Harald Martenstein Über eine neue Art der Hypnose

Von
ZEITmagazin Nr. 44/2015

Wir waren bei Freunden zu Besuch, einem Paar. Der Mann hatte seit längerer Zeit unter Schlafstörungen gelitten. "Das ist endlich vorbei", sagte er. "Ich ziehe mir abends im Internet diese Hirnpornos rein. Nach spätestens zehn Minuten schlafe ich wie ein Baby."

Diese Filme sind der neue Megatrend. Ausgerechnet ich, das reaktionäre Redaktionsgroßväterchen, greife diesen Trend als Erster im ZEITmagazin auf. Ich beweise, dass wir Alten der Gesellschaft immer noch viel zu geben haben.

Die Filme laufen auf YouTube unter der Bezeichnung ASMR, die Abkürzung steht für "Autonomous Sensory Meridian Response". Zu sehen sind in der Regel Frauen, die flüstern, hin und wieder auch Männer. Meistens reden sie englisch. Sie sind angezogen, das sollte ich vielleicht erwähnen. Man sieht vor allem den Kopf, manchmal nur den Mund, und die Frauen flüstern belangloses Zeug. Oft tun sie dabei etwas, zum Beispiel falten sie Handtücher zusammen, oder sie streicheln über eine Bürste, oder sie rascheln mit Papier. Der Freund zeigte eines seiner Lieblingsvideos. Eine rothaarige, nicht mehr ganz junge Frau ist zu sehen, dazu der üppig behaarte Hinterkopf ihrer Nichte. Die ältere Frau kämmt das Haar der Jüngeren, die völlig bewegungslos bleibt, mit einer Bürste, schön langsam. Dabei flüstert sie lächelnd: "Das ist sehr schönes Haar. Es ist auch eine schöne Bürste. Ich streiche über das Haar. Ich streichle langsam das Haar. Die Bürste gleitet. Das Haar bewegt sich. Das Haar gleitet auseinander. Ganz sanft. Ganz langsam. Auf und ab. Das Haar. Die Bürste. Die Bürste und das Haar. Schön. Oh. Schön. Auf und ab."

Und so weiter. Ich habe es aus der Erinnerung aufgeschrieben, vielleicht ist der Originaltext ein bisschen anders, aber ich kann mir den Film kein zweites Mal anschauen. Es ist einfach zu stark. Es ist besser als Sex. Man muss einen Kopfhörer tragen, erst dann knallt es so richtig.

Inzwischen gibt es mehr als zwei Millionen von diesen Filmen, und die Stars, zum Beispiel Heather Feather, werden millionenfach angeklickt. Sie können davon leben, dass sie flüsternd Sachen machen. Komischerweise funktioniert es auf Deutsch nicht so gut, die deutschen ASMR-Pionierinnen wirken oft ein bisschen hölzern. Wir Deutschen sind einfach keine guten Dienstleister.

Es gibt tausend Varianten, für jede ohrerotische Spezialneigung ist etwas dabei. Die Künstlerin Jellybean hat sich auf feuchte Geräusche spezialisiert, ein zartes Schmatzen zum Beispiel, sie isst auch geräuschvoll ein Eis. Manche erzählen flüsternd, was sie als Kind alles gern gemacht haben, flüstern Gedichte oder die Gebrauchsanweisung ihres Telefons. Andere atmen nur, reinigen sich zart mit Zahnseide die Zähne oder wühlen mit ihren perfekt manikürten Händen sanft in einem Berg Waschpulver, mein Ding wäre das nicht.

Der Frau des Freundes schien seine Neigung peinlich zu sein. Meine Frau sagte: "Da finde ich es irgendwie normaler, sich echte Pornografie anzuschauen." Interessanterweise bestreiten in der ASMR-Gemeinde viele, dass diese Flüstersache überhaupt eine erotische Komponente besitzt. Das halte ich allerdings für eine Schutzbehauptung.

Wenn Sie mich aber fragen, wie eine erfüllte Sexualität im hohen Alter aussehen könnte oder sich in Zukunft der Rundfunk gegen die Konkurrenz der vielen anderen Medien wird behaupten können, dann kenne ich die Lösung.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Wenn ich mal nicht schlafen kann, dann zappe ich auf einen Shopping-Kanal oder ziehe mir eine Folge "The joy of painting" von Bob Ross rein. Und es ist gut, daß Herr Martenstein noch extra erwähnt, daß die Personen in diesen Hypnose-Videos bekleidet sind. Es gibt nämlich solche Videos auch auf einschlägigen Plattformen - allerdings mit unbekleideten Personen und nicht jugendfreien Darstellungen.

Also Herr Martenstein, eine sexuelle Neigung brauchen Sie da nun wirklich nicht unterstellen. Es gibt nicht nur Flüstervideos mit Frauen, sondern auch genügend mit Standbild und Geräuschen aus allerlei des Alltages, es finden sich auch viele Männer die diese Videos machen.

Mann nennt es nicht Hirnpornos weil da sexuelles befriedigt wird, sondern weil diese Geräusche dort oben und eben NICHT unten ein kribbeln und angenehmes Gefühl erzeugen soll, damit man einschlafen kann.