Stilkolumne Schmuckstück mit Bodenhaftung

ZEITmagazin Nr. 48/2015

Schnürstiefel sind derb und klobig, also nicht besonders weiblich. Früher trugen Frauen sie höchstens zum Wandern, heute sind sie bei Louis Vuitton, Alexander Wang, Tod’s und Miu Miu zu haben. Louis Vuitton hat sogar einen passenden Imagefilm drehen lassen: Eine Frau im Kleid mit halbhohen Schnürstiefeln schreitet darin nachdenklich querfeldein. Sie sucht ihren Weg. Früher wartete in solchen Modefilmen ein gut aussehender Mann auf eine gut aussehende Frau. Heute besteigt die Louis-Vuitton-Frau am Ende des Films einen Gipfel. Ohne Mann. Der Schnürschuh ist also Zeugnis der weiblichen Emanzipation. Er kommt mit tief profilierten Sohlen daher, unaufhaltsam.

Schnürstiefel fielen nicht immer durch eine grobe Anmutung auf. Ende des 19. Jahrhunderts galten sie als elegante Abendschuhe und wurden zu knöchellangen Röcken getragen. Damals verstand man unter dem Vorgang des Schnürens etwas ganz anderes: Man band Korsagen und Schuhe, um den Körper zu formen. Mit einem Schnürschuh wirkte jeder Fuß zierlich.

Dass man geschnürte Stiefel heute nicht unbedingt mit Zierlichkeit assoziiert, liegt auch an den beiden Weltkriegen, die auf das 19. Jahrhundert folgten, und an der weiter zunehmenden Industrialisierung. Vorbilder für heutige Schnürschuhe sind die Springerstiefel der Soldaten und jene derben Arbeitsschutz-Schuhe, wie sie in den Fabriken getragen werden. Also Schuhe, die man sehr fest schnürt, damit man einen besseren Tritt hat, und deren Trägern man sich besser nicht in den Weg stellt. Dank seiner Resolutheit hat der Schnürschuh eine vielseitige Karriere gemacht. So wurde der einem Kampfstiefel ähnelnde Arbeiterschuh Dr. Martens zur Pflichtausstattung der Punk-Szene, zu einer Ikone des Rebellischen.

Bereits vor einigen Jahren tauchten Schnürstiefel als Designer-Variante bei Valentino und Chanel auf. Seitdem kann man sich für vierstellige Beträge mit massiver Arbeiterklassen-Symbolik schmücken. Nun ist es unstrittig, dass die Symbole der Emanzipation der Frau gar nicht stark genug sein können. Allerdings muss sich Selbstbewusstsein nicht unbedingt in unwegsamem Gelände beweisen, es kann sich auch mit Eleganz verbinden. Seitdem Männer ihre Füße am liebsten in Turnschuhe stecken, könnte das weibliche Geschlecht auftrumpfen, indem es die elegante Schnürstiefelette wieder für sich entdeckt. Leider ist diese in den Läden gerade schwer zu finden.

Foto: Schnürstiefel von Louis Vuitton, 890 Euro


Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Zitat: >>>Heute besteigt die Louis-Vuitton-Frau am Ende des Films einen Gipfel. Ohne Mann. Der Schnürschuh ist also Zeugnis der weiblichen Emanzipation. <<<

Da kann man mal sehen, wie weit die Werbung ihrer Zeit voraus ist. Eher trifft man bei solchen Aktivitäten ein Einhorn als eine sich allein durch die Wildnis kämpfende emanzipierte Frau. Und dann ganz sicher nicht mit Schnürstiefeln für 890 €, aber das nur am Rande.

Naja... also... was sag ich da?

Wenn man sich immer nur den gägnigen Modetrends hingibt und somit seine Persönlichkeit von Marketingfachleuten formen lässt... dann soll man eben mit dem Kram rumlaufen, dem einen diese leute vorschreiben.

Ich kenne keinen grund, warum Frauen nicht auch schon vor 10 oder gar 20 jahren in Stiefeln rumlaufen durften, oder in Wanderschuhen, oder in Birkenstocks, ausser halt wenn es für das Selbstbewusstsein zwingend notwendig ist teil eines Mainstreams zu sein...

Meine Oma würde sich totlachen, die trug Zeitlebens am liebsten Gummistiefel zum Kittel.... und irgendwie kam sie mir dabei nicht besonders unweiblich vor.

Gute schnürstiefel, auch für Damen, finden sie im übrigen auch im Trekkingshop ihrer Wahl oder für weit weniger als 890 € maßgeschneidert vom Schuster ihres Vertrauens...

Mit 890 € Schuhen würde ich vermutlich auch nicht Querfeldein laufen, und ich vermute weiter diese sind für die sich besonders naturnah fühlende Städterin, die Wälder vor allem von Postkarten kennt, um sich auf der Vernissage bewundern zu lassen.

Diese Damen würden sich auch mehrfache Fußknochenbrüche zufügen um in die Schnürschuhe aus dem 19 jahrhundert zu passen, wenn ihnen jemand glaubhaft vermittelt, das sei nötig, um schön und modisch zu sein...

Naja, vermutlich bin ich in dieser Kollumne auch einfach falsch.