Soziale Netzwerke Nur für den Klick

ZEITmagazin Nr. 48/2015
In Sozialen Netzwerken will jeder Aufmerksamkeit. Was tun, wenn man sich süchtig fühlt nach "Likes"? Von

Du stehst am Fenster deines alten Kinderzimmers und blickst auf das gegenüberliegende Doppelhaus. Weiß, Dunkelgrau, Hellgrau. Das Haus, das Dach, der Himmel. Es ist ein unspektakulärer Anblick, aber für dich ist es ein ganz persönlicher: Es ist das Panorama deiner Kindheit, das sich als Nachbild in dein Gehirn gebrannt hat, und jetzt fotografierst du es mit deiner Handykamera.

Sollst du das Foto auf Facebook stellen? Du zögerst.

Ist es etwas, das man teilen kann? Zu banal? Zu privat? Zu peinlich?

Und was geht es überhaupt meinen Chef, meine Kollegen an, wo ich herkomme? Und was, wenn ich gleich meine Seele offenbare und niemand reagiert?

So wie neulich, als ich auf Facebook einen beruflichen Erfolg vermeldet und kein einziges Like bekommen habe. Ich weiß nicht, was unangenehmer war: das Gefühl, dass sich niemand für mich gefreut hat, oder dass es alle sehen konnten. Das Schweigen hatte etwas Passiv-Aggressives: als würde die versammelte Elternschaft einem Kind in der Schulaula dabei zuschauen, wie es ein Flötenstück spielt, und keiner klatscht.

Seither habe ich nichts mehr auf Facebook veröffentlicht. Ich habe Angst, abermals keine Likes zu bekommen, außer vielleicht von ein paar Leuten aus meinem alten Handballverein, die den ganzen Tag Candy Crush Saga spielen, und von dem Teenie-Sohn der griechischen Hoteliersfamilie aus dem letzten Urlaub, der alles liket, was ich poste, obwohl er kein Wort Deutsch spricht. Offenbar haben seine Eltern ihn angewiesen, ihren Gästen auf diese Art in Erinnerung zu bleiben.

Seit dem likelosen Post, der wochenlang peinlich nackt auf meiner Pinnwand stand, bis ich ihn schließlich löschte, bin ich stumm geblieben. Ich fürchte, dass mich die Abwesenheit von Likes bei so einem privaten Bild wie dem Blick aus meinem Kinderzimmer besonders hart treffen könnte.

Posting-Phobie: Keine Updates mehr zu posten aus Sorge, keine oder zu wenig Likes zu bekommen.

Klingt teeniehaft und unreif, ich weiß. Ich ahne schon, dass es da draußen jetzt Leute gibt, die es total lächerlich finden, sich mit der Anzahl von Daumen unter einem Facebook-Post auch nur ansatzweise zu beschäftigen, was ich gut verstehen kann, denn ich finde es auch lächerlich.

Aber ich bin auch nicht die Einzige, der es so geht. Ich habe von Menschen gehört, die Familienmitglieder bitten, ihre Beiträge zu liken, und ein Freund aus dem echten Leben, ein weit gereister Mensch, der in vielen Ländern gelebt hat und der mir weder unreif noch unbeliebt, noch unsouverän erscheint, erzählte mir sogar, dass er sich mit der Frage beschäftigt hat, um welche Uhrzeit er posten muss, um möglichst viele Reaktionen zu bekommen. Andere erzählen von dem Gefühl der Unzulänglichkeit, das sie ereilt, wenn sie abends mal wieder Toffifee futternd auf dem Sofa liegen und ADAC Motorwelt lesen, während ihre Facebook-Freunde gerade koreanische Streetfood-Buden am anderen Ende der Stadt entdecken. Es ist eben einfach ein Grundbedürfnis des Menschen, in seiner Community gemocht oder akzeptiert zu werden, nur dass in den Sozialen Netzwerken ein neuer Schauplatz mit neuen Regeln hinzugekommen ist, die ich offenbar nicht beherrschte. Seit dem Naked-Post-Desaster jedenfalls schweige ich und schmeiße stattdessen mit Likes um mich wie ein Narr mit Konfetti.

Facebook-Claqueur: Person, die sehr häufig Beiträge anderer Person liket, um nicht selbst aktiv zu werden zu müssen und in der vagen Hoffnung, dass zumindest einige der Empfänger sich revanchieren werden.

Um meine Selbstachtung zumindest halbwegs zu wahren, like ich nur, wenn mir etwas wirklich gefällt. Es fühlt sich trotzdem nicht besonders gut an, meinem Facebook-Selbstbild neben den Eigenschaften "unbeliebt" und "unreif" noch die Facette "kriecherisch" hinzuzufügen, aber ich rechtfertige mich damit, dass Facebook, genau wie das echte Leben, ein Geben und Nehmen ist und ich in der Vergangenheit vielleicht einfach zu wenig gegeben habe, zu wenig Likes. Übrigens nicht aus Desinteresse, sondern weil mir, bevor es mich selbst betraf, in keinster Weise klar war, dass es Menschen über 25 etwas bedeuten könnte, wie viele Likes sie bekommen oder Sternchen oder Herzen auf Twitter oder was immer die Währung da drüben sein mag, ich bin da nie. Jetzt ist es mir klar: Freundlichkeit wird mit Freundlichkeit belohnt, und manche Freundlichkeit mag auch nur deshalb stattfinden, weil man sich dafür eine Gegenleistung erhofft. Like, like, like.

Revanche-Like: Like, das vor allem deshalb verteilt wird, weil der Empfänger häufig eigene Beiträge liket, unabhängig davon, wie toll man dessen Post tatsächlich findet.

Oder liegt es gar nicht daran, dass ich die anderen zu wenig geliket habe? Mögen sie mich einfach nicht?

Kommentare

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Zauberflöte und Mephisto's Plan 1
Stellen sie sich vor, dass es eine Institution gäbe, die den Menschen ersetzen soll.
Was würde es dazu brauchen?
Aus der Luft gegriffen?
Wir bewundern Maschinen, die weite Bereiche des Menschseins schon ganz gut simulieren können. Roboter für die Alten, APPs, die uns alle Pflichten abnehmen Maschinen überall.
Die Basis ist allerdings eine Art Grundabmachung, die wir täglich unzählige Male rückbestätigen. Wir machen Abmachungen gegen die „andere Seite“.
Ich habe den Faust gelesen und ich war bei einem Guru in Indien. "Dort und jetzt" klappt es vor mir auf wie das Buch mit den sieben Siegeln.
Wir haben den Packt mit dem Teufel gemacht, der uns so überhäuft mit Geschenken und erwartet, dass wir eines Tages die Hand zum Schwur heben und ihm unsere Seele schenken. Der Schwur, der sagt, dass wir sein Werk ganz und gar anbeten und verehren. DIE MATERIE.
Mozart wurde wahrscheinlich für seine unglaubliche Einsicht von diesem Monster und dessen Helfershelfern bestraft. Trotz seiner Freimaurerschaft, gehörte sein Herz der andern Seite. In der Zauberflöte sollte er die Freimaurer hoch loben, ihr Werk, die Tochter der Königin der Nacht ganz auf ihre Seite zu bringen. Aus der Freimaurer Sequenz wurde aber ein Parodie Missgeleiteter und die Arie der Königin der Nacht wurde die größte Arie der Welt. Er bezahlte wahrscheinlich mit seinem Leben dafür. bei 1:47:36
https://www.youtube.com/w...

Zauberflöte und Mephisto's Plan 2
Mit jedem Artikel der in der Presse für Sachlichkeit und den Verstand kämpft, hat das Ungeheuer mehr Macht.
Doch im gleichen Zug sitzt das Irrationale, das schweigend zum Teufel gestempelt wurde und es quillt aus allen Fugen, beschert uns Terror und eine Natur, die vergewaltigt unsern Planeten zu zerreißen scheint.
Ja „DER VERTRETER DER MATERIE“ will, dass wir die APPs anbeten, sein Werk hochloben ihm unzählige Daumen hoch geben.
Wir haben das REICH DER MÜTTER fast völlig vernichtet zu Gunsten der Materie.... und Mephisto’s.
Warum ich den Guru erwähnte, er stand auf der anderen Seite, er half uns uns selbst zu betrachten.
Ein Baghwan ist einer, der eine Bagha hat, eine Vagina. Er repräsentierte das Reich der Mütter.
Und ich lebe in einem Matriarchat.