Kevin Fehling Die Poesie der Gurke

Kevin Fehling will als erster deutscher Koch auf einen Schlag drei Sterne erringen. Für einmal Abendessen verlangt er 290 Euro. Dafür verarbeitet er Kalbszungen zu Chips und bastelt mit Gemüse. Ist das irre oder echte Kunst? Von

DIE ZEIT Nr. 46/2015

Zwei junge Männer stehen nebeneinander vor einem Tisch und beugen sich über einen kleinen Teller. Sie reden nicht, sie schauen nur. Der eine dreht den Teller ein wenig, er schaut wieder, dann tritt er einen Schritt zurück und stützt die Arme in die Seiten. Er schüttelt den Kopf. Der andere nickt zustimmend.

Auf dem Teller liegt eine Gurke.

Keine ganze Gurke, nur ein winziges Stück, eine hauchdünne Scheibe, zu einem Kegel gerollt, gefüllt mit in Reisessig marinierten Gurkenwürfelchen. Eine weitere hauchdünne Scheibe deckt den Trichter ab. Es ist eine Art Gurken-Origami, eine perfekte Bastelei. Den jungen Männern aber scheint sie nicht zu gefallen.

"Das sieht aus wie die Deko zu einem panierten Schweineschnitzel", sagt Kevin Fehling, Eigentümer und Küchenchef des Restaurants "The Table" in der Hamburger HafenCity. Der Souschef, sein Stellvertreter in der Küche, nickt wieder. Nach einer Weile sagt Fehling: "Man könnte die Gurke schälen." Wieder schweigen sie. Dann schüttelt Fehling erneut den Kopf. Der Souschef trägt den Teller davon.

Die Gurke wäre an diesem Abend nur eine von sieben Komponenten in einem Gericht gewesen, das mit sechs anderen Gerichten ein Sieben-Gänge-Menü bildet, wobei zu dem Menü außerdem noch vier Amuse-Bouches und zwei Petits Fours gehören, die zusätzlich gereicht werden. Macht pro Menü mehr als 100 verschiedene Komponenten, darunter pulverisierter und gefrorener Meerrettich aus Japan, ein winziges Brötchen aus chinesischem Hefeteig, Reiskörner, die gewaschen, gekocht und dann über Stunden dehydriert wurden, eine Kalbszunge, gegart, gepökelt und zu Chips getrocknet, ein aus Salatblättern gewonnenes Gel, eine Creme aus marinierter grüner Mango, ein Eis aus Lorbeerblättern.

Das Menü bei Kevin Fehling kostet 190 Euro. Für die Weinbegleitung – Champagner und sieben verschiedene Weine – zahlt man zusätzliche 100 Euro. Macht 290 Euro für einmal satt werden plus Getränke. Ist es irre, so viel Geld für Essen auszugeben? Ist es nur eine Geschmacksfrage oder schlicht unanständig?

Um seinen Hunger zu stillen, muss sich niemand Gurkenscheibchen zu Trichtern rollen lassen. Ein großes, paniertes Schweineschnitzel mit Bratkartoffeln hat kaum weniger Kalorien als das Menü bei Kevin Fehling. Auch Genuss ist mit weniger Mühe möglich. Eine Pasta, ein grüner Salat, sogar eine dicke Scheibe Brot mit Butter können sehr glücklich machen. Aber kein Koch bekommt dafür einen Stern.

Am 12. November, dem Erscheinungstag dieser ZEIT-Ausgabe, vergibt der Guide Michelin seine Sterne. Kevin Fehling will nicht einen, auch nicht zwei, er will drei Sterne, das Maximum.

Fehling ist erst 38 Jahre alt. Er wäre nicht nur der jüngste Drei-Sterne-Koch in Deutschland, er wäre der erste, der das schafft: von null auf drei mit dem eigenen Restaurant. Fehling würde bekannt, vielleicht sogar berühmt. Er könnte sich selbst zu einer Marke machen. Er könnte, wie andere Spitzenköche vor ihm, weitere Restaurants unter seinem Namen eröffnen, in Shoppingmalls in Dubai und Shanghai. Er könnte Gewürze und Kochmesser vertreiben, Bücher schreiben, für Mineralwasser werben.

Drei-Sterne-Köche sind Stars, weil es so wenige von ihnen gibt. In Deutschland kann man in 115.000 Gaststätten, Imbissen und Cafés essen, aber nur zehn Restaurants bekamen im vergangenen Jahr drei Sterne verliehen. Der Chefredakteur des deutschen Guide Michelin rückt Spitzenköche in die Nähe genialer Musiker und Maler. Sie alle hätten die Gabe, die Menschen zu ergreifen, ihre Seele zu berühren. Er zieht Vergleiche zu Picasso und van Gogh. Auch für deren Werke werden scheinbar absurde Geldbeträge ausgegeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 11.11.2015. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Demnach geht es in einem Restaurant wie dem Table nicht um Dekadenz. Es geht auch nicht einfach nur um Essen, sondern um Kreativität und den menschlichen Schöpfergeist. Es geht um die Musik des Geschmacks, den Farbreiz der Speisen. Es geht um die Poesie der Gurke. Aber ist eine komplizierte Konstruktion aus ein paar Gemüsestückchen wirklich Hochkultur? Oder ist der Guide Michelin einfach nur ein Handbuch für reiche Leute, die sich selbst für so kostbar halten, dass ihnen ein einfacher Gurkensalat nicht genügt?

Dunkelheit steht vor den großen Fenstern des Restaurants. Es ist kurz vor 19 Uhr an einem verregneten Dienstagabend im Herbst. Die ersten Gäste kommen herein. Sie haben Wochen im Voraus ihre Plätze reserviert, um hier essen zu dürfen. Manche legen den Kopf in den Nacken, um die Deckenhöhe zu bestaunen. 150 kleine, gedimmte Leuchten erhellen den Raum. Es gibt hier keine kräftigen Farben, nur cremeweißes Leder, dunkelbraunes Holz, grauen Filz. Aus unsichtbaren Lautsprechern ist Lounge-Musik zu hören. Die Gäste nehmen Platz. Sie sitzen alle nebeneinander.

Es gibt im Table nur einen einzigen Tisch. Er ist lang und geschwungen und aus Kirschbaumholz. Auf der einen Seite dieses Tisches stehen die Stühle, auf der anderen Seite beginnt gleich die Küche. Nicht einmal eine Glasscheibe trennt den Gastraum von Ofen und Herd, Töpfen und Pfannen. Es gibt keine Tischdecken und kein Silberbesteck. Nur der Edelstahl der Arbeitsflächen blitzt. Das Table ist ein Restaurant wie ein Theater: Der Tisch ist der Zuschauerraum, die Küche ist die Bühne. Die Köche sind die Künstler.

Wenn Kevin Fehling nicht in seiner Küche steht, ist er ein Mann, dem man sein Ego nicht ansieht. Mittelgroß, ein junges Gesicht, er lacht viel. Jetzt aber, bei der Arbeit, ganz in Weiß, bewegt er sich konzentriert über den grauen, rutschfesten Boden, neben ihm seine Köche, vier Männer und eine Frau. Leise simmert ein Fond aus Krustentieren auf einer Herdplatte. Nichts raucht, nichts dampft, kaum einer der Köche spricht ein Wort.

Die Gäste trinken Champagner und sehen wie gebannt zu. Manche holen ihr Mobiltelefon heraus und filmen die Szene. Die Köche beugen sich über die Anrichte. Vorsichtig hebt einer ein zerbrechliches pastellgrünes Gebilde auf den Teller, ein anderer drückt aus einem Quetschfläschchen einen perfekten Punkt aus Gelb darauf, ein dritter legt mit der Pinzette ein Blättchen daneben. Die Bewegungen sind genau aufeinander abgestimmt, es ist wie eine Choreografie, eine hundertfach geprobte Ballettaufführung.

Und dann:

"Oh, köstlich!"

"Wahnsinn, lecker!"

"Mmmh, ein Traum!"

Die nächsten Akte, die nächsten Gänge, mitunter serviert vom Küchenchef Fehling persönlich. Verzückung, Begeisterung. Ende der Vorstellung. Erstaunlich, dass niemand applaudiert.

Ein Blick in das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant "The Table" © The Table / Kevin Fehling

Ein paar Stunden zuvor ist Kevin Fehling durch seine Küche spaziert. Gegen 14 Uhr beginnt sein Arbeitstag. Er probiert, was seine Köche ihm hinhalten. Auf einem Stück Entenfleisch drückt er mit den Fingern herum, beherzt, so wie ein Arzt einen Patienten betastet. Mal schüttelt er den Kopf, mal nickt er, mal sagt er schlicht: "Es fehlt Salz." Fehling sagt, seine Gerichte entstünden durch Nachdenken. Im Kopf füge er Zutaten zusammen. Er denke zum Beispiel: Ich habe die erdigen Aromen von Trüffel und Topinambur; wenn ich Parmesan hinzufüge, bilde ich einen überraschenden Gegenpol. Jetzt brauche ich noch etwas Frisches, aufgeschäumte Milch könnte passen, und ein Ei mit seinem schwefeligen, zugleich nussigen Aroma ergänzt das Ganze.

Dann stellt er die Frage nach der Textur: knusprig, flüssig, schaumig, knackig, geleeartig? Das Ei könnte eine Stunde lang bei exakt 64 Grad kochen, sodass Eigelb und Eiweiß dieselbe weiche Konsistenz erhalten. Das gäbe dem Gericht etwas, das Fehling "schlotzig" nennt. Manchmal ist das Ergebnis nicht so, wie er es sich erhofft hat. Seine Köche produzieren alle Komponenten – produzieren, so nennen Köche das Kochen. Dann wird der Gang angerichtet. Fehling probiert, als Erster, manchmal als Einziger. Schmeckt es ihm nicht, denkt er weiter nach. Manchmal fällt ihm sonntags zu Hause auf dem Sofa eine Lösung ein. Dann beginnt er eine SMS-Unterhaltung mit seinem Souschef.

"Können wir einen Dashifond dazu machen?"

Dashifond ist ein aus getrockneten Thunfischflocken und Algen hergestellter Fond, der in Japan weit verbreitet ist. Der Souschef schreibt zurück: "Hört sich gut an. Wir könnten auch einen Dashifond mit getrockneten Pilzen nehmen."

Fehling: "Pilze statt Topinambur, super. Und ohne Parmesan."

Jeden Nachmittag werden im Table die Zutaten angeliefert. Dann steht zum Beispiel eine Frau mit einer Gemüsekiste vor der Tür. Ein paar Karotten, Tomaten, Zwiebeln, eine Fenchelknolle. Fehling geht nicht auf den Markt. Anders als man es aus Dokumentarfilmen über Köche kennt, vergräbt er sein Gesicht nicht in Salatköpfen.

Wäre Fehling einige Jahre früher zur Welt gekommen und Koch geworden, hätte er sich wohl noch selbst auf den Weg gemacht. Früher war es für Sterneköche in Deutschland selbstverständlich, sich ins Auto zu setzen und ihre Ware persönlich auszuwählen, möglichst weit weg von zu Hause: in Frankreich Bresse-Hühner und bretonischen Hummer, in Italien Trüffeln. Die Spitzenküche folgt Moden und Trends, das hat sie tatsächlich mit der Hochkultur gemeinsam, der Musik, der Malerei. Nie ging es allein um den Zauber der Aromen, die Kraft des Geschmacks, immer war es auch wichtig, sich abzusetzen von der Alltagsküche.

Über viele Jahre war die Kochkunst mit der Entdeckung anderer Länder verbunden. Gute Küche schien aus dem besonderen, dem seltenen Produkt zu erwachsen, Spitzenköche waren Jäger und Sammler, stets auf der Suche nach einer kaum bekannten Art von Fleisch, einer ungewöhnlichen Frucht, einer vergessenen Knolle, die es zu erbeuten galt. Heute steht auch dem Hobbykoch fast jedes erdenkliche Produkt jederzeit zur Verfügung. Trüffeln und Hummer beeindrucken niemand mehr. Manche Leute bekommen beim Hummeressen sogar ein schlechtes Gewissen.

Der Drei-Sterne-Koch von heute geht nicht auf die Jagd. Er bleibt zu Hause. Er konstruiert. Aus ihm ist ein Ingenieur geworden. Nicht das Produkt steht im Mittelpunkt, sondern die Arbeit, die in ein Gericht geflossen ist. Kevin Fehling setzt nicht eine Kelle Kaviar vom iranischen Stör auf einen Teller. Bei ihm gibt es Kaviar vom heimischen Saibling, ein Produkt, das es früher nie auf die Speisekarte eines teuren Restaurants geschafft hätte. Fehling aber serviert ihn zu einem bei 1600 Grad geflämmten Saiblingsfilet, einem Saiblingstatar, einem Sud aus Gin und Tonic, in Reiswein mariniertem Kohlrabi, außerdem gibt es ein Apfelgel und ein kleines Kleeblatt.

Die Spitzenköche von früher hatten oft auch einen Spitzenbauch, ein fleischiges Gesicht, sie liefen herum wie der lebende Beweis dafür, dass ihr Essen schmeckte. Heute, im Zeitalter der Selbstoptimierung, sagt Kevin Fehling: "Ich habe eine Neigung zum Doppelkinn. Ich wiege 72 Kilo. Geht es Richtung 74, esse ich weniger. Das kontrolliere ich ständig."

Ein Oktobernachmittag im Table. Fehling sitzt an dem langen, noch leeren Kirschholztisch, sein Sommelier räumt gerade den Weinschrank um. Plötzlich sagt Fehling: "Was machen wir eigentlich, wenn wir die Sterne nicht bekommen?"

"Warum sollten wir die denn nicht bekommen?", fragt der Sommelier, ernsthaft erstaunt.

Dazu muss man wissen: Kevin Fehling war in seinem Leben schon einmal ein Drei-Sterne-Koch. Vor zehn Jahren wurde er Küchenchef im Restaurant des Columbia Hotel & Resort in Travemünde. Das Restaurant des Columbia ist damals ein Restaurant, in dem es vor allem Fisch mit Soße gibt. Kein Tester kommt auf die Idee, dort zu essen. Fehling entwirft neue Gerichte, er lässt das Frühstücksbuffet aus dem Gastraum entfernen, reduziert die Zahl der Plätze, von 75 auf 22. Und er schreibt einen Brief an die Tester des Guide Michelin, ob sie bitte erwägen mögen, sein Restaurant zu überprüfen. Er würde sich sehr freuen. Die Tester kommen.

In ihren Berichten erwähnen sie den "optimalen Garpunkt" und "intensiven Geschmack" eines Rotbarbenfilets mit Korianderemulsion und grünem Spargel, sie loben die "zarte Konsistenz und die schöne Struktur, die sehr gute Würze und Qualität" eines Roastbeefs vom japanischen Rind.

2008 hat Kevin Fehling seinen ersten Stern. 2011 bekommt er den zweiten Stern, 2012 den dritten. Zwei Jahre später kündigt er. Ein Koch darf seine Sterne nicht mitnehmen, wenn er ein Restaurant verlässt. Sie werden nicht einer Person verliehen, sondern einer Küche. Fehling aber will kein angestellter Koch mehr sein, er will sein eigenes Restaurant besitzen. Man kann auch sagen, er setzt seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel.

Kevin Fehling in seinem Restaurant "The Table" in Hamburg © Axel Heimken / dpa

Ein Preis von rund 300 Euro für ein Menü mit Weinbegleitung, wie Fehling ihn berechnet, mag hoch sein. Ungewöhnlich ist er nicht. Fast alle Spitzenrestaurants in Deutschland verlangen solche Summen. Trotzdem sind sie kaum rentabel. Aus dem Umsatz wird kein Gewinn, weil alles Geld wieder ausgegeben wird, für die Zutaten, vor allem aber für das Personal. Im Table kommen jeden Abend nur 20 Gäste zusammen, für sie beschäftigt Fehling fünf Köche, einen Sommelier und zwei Kellner. Wer mit Essen viel Geld verdienen will, muss Personal streichen. Er muss Fertigprodukte einkaufen, muss Tiefkühltruhen und Mikrowellen die Arbeit machen lassen. Dann kann er die Preise senken und erzielt trotzdem Gewinn.

Spitzenrestaurants brauchen oft Subventionen, um zu überleben – auch das verbindet sie mit Stätten der Hochkultur, mit Opernhäusern und Theaterbühnen. Nur dass die Subventionen in diesem Fall nicht der Staat bezahlt. Das "La Vie" in Osnabrück finanziert der ehemalige RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann. Das "Tantris" in München gehört einem Bauunternehmer, der sagt, er hätte von dem Geld, das er in das Restaurant gesteckt habe, auch ein Schloss kaufen können. Die meisten Drei-Sterne-Restaurants liegen auf dem Land und gehören zu einem Hotel. Die Gäste buchen gleich noch die Übernachtung mit und finanzieren damit die teure Küche.

Kevin Fehling aber will es ohne Sponsor, ohne Hotel schaffen. Nur mit eigenen Ersparnissen und einem Bankkredit. Er verzichtet in seinem Restaurant auch deshalb auf Silberbesteck und Tischdecken, weil das viel Geld spart. Niemand muss die Messer und Gabeln polieren, niemand das Tuch bügeln. Fehling hat auch keinen großen Weinkeller, sondern nur rund 130 verschiedene Weine, wenig für ein Spitzenrestaurant. Aber allein die Küche einzurichten hat einen sechsstelligen Betrag gekostet.

Fehlings Kampf um die drei Sterne ist eine Wette. Wie ein Start-up-Gründer im Silicon Valley steckt er alles, was er hat, in sein Projekt und hofft, dass er am Ende gegen die Statistik gewinnt. Dass er zu den wenigen gehört, die nicht scheitern. Eines der größten finanziellen Risiken für einen Küchenchef ist die Unberechenbarkeit des menschlichen Appetits. Mal will kein einziger Gast den Meeresfrüchtesalat, mal bestellt ihn jeder. Also kaufen die meisten Köche mehr Zutaten ein, als sie tatsächlich benötigen, und lagern einen Gutteil davon am Ende in riesigen Kühlkellern ein, die wiederum Geld kosten. Um das zu vermeiden, reicht Kevin Fehling seinen Gästen keine Speisekarte. Im Table gibt es jeden Abend nur ein einziges Menü. Das erlaubt Fehling, seinen Wareneinsatz genau zu planen. Gekauft wird nur, was wirklich auf den Tisch kommt. Kevin Fehling hat nicht einmal eine Tiefkühltruhe.

Ein paar Tage vor dem reservierten Termin schickt er jedem Gast eine E-Mail, in der er auflistet, was es zu essen geben wird. Anfang November ist das zum Beispiel: Jakobsmuschel "Wiener Art", Gänseleber "Tom Kha Gai" mit Garnele und Mango, Trüffel-Ei mit Kalbsgraupen und Pilzen, ein Entenbrust-Sushi mit Ingwer-Hollandaise.

"Gibt es Allergien, welche wir berücksichtigen müssen?", fragt Fehling in seiner E-Mail.

Zur Tradition der Spitzenküche gehört auch, dass das Thema Geld zwischen Gast und Gastgeber möglichst wenig zur Sprache kommt. Die Tatsache, dass hier eine Dienstleistung gegen Bezahlung erbracht wird, behandeln beide Seiten mit äußerster Diskretion. Am Ende des Abends wird möglichst beiläufig eine Rechnung beglichen.

Kevin Fehlings E-Mail aber soll den Gast auch daran erinnern, dass man eine Tischreservierung im Table nicht einfach verfallen lassen kann. Wer bei ihm reserviert, schließt einen Vorvertrag zum Abschluss eines Bewirtungsvertrages ab. "Eine Stornierung Ihrer Reservierung ist bis 48 Stunden im Voraus kostenfrei möglich. Danach fällt eine Aufwendungspauschale in Höhe von 50 Euro pro Person an. Bei Nichterscheinen berechnen wir eine Aufwendungspauschale von 100 Euro pro Person." Auch das steht in der E-Mail.

Vielleicht hat diese nüchterne Sicht der Dinge damit zu tun, dass Kevin Fehling aus einem ziemlich schmucklosen Ort stammt, aus Delmenhorst in Niedersachsen, einer der Städte, die in Deutschland die wenigsten Touristenbesuche verzeichnen. Das Ende seiner Realschulzeit verbringt Fehling mit seinem Skateboard auf dem Parkplatz einer Kfz-Werkstatt. Zufällig ist in einem der wenigen Hotels der Stadt eine Lehrstelle frei, Fehling beginnt eine Ausbildung zum Koch. Schnell merkt er, dass ihm das Kochen leichtfällt. Während die anderen Lehrlinge schon daran scheitern, eine Currysoße nach Rezept zu kochen, verfeinert er sie mit Äpfeln. Fehling erfasst Geschmacksnoten, wo kaum noch welche sind, er registriert Aromen, die sonst niemand wahrnimmt, vergleichbar mit dem absoluten Gehör eines Musikers, der die Höhe jedes Tons bestimmen kann. Es ist das angeborene Talent, das ein Spitzenkoch braucht.

Der erste deutsche Koch, der mit drei Sternen ausgezeichnet wurde, war Eckart Witzigmann, das war 1979. Inzwischen ist er 74 Jahre alt, aber die deutschen Spitzenköche nennen ihn immer noch "Chef". Es gibt mittlerweile eine Auszeichnung, die nach ihm benannt ist, den Eckart Witzigmann Preis. Kevin Fehling hat ihn vor zwei Jahren bekommen, jetzt, am 21. Oktober, fliegt er nach München, um an der diesjährigen Preisverleihung teilzunehmen. Fehling darf einen Gang zu dem sechsgängigen Menü beisteuern, das den 200 Gästen serviert wird, unter ihnen Witzigmann selbst sowie Sterneköche aus aller Welt. Die Veranstaltung findet in München in der BMW-Welt statt, wo BMW-Käufer ihr neues Auto abholen können. Der Konzern ist Sponsor der Veranstaltung, ein Vorstandsmitglied wird am Abend die Begrüßungsworte sprechen.

Am Nachmittag teilen sich verschiedene Köche die Kantinenküche, um das Dinner vorzubereiten. Einer brät in einer Wolke aus Rauch und Fett einen Rehrücken nach dem anderen an. Er hat kräftige, lückenlos tätowierte Unterarme, Schweiß steht ihm auf der Stirn. Ein anderer steckt bis zu den Ellbogen in einer dicken gelben Soße, aus der er Fischfilets hervorholt. Er spült sie unter fließendem Wasser ab, im Abguss sammelt sich milchige Brühe.

9 Kommentare

Das ist ein ganz wundervoller Artikel und eine spannende Betrachtung der modernen Sterneküche und eines ihrer jungen Protagonisten.

Da der Vergleich mit der Oper schon so oft gewählt wurde: Ein Ticket für die Met, die wohl -wie Restaurants- nicht mit Steuergeldern subventioniert wird, kostet bis zu $ 445! In beiden Fällen bekommt man dafür dann eben auch High-End, mehr geht nicht. Ich denke das Geld kann man durchaus schlechter anlegen.

Man könnte einiges zu diesem Artikel und zu den Kommentaren schreiben, was ich mir mal verkneife. Was ich bis heute nicht verstanden habe ist dieses Beharren auf der Tatsache, dass nicht Köche, sondern Restaurants Sterne verliehen bekommen. Das Belle Epoque hat mit dem Weggang von Fehling formal seine 3 Sterne noch gehabt, aber im Prinzip den Laden zu machen können, weil niemand diesem Anspruch gerecht weiter kochen konnte. Ein Restaurant bekommt Sterne nicht wegen der respektablen Küchengeräte, seiner Architektur oder der bequemen Sitzgelegenheiten. Es ist die Leistung des Chefkochs die zuvorderst zählt.

Was soll der ständige Hinweis auf die hohen Preise? Man muss halt Prioritäten setzen. Andere geben hunderttausend Euros und mehr für ein lumpiges Auto aus. Das verstehe ich wiederum überhaupt nicht. Da kaufe ich mir lieber eines für 20000 und gebe 80000 fürs Essen aus. Oder kaufen eine Brilli besetzte Rolex - urggh - für 20000. Ne Swatch zeigt die Zeit auch an, und für 19900 Euro kann ich dafür dann 30-mal im "Table" speisen. Hab ich persönlich mehr davon.
Ich habe zwar nicht das Geld für Autos im Preissegment größer-gleich 100000 € oder die Rolex, aber im kleineren Maßstab gilt das selbe. Brauch ich ständig neue Klamotten/Fernseher/Handies oder geb ich das Geld für's Essen aus? Für mich ist das keine Frage.

Völlig richtig! Für hässliche, überflüssige und umweltzerstörende Autos wird ein Heidengeld ausgegeben, aber gegessen wird Dreck aus der Dose. Es ist vielen Menschen wichtiger, Wohlstand und Luxus dem Nachbarn vorzuführen, als tatsächlich Gutes zu genießen.

Darüberhinaus sind 290 Euro für ein Menü inkl. Wein in einem Sterneladen nicht so wahnsinnig viel. Da werden oft ganz andere Zechen fällig.

Aber dennoch: Ein guter und sehr interessanter Artikel von Herrn Fehling.

Vielen Dank, Ich sehe das genauso. Ich denke es is immer noch tief in der Deutschen Kultur verankert dass essen billig sein muss. In keinem anderen entwickelten land sind Lebensmittel so billig. Ich muss da immer an das Bild denken, was ich oft beobachte habe, wie jemand seinen Kasten Oettinger bei Aldi auf dem Parkplatz in seinen neuen Oberklasse benz hebt.

Schwieriger als Sterne zu erarbeiten ist es sie zu halten, da geht der Stress erst richtig los. In Frankreich nennt man die hervorragende Küche, wenn sie ohne Tischdecken,Kristall und Silberbesteck auf einfachen Sets auf Holztischen serviert wird ´Bistronomie ´.

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