Gefängnis Einer geht rein

Vor ihm liegen sechs Jahre Gefängnis, hinter ihm kein rechtschaffenes Leben. Und dazwischen? Von

ZEITmagazin Nr. 46/2015

Die letzten Meter, so hat er beschlossen, geht er zu Fuß. Einen Fuß vor den anderen setzt er auf den grobkörnigen Asphalt. Das Einfachste der Welt, doch heute kommt er immer wieder aus dem Tritt, stockt, strauchelt fast, als hätten es seine Beine plötzlich vergessen: die ewig gleiche Abfolge des Laufens.

In der rechten Hand hält er einen Gitarrenkoffer, an der linken den dreijährigen Sohn. "Papa", fragt der, "wohin gehen wir?"

Nur 500 Meter ist Georg Langenbeck vorangekommen, seit sie vor einer Viertelstunde aus der S-Bahn stiegen. Knapp vier Kilometer hat er noch vor sich. Er setzt den Gitarrenkoffer ab, hockt sich auf den Grünstreifen. Schließt die Augen. Ein großer, hagerer Mann auf einer langen Seitenstraße im Osten Hamburgs. Die grau werdenden Haare zu einem Zopf gebändigt, die Wangen ausgemergelt. Wie ein Rockmusiker aus den siebziger Jahren wirkt Georg Langenbeck, wie einer, dessen Ruhm schon lange verblasst ist. Langenbeck zwingt sich wieder auf die Beine. Schweiß rinnt ihm in den Nacken. Er sammelt sich für einen Moment. In einigem Abstand folgt ihm seine Frau Katja, die einen Kinderwagen schiebt. Darin liegt Felix, zwölf Monate alt.

Langenbeck setzt neu an, bewegt erst das eine Bein, dann das andere. Er zittert. "Scheiße", sagt er, "ich schaff das nicht."

Das Ende dieses Weges markiert das Ende seines Lebens, wie es bisher war. Georg Langenbeck* muss für sechs Jahre ins Gefängnis. In die Justizvollzugsanstalt Billwerder. In der Kunstledertasche unten im Kinderwagen steckt die "Ladung zum Strafantritt". Die Frist, sich selbst zu stellen, endet an diesem Tag im Spätherbst 2014, ein Montag, 17 Uhr. Die Rolex an Langenbecks Handgelenk zeigt: 16.45 Uhr.

Die Freiheitsstrafe ist die härteste aller Strafen, die dem Staat in Deutschland zur Verfügung steht. Das Gefängnis ist das Regulativ unserer Gesellschaft. Seine Abschaffung gilt als Utopie. Das wichtigste Prinzip des Gefängnisses ist die Isolation. Es nimmt dem Gefangenen das Außen, denn er soll sich auf das Innen konzentrieren. Verbrechen und Sühne, Fehler und Korrektur. Das Gefängnis löste Schmerz und Verstümmelung als davor gängige Bestrafungsmethoden ab. Das Gefängnis der Moderne, das im Industriezeitalter erfunden und seither immer weiterentwickelt wurde, ist ein ausgetüfteltes System zur Verabreichung von Strafe.

Der Staat schlägt dem Verurteilten nicht mehr die Glieder ab, er raubt ihm die Zeit. Die Jahre, die Monate, die Tage. Das Räderwerk der Haftanstalt misst bis auf die Stunde genau. Den Menschen, den der Staat nicht mehr kontrollieren konnte, zwingt der Staat in seine Kontrolle zurück. In der Haft hat er fast völlige Verfügungsgewalt über ihn. Er entscheidet, wann der Gefangene aufsteht, was er anziehen, wie oft er sich duschen darf, was und wann er isst. Der Staat zerlegt im Gefängnis die Zeit des Insassen in kleine und kleinste Einheiten und bestimmt exakt, was innerhalb dieser Zeiteinheiten passiert. Das Gefängnis ist eine Machtdemonstration. Mit ihm entledigt sich die Gesellschaft derer, die ihr schaden. Es schützt die Welt draußen vor der Welt drinnen.

Ein Gefängnis ist keine Besserungsanstalt, es bessert nicht. Das gestehen die meisten Experten ein. Trotzdem hält die Gesellschaft an ihm fest – weil ihr nichts Besseres einfällt.

Zehn Monate bevor Georg Langenbeck den Gang ins Gefängnis antritt, sitzt er zu Hause beim Frühstück. "Sollen wir abhauen?" Katja bleibt stumm. Langenbeck pellt das gekochte Ei, sie schmiert das Brötchen. Den Küchentisch vor ihnen bedeckt eine Gemengelage aus Katjas Arbeitsmaterialien, sie ist freie Werbetexterin: Laptop, Notizbücher. Dazwischen Langenbecks Merkzettel, Langenbecks Gerichtsunterlagen, volle und leere Tabakbeutel. Die Wohnung ist für vier Personen eigentlich viel zu klein. Das Bad ist winzig, das Schlafzimmer wird von der Matratze fast vollständig ausgefüllt. Beide Kinder schlafen bei ihren Eltern. Kaum ist der Boden geputzt, ist er schon wieder klebrig. Leon ist an diesem Morgen im Kindergarten. Felix, zu dieser Zeit gerade zwei Monate alt, schlummert in der Elektrowiege im Türrahmen zum Schlafzimmer. "Abhauen?" Katja schaut zu Langenbeck auf, lächelt unsicher. "Das wäre geil, oder?"

"Nach Uruguay vielleicht", sagt er. Sie wissen, wie unrealistisch dieser Gedanke ist. Eine Woche zuvor ist Langenbeck von einem Hamburger Gericht wegen mehrfachen Betruges zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Vier Jahre, sagt ihm sein Anwalt, wird er davon absitzen müssen. Wie Tausende andere in Deutschland kommt er nach seinem Urteil nicht sofort in Haft. Die Richter sehen keine Fluchtgefahr. Langenbecks Verteidiger einigt sich mit der Staatsanwaltschaft, und ihm wird eine Frist gewährt. Damit er und seine Familie sich auf die Haft vorbereiten können. Langenbeck bleibt es erspart, aus dem Gerichtssaal in Handschellen abgeführt zu werden. Er wird zum Selbststeller. Wann er ins Gefängnis muss, wird ihm in den nächsten Wochen von der Staatsanwaltschaft mitgeteilt.

Bis dahin hat er Zeit, sein Leben zu ordnen. Abschied zu nehmen von Menschen, die ihm wichtig sind. Dinge geradezurücken. Nach der Abbüßung seiner Haftstrafe werden sie nicht mehr dieselben sein, er, Katja, auch nicht die Kinder. Sein geliebtes Viertel in Hamburg. Leon wird auf die Schule gehen, Felix ebenso. Eine Gefängnisstrafe ist wie ein kleiner Tod. Die wenigsten Menschen wissen, wann sie aus dem Leben gerissen werden. Langenbeck jedoch weiß es. Eine Gnade dieser Aufschub, dachten die Richter. Aber Langenbeck merkt rasch, wie diese Gnade bald zu einer zusätzlichen Strafe wird.

"Holst du Leon ab?", fragt Katja, die vom Frühstückstisch aufgestanden ist. Sie stapelt Teller in der Spüle. Langenbeck raucht am offenen Fenster, sieht hinaus in den Innenhof, in dem tagsüber die türkische Familie grillt und abends die arabischen Jungs bolzen. Jeden von ihnen hat er aufwachsen sehen. "Hey, Langer!", rufen sie ihm zu. So lange wohnt er jetzt schon in diesem Haus. Ein roter Klinkerbau aus den Fünfzigern mitten in Hamburg. Auf drei Etagen kleine Apartments zu günstigen Mieten. Vieles ist gammelig, die Briefkästen sind verbeult. Doch Langenbeck liebt dieses Haus. Es ist der Ankerpunkt in seinem Leben, das nicht viele Ankerpunkte hat. Viele zogen weg, in bessere Gegenden. Langenbeck blieb.

Wie viel Zeit er noch habe, fragte er seinen Anwalt nach dem Urteilsspruch. "Wochen, vielleicht wenige Monate", hatte der gesagt.

Georg Langenbeck hat sich mächtig verkalkuliert. Alle Pläne, alle Überlegungen, die ihm so clever erschienen, münden nun in diesen Moment der Niederlage. "Lerne etwas", hatte ihm sein Vater gesagt, ein Ingenieur. Der Vater hat es zu Wohlstand gebracht, doch Langenbeck? Er fand, er sei klüger als alle anderen, die langweilige Studienfächer studierten und jeden Morgen stumpfsinnig ins Büro gehen. Langenbeck brach das Gymnasium ohne Abschluss ab, heuerte als Hilfserzieher in einem Jugendheim an, sah sich als Künstler, spielte in Rockbands, die immer wieder auseinanderfielen. Er bekam zwei Söhne mit seiner ersten Frau, Katjas Vorgängerin. Er musste endlich Geld machen, wusste nicht, wie. Lernte dann Leute kennen, die waren witzig, die mochten ihn. Und sie boten ihm die Lösung: Börsenbetrug. Langenbeck lernte, wie er am Telefon Aktien verkaufen konnte, die es nicht gab. Und Langenbeck war darin so gut wie kaum ein anderer. Die Familie zog mit der Bande sogar für einige Zeit in die USA. Zum Schein führten sie ihre Anleger aus Deutschland in ein Büro im World Trade Center in New York, das sie stundenweise anmieteten und Besuchern gegenüber als ihren Firmensitz ausgaben.

Sie rauchten viel, soffen viel, rasten im pinkfarbenen Cadillac über die Highways. Sie gaben das Geld aus, wie es hereinkam. Goldene Jahre, sagt Langenbeck. Doch dann zerbrach seine Ehe, und der Chef der Bande wurde verhaftet. Wieder in Deutschland, versuchte sich Langenbeck als Türsteher, als Verkäufer von Motorsägen. Dann schloss er sich wieder einer Bande von Anlagebetrügern an. Sie richteten eine Webseite mit scheinbar verlockenden Angeboten für Anleger ein. Seine Freunde waren wieder für die Technik zuständig, Langenbeck war der Verkäufer am Telefon.

Sie sammelten Anlegerkapital, das sie nirgends anlegten, und raubten 3,2 Millionen Euro. So steht es im Urteil. Das Geld, das ihnen ihre Kunden überwiesen, stammte häufig aus unversteuertem Schwarzgeld. Die idealen Opfer, die den Betrug niemals anzeigen würden, so dachte Langenbeck. Weil sie selbst betrogen hatten. Doch jemand erstattete anonym Anzeige, und einer der Bande packte aus, eine Fangschaltung der Polizei ließ sie vollends auffliegen. Von allen Bandenmitgliedern hat Langenbeck die höchste Strafe erhalten, weil er die höchste Geldsumme am Telefon ergaunerte, fast eine Million Euro.

"Ich hole mir eine Million, und dann Tschüss", so war sein Plan gewesen. Als Robin Hood sieht er sich bis heute, als Rächer der Mittellosen, der denen nahm, die zu viel hatten, und es denen gab, die zu wenig hatten. Seinen Kindern und sich selbst. Vor Gericht hat er den reuigen Sünder gespielt, doch tatsächlich bereut er nichts. Er bedauert, dass der Beutezug schiefging, dass er zu gierig war. Doch die Tat selbst? In ihr kann er nichts Unmoralisches erkennen. Kurz nach seiner Verurteilung sagt er am Küchentisch: "Ich fühle mich nicht als Verbrecher. Mich muss man nicht einsperren." Langenbeck sieht sich als Spieler, der das Pech hatte, das Spiel zu verlieren.

Im Kindergarten, wo er an diesem Tag seinen Sohn abholen will, springt ihm sein Junge mit Wucht in die Arme. Nichts liebt der Dreijährige so sehr, wie auf den Schultern seines großen Vaters getragen zu werden, Leon, strahlender König der Kinder. "Wie war es heute?", fragt Langenbeck, und sein Sohn erzählt. Von dem Birnenkuchen, dem Feuerwehrauto, dem Drachen, von vielem mehr. Aber Langenbecks Gedanken sind längst woanders. "Wie soll ich es nur dem Kleinen sagen?", fragt er später seine Frau.

Er weiß, dass er die Haftstrafe nicht verschweigen kann, aber weiß nicht, wie er es allen beibringen soll. Seinem Vater, der ihm seit Langem vorwirft, ein Versager zu sein, seinen zwei halbwüchsigen Söhnen aus erster Ehe, die zu ihm aufschauen, selbst dem türkischen Gemüsehändler an der Ecke, zu dem er viermal täglich geht, um ihm die Finanzwelt zu erklären. Auch der Bedienung im "Aroma", mit der er flirtet, dem Schauspieler, mit dem er Fußballländerspiele anschaut, Hannes, dem Kumpel aus Jugendtagen, den Menschen im Viertel, die ihn lieben, und denen, die ihn hassen.

Katja, die mit den beiden Kindern bald allein sein wird, sitzt die meiste Zeit des Tages am Küchentisch. Vor sich den silbernen Laptop, das Gesicht weit vor den Bildschirm geschoben.

"Das weiß ich auch noch nicht, wie wir ihm das erklären", sagt sie. Katja hat in Indien Sanskrit studiert, bevor sie den 19 Jahre älteren Langenbeck traf, sie wollte die große Welt, nur diese Küche ist ihr jetzt geblieben. In ihr verbringt sie nun die meiste Zeit. Sie rauche zu viel, wirft ihr Langenbeck vor. Kiffe sich die Welt schön, lasse sich treiben. Katja wirft Langenbeck genau das Gleiche vor. Leon liegt im Wohnzimmer vorm Fernseher. Katja redet bisher immer nur von dem "Haus", in das Papa bald gehen müsse. Für den nächsten Tag haben sie einen Termin bei der Kinderpsychologin ausgemacht. "Vielleicht sollten wir ihm sagen, ich bin ein Pirat", überlegt Langenbeck, der Katja am Küchentisch gegenübersitzt. Piraten sind cool, etwas böse, aber nicht richtig und werden manchmal eingesperrt. "Die Piraten-Masche", sagt Katja. "Ja, das ist eine gute Idee."

Langenbeck und Katja sind seit vier Jahren ein Paar, auf den ersten Blick ein ungleiches. Er groß, 50 Jahre alt, sie klein, zierlich, Anfang 30. Er hat sich so durchs Leben gehangelt, ohne Ausbildung. Sie hat ihm vertraut, seinem Plan vertraut, einmal zu zocken, um für immer zu gewinnen. Sie hat ihn machen lassen, sei selbst zu beschäftigt gewesen, mit den Kindern, mit dem Job, mit der Liebe zu ihm. Sie war naiv, mindestens. Jetzt macht sie sich Vorwürfe, dass sie ihn nicht gestoppt hat.

Auch Leon spürt, dass die Dinge nicht in Ordnung sind. Er beginnt zu beißen, er beißt Langenbeck ins Bein, die Mutter in die Brust, beißt und beißt. Es ist, als spüre der Junge, dass er bald vom Vater nicht mehr viel hat. "Du machst mich fertig!", brüllt Langenbeck jetzt oft durch die kleine Wohnung.

"Du lässt dich von ihm ausnutzen", hält Katjas Schwester ihr vor, die Schwester, die so ganz anders ist, die ein bürgerliches Leben führt, als Bankangestellte, in einem Reihenhaus wohnt. "Georg hat noch nie etwas auf die Reihe gebracht in seinem Leben." Katja solle sich von ihm trennen. Den Kindern zuliebe, sich selbst zuliebe. Doch Katja will sich nicht trennen.

Kurz nach dem Urteil bittet sie ihn, sie zu heiraten.

Ein letztes großes Fest. So bald wie möglich. Ein Aufbäumen ihrer Liebe. Noch einmal ein klein wenig Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen, das bald andere kontrollieren. Katja stürzt sich in die Planungen und ertappt sich dabei, dass sie oft vergisst, wie begrenzt die gemeinsame Zukunft ist.

Das Gefängnis, in dem Langenbeck seine Haftstrafe verbüßen soll, die Justizvollzugsanstalt Billwerder, liegt nur elf Kilometer von ihrem Viertel entfernt. Größter Knast Hamburgs, mit 800 Zellen. Sieben Vollzugsabteilungen. Silbergraue Fassaden. Im sumpfigen Marschland gelegen, 20 Hektar groß. Das Gefängnis ist von hohen Zäunen umgeben, einem Wassergraben und einer Betonmauer, die so hoch ist, dass man die Gebäude dahinter nicht sehen kann. Die Zellenblöcke sind um zwei Höfe gruppiert. Es ist eine Haftanstalt modernen Typs, gebaut in den neunziger Jahren. In letzter Zeit ist Billwerder häufig in den Schlagzeilen, weil die Gewaltdelikte unter Gefangenen stark zunehmen. "Was ist nur hinter Gittern los?", titelt die Hamburger Lokalpresse. "Freaks sind da drin. Es wird viel schlimmer sein, als du denkst", sagt der Anwalt zu Langenbeck.

Die ersten Tage nach dem Urteil hat Langenbeck in großer Lethargie verbracht, doch nun kriecht die Angst in ihm hoch, er beginnt zu kämpfen. Legt Einspruch ein, engagiert zwei Anwälte, die das Urteil anfechten sollen. Langenbeck hofft nicht darauf, die Strafe ganz erlassen zu bekommen. Er kämpft darum, den Termin des Strafantritts hinauszuzögern, in ein paar Wochen die Hochzeit in Freiheit feiern zu können, Weihnachten mit seiner Familie, vielleicht sogar den Winter noch draußen zu erleben, den nächsten Frühling gar?

Von allen letzten Besuchen fällt ihm der Besuch beim Vater am schwersten. Er geht allein, einen Monat nach dem Urteil, nimmt nur Leon mit, setzt ihn auf den Rollkoffer, mit dem er über Kopfsteinpflaster zum Hauptbahnhof rumpelt. Das Urteil des Vaters fürchtet der 50-Jährige mehr als das Urteil des Gerichts. Bisher fiel es in Langenbecks Leben immer nur vernichtend aus. Langenbecks Vater: souverän, streng, 76 Jahre alt, ein pensionierter Maschinenbauingenieur, wohlhabend. Einer, der weiß, dass er das Leben gemeistert hat. "Ich habe für ihn auf ganzer Linie versagt. Ich bin nichts. Ich habe nichts."

Er hat im Rollkoffer sechs beste Kalbskoteletts verstaut, diverse Gewürze, einen Salat, Zutaten für das Essen, das er dem Vater zu dessen Geburtstag schenken will. Seit dem Tod von Langenbecks Mutter lebt der Vater allein in einer großen Villa bei Oldenburg. 65 Rhododendronsorten wachsen im Garten, die noch die Mutter pflanzte. Auf dem Dachboden liegt das Cowboykostüm, das Langenbeck zum Fasching trug. Als seine Betrügereien aufgeflogen waren, durchsuchte die Polizei auch das Grundstück seines Vaters, durchstöberte dessen Bankschließfächer. Eine große Demütigung für den alten Herrn. Auf der Zugfahrt bereitet sich Langenbeck auf alles vor, auch darauf, mit Leon sofort wieder abzureisen.

Er bleibt drei Tage. Sein Vater und er reden nicht viel. Sie sitzen in der Küche und rauchen. Einige Bekannte des Vaters, die gelegentlich vorbeischauen, dürfen es wissen, andere nicht. Aus Scham. Das Essen, sagt Langenbeck hinterher erleichtert, ist ihm richtig gut gelungen. Er wandert mit Leon viel durch den Wald, der ans Haus angrenzt, den Wald, in dem er in seinem Leben zum ersten Mal spürte, was Freiheit ist. Wo er als Kind toben konnte, schreien, so laut er wollte. Er möchte zu dem Ort, wo er mit Freunden ein geheimes Lager gebaut hatte, doch Leon quengelt, ist faul, schimpft Langenbeck, will immerzu getragen werden. Dann sitzt er wieder mit dem Vater in der Küche. Spürt dessen Verletztheit. Wie fragil der Frieden zwischen ihnen ist. Er hat Angst, dass der Streit wieder über ihn hereinbricht, die Vorwürfe – dass die ganze Verachtung des Vaters durchschimmert. Langenbeck sagt, er hat nicht die Kraft, sich mit dem Vater auseinanderzusetzen. Und der Vater verweigert ihm allen Trost. Gibt kein Zeichen zum offenen Gespräch. Die Einladung zur Hochzeit schlägt er aus. Der Hund könne nicht allein bleiben. Vater und Sohn lassen die Gelegenheit zu einer Aussprache ungenutzt, die vielleicht ihre letzte gewesen ist.

Die Staatsanwaltschaft lässt weiter nichts von sich hören. Jeden Morgen erwacht Langenbeck mit dem Gefühl, die Ladung zum Haftantritt im Briefkasten zu haben. Alle anderen seiner Bande mussten ihre Strafe bereits antreten. Immer häufiger ertappt sich Langenbeck dabei, in Gedanken schon in Haft zu sein. Die Gewalt im Knast mache ihm keine Sorgen, sagt er, er werde sich schon körperlich durchsetzen können. Er hat Angst vor der Zelle, der Enge. Wie wird es sein, Katja mit den Kindern überfordert da draußen zu wissen, nur wenige Kilometer von ihm, und er selbst den ganzen Tag zum Nichtstun verurteilt?

Nur einmal im Monat wird ihn die Familie besuchen können.

Noch wissen sie in der JVA Billwerder nichts von ihm. Aber bereits jetzt ist bis ins Detail festgelegt, was mit ihm geschehen wird. Die Freiheit wird dem Verurteilten, der erstmals durch das Gefängnistor tritt, stufenweise genommen. Über mehrere Stationen durchläuft er ein Ritual der Verwandlung.

Durch dickes Panzerglas sehen die Wachmänner der Pforte die Neuankömmlinge, wie sie durchs Tor treten, junge Männer vor allem, nervös, bis zum Kreislaufversagen angespannt, viele von ihnen betrunken, weil sie die letzte Nacht in Freiheit durchgesoffen haben. Sie tragen ihr Gepäck in den Hof vor der Glaskuppel, in der die Beamten in ihren Uniformen sitzen. Einige der Neuen weinen. Manche sind so verwirrt, dass sie bei Anweisungen aus der Glaskuppel links und rechts verwechseln. Es gibt zwei Eingänge, einen für das Personal, den anderen, rechts, für "Besucher". Selbststeller müssen zum Besuchereingang. Die Pfortenbeamten notieren Vorname, Nachname, das Datum und die exakte Uhrzeit. Von nun an wird die Haftzeit gezählt. Dann öffnet sich die erste Stahltür.

Langenbeck und Katja laden zum Polterabend in ihre Wohnung, kurz vor Weihnachten, ihre Freunde kommen. An der Tür erscheint Hannes, sein alter Jugendfreund aus Berlin, seit einem Jahr haben sie sich nicht mehr gesehen. Hannes lebt vom Vermögen seiner Mutter. Mit ihm hat Langenbeck viele Jahre in Internaten verbracht. Thorsten und Oliver kommen ebenfalls an diesem Abend, Langenbecks Söhne aus erster Ehe, 16 und 18 Jahre alt, hochgewachsen wie er. Sie sind getrennt von ihm aufgewachsen, lieben aber ihren Vater, den Rockmusiker, Gründer der Band Arktisches Festland, der ihnen so viele Lieder beibrachte.

Hannes steht im Wohnzimmer, die Lesebrille auf der Nase, sichtet Langenbecks Plattensammlung, redet den ganzen Abend über Platten, die Platten der Jugend, die Platten der ersten Liebe. Die Jungs liegen im Schlafzimmer ab, daddeln auf ihrem Smartphone. Langenbeck legt sich dazu, nimmt seine Söhne in den Arm, erzählt vom Knast, von seiner Angst, bittet sie, Katja beizustehen. Die Söhne sind seine Hoffnung, dass alles in seinem Leben doch noch gut gehen wird. Dass sein Leben am Ende zu etwas nutze gewesen ist, auch wenn alles andere unnütz war. Sie sagen, er könne sich auf sie verlassen. Langenbeck fragt, wie es bei ihnen in der Schule geht. Oliver macht nächstes Frühjahr Abitur. Leon springt ebenfalls ins Bett, tollt zwischen den Jungs, die ihn kitzeln, Leon macht zum ersten Mal seit Wochen einen glücklichen Eindruck.

"Werdet ihr mich besuchen?", fragt Langenbeck seine Älteren. "Wir stehen zu dir", wiederholen sie. Ihren Mitschülern werden sie jedoch die Knastzeit ihres Vaters verschweigen.

Katja hat Sekt kalt gestellt. Die Flaschen bleiben ungeöffnet. Hannes liegt bald auf dem Sofa und schläft. "Wir wollten doch ins Aroma", sagt Langenbeck, rüttelt ihn wach. "Ach, ein anderes Mal", murmelt Hannes. Langenbeck setzt sich zu ihm aufs Sofa. "Ja, wann denn?", fragt er. "Ich muss doch bald in den Knast." Hannes antwortet nicht. "Das kannst du mir nicht antun, Hannes. Du bist mein bester Freund." Doch Hannes schläft. Wie kann so einer wie Hannes sein bester Freund sein, grübelt Langenbeck jetzt. Langenbeck ist nicht gut im Pflegen von Freundschaften. War er sein Leben lang zu arrogant, zu selbstgefällig, einer, der es liebte zu reden, zu blenden? Er ist, das erkennt er an diesem Abend, trotz Frau und Kindern ein einsamer Mann.

"Ich mach mir nichts vor", sagt Langenbeck in das Schnarchen von Hannes hinein. Auch Hannes denkt, dass er die Strafe verdiene, glaubt Langenbeck, dass er sich schuldig gemacht habe, an Katja, an seinen Kindern. Und hat er ja irgendwie auch, findet Langenbeck in dieser Nacht. "Ich denke oft darüber nach, ob Katja zu mir hält." Die beiden Söhne aus erster Ehe, die er Longboys nennt, hat er kaum beim Aufwachsen erleben können, wegen der Scheidung. Rosenkrieg mit seiner ersten Frau. Und jetzt geht es ihm mit den Shortboys wieder so. Manchmal schaut er in die Augen der Kleinen und kann ihren Blick nur schwer ertragen. Immer nachts wird ihm klar, für wie lange sie ihn wegsperren werden. Sechs Jahre: Wie viel Zeit das ist. Sechs Jahre im Gefängnis: Wie sehr wird ihn das verändern? Er hat Angst, dass in dieser Zeit sein Stolz gebrochen wird, der Stolz, der ihn in diese Lage brachte, der ihn aber auch ausmacht.

Die Hochzeit am nächsten Tag lässt ihn den einsamen Polterabend vergessen. Sie alle, Hannes, Katjas Schwester, die älteren Söhne, die Nachbarn, sie klatschen minutenlang, als sich Katja und Langenbeck vor der Standesbeamtin in den Armen liegen und küssen.

Langenbeck schafft es durch den Winter, er schafft es durch den Frühling. Felix macht Fortschritte, er krabbelt jetzt, steht manchmal auf, die ersten Schritte. Der Kleine lacht viel. Sein Vater muss nur die Augenbrauen heben, Felix lacht. In seinem Gebrabbel ist schon so etwas wie Sprache zu erkennen. Nicht lange, und er wird zu reden beginnen. Langenbeck hofft, dass er das noch erleben kann. Dagegen macht ihnen Leon immer mehr Sorgen. Leon schreit noch mehr, weint noch mehr. Langenbeck schimpft über Katja, dass sie bei der Erziehung zu weich sei, zu viel durchgehen lasse, nicht konsequent genug bestrafe. Sie wirft ihm vor, sich um nichts mehr zu kümmern. Es gibt Tage, da schreien sie sich nur noch an.

Er hat immer noch keinen Job gefunden, was wichtig wäre, damit er rasch in den offenen Vollzug kommt. Langenbeck tut sich schwer mit dem Schreiben von Bewerbungen. Die meisten, die er verschickt, schreibt Katja. Sie macht Pläne, er klagt. Er lässt sich hängen, ist lustlos, jetzt, wo es so sehr darauf ankommen würde, dass er sich noch einmal aufrafft und kämpft.

Der Gefangene verliert in der Haftanstalt sein Eigentum gleich hinter der ersten Stahltür. Beamte der Revision beschlagnahmen hier das meiste, weil das meiste verboten ist. Die Neuen tragen Koffer und Rucksäcke hinter die Kerkermauern, nur um sie sofort abgenommen zu bekommen. Schmuck, Lebensmittel, Tabak, elektrische Geräte, Handys. Für viele der einschneidendste Moment, wenn sie die Telefone ausschalten müssen, eventuell auf Jahre. Nach dem Gepäck verlieren die Neuen ihre Kleider. Schicht für Schicht müssen sie sich ausziehen, in den Durchsuchungskabinen. Manches davon dürfen sie wieder anziehen, anderes, wie Lederjacken und teure Markenkleidung, nicht. Nackt stehen die neuen Gefangenen vor ihren Wächtern, die sie auffordern, ihre Fußsohlen zu zeigen und die Finger zu spreizen. Die meisten protestieren dabei nicht. Wie betäubt, erzählen die Beamten, folgten die Neuen den Anweisungen während der Aufnahmeprozedur. Von nun an hat der Staat das Recht, auf ihre nackten Körper zu sehen.

Seit Monaten hat Langenbeck Schmerzen in den Beinen, oft fühlen sie sich taub an. Im Universitätsklinikum Eppendorf wird die Nervenerkrankung Multiple Sklerose festgestellt. Ein Schock. Das Gefühl, dass sein Leben sich auflöst in Strafe und Schmerz. Selbstmordgedanken. Er zieht sich zurück, verlässt kaum noch das Sofa. Bis ihm nach einigen Tagen einfällt: So schrecklich die Diagnose ist, vielleicht ermöglicht sie es ihm, für haftunfähig erklärt zu werden.

"Die stecken dich trotzdem in den Knast", sagt ihm sein Anwalt ungerührt. "Die schicken Leute sogar im Rollstuhl rein." Immer wieder schafft der Anwalt es, den Termin hinauszuzögern. Erst im Frühsommer kommt die erste "Ladung". Ein gelber Umschlag im Briefkasten. Dieses Mal verfällt Langenbeck nicht ins Lamentieren, er geht sofort zum Anwalt. Der legt Revision ein, stellt ein Gnadengesuch, schreibt Eilanträge an die Staatsanwaltschaft, in denen er um Aufschub wegen wichtiger Arzttermine bittet. Die Belastung für die Familie ist enorm. Katja und Langenbeck streiten nur noch, es sind Momente, in denen Langenbeck daran denkt, das Gefängnis nicht weiter aufzuschieben. Dann liegen sie sich wieder in den Armen, und er sagt: Ich will doch noch nicht hinein.

Drei Ladungen bekommen sie, dreimal schinden sie eine weitere Frist heraus, acht Wochen vergehen. Dann gibt Katja auf.

Langenbeck will noch um ein weiteres Wochenende in Freiheit kämpfen, über Hamburg ist herrliches Wetter, die Sonne scheint, es ist doch alles viel zu schön, um ins Gefängnis zu gehen, doch Katja sagt: "Das halte ich nicht länger aus. Die Kinder halten das nicht mehr aus. Wir sind ja nur noch am Streiten. Bitte geh jetzt."

Morgen also. Langenbeck willigt ein, weiß, wie sehr Katja recht hat, hört auf zu kämpfen. Der Tag, an dem er sein altes Leben zurücklässt, wird ein Freitag sein.

Ein letzter Spaziergang mit Leon, ihre Patrouille, wie Langenbeck zum Jungen sagt. Sie laufen hinaus in den frühen Abend.

Hamburg stinkt, klagt Langenbeck auf dieser letzten Runde durch sein Viertel. Hamburg riecht hier nach Urin, nach Hundepisse, nach dem Erbrochenen des Touristenpacks, überall Kotze, flucht er, besonders in den Hauseingängen. Der Kiez war früher nicht so, sagt er. Früher war alles nicht so. Und er war früher auch nicht so. "Ich bin am Ende, ich bin ein Wrack." Er hat Mühe, die Fassung zu wahren. Sie gehen am Aroma vorbei, wo er sich neulich mit dem DJ und dem Barmädchen zerstritten hat. Er hat sich auch mit Hannes zerstritten, den er vor wenigen Tagen in Berlin besuchte. Hannes hat ihn rausgeworfen. Er hat sich zerstritten mit Katjas Schwester, die ihm vor der ganzen Familie vorhielt, ein Egoist zu sein, der auf Kosten anderer lebe. Sie kotzen ihn alle an. Aber das ist gut, sagt Langenbeck. Er muss sich lösen von ihnen allen und dieser Stadt. "So fällt es leichter, zu gehen."

Sie erreichen die Elbe, Leon und er. Sie sehen auf die vorbeiziehenden roten und blauen Schiffe.

"Heute Abend bringe ich dich ein letztes Mal ins Bett. Morgen macht es dann die Mama."

"Nein."

"Ich muss morgen nach Billwerder."

"Warum?"

"Ich hab da für eine Weile was zu erledigen."

"Darf ich da mit?"

"Nein, das ist eine Erwachsenenwelt. Du darfst mich aber besuchen. Du kannst mir da ein Bild mitbringen."

Langenbeck hatte ihn bei dem Spaziergang die Wahrheit sagen wollen, doch er schafft es nicht.

Unter den Augen des Gefangenen wird in der Haftanstalt das Gepäck verplombt. Fünf Stahltüren von der Freiheit entfernt wird jedem Neuankömmling in der JVA Billwerder durch eine Klappe in der Wand das zehn Kilogramm schwere "Zugangsbündel" gereicht. In ihm sind 17 Dinge, ein Teller, Besteck, eine Schüssel, ein Einwegrasierer, Rasierseife, ein Pinsel mit wenigen harten Borsten, ein Bettlaken, ein Handtuch, eine Zahnbürste, Zahncreme, Shampoos. Aus Sicherheitsgründen darf er die eigenen Hygieneartikel nicht mitnehmen. Danach tritt er noch einmal ins Freie, läuft unter Bewachung eines Beamten über den Hof zum Block der Station 6B, die Aufnahmestation, in der die Häftlingswerdung abgeschlossen werden soll.

Am letzten Morgen sitzt Langenbeck am Küchentisch, er hat wenig geschlafen. Katja kocht Kaffee. "Wieso stecken die einen wie mich in den Knast?", sagt er, die Haare noch ganz wirr. "Was soll das? Wer hat davon etwas?" Er wirkt, als würde er gleich zusammenbrechen. Im Wohnzimmer dreht sich der Plattenteller. Let’s take a ride, don’t look behind. Er greift zum Telefonhörer, braucht mehrere Anläufe, bis er die Nummer der JVA Billwerder richtig eingegeben hat. "Guten Tag", sagt er schließlich. "Ich möchte heute bei euch einchecken." Neben ihm liegt ein DIN-A4-Block, auf dem er sich Notizen macht. Er fragt, ob er Kaffee, Tabak, einen Wasserkocher mitnehmen könne, alles wird verneint. Bis 17 Uhr könne er erscheinen.

Er läuft gebeugt durch die Wohnung, holt sich Katjas schwarzen Seesack, geht mit ihm hinaus auf den Balkon, schiebt sich dort einen Plastikstuhl zurecht, raucht und beginnt mit dem Packen. Leon ist still, versucht sich mit den Händen an der Brüstung hochzuziehen, um Kindern unten im Hof beim Spielen zuzusehen. Die Socken packt Langenbeck als Erstes ein. Er stopft sie in dünne Plastikbeutel, knotet sie zu und legt sie in den Seesack. Auf die Socken legt er eine Schicht Shirts, arbeitet sich weiter von Schicht zu Schicht.

Oliver, sein ältester Sohn, ruft an.

"Ich gehe heute rein", sagt Langenbeck. Nur seine Stimme ist zu hören. Er macht eine Pause, ist den Tränen nahe.

"Es wird Zeit, dass ich da reingehe. Dass das hier aufhört, damit das andere anfangen kann."

Fast nach jedem Kleidungsstück, das er in den Seesack legt, greift er zur Zigarette. Es folgen Lederhalbschuhe, Badelatschen. Er steht auf, geht in die Küche, kramt in dem Stapel alter Familienfotos, um einige mit in die Zelle zu nehmen. Bilder des strengen Vaters, wie er Langenbeck als Dreijährigen auf dem Schoß hält. Urlaubsbilder, Momente des frühen Glücks, seine erste Frau, die Reisen durch die USA, der pinkfarbene Cadillac, Fotos von Katja, jung, strahlend. "Sie ist so schön", sagt er.

Die Zelle. Eine Tür, die sich nur von außen öffnen lässt. Eine Tür, die innen keine Klinke hat. Die erste Nacht im Gefängnis können Menschen, die zuvor nie eingesperrt waren, selten schlafen. In den Zellen der JVA Billwerder bleiben dem Gefangenen acht Quadratmeter Lebensraum. Jeder hat Anspruch auf eine Einzelzelle, es sei denn, er ist suizidgefährdet. Es gibt ein Klo, ein Waschbecken, einen Schreibtisch, ein blaues Bettgestell. Zwei Bücherregale an der Wand über dem Bett. Einen Kleiderschrank. Eine Zwangsbelüftungsklappe über dem Schrank. Ein Fenster zum Hof, aus dem man nicht die Vögel mit Essensresten füttern darf.

Es ist zwei Stunden vor Ablauf der Frist, Langenbeck trägt den Seesack, den Gitarrenkoffer und die beiden Taschen die Treppen hinunter. Sitzt dann am Küchentisch und trinkt ein letztes Bier. "Du sollst doch nüchtern rein", schimpft Katja. Er werde sich damit die Chance auf den offenen Vollzug verspielen. "Ist doch nur ein Bier", sagt Langenbeck. Dann geht er vor Leon in die Hocke, Leon-Mann, sagt er, wir müssen los. Der Junge quengelt, will weiter fernsehen, will bleiben, weint. Katja zieht ihn an, legt Felix in den Kinderwagen, packt eine der beiden Reisetaschen in dessen Ablage. Langenbeck, schon unten, geht noch einmal in die Wohnung, schmiert sich ein Brötchen.

Katja räumt die Spüle auf, stellt die Pfeffermühle ins Regal, das Salz dazu, stützt sich auf, fährt sich übers Gesicht.

Sie ist seit dieser Woche arbeitslos. Die Werbeagentur, für die sie arbeitete, hat zugemacht. Sie weiß seit Kurzem, dass sie wieder schwanger ist. Das dritte Kind. Eine verrückt wirkende Entscheidung, die selbst die engsten Freunde nicht verstehen. Als ob sie nicht schon mit Leon und Felix an ihren Grenzen wäre. Es ist, als wolle sie sich von Langenbeck noch einmal so viel Leben nehmen, wie sie kriegt. Und als wolle Langenbeck noch einmal so viel Leben geben, wie er geben kann.

Die Familie fährt mit der S-Bahn hinaus nach Billwerder-Moorfleet. Auf der langen Straße, die ins Gefängnis führt, kommt ihnen auf der anderen Straßenseite ein Mann entgegen. "Geht’s da rein?", fragt Langenbeck über die Straße hinweg. "Ja, aber nicht mehr raus!"

Dann stehen sie vor dem großen grauen Tor. "Papa muss jetzt da rein", sagt Katja zu Leon. "Der muss da arbeiten, und wenn er fertig ist, kommt er wieder."

Es ist kurz vor fünf. Sie umarmen sich, küssen sich, weinen. Langenbeck drückt die Klingel, die Tür springt auf, er tritt ein, trägt das Gepäck über die Schwelle, sieht zurück. Die Brille schief auf der Nase, das Gesicht nass von Tränen. Leon ruft was, das Langenbeck nicht versteht.

"Was sagst du?", ruft er seinem Jungen zu.

In diesem Moment fällt die Tür ins Schloss, mit einem trockenen Klick.

* alle Namen geändert

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Weil es immer auf die genauen Umstände und die individuelle Schuld ankommt, die Folgen sind bestenfalls drittrangig. Diese Form der Rechtsprechung haben wir zusammen mit den Brandeisen und dem Schafott abgeschafft.

Im Übrigen, liebe Redaktion: Erstens kann man keine 3,2 Millionen Euro "rauben", wenn man keine Gewalt anwendet. Man kann sie ergaunern, aber Raub ist es nicht. Außerdem legt man gegen eine strafrechtliche Verurteilung auch nicht "Einspruch" ein. Es gibt nur die Berufung und die Revision. In dem Fall hier dürfte das Urteil vom LG kommen, da gibt's nur die Revision zum BGH. Bzw. was genau hier abgelaufen ist, kann ich mir nicht so recht zusammenreimen: wenn die Ladung zum Haftantritt schon da ist, war's das eigentlich.