. März 1903 in Barsan, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte, gestorben am 1. März 1979, als Saddam Hussein im Irak an die Macht kam. Mit kaum 20 nahm Mullah Mustafa an seiner ersten Rebellion gegen die Briten teil, mit Anfang 40 war er Armeechef einer kurzlebigen kurdischen Republik, danach Exilant in der Sowjetunion, schließlich legendärer Anführer der Peschmerga und Gründer der bis heute übermächtigen Demokratischen Partei Kurdistans (DPK). Ein gewiefter Taktiker, jederzeit bereit, mit dem Feind eines Feindes einen Pakt einzugehen.

"Ein Leben für die kurdische Sache", schwärmt sein Großneffe und posiert für ein Foto vor einem künstlichen Teich, der die Umrisse von Großkurdistan abbildet, also alle Gebiete, in denen Kurden leben. Die Frage ist nur: Was genau ist die kurdische Sache?

Wo Kurden überall leben, zeigen die weißen Gebiete. Im Nordirak, zwischen Barsan und Jalaula, erstreckt sich die "Autonome Region Kurdistan".

Die Kurden sind die größte ethnische Gruppe der Welt ohne eigenen Staat: rund 30 Millionen Menschen, überwiegend sunnitische Muslime. Die Religion ist nicht das Verbindende, sondern die Herkunft, die Sprache, die Kultur. Doch die Kurden hegen nicht einen, sondern mehrere Träume von Autonomie und Staatlichkeit. Nördlich von Barsan, im Nachbarland Türkei, kämpft die PKK, die "Arbeiterpartei Kurdistans", seit Jahrzehnten um Eigenständigkeit für die türkischen Kurden. Syriens Kurden, Waffenbrüder der PKK, haben sich auf dem Schlachtfeld des Bürgerkriegs ein quasiautonomes Gebiet mit dem Namen Rojava erobert. Iranische Kurden kämpfen ebenfalls um Selbstverwaltung.

Über Jahrzehnte haben sich die unterschiedlichen Gruppierungen Treue geschworen, aneinander Verrat geübt, einander Zuflucht gewährt – und sich immer wieder bekriegt. Die linksrevolutionäre PKK unterhält große Stützpunkte auf nordirakischem Territorium und verachtet gleichzeitig die feudale Klanpolitik der irakischen Kurden. Die wiederum misstrauen dem Projekt eines autonomen Rojava. Der neue gemeinsame Überfeind IS hat daran wenig geändert. Die Kurden sind traurige Meister der Bruderkämpfe. Auch im Nordirak. Hier dominiert die DPK den Nordwesten, und die Konkurrenz von der Patriotischen Union Kurdistan (PUK) den Südosten. Es trennen sie weder Ideologien noch Programme, sondern die Konkurrenz um Macht und Geld. In den neunziger Jahren führten sie gegeneinander Krieg um Schmuggelprofite. Jetzt teilen sie sich Ministerposten und Pfründen, was ein Fortschritt ist. Ganz haben sie dem Frieden jedoch nie getraut. Jede Fraktion befehligt bis heute eigene Peschmerga-Truppen.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Kurden verdienen ihren eigenen Staat- ohne wenn und aber.
Wer so kämpft für Freiheit und Unabhängigkeit hat mich sowieso immer auf seiner Seite. Außerdem ist der Großteil der Türken (leider?) extrem zurückgeblieben da ist es nur gerecht, Erdogan sollte begreifen dass es bei diesen Volk vergebene Liebesmüh ist...
Wenn nicht jetzt wann dann? Ich hoffe für die Kurden dass es das Ausland auch wirklich ernst meint.