Das Ende einer Beziehung behalten beide Partner lange Zeit im Gedächtnis. © Filippo Monteforte / Getty

Beziehung Besser trennen

Warum tut die Liebe weh, wenn sie geht? Von

ZEITmagazin Nr. 49/2015

Die anderen räumen noch herum, als Thomas das Zimmer betritt. Er setzt sich schnell an den langen Tisch, Blick zur Tür, ein Mann mit reglosem Gesicht. Den Reißverschluss seines braunen Strickpullovers hat er bis unters Kinn gezogen, als wolle er sich darin verstecken.

An diesem Abend sind sie zu zehnt, fünf Frauen und fünf Männer. Jeden Dienstag treffen sie sich in Münster beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Ein Konferenzzimmer, grauer Teppich, Neonlicht. Ein kalter Raum, aber das hat noch niemanden gestört. Wer einmal hier war, kommt meistens wieder. Auf dem Tisch liegen zwei Zehnerpackungen Schokoriegel und eine 300-Gramm-Tafel "Nuss & Nougat", ohne Schokolade geht das hier nicht. Dazu gibt es Holunder-Limetten-Tee.

Sie sind eine Selbsthilfegruppe für Getrennte. Solche Gruppen gibt es praktisch in jeder größeren Stadt, aber zuhören darf man als Reporter normalerweise nicht. Trennungen bedeuten Leid, wer über eine Trennung spricht, gibt Intimes preis. Deshalb sind alle Namen hier geändert. Thomas ist gleich als Zweiter an der Reihe, sie reden immer reihum. Mit seinen 35 Jahren ist er heute der Jüngste hier, der Älteste ist schon über 70.

"Die Ereignisse überschlagen sich gerade", sagt Thomas, als wäre er atemlos. "Ich war gestern beim Notar. Das Haus ist verkauft."

"So schnell?", ruft eine ältere Frau. "Das geht ja turbo."

Vor drei Monaten war Thomas zum ersten Mal da, er war wütend und aufgewühlt. Er arbeitet als Installateur, mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt er in einer Vorortsiedlung. Er erzählte, dass er jahrelang an dem gemeinsamen Haus herumgewerkelt hat, die Gartenwege hat er selbst gepflastert. Dann, es war an einem Sommertag, sagte seine Frau plötzlich, dass sie sich trennen wolle – er hatte es kein bisschen kommen sehen. Ob es jemand anderen gebe, fragte er nur. Nein, sagte sie. "Es muss aber noch mehr geben im Leben." Sie ist ein paar Jahre jünger als er, seit zehn Jahren sind sie verheiratet.

Für die anderen ist Thomas der Neue, der interessante Fall. Die meisten hier sind um die 50, fast alle waren lange verheiratet. In dem Alter ist es nicht so leicht, noch einmal neu aufzubrechen, und sie wundern sich, dass ab und zu auch ganz Junge Hilfe suchen, wie die Studentin neulich, aber nach ein paar Wochen war sie wieder weg. Bei manchen ist die Krise schon Jahre her, und sie kommen immer noch. Sie haben hier Freunde gefunden oder wollen ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben, sagen sie. Thomas haben sie geraten, "die Wut loszulassen und verzeihen zu lernen". Aber eigentlich hat man den Eindruck, dass alle ziemlich ratlos sind, als wäre ausgerechnet das eigene Unglück am schwersten zu verstehen.

Liebe gilt als das große Lebensglück. Wenn der Partner der Richtige fürs ganze Leben sein soll und sich dann als der Falsche herausstellt, haben viele das Gefühl, in einen Abgrund zu fallen. Es heißt, eine Trennung nach längerer Zeit setze einem so zu wie sonst nur der Tod eines engen Angehörigen oder der Verlust des Jobs. Aber ist es wirklich so schlimm?

"Das Wochenende war wieder extrem", fährt Thomas fort. "Wenn ich meiner Frau über den Weg laufe, explodiert es. Und wenn ich allein bin, kocht es in mir hoch."

Thomas hat dann herausgefunden, dass seine Frau doch eine Affäre hat. Er hat es tatsächlich einfach geträumt. Sie leben mit ihren beiden Kindern in einem Doppelhaus, in der anderen Hälfte wohnt auch ein Paar, und Thomas träumte, dass es der Nachbar ist. Er hat dann seine Frau gefragt, sie stritt es nicht ab. Thomas mochte den Mann eigentlich ganz gern, sie waren vorher öfter mal ein Bier trinken. Aber jetzt ist es ihm unerträglich, dass sie alle unter einem Dach leben. "Wenn ich ihm über den Weg laufe, muss ich mich zusammenreißen, um ihm keine zu scheuern." Nach außen hin tun seine Frau und der Nachbar allerdings so, als sei alles wie immer, dessen Frau weiß es offenbar gar nicht, und auch Thomas will es nicht herumerzählen. In der Vorstadtsiedlung kursieren trotzdem Gerüchte. Thomas gefiel es in dieser Idylle, die ihm jetzt künstlich vorkommt – zu dem Bild gehörten ja auch seine Gehwegplatten. Jetzt regt es ihn auf, dass alle so tun, als wäre da eine heile Welt, obwohl es keine ist. Vielleicht war Thomas nur naiv und unerfahren.

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