Ich habe einen Traum Aylin Tezel

"Ich muss häufig andere Menschen retten"
ZEITmagazin Nr. 44/2015

Nachts träume ich meistens von Dingen, die mich auch tagsüber beschäftigen. Diese Träume zeigen mir, wo ich gerade stehe und womit ich zu kämpfen habe. Oft umgibt mich ein Traum den ganzen Tag hindurch wie eine zweite Haut. Die schlechten Träume trage ich wie eine Last auf meinen Schultern. Die guten Träume öffnen meinen Geist.

In einem sehr eindringlichen Traum treffe ich eine frühere Nachbarin meiner Eltern. Die ersten vier Jahre meines Lebens haben wir Tür an Tür gelebt, sie war damals Mitte 60. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis. Ich war eine Frühgeburt, und sie war einer der ersten Menschen, die mich gesehen haben, noch im Brutkasten. Später hat sie häufig auf uns Kinder aufgepasst. Auch als wir weggezogen sind und ich älter wurde, sind wir uns nah geblieben. Ich war mit ihr bis zu ihrem Tod eng befreundet, und ich war dabei, als sie gestorben ist. Ich denke, sie hat darauf gewartet, sich von mir verabschieden zu können. Damals habe ich gespürt, dass der Körper nur eine Hülle ist und es nach dem Tod noch etwas anderes gibt. Was das genau sein mag, da bin ich mir noch nicht schlüssig. Alle paar Jahre träume ich von ihr. Es geschieht nichts Außergewöhnliches in diesem Traum, sie ist einfach da. Es ist schön, sie im Traum wiederzusehen, wenn auch auf einer anderen Ebene. Mir ist sehr bewusst, dass sie tot ist, aber ich empfinde Freude und Dankbarkeit, dass sie für mich nicht vollständig weg ist.

Häufig muss ich in meinen Träumen andere Menschen retten, vor bedrohlichen Gestalten, einer Flutwelle oder dem Weltuntergang. Es geht dabei ständig auf und ab: Zunächst gelingt es mir, meine Liebsten in Sicherheit zu bringen, aber dann zeigt sich, dass die Bedrohung noch nicht vorüber ist. Manchmal habe ich Glück und wache in dem Moment der Rettung auf, dann gehe ich ganz bezaubert durch den Tag. Wenn ich allerdings in dem Moment aufwache, in dem ich annehmen muss, dass die Welt untergeht und ich nichts dagegen tun kann, starte ich schon ausgelaugt in den Tag.

Deshalb rede ich lieber über die Träume, die ich im Wachen habe, Wunschträume oder Tagträume. Es verschafft mir ein schöneres, freieres Gefühl, von etwas zu träumen, das ich bewusst gewählt habe. Schon im Kindergarten habe ich mir oft vorgestellt, jemand anders zu sein. Wenn ich beispielsweise mit meiner Familie am Strand spazieren war, habe ich in meinem Kopf die wildesten Abenteuer auf hoher See oder Kämpfe in der Brandung durchgestanden, ohne dass andere etwas davon mitbekommen haben.

Ein Thema, das mich in meinen Tagträumen schon lange beschäftigt, ist, wie schnell Menschen sich ein Bild von einem anderen Menschen machen – und wie wenig sie bereit sind, dieses Bild infrage zu stellen. Als Schauspielerin erlebe ich es ja ständig, in Schubladen gesteckt zu werden. Das ist sehr ermüdend. In Interviews muss ich mich immer wieder mit der Frage herumschlagen, was an mir deutsch und was türkisch sei. Ich finde dieses Einsortieren altmodisch.

Ich bin dankbar, dass ich aus zwei Nationalitäten, Religionen und Kulturen zusammengesetzt bin. Das hilft mir, Toleranz anderen Menschen gegenüber zu empfinden. Ich träume davon, dass es mit jeder weiteren Generation immer weniger darum gehen wird, in welchem Land ein Mensch geboren wurde. Ich träume davon, dass wir alle begreifen, dass wir uns nicht auf unserer sicheren Insel verschanzen können und dürfen.

Kommentare

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Ich bin dankbar, dass ich aus zwei Nationalitäten, Religionen und Kulturen zusammengesetzt bin. Das hilft mir, Toleranz anderen Menschen gegenüber zu empfinden.

Klingt so, als ob man verschiedene Kulturen nur ausreichend durchmischen müsse, dann werden sich schon alle Probleme in Luft auflösen und die Menschen dieser Erde heulend vor Freude in den Armen liegen. Was für ein naive Vorstellung! Die Attentäter auf die Redaktion von Charlie Hebdo waren Franzosen aus der Einwanderungsgesellschaft, also Menschen, mit dem hier beschworenen langjährig gelebten Background mehrerer Kulturkreise. Für den bisher identifizierten Attentäter des Anschlags von diesem Wochenende gilt das selbe. Allesamt Täter mit Migrationshintergrund, die sich offensichtlich nicht so gut integrieren konnten und sich radikalisiert haben. Und auch der Attentäter von Boston entstammte aus der Einwanderergesellschaft, ein junger Mann tschetschenischer Herkunft, der an der Elite-Uni von Dartmouth studierte. Es gibt also auch Gegenbeispiele zu den Vorzeigeintegrierten aus dem abgehobenen deutschen B-Promi-Milieu. Im Übrigen empfinde ich es als eine Frechheit, dass hier Menschen, die das unfassbare Pech haben, aus nur einem Kulturkreis zu stammen, jeder Sinn für Toleranz indirekt abgesprochen wird. Ein unsägliches realitätsfremdes Geschwafel!

"Ich träume davon, dass wir alle begreifen, dass wir uns nicht auf unserer sicheren Insel verschanzen können und dürfen. " Nun, dieser Traum zumindest hat sich erfüllt, wie uns die Terrorexperten seit 48 Stunden auf allen Kanälen stets erklären... .
Ob wir mit dem hier propagierten Kulturrelativsmus weiter kommen, wage ich zu bezweifeln. Gerade das Bewußtsein um Zugehörigkeit, zu einer bestimmten Kultur, Nation, Gemeinschaft, bietet Halt und Orientierung, die wiederum immunisieren gegen die Verführung durch scheinbare Identitäten. Wer in sich und seiner Kultur in Selbstverständlichkeit verwurzelt ist, hat es nicht nötig, durch die Bekämpfung und Ablehnung des Anderen Identität erst künstlich herzustellen. Er kann offen auf das Andere zugehen, ohne die eigenen Wurzeln verleugnen zu müssen.