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Das war meine Rettung "Letztlich geht es doch darum, die eigenen Gefühle zu kennen"

Jeanine Meerapfel engagierte Liv Ullmann für einen Film. Ohne die Norwegerin wäre der Dreh geplatzt. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 48/2015

ZEITmagazin: Frau Meerapfel, finden Sie Kunst interessant, die nicht politisch ist?

Jeanine Meerapfel: Ich kenne keine Kunst, die nicht von der Gesellschaft beeinflusst ist und ihrerseits die Gesellschaft beeinflusst. Auch die Identität des Künstlers ist politisch, geprägt von Orten, Sprache und Herkunft, und das drückt sich in seiner Arbeit aus.

ZEITmagazin: Sie kamen 1960 aus Argentinien nach Deutschland, 1984 drehten Sie den Film Die Kümmeltürkin geht, der von Ausländerfeindlichkeit handelt. Wie aktuell ist Ihr Film?

Meerapfel: Ich bin selbst darüber erschrocken, dass der Film immer noch – oder wieder – so aktuell ist. Die Anzahl tätlicher und verbaler Angriffe gegen Ausländer in Deutschland hat enorm zugenommen. Ist denn kein Bewusstsein entstanden, dass man für die Menschen in Not da sein muss? Zugleich berührt es mich, wenn ich die vielen Menschen sehe, die helfen und anpacken. Ich glaube, Deutschland hat sich wirklich verändert.

ZEITmagazin: In Ihren Filmen haben Sie sich auch mehrfach mit der argentinischen Militärdiktatur befasst. Den ersten, La Amiga, drehten sie 1988, nur wenige Jahre nach dem Ende der Diktatur. Wie schwierig war das?

Meerapfel: Damals waren alle Wunden offen. Die Demokratie war noch nicht gefestigt, viele Mörder und Folterer waren frei, das muss man sich mal vorstellen! Während des Drehs gab es bedrohliche Situationen. Als wir zum Beispiel in Buenos Aires direkt gegenüber des Regierungssitzes gedreht haben, kamen Polizisten, die uns fotografierten und sagten: Wir werden euch nicht vergessen. Ich musste das Drehbuch vorher absegnen lassen, und an vielen Orten bekam ich keine Dreherlaubnis. Es passierten auch merkwürdige Dinge, zum Beispiel schickten wir noch während des Drehs das Material zum Entwickeln nach Deutschland, und da sagte uns das Labor, das Material sei völlig zerkratzt. Ich bekam Panik, weil ich wusste, ich kann das nicht noch mal drehen. Wir mussten in der Not eine blaue Wand und Möbel, die in einer Szene im Hintergrund zu sehen waren, in Berlin nachbauen, Liv Ullmann davorsetzen und eine Dialogszene zwischen ihr und einer anderen Schauspielerin nachdrehen. Es gab rückblickend viele seltsame Zufälle, die den Film beinahe verhindert hätten. Mein Glück war, dass Liv Ullmann die Hauptrolle spielte. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft, den Film fertigzustellen.

ZEITmagazin: Wie hat sie Ihnen geholfen?

Meerapfel: Es hat uns geschützt, dass eine so berühmte internationale Schauspielerin dabei war. Liv wurde als emblematische Person von der Presse hochgehalten. Sie spielte eine Mutter, deren Sohn in der Diktatur verschwunden ist und die für die Menschenrechte kämpft. Die Mütter der Verschwundenen liefen schon damals jeden Donnerstag mit weißen Kopftüchern durch Buenos Aires, um an das Schicksal ihrer Kinder zu erinnern. Wir sind dort mehrmals dabei gewesen, mit Liv, und als die Presse kam, sagte sie: Ich möchte mich am Marsch der Mütter beteiligen, und zwar als Privatperson und nicht als Schauspielerin des Films La Amiga. Sie war ein Fels in der Brandung, unsere Rettung.

ZEITmagazin: Wie konnten Sie Liv Ullmann für den Film gewinnen?

Meerapfel: 1984 saßen wir zusammen in der Jury der Berlinale, sie war die Präsidentin. Sie hat Menschen so angeschaut, dass ich dachte, sie zieht die Leute mit ihren Augen aus, bis der wahre Kern sichtbar wird. Das hat mich unglaublich beeindruckt. Ich gab ihr das Drehbuch, und sie wollte es sich überlegen. Mir war klar, dass ich an ihr dranbleiben muss, und als ich hörte, dass sie beim Festival in Montreal einen Film zeigte, flog ich hin und fragte sie: Wirst du die Rolle übernehmen? Da guckte sie mich mit ihren unglaublichen Augen an und sagte: Ja. Wie als Pfand für ihr Versprechen gab sie mir einen ihrer Schuhe mit und sagte: Du musst für mich die richtigen Schuhe besorgen lassen, ich hasse es, wenn ich in einem Film zu kleine oder zu große Schuhe tragen muss. Viele fanden es komisch, eine Norwegerin als Argentinierin! Aber selbst wenn sie Chinesin gewesen wäre – sie wäre die Richtige gewesen.

ZEITmagazin: Ihr Gefühl hat Sie nicht getäuscht.

Meerapfel: Natürlich kann sich so ein Gefühl im Nachhinein als falsch erweisen. Aber letztlich geht es doch darum, die eigenen Gefühle zu kennen und den selbst gewählten Weg weiterzugehen. Das ist überhaupt nicht heldenhaft, sondern bedeutet, dass man sich darüber im Klaren ist, was man wirklich will.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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