Adele bei den Grammy Awards 2012 © Robyn Beck/AFP/Getty Images

Adele "Wenn eine wie ich es schaffen konnte, könnt ihr es auch"

Adele über ihr merkwürdiges Leben als erfolgreichste Sängerin der Welt. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 45/2015

Der Stadtteil Bermondsey im Süden Londons ist eine Ecke, in die sich Touristen selten verirren. Lagerhallen und Bürogebäude prägen diese Gegend. Hier, im Inneren eines riesigen Betonklotzes, probt an einem verregneten Oktobernachmittag die Sängerin Adele Laurie Blue Adkins mit ihrer Band für ihr weltweit ersehntes Comeback nach ihrer Babypause. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ihr letztes Album war das bisher bestverkaufte des 21. Jahrhunderts, Fernsehauftritte stehen an, von Konzerten wird gemunkelt. Verraten wird nichts, alles ist geheim. Adele wird abgeschirmt. Männer mit Walkie-Talkies bewachen einen gigantischen Lastenaufzug. Auch vor den Proberäumen im vierten Stock stehen skeptisch dreinblickende Muskelpakete.

In einem dieser Räume empfängt Adele zum Interview – ganz in Schwarz gekleidet, von einem Poncho umhüllt, an den Füßen trägt sie nur ein paar Socken. Eigentlich sei sie ja bester Laune, sagt sie zur Begrüßung, aber dummerweise sei sie an diesem Morgen im Fitnessstudio von einem der Geräte gefallen. Nun ist ihr Rücken lädiert, sie hat offenbar Schmerzen. Gleich nach dem Gespräch hat sie einen Arzttermin. Von welchem Gerät sie gefallen ist, mag sie lieber nicht verraten.

ZEITmagazin: Adele, früher prahlten Sie damit, dass Sie die Art von Frau sind, die niemals ein Fitnessstudio von innen sehen wird und die lieber anständig essen geht, statt ihren Körper zu drillen. Was ist geschehen, dass Sie sich nun doch in so einen Laden verirrt haben?

Adele: Das kann ich Ihnen sagen: Ein sehr lebhafter Dreijähriger ist mir in die Quere gekommen. Damit ich in der Lage bin, mit ihm mitzuhalten, muss ich mich mit Sport quälen. Außerdem bin ich ja nicht nur Mutter, sondern ich habe auch einen anstrengenden Job, in dem ich mich nun nach einer Auszeit zurückmelde. Wissen Sie, wann Popkonzerte beginnen?

ZEITmagazin: In der Regel am frühen Abend.

Adele: Eben. Und wissen Sie, was ich um diese Zeit seit drei Jahren mache? Da gehe ich ins Bett. Genau genommen gehe ich um acht Uhr ins Bett, wie mein Sohn. Denn der Mama-Job ist ganz schön anstrengend. Ich schreibe im Bett noch eine Million E-Mails auf meinem Laptop, und dann schlafe ich ein. Aber kommen Sie nun bloß nicht auf die Idee, dass ich versuche, mir einen Model-Körper anzutrainieren. Nichts da, das ist nur Notwehr – damit ich nicht schlappmache.

ZEITmagazin:Karl Lagerfeld hat mal Ihre Körpermaße kritisiert. Verletzen Sie solche Kommentare?

Adele: Nein. Das war mir so was von egal. Ärgerlich war nur, dass er später irgendwo erzählt hat, er hätte mir zwei Dutzend Chanel-Taschen als Geste der Entschuldigung geschickt. Diese Taschen habe ich leider nie zu Gesicht bekommen. Wo immer er die hingeschickt haben mag, bei mir sind sie nicht angekommen! (lacht laut)

ZEITmagazin: Zu Ihrem neuen Album 25 gab es vorab viele Gerüchte, aber keinerlei Fakten. Wie haben Sie es eigentlich angestellt, dass alle dichthielten?

Adele: Das war schwer, glauben Sie mir. Noch gestern Nacht lag ich im Bett und wunderte mich, dass tatsächlich nichts durchgesickert ist. Es waren schließlich ziemlich viele Leute involviert, was nie ohne Risiko ist. Aber alle haben die Klappe gehalten. Und solche Dinge sind mir wichtig, Vertrauen ist etwas sehr Kostbares. Mein engerer Kreis von Mitarbeitern ist allerdings auch sehr klein und überschaubar.

ZEITmagazin: Wie viele Menschen gehören dazu?

Adele: Fünf! Zwei Manager, zwei Publizisten und der Chef meiner Plattenfirma. Mehr nicht.

ZEITmagazin: Und was ist mit Ihren Freunden?

Adele: Die wären nicht meine Freunde, wenn sie meine Geheimnisse ausplaudern würden. Es waren aber auch nur zwei ganz enge Freundinnen in alles eingeweiht und mein Freund natürlich.

ZEITmagazin: Ihre Aktivitäten bei Twitter und Facebook sind auf ein Minimum reduziert. Ist das Teil Ihrer Strategie, sich so rar wie möglich zu machen?

Adele: Nein, sie ist nur ein Zeichen meiner Ahnungslosigkeit. Ehrlich gesagt habe ich die Macht der Sozialen Netze lange unterschätzt. Ich bin zwar bei allen diesen Diensten angemeldet, aber ohne Hilfe komme ich nicht an meine Konten.

2008: Adele am Anfang ihrer Karriere beim Montreux Jazz Festival © Valentin Flauraud/Reuters

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Adele: Ganz einfach: Meinen Twitter-Account zum Beispiel darf ich nicht ohne Rücksprache nutzen. Twittern ist eine riskante Sache. Vielleicht sehe ich etwas Merkwürdiges im Fernsehen oder ein wirklich bescheuertes Konzert – oder ich bin betrunken, was ich seit einigen Jahren allerdings nicht mehr war. Egal. Es könnte eben doch mal passieren, dass ich unbedacht irgendwelchen Blödsinn ins Netz rausjage, der mir dann um die Ohren fliegt. Damit ich da keinen Unsinn mache, kenne ich meine Passwörter nicht. Wenn ich also tatsächlich mal aus einer Laune heraus etwas posten will, dann werfen drei verschiedene Menschen vorher einen Blick darauf. Ich maile der ersten Person meinen Tweet, die schickt es weiter an die nächste Person, und dann kontrolliert es noch jemand, bevor es freigegeben wird.

ZEITmagazin: Haben Sie manchmal das Gefühl, etwas zu verpassen, weil Sie in diesen Netzwerken nicht unterwegs sind?

Adele: Nein, denn Trends und Gerüchte sind mir egal. Und wenn ich wichtige Dinge erst etwas später mitbekomme, ist das auch nicht weiter schlimm. Die Idee der Sozialen Netzwerke ist eben nichts für mich. Ich habe nicht die geringste Lust, mein Essen für meine Follower zu fotografieren. Ihr kennt mich nicht, und was ich esse, geht euch nichts an! In welchem Hotel und in welchem Studio ich gerade bin: Es geht euch alles nichts an! Wie könnte ich mich als Künstlerin ernst nehmen, wenn ihr da draußen alles über mich wisst? Privatsphäre und Geheimnisse sind sehr wertvoll.

ZEITmagazin: Bedauern Sie es, dass Prominente die Aura des Mysteriösen verloren haben?

Adele: Künstler sollten eben versuchen, sich diese Aura zu bewahren. Die Musiker, die ich bewundere, haben ihre Geheimnisse alle nicht preisgegeben. Gut, als Etta James ihre große Zeit hatte, gab es natürlich noch kein Internet. Aber selbst über Elton John weiß man nicht alles. Die Sehnsucht, mehr über unsere Ikonen zu erfahren, und gleichzeitig zu wissen, dass wir die intimen Details nie erfahren werden – dieses Gefühl ist uns abhandengekommen. Heute wird jedes schmutzige Geheimnis mit ein paar Klicks enthüllt. Ist das nicht widerlich?

ZEITmagazin: So jammert sonst die Sechzig-plus-Generation. Sind Sie mit 27 nicht viel zu jung für solche Klagen?

Adele: Stimmt, ich gehöre wohl theoretisch zur Generation iPhone. Aber eben nur theoretisch! Wenn ich auf der Straße Fans treffe, wollen die nicht mehr mit mir sprechen, sondern mich nur mit ihrem Smartphone ablichten. Da denke ich mir: Hallo? Ich stehe hier lebendig vor euch. Warum filmt ihr nur und sagt nichts? Genießt lieber den Augenblick, als später ein schummriges Filmchen davon anzuschauen. Das ist doch krank. Prominente mit dem Handy zu belästigen ist auch nichts anderes, als ein Unfallopfer auf der Straße zu fotografieren. Das entspringt derselben bizarren Sensationslust.

ZEITmagazin: Vor drei Jahren sagten Sie, dass Sie eine Auszeit von fünf Jahren einlegen würden, um mal wieder "zu leben". Das haben Sie also etwas abgekürzt. Haben Sie denn in Ihrer Auszeit auch "gelebt"?

Adele: (Schreit:) Fünf Jahre leben! Wäre das nicht toll gewesen? Herrliche Vorstellung. Aber nicht durchzuhalten. Immerhin, fast zwei Jahre lang war ich raus aus allem und habe gelebt. Gut, während meiner Schwangerschaft habe ich noch schnell den James-Bond-Song gesungen, Skyfall. Kurz vor der Geburt fand dann noch die Filmpremiere statt, aber da war ich dann tatsächlich nicht dabei, denn auf dem roten Teppich ein Kind zu gebären wäre nicht so toll gewesen, oder? Nach der Geburt habe ich dann echt zwei Jahre lang nur gelebt. Okay, einen Monat davon war ich dann noch in Hollywood, um ein paar Preise einzusammeln ...

ZEITmagazin: ... zum Beispiel einen Oscar und einen Grammy für Ihren Song Skyfall.

Adele: Aber ein wenig habe ich auch gelebt. Wirklich!

Mit 20 war sie schon berühmt: Adele 2008 bei einem Auftritt in London. © Getty Images

ZEITmagazin: Gab es nach dem aberwitzigen Erfolg Ihres Albums 21 einen bestimmten Moment, in dem Sie merkten, dass es Zeit für eine Pause ist?

Adele: Mir wurde die Sache schnell zu groß. Der Erfolg sprengte ja alle Dimensionen. Klar, das war toll, aber eben auch furchterregend. Tatsächlich gab es einen Moment, der alles änderte: die Verleihung der Mercury-Awards 2011. Mein Album 21 war dort nominiert, was mich sehr stolz machte. Mein Leben lang hatte ich die Mercury-Awards im Fernsehen angeschaut, und plötzlich gehörte ich selber zu den Hauptdarstellern. Leider war ich dann gesundheitlich ziemlich angeschlagen, als es so weit war. Zwei Konzerte um die Preisverleihung herum hatte ich deshalb abgesagt. Zu so einer Blitzlichtshow zu gehen, aber die Fans mit Konzertabsagen zu enttäuschen, das bereitete mir schon ein schlechtes Gewissen. Als ich dann den Saal betrat, strömten so viele Menschen auf mich zu, dass es ein Schock war. Nicht dass wir uns falsch verstehen, alle waren nett, keiner wollte mir etwas tun, aber die Wucht dieser Hysterie um meine Person war mir unheimlich. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Wenn man darüber länger nachgrübelt, verliert man den Verstand. Deshalb habe ich in den vergangenen Jahren alles dafür getan, solchen Situationen auszuweichen.

ZEITmagazin: Aber träumt man nicht als angehender Musiker von solcher Verehrung?

Adele: Ich müsste lügen, wenn ich das abstreiten wollte. Begehrt zu sein ist der Traum eines Musikers. Punkt. Ich habe ein Ego. Ich habe sogar ein großes Ego (lacht sehr laut) – und das muss gefüttert werden. Aber es kommt der Punkt, wo es einem wirklich alles über den Kopf wächst. Kein normaler Mensch rechnet ja mit so einem Erfolg. Mich überkam eine sagenhafte Erschöpfung. Ich weiß, dass es merkwürdig ist, schlappzumachen, wenn ein Traum wahr wird, aber genauso war es. Und irgendwann war ich so erschöpft, dass ich kaum noch weiterwusste. Und das war dann der Punkt, an dem mein Körper sich meldete und mich aus dem Verkehr zog: als nämlich meine Stimmbänder nicht mehr mitmachten. Die reagierten nur auf meinen Gemütszustand. Und wenn man sich ständig Sorgen um seine Stimmbänder macht, wird man nur noch entkräfteter.

ZEITmagazin: Haben Sie sich inzwischen an Ihren Status als Superstar gewöhnt?

Adele: Man muss sich daran gewöhnen. Ich will ja weiter Musik machen. Ein Karriereende ist nicht geplant. Vermutlich werde ich noch eine unbestimmte Zeit lang berühmt sein. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich damit zu arrangieren. Ich kann jetzt die nächsten zehn Jahre meines Lebens jammern oder das Ganze so gut es geht genießen. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Ich sage jetzt aber auch nicht: Super! Ich bin ein Star! Und ich gehe zu jeder Tankstelleneröffnung, um mich feiern und fotografieren zu lassen! – Nein. So werde ich niemals sein. Aber wenn man erst mal gelernt hat, sich in dieser Welt zu bewegen, wird es entspannter.

ZEITmagazin: Können Sie dem Celebrity-Zirkus auch etwas Gutes abgewinnen?

Adele: Ja, der Wirbel um Promis hat auch eine positive Funktion, denn er spendet vielen Menschen Hoffnung und Trost. Leute, denen es nicht so gut geht, lenken sich mit einem Blick auf diese inszenierte Märchenwelt von ihren Alltagssorgen ab – und das finde ich legitim.

ZEITmagazin: Können Sie noch unerkannt spazieren gehen?

Adele: Mich erkennt jeder. Ich verkleide mich nicht. So leger, wie ich jetzt vor Ihnen sitze, gehe ich auch vor die Tür. Wenn mich dann jemand sieht, dauert es meistens ein wenig, bis der Groschen gefallen ist, und dann bin ich längst über alle Berge. Es heißt immer, dass ich scheu sei und zurückgezogen leben würde – aber das stimmt gar nicht. Ich gehe jeden Tag vor die Tür. Mit meinem Kind und mit Freunden. Sie können mich im Park, im Museum oder im Supermarkt treffen, und Sie können mir an jedem verregneten Tag in der Kinderabteilung irgendeines Kaufhauses begegnen.

ZEITmagazin: Aber wenn Ihr Sohn ins Spiel kommt, hört der Spaß für Sie auf, oder?

Adele: Ja, denn meine Familie hat im Rampenlicht nichts verloren. Es geht allein um mich. Das muss ich immer wieder klarstellen. Es ist einfach unfair, meinen Sohn da mit reinzuziehen. Ein Kind erschreckt sich auch viel mehr über diese Einbrüche in die Privatsphäre, weil es ja nicht wissen kann, dass das ein Teil von Mamas Job ist. Das Gute ist, dass es in England strenge Gesetze gibt, die klar regeln, dass die Privatsphäre von Kindern zu achten ist. Kinder haben genug mit sich selber zu kämpfen, da sollten sie sich nicht noch mit Paparazzi rumplagen müssen. Und stellen Sie sich mal vor, was erst los ist, wenn mein Sohn ein Teenager ist: Wenn er heimlich seine erste Zigarette raucht und dabei fotografiert wird? Oder die Schule schwänzt? Falls er später, wenn er sechzehn ist, beschließen sollte, dass er gerne als mein Kind in Erscheinung tritt, dann ist das seine Entscheidung. Mit den Folgen müsste er dann selbst klarkommen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Wenn ich allein unterwegs bin, sehe ich den Paparazzi-Quatsch allerdings manchmal auch als ein Spiel an.

Adele ersteigert 2008 ein Porträt von sich bei einer HIV-Charity-Veranstaltung in London. © Getty Images

ZEITmagazin: Wie geht dieses Spiel?

Adele: Das Spiel besteht darin, dass ich die Fotografen nicht ahnen lasse, dass ich sie längst bemerkt habe. Dann führe ich die Meute an der Nase herum. Zum Beispiel gehe ich in ein Geschäft und mache mich dann durch den Hintereingang aus dem Staub, während sich die Fotografen draußen noch die Beine in den Bauch stehen. Lustig ist auch, sich demonstrativ irgendwo eine Limousine hinzubestellen und dann mit einem alten Taxi dezent wegzufahren, während die Deppen dem falschen Wagen folgen. Ich liebe solchen Quatsch.

ZEITmagazin: Haben Sie eigentlich in den vergangenen Jahren die vielen Gerüchte über Ihr neues Album verfolgt?

Adele: Das ist komplett an mir vorbeigerauscht. Ich lese keine Entertainment-Magazine und bin auch nicht im Internet unterwegs. Ich wusste bis vor zwei Stunden nicht mal, was ein Google Alert ist. Vorhin ging mein erstes Statement zum neuen Album online. Kurz darauf saß ich bei einer Mitarbeiterin, die sich um mein Make-up kümmert. Ihr Handy brummte nonstop, und ich fragte sie, was los sei. Sie erklärte mir, dass sie gerade sehr viele Nachrichten über mich via Google Alert bekäme. So weiß auch ich jetzt, was ein Google Alert ist.

ZEITmagazin: Zu den Gerüchten über das Album 25 gehören auch die Namen einer ganzen Palette möglicher Produzenten: von Pharrell Williams über Damon Albarn bis hin zu Phil Collins. Von Collins weiß ich, dass er sich tatsächlich mit Ihnen getroffen hat, auf der Platte ist er aber nicht dabei. Warum?

Adele: Es kam eben einfach nicht zu einer Zusammenarbeit. Mein Freund hat in der Zeitung gelesen, dass Phil Collins sich über mich beschwert hat. Ich glaube, er nannte mich einen "glitschigen Fisch". Dabei liebe ich Phil Collins, und deshalb war er auch der erste Kandidat, mit dem ich wegen einer möglichen Zusammenarbeit Kontakt aufnahm. Wir trafen uns in London im Dorchester Hotel, plauderten und tranken ein paar Tassen Tee. Ich war super nervös, und er war reizend. Ich spielte ihm das Demo von einem Song vor und mailte ihm später noch ein paar Melodieschnipsel, die ich beisammen hatte. Aber all das passierte lange bevor es richtig mit meinem Album losging. Ich merkte damals, dass ich noch nicht so weit bin. Das habe ich Phil Collins dann auch gesagt. Er war misstrauisch und dachte, dass ich die Platte lieber ohne ihn machen wollte.

ZEITmagazin: Phil Collins sagte auch, dass Ihr Spitzname in der Branche The Ghost sei, weil Sie nur sehr schwer zu erreichen sind. Haben Sie davon gehört?

Adele: The Ghost? Toll! Ja, ich kann mir vorstellen, woher das kommt. Sehen Sie, ich habe mein Handy 24 Stunden am Tag in meiner Nähe – und doch verpasse ich es meistens, wenn mich jemand anruft. (Greift in eine Tasche ihres Ponchos und holt ein Handy heraus.) Schauen Sie, hier: Ich habe es brav immer dabei! Aber anstatt zu telefonieren, mache ich damit eigentlich nur Fotos von meinem Kind.

ZEITmagazin: Machen Sie sich bewusst rar?

Adele: Ich tauche manchmal ab, weil es mir oft schwerfällt, mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Ich will dann nicht weiter bedrängt werden. Vor zwei Wochen wurde mein neues Album fertig abgemischt. Und während es im Studio bearbeitet wurde, beschloss ich, dass zwei Songs ausgetauscht werden mussten. Die Leute in meinem Umfeld flippen bei solchen Aktionen immer aus. Aber das hält mich nicht ab. Es geht ja um mich, da muss ich dann auch das letzte Wort haben. Auch mein Manager hat dann keinen Einfluss mehr auf meine kurzfristigen Entscheidungen.

ZEITmagazin: Wie viele Songs haben es denn nicht auf Ihr Album geschafft?

Adele: Oh, viele! Ich habe einen Haufen Songs für diese Platte produziert. Ich glaube, ich habe dreißig davon dann wieder weggeworfen.

ZEITmagazin: In Ihrer Karriere geschieht nichts ohne Ihre Zustimmung, richtig?

Adele: Korrekt: Nichts. Absolut nichts. Meinen Manager beziehe ich in meine Entscheidungen meistens ein. Natürlich hat er da ein Mitspracherecht, denn er kennt mich seit meinem achtzehnten Lebensjahr. Nächstes Jahr feiern wir unser zehnjähriges Jubiläum als Team. Ein super Typ. Aber die Entscheidungen muss am Ende ich treffen. Das war schon so, bevor ich irgendwelchen Erfolg hatte. Diese Freiheit habe ich von der ersten Minute an eingefordert. Und ich habe auch immer nur mit Menschen gearbeitet, die mir diese Freiheit gewährten.

ZEITmagazin: Sie nennen 25 Ihr "make up"-Album, also eine Art Wiedergutmachung oder Friedensschluss. Was meinen Sie damit?

Adele: Mein voriges Album, 21 , war mein "break up"-Album. Diese Bezeichnung haben sich Journalisten ausgedacht, aber es war schon etwas dran. Es war ein Album, mit dem ich eine gescheiterte Beziehung verarbeitet habe. Das Thema Trennung zog sich durch alle Songs der Platte. Mein neues Album nenne ich jetzt mein "make up"-Album, weil es auf diesem Album darum geht, dass ich erwachsen werde und mich mit den Dingen des Lebens arrangiere. Meine Songs handeln diesmal nur von mir, nicht von anderen. Das ist für mich eine neue Perspektive des Songschreibens. Ein Kind zu bekommen war ein Wendepunkt in meinem Leben. Aber denken Sie jetzt bloß nicht, dass ich irgendwie spirituell geworden bin oder so. Früher habe ich gerne gejammert, dafür habe ich jetzt einfach keine Zeit mehr. Mein Kind ist mein Leben! Alles andere muss sich dem unterordnen. Daher musste ich jetzt eine Bilanz meines bisherigen Lebens ziehen und mit mir selbst ins Reine kommen.

ZEITmagazin: Mussten Sie sich bei manchen Leuten entschuldigen?

Adele: Darum geht es nicht. Damit mein neues Leben überhaupt Sinn hat, musste ich mich mit allem, was mir von früher noch auf der Seele lag, erst mal auseinandersetzen. Sie können sich nicht vorstellen, wie unsicher ich den Großteil meines Lebens war. Gleichzeitig habe ich oft eine sehr eigene Sicht auf die Dinge und neige zum Drama. Aber all die Menschen, denen ich eine Erklärung zu schulden glaubte, waren völlig entspannt. Manches, das mir wie eine Katastrophe erscheint, ist für andere eine Lappalie. Wie gesagt, ich war eine verdammte Drama-Queen. Aber jetzt wird alles super.

ZEITmagazin: Der Grundton Ihrer Songs ist immer noch melancholisch. In Ihren Texten blicken Sie mit Wehmut auf Ihr Leben zurück. Dabei sind Sie doch erst 27.

Adele: Was soll ich machen? Da ist trotzdem diese Melancholie, das Gefühl, einer Zeit und einem Lebensabschnitt nachzutrauern, der unwiderruflich vorüber ist. Die guten Freundinnen, mit denen ich täglich abhing, als ich fünfzehn war, treffe ich jetzt vielleicht noch einmal im Jahr. Für einen Teenager fühlt sich jeder Geburtstag an wie ein Schritt in Richtung Freiheit: In Clubs gehen! Alkohol trinken! Autofahren! Ohne Eltern in den Urlaub fahren! Alles schien ein Versprechen. Das ist nun vorbei. Das ist doch traurig! Man ahnt in seiner Jugend nicht mal, wie schnell alles vorbei sein wird. Die Schwüre der Vergangenheit haben wir als Erwachsene alle aufgekündigt.

ZEITmagazin: Welchen Schwur zum Beispiel?

Adele: Den Schwur, immer füreinander da zu sein. Das versprachen wir uns, als die Eltern einer Freundin sich scheiden ließen. Eines Abends war sie am Boden zerstört und rief uns an. Also kamen wir alle in den Park, wo wir uns immer trafen. Sie war verzweifelt, und wir trauerten mit ihr, weil sie unsere Freundin war und wir sie liebten. Und dann schlossen wir Mädchen einen Pakt, dass wir nie so werden wollten wie unsere Eltern. Das wir nie so ein ödes und sinnloses Leben führen wollten wie all die schrecklichen Erwachsenen. Allein deren Jobs schienen die Hölle zu sein. Freudlose Beschäftigungen, deren einziger Sinn darin bestand, Geld nach Hause zu bringen. Das Erwachsensein stellte sich mir wie eine Hölle dar, der man kaum entkommen kann.

2012: Adele und Paul McCartney bei den 54. Grammy Awards © Chris Jackson

ZEITmagazin: Wann genau endete Ihre Jugend?

Adele: Vor zwei Jahren. Ich hatte mir gerade wieder eines von diesen schwarzen, ledergebundenen Notizbüchern gekauft, in denen ich immer an Texten für meine Songs arbeite. Das ist eines meiner Rituale. Und da meine Platten immer nach meinem Alter in dem Jahr benannt sind, in dem ich die Songs dafür verfasse, schrieb ich also 25 auf die erste Seite dieses Notizbuchs und dahinter einige Ausrufezeichen. Wie ein Blitz schlug es da bei mir ein: 25? Wirklich? Das kann nicht sein! Die Jahre davor waren so wild gewesen, dass sie wie im Rausch an mir vorbeigezogen waren. Meine letzte wirklich lebendige Erinnerung an meine Jugend ist ein Konzert im Roseland Ballroom in New York. Das war mein 21. Geburtstag. Danach verschwimmt alles bis zur Geburt meines Sohnes. Seitdem bin ich alt.

ZEITmagazin: Unterscheiden Sie zwischen alt und erwachsen?

Adele: Schwierig. In meinem Text zur Veröffentlichung der neuen Platte habe ich geschrieben, dass ich mir bis vor wenigen Jahren immer wie ein alter Heranwachsender vorkam und mich zurzeit wie eine "Beinah-Erwachsene" fühle. Das illustriert wohl meine Unreife, oder? Aber ich bin tatsächlich erwachsen, und erstaunlicherweise fühle ich mich wohl in meiner Haut. Ich bin zufrieden mit meinem Körper, meinem Aussehen und überhaupt mit der Person, die ich bin. Die Unsicherheiten, die man als Heranwachsende hat, habe ich alle überwunden. Ja, ich freue mich sogar darauf, dreißig zu werden.

ZEITmagazin: Ihre großen Erfolge hatten Sie mit Klageliedern. Jetzt geht es Ihnen offenbar gut. Ist es jetzt für Sie schwerer, Songs zu schreiben?

Adele: Alles ist anders. Auch deshalb habe ich so lange für das neue Album gebraucht. Früher schrieb ich meine Songs entspannt daheim. Wenn ich für 21 im Studio auftauchte, hatte ich fertige Lieder dabei. Dann half mir ein Produzent, die Songs in die richtige Form zu bringen. Wissen Sie, wie lange ich für Rolling in the Deep gebraucht habe? Eineinhalb Tage! Aber das war früher. Für dieses Album kam ich ohne Songs ins Studio. Denn zu Hause ist es schwieriger geworden mit dem Songschreiben. Umso länger dauerte es im Studio. Das war sehr anstrengend. Ich hatte Probleme, mich an das Glücklichsein zu gewöhnen. Voriges Jahr, im Sommer, habe ich sogar ein halbes Album mit Songs darüber geschrieben, wie toll es ist, Mutter zu sein.

ZEITmagazin: Tatsächlich?

Adele: Ich weiß, was Sie denken: langweilig! Und das war es leider auch. Als ich diese fünf Songs meinem Manager vorspielte, sagte der nur: "Nein! Das interessiert wirklich niemanden. Entschuldige, aber das ist Mist!"

ZEITmagazin: Waren Sie enttäuscht?

Adele: Quatsch. Ich wusste, dass er recht hatte, und dachte: Wie konnte ich nur? Das Problem war, dass ich diesmal lange Zeit keinen Zugang zu Themen fand, die mich berühren. Früher schrieb ich aus tiefer Verzweiflung heraus. Aber was macht man, wenn die nicht mehr da ist? Ich habe ein wunderbares Kind und einen tollen Freund. Mein Leben ist super. Soll ich nun künstlich irgendwelche Depressionen heraufbeschwören? Lieber nicht. Hinzu kam ja noch dieser furchterregende Erfolg von 21 – das alles ist genug Druck, um einen Menschen zu zerquetschen. Aber mich hat dieser Druck eben nicht zerstört.

ZEITmagazin: Sie waren bekannt dafür, dass Sie wie ein Schlot rauchen und viel trinken. Gehört das auch der Vergangenheit an?

Adele: Alles vorbei! Als mein Kind neun Monate alt war, habe ich noch mal mit dem Rauchen begonnen. Aber das wollte ich eigentlich nicht. Also ließ ich mich hypnotisieren, und die Sache mit Alkohol und Rauchen war erledigt. Ab und zu genehmige ich mir jetzt noch ein Glas Wein, aber ich bin auf der Hut. Früher war ich oft betrunken. Was habe ich da bloß alles gesagt? Und zu wem? Das ist nun zum Glück alles kein Problem mehr. Mir hilft es dabei, dass es sehr viele Menschen gibt, die ganz genau wissen wollen, wie es mir geht und was ich so mache. Da passt man natürlich besser auf und kippt sich nicht zu. Und die vereinzelten Gläser Wein genieße ich nur noch im Schutz der eigenen vier Wände. Mein Wein, in meinem Haus! In Sicherheit!

ZEITmagazin: Vermissen Sie es manchmal, über die Stränge zu schlagen?

Adele: Das Rauchen fehlt mir sehr. Ich liebe es zu rauchen! Früher dachte ich, ich sähe cool aus, wenn ich rauche. Aber wenn man ein Kind hat, denkt man: Tja, es ist nicht ganz so cool, an Lungenkrebs zu sterben, denn ich will ja für mein Kind noch eine Weile verfügbar sein.

ZEITmagazin: Sehr erwachsen!

Adele: Finde ich auch. Und möchten Sie Ihrem Kind mit einem Kater begegnen? Ich jedenfalls nicht. Kinder registrieren sofort, dass etwas nicht stimmt. Und kein Absturz ist diese Scham wert.

ZEITmagazin: Sie waren bereits als Teenager als Sängerin erfolgreich. Gab es jemals irgendeinen Plan B für Sie, jenseits der Musik?

Adele: Eigentlich wollte ich nie beruflich singen, sondern immer nur hinter den Kulissen der Musikindustrie arbeiten. Mein großer Traum war es, Talentsucherin bei einer Plattenfirma zu werden, so wie meine Tante, die für Warner Brothers in London arbeitete. Mit fünfzehn jobbte ich dort zwei Tage pro Woche. Ich fand es schon aufregend, einfach in diesen Büroräumen rumzulaufen. Überall lief Musik, überall waren Platten – ein Traum. Da war mir schon längst klar, dass ich niemals in einem normalen Büro herumsitzen könnte.

ZEITmagazin: Sie waren dann auf der Brit School in London, die besonders begabte junge Musiker fördert. Auch Amy Winehouse, Katie Melua und Leona Lewis wurden da ausgebildet. Was haben Sie dort gelernt?

Adele: Selbstsicherheit. Auch wenn ich meistens nur rauchend vor der Tür stand, war die Brit-School-Zeit eine der prägenden Erfahrungen in meinem Leben. Ohne diese Erfahrung würde ich jetzt nicht vor Ihnen sitzen. Auch meine Begeisterung für sehr viele verschiedene Musikstile habe ich von dort mitgenommen. Das ist der Grund, warum meine Songs so unterschiedlich klingen. Meine Platten klingen wie Zusammenstellungen von Folk und Country bis hin zu R&B und Soul.

ZEITmagazin: Haben Sie dort auch gelernt, zu erkennen, wann ein Song wirklich gelungen ist?

Adele: Ich hatte da einen sehr strengen Musiklehrer. Der sagte, wenn du bei einer unserer Veranstaltungen auftreten willst, musst du eigene Songs vortragen. Das war die Bedingung. Gut. Ich schrieb dann schnell Hometown Glory und Daydreamer. Mein Gefühl sagte mir schon, dass die nicht schlecht sind. Eines Abends sang ich dann zehn Mitschülern bei mir im Wohnzimmer Hometown Glory vor. Die waren so beeindruckt, dass ich selbst verblüfft war. So eine Reaktion hatte ich nicht erwartet. Dann sangen wir den Song gemeinsam, den ganzen Abend lang. Besonders laut sangen wir dann später auf der Heimfahrt, nachdem wir in einem Club gewesen waren, betrunken im Bus. Herrliche Zeiten.

Adele 2013: "Ich hatte Probleme, mich an das Glücklichsein zu gewöhnen." © Christopher Polk/Getty Images

ZEITmagazin: Aber eigentlich wollten Sie doch lieber Talente suchen, als selber im Rampenlicht zu stehen, oder?

Adele: Stimmt, eigentlich hatte ich diesen Song geschrieben, damit eine Plattenfirma auf mich aufmerksam wird und mich dann als Talentsucherin einstellt. Tja, klappte nicht. Aber eines Tages kam dann eine E-Mail von XL Records, wo jemand einige meiner Songs gehört hatte. Freunde von mir hatten die ins Internet gestellt. Ich bin dann mit der U-Bahn zu XL-Records gefahren. Und wie es dann weiterging, ist ja kein Geheimnis.

ZEITmagazin: Inzwischen könnten Sie wie viele Ihrer Kollegen zusätzliche Millionen verdienen, indem Sie Ihren Namen für irgendwelche Parfums und Modekollektionen hergeben. Was hält Sie davon ab?

Adele: Dass ich das alles ablehne. Sie können sich gar nicht vorstellen, was mir schon alles angeboten wurde. Wirklich bizarrer Kram. Ich sollte das "Gesicht" eines neuartigen Gesundheitstranks werden. Nein danke! Ich? Gesundheit? Dazu Parfums, Modelabels, Autos, Uhren, Bücher, Fluglinien.

ZEITmagazin: Fluglinien?

Adele: Gut, es war nur eine Fluglinie. Ich sollte die "repräsentieren". Dabei leide ich an Flugangst, passt also nicht so super, oder? Aber man bot mir wirklich jeden Mist an. Und je extravaganter es wurde, umso lauter habe ich gelacht. Und die Antwort war stets dieselbe: Nein. Es passt einfach nicht zu mir. Was habe ich, bitte schön, mit Nagellack zu tun?

ZEITmagazin: Aber Sie sind doch oft sehr schick zurechtgemacht?

Adele: Natürlich lackiere ich mir gerne mal die Fingernägel. Aber was ich bei Auftritten trage, rühre ich privat niemals an. Das sind verschiedene Adeles. Ich würde niemals in einem Kleid und auf hohen Hacken in einem Park spazieren gehen. Wenn ich privat vor die Tür gehe, trage ich Leggings und ausgeleierte Pullis. Ich bin stolz darauf, so auszusehen wie die meisten Frauen auf der Straße oder im Supermarkt. Es geht mir tatsächlich nur um Musik. Und um eine Botschaft an die zehnjährigen Mädchen dieser Welt: Wenn eine wie ich es schaffen konnte, könnt ihr es auch. In mir ist immer noch dieses zehnjährige Mädchen aus dem Vorort, das staunt, wie weit es schon gekommen ist.

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