Sexuelle Gewalt Chronik eines Skandals

© Reuters

In einer Kita in Mainz sollen Kinder andere sexuell gequält haben. Die Erzieherinnen wurden dafür verantwortlich gemacht. Doch was geschah wirklich? Von

ZEITmagazin Nr. 49/2015

Am 1. Juni 2015 bekommt Anna Gerkes* Leben einen Schlag. Ein Montag, morgens um acht. Anna Gerke ist gerade an ihrem Arbeitsplatz, der Kita Maria Königin in Mainz, angekommen. Sie arbeitet dort als Erzieherin, ihre fünfjährige Tochter geht in eine der Gruppen. Die Kollegin der Frühschicht drückt ihr einen Brief in die Hand. Er stammt von Silke Becker*, der Mutter zweier Jungen aus der Kita. Anna Gerke betreut den jüngeren der beiden. In dem Brief schreibt Silke Becker: "Tim* wurde laut seinen Angaben über mehrere Monate mehrmals täglich sexuell von anderen Kindern belästigt und gedemütigt. (...) Er musste sich nackt ausziehen, die Vorhaut zurückschieben, und danach wurde ihm auf die entblößte Eichel geschlagen. (...) Er musste zum Beispiel in der Puppenecke in die Puppentoilette pinkeln. (...) Die Täter-Kinder sagten, man verstehe ihn eh nicht, und sollte er doch etwas melden, sei er nicht mehr ihr Freund, und sie würden ihn mit einem Stein erschlagen." Auch ihr älterer Sohn sei belästigt und Zeuge geworden, "wie sein Bruder nackt gehauen wurde und wie einem Jungen Steckperlen in den Po eingeführt wurden". Auch sei ihr bekannt, dass die Erzieherinnen "bereits seit Ende 2014/Anfang 2015 von sexuellen Belästigungen bei einem anderen Kind wussten" – und nichts unternommen hätten.

Anna Gerke schießen Tränen in die Augen – an dem Morgen, als sie den Brief las, und auch während des Gesprächs mit dem ZEITmagazin, ein paar Wochen später. Sie sitzt in einem Gartenlokal in Mainz, an einem Tisch hinter Pflanzen, wo sie, wie sie hofft, keiner erkennen kann. Eigentlich wirkt sie sachlich und stark, als könnte sie, besonders für Kinder, ein Halt sein. Und als könnte sie jetzt, mit 39, in die Ruhe des mittleren Alters kommen. Wenn jener 1. Juni nicht alles verändert hätte.

So ging es aber nicht nur ihr, sondern fast 70 Kindern, deren Eltern, sieben Erziehern, einem Pfarrer, einem Vikar und möglicherweise einem Kardinal. Denn nach dem Brief von Silke Becker lief alles aus dem Ruder.

Am 15. Juni 2015 wird der Brief zu einer Schlagzeile in der überregionalen Ausgabe der Bild- Zeitung: Kinder missbrauchten Kinder: Ermittlungen in Horror-Kita. "Ausgerechnet hier, wo Eltern ihre Söhne und Töchter in liebevoller Obhut wähnten, erlebten die Kinder (drei bis sechs Jahre) einen unfassbaren Albtraum! (...) Über mehrere Monate haben Kinder andere Kinder geschlagen, mit Gegenständen vergewaltigt, bedroht und erpresst. Und die Kita-Betreuer wollen von alldem nichts mitbekommen haben!" Ein Vater habe von der kommissarischen Leiterin erfahren, "Stöcke seien in den Anus gesteckt worden".

Obwohl die Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt gerade erst begonnen haben, ist die Verurteilung durch die Öffentlichkeit in vollem Gang. Weit über Mainz hinaus fragen sich Menschen, wie so etwas Monströses passieren – und von Erzieherinnen zugelassen werden konnte. Es entsteht eine Mischung aus Mutmaßungen, Angst, Sensationslust und Hysterie.

Der katholische Kindergarten Maria Königin liegt in Mainz-Weisenau, einem Stadtteil am Rhein, einer Mischung aus Fischerdorf, Arbeitersiedlung und Villenvorort.

Als Anna Gerke an jenem Montag den Brief liest, ist sie geschockt. Sie habe nichts mitbekommen, sagt sie. Das hätte man doch sehen müssen: Urin in der Puppenecke! Oder hören: Schläge auf die Eichel, das tut schrecklich weh – da schreit ein Kind! Und warum hat die Mutter nicht mit ihr gesprochen? Sie konnten doch miteinander. Am Donnerstag zuvor habe Silke Becker um ein Gespräch gebeten, sei dann aber zum vereinbarten Termin nicht erschienen.

Von einem Fall hat Anna Gerke gehört: Da habe ein Junge einen Kratzer am Hoden gehabt und ein Attest darüber erhalten. Der Vater hatte wissen wollen, ob die Erzieherinnen etwas mitbekommen hätten. Nein, nichts. Na gut, habe der Vater gesagt, könnte auch zu Hause passiert sein. Die damals zuständige Kollegin habe die Mutter des Jungen dann noch mal nach dem Kratzer gefragt – aber die habe gesagt: "Alles okay." Und noch im Elterngespräch zwei Wochen vor dem 1. Juni habe es, sagt Anna Gerke, keine Beschwerden gegeben.

Die Erzieherinnen gehen an jenem Montagmorgen im Juni zum Pfarrer, auch er hat den Brief schon erhalten. Da erscheint um neun auch Silke Becker und wiederholt die Vorwürfe. Die Kita-Leitung hätte davon wissen müssen. Die Leiterin verneint das. Für den Abend ist eine Elternvertretersitzung anberaumt, zu den Themen Personalknappheit und Unruhe in der Kita. Dort, das vereinbaren alle, soll nun über die Vorwürfe der sexuellen Übergriffe gesprochen werden. Am Abend erscheinen Silke Becker und jene Mutter, deren Junge wegen der Kratzers am Hoden beim Arzt war, die beiden Mütter stehen in engem Kontakt. Außerdem sind anwesend der Pfarrer, der Vertreter des Trägers, die Leiterin der Kita. Und die Erzieherinnen, fünf Frauen und ein Mann – sie aber sollen draußen vor dem Versammlungsraum warten. Schließlich, erzählt Anna Gerke, wurde den Erzieherinnen ein Protokoll der Vorfälle vorgetragen, das in etwa mit dem Brief der Mutter übereinstimmte, und sie sollten dazu Stellung nehmen: Ob sie garantieren könnten, dass so etwas nicht wieder vorkomme?

Anna Gerke hält in ihrer Erzählung einen Augenblick inne. Dann sagt sie: "Wenn ich nicht sicher weiß, was passiert ist – wie kann ich dann garantieren, dass es nicht wieder passiert?" Mit einem Tuch wischt sie Tränen und Schweiß aus dem Gesicht. Es sei "ja nicht so, dass einem egal ist, was da passiert ist". Oder besser – passiert sei. Anna Gerke bringt selbst Indikativ und Konjunktiv durcheinander. Sie hat die Orientierung verloren.

Nach der Sitzung benachrichtigen die Erzieherinnen die Eltern telefonisch: dass die Kita diese Woche "wegen einer Krisensituation" geschlossen bleibe, die Eltern bekämen noch nähere Erklärungen. Am nächsten Tag informiert die Leiterin der Kita die Caritas, das Jugendamt, das Landesjugendamt und der Pfarrer seinen Dienstherrn, den Generalvikar des bischöflichen Ordinariats, Dietmar Giebelmann. Er ist in der Diözese Mainz für die Verwaltung verantwortlich. Auf seinen Wunsch sollen die Eltern der "Opfer"- und der "Täter"-Kinder zu einem Gespräch zusammenkommen. Silke Becker, die Mutter der "Opfer"-Kinder, hatte Anna Gerke sieben Namen von "Täter"-Kindern genannt. Bei einigen Namen hatte Gerke sich gewundert, das seien für sie "keine Wilden" gewesen. Silke Becker will aber auf keinen Fall mit den "Täter"-Eltern reden, diese sollen dem Gespräch fernbleiben. Es erscheinen also nur Silke Becker und zwei weitere Mütter, jene, die das ärztliche Attest vorgelegt hat, und die des Jungen, dem man laut Silke Beckers Brief "Steckis" in den Po eingeführt haben soll. "Steckis" nennen sie in der Kita Maria Königin die Perlen, die man in Schablonen stecken und dann zusammenbügeln kann.

55 Kommentare

Abgesehen von den wohl krankheitsbedingten Aktionen der "Opfermutter" und den üblichen Handlungsweisen eines kirchlichen Arbeitgebers, ist wohl die Vorgehensweise der größten deutschen Tageszeitung zu erwähnen. Dazu ein Zitat von Max Goldt, das auf den behandelten Sachverhalt passt wie der berühmte A... auf den Eimer:
"Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun."

Ein weiterer Missbrauchsfall, der nie passiert ist. Fälle wie diese beschädigen die Glaubwürdigkeit der Missbrauchsindustrie,
Wenn Kinder sich solche Fälle derart leicht einbilden und einreden lassen, obwohl es nie passiert ist, dann sollte man die Zahl der jährlich angezeigten Fälle mit großer Vorsicht betrachten. Eine Anzeige ist ja offensichtlich schnell gestellt.

Man sollte vielleicht den Artikel vollständig lesen:
"Da liest sie, was Silke Becker der Mutter mit dem Attest per WhatsApp-Message im Juni mitteilte: Was hier passiere, sei die Rache für Vorfälle aus ihrer eigenen Kindheit."

Das alles haben sich nicht die Kinder ausgedacht, sondern ein krankes, erwachsenes Gehirn.

Ja - der wichtigste ZEIT-Artikel ... seit Monaten!
Bei mir geht da auch die Erinnerung an den Coesfelder (auchin Borken!) S k an d a l um einen jungen, hilflosen Erzieher in einem Kindergarten aufe – dessen Schicksal dann positiv gelöst werden konnte, weil ein Holländer, ein Psychologe, den Skandal unter Jung-Erzieherinnen mit ihren Phantasien als H y s t e r i e auflösen könnte.

Das kann man noch guggeln:
http://www.focus.de/polit...

Aber übel die scheußlich-farbigen Quer- und Schrägbalken im Druck! Soll sich der Leser so be- oder erschlagen fühlen wie bei BLÖLD & SONSTIG?

Für den Text meinen DANK!

Ich meckere viel und gerne auf Zeit.de, gerade auch aufgrund der hier kritisierten Mechanismen. Dabei vergißt man schnell, wie hoch das Niveau und auch die Standards hier noch immer im Vergleich zu anderen Vertretern der Szene sind. Dieser Artikel hat mich daran erinnert, so gruselig faszinierend sein Inhalt sonst auch war.

"Wenn man die Kinder abholte, hätten die Erzieherinnen auf einem Treppchen gesessen und nicht wirklich Interesse gezeigt. Das geschieht täglich in vielen Kitas in Deutschland. Es ist nicht schön, aber als Grund für eine Kündigung oder eine Anzeige galt es bisher nicht. "

Tja und solange man so ein verantwortungsloses Verhalten dermaßen verharmlost, braucht man sich über solche Zustände nicht wundern.

Warum das Ganze?

"Da liest sie, was Silke Becker der Mutter mit dem Attest per WhatsApp-Message im Juni mitteilte: Was hier passiere, sei die Rache für Vorfälle aus ihrer eigenen Kindheit."

Das würde ich als verantwortungsloses Verhalten bezeichnen!

Und noch verantwortungsloser ist die Tatsache, dass diese Dame nicht zur Rechenschaft gezogen wird, sondern vermutlich in einem Frauenhaus oder anderen Gewaltschutzeinrichtungen "arbeiten" wird, sprich, sich rächen wird.

Das ist das eigentlich Tragische und Skandalöse in unserer Gesellschaft: Wir haben noch keine vernünftige Lösung für ein solches Verhalten, weil wir solchen Frauen zu schnell Glauben schenken.

Das ist die eigentliche Verantwortungslosigkeit!

diese horrorgeschichte ist ja nur eine weitere in der kette von fehlleistungen von justiz, jugendamt und gutachtern in deutschland wenn es um kindeswohl und angeblichen sexuellen mißbrauch geht.

anstatt immer neue storys mit gleichen inhalt aneinander zu reihen, sollte man mal den kern des problems angehen: sobald es ums vermeintliche kindeswohl geht, gilt in deutschland nicht mehr in dubio pro reo.

Eben, bei Polizeit, Psychologen ist alles erkennend gut sortiert und an-ständig erklärt worden.
Brüllende Aufregung bei diesem Kern des Themas ist wohl nicht sinnvoll, da in einigen Hundert Kindergärten das Zusammen-Spiel zwischen Kindern, Erzieherinnen und Eltern prima läuft.

@Antoninus
"Die kommissarische Leiterin, das erfährt Anna Gerke von Eltern aus der Kita, habe den Eltern den Brief Silke Beckers gezeigt und gesagt: "Das ist passiert. Monatelang. Die Erzieherinnen haben davon gewusst.""

Ihre Zuversicht möchte ich gerne teilen, allein mir fehlt der Glaube ... Hat die Polizei, oder Staatsanwaltschaft, oder irgend ein Psychologe der neuen, kommissarischen Leiterin, die Grundzüge eines Rechtstaates nicht erklären können?

In dubio pro reo und solange ein Verfahren noch läuft, hat man keinerlei Aussagen dazu zu treffen. Zu keinem Zeitpunkt aber haben Vorverurteilungen - und schon gar nicht gegen die eigene Berufsgruppe, also Erzieherinnen - eine Daseinsberechtigung.

Das "Kern des Themas" wurde im Artikel sehr gut ausgearbeitet und lautet: die "kopflose Lust an der Hysterie"!

Was da prima läuft, wird wohl Ihr Geheimnis bleiben.

Wie wäre diese Geschichte ausgegangen, wenn man den Kinder den Freiraum gegeben hätte zulernen, sich körperbeton gegen physische Gewalt wehrt? Wie, wenn man mit den Stärkeren die Pflicht zur körperliche Solitarität mit den Schwächeren einübt hätte?

"Wie, wenn man mit den Stärkeren die Pflicht zur körperliche Solitarität mit den Schwächeren einübt hätte?"

Wo denken Sie hin?
In dem jungen Alter könnte sich solidarisches Verhalten einwachsen.
Dadurch könten die eigenen Kinder später mal einen Nachteil im Wettbewerb haben.
Das Leben ist schließlich ein Wettlauf, oder?

/IronieOff

Welches Alter haben Kinder in Kitas eigentlich? Wie schwer fällt es diesen Erlebtes wörtlich wiederzugeben. Wie viel Abwehr fühlen diese überhaupt darüber zu sprechen, es sind Kinder die spielen wollen und nicht immer wieder Leid durchleben wollen. Welche verbale Macht haben Erwachsene dagegen. Wie stark wirken Einschüchterungsversuche? Es Bei mir bleibt ein ungutes Gefühl zurück und das betrifft nicht die Mitarbeiter*innen.

Klar ersichtlich hat das Bistum Mainz Probleme mit seiner Informationspolitik:
Erst nachdem eine Journalistin den diözesanen Elternbrief an die Presse gibt, wird das Bistum aktiv und unterrichtet die Staatsanwaltschaft.

Und über das Verfahren gegen den Pfarrer wird die Öffentlichkeit erst am 26.11. informiert, der nicht beurlaubt wurde, bis das Endergebnis fest stand.

Übrigens hatten die Erzieherinnen schon 2014 über ihre Überlastung dem Bistum berichtet....

Es gibt derzeit einen zweiten Vorfall in Mainz: Katholische Kita Pfungstadt.
Dazu hieß es in einer Presseerklärung des Bistums am 11.08. es gebe "niederschwellige sexuellen Belästigungen an 2 Mädchen", an der "Untergrenze zur Strafbarkeit"

Heute hieß es:" ...Der beschuldigte Mann werde wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch in neun Fällen(habe sechs Mädchen im Alter von vier bis sieben Jahren beim Umziehen im Genitalbereich berührt) und des Besitzes kinderpornographischer Schriften vor dem Amtsgericht Darmstadt angeklagt..." http://www.main-echo.de/r...

Eine Stellungnahme auf der Seite des Bistums gibt es dazu derzeit nicht.

Als Erzieherinnen habe ich nie geglaubt, dass ein Erzieherteam in dem Maß seine Aufsichtspflicht vernachlässigt hat, wie es den Erziehern vorgeworfen wurde. Es ist erschreckend, wie wenig Respekts den Erzieherinnen von Arbeitgeberseite entgegeggebracht wurde. Natürlich war es das Recht der Erzieherinnen, zu schweigen. Damit haben sie den Kindern nicht geschadet. Hätten sich die Erzieherinnen - emotional stark belastet - etwa in Befragungen in Widersprüche verstricken sollen? Nicht grundlos erwarten Anwälte von ihren Mandanten, dass sie schweigen.
Manche Eltern sollten sich einfach einmal vorstellen, was in ihnen vorgehen würde, wenn Nachbarn sie unverhofft des sexuellen Missbrauchs der eigenen Kinder beschuldigen würden.

Von den Verleumdern der Erzieherinnen, den hysterischen Arbeitgebern und auch den einflüsternden Eltern sollte Rechenschaft verlangt werden. Sie sollten ansatzweise in die existenzbedrohende bzw. vernichtende Situation gebracht werden, in die sie die Erzieherinnen durch leichtfertiges Geplapper und völlige Verantwortungslosigkeit gebracht haben. Haben nicht die Chefs gezeigt, dass sie unfähig sind, Führungspositionen innezuhaben? Haben nicht die Eltern gezeigt, dass sie ihrer Erzieherrolle in keinster Weise gerecht werden. Aber sie mach so weiter wie bisher. Unverständlich.

und welcher shitstorm wäre ergangen wenn sich der Arbeitgeber hinter seine Angestellten gestellt hätte?
Welche soziale Ausgrenzung hätte die Eltern getroffen, die sich hinter die Erzieherinnen gestellt hätten?

Die Verleumder sollten zur Rechenschaft gezogen werden, darin stimme ich ihnen zu - allerdings juristische Rechenschaft und nicht alttestamentarisch. Was aber ist mit der Presse und unseren wohl abwägenden Journalisten, was mit dem gegenseitigen Aufhetzen, dem böswiligen Weitertragen unter den Eltern, "Freunden" und Bekannten - wie belangen sie diese?

Es wäre gar nichts passiert.

Ich habe das erlebt mit meiner Tochter 1995. Zu Zeiten des "Wormser Falles", wohlgemerkt. Die Vorkommnisse waren genau die im Artikel geschilderten. Inzwischen weiß ich, dass diese Aktionen häufig vorkommen bei Kindern dieses Alters und die ErzieherInnen das auch wissen.

Die Reaktion des Trägers (ev. Kirche, vertreten durch den Pfarrer) und der betroffenen Erzieherinnen: ich solle mir gut überlegen, ob ich diese Vorfälle publik machen solle, ich hätte alle Eltern gegen mich (es waren 90 % der Mädchen dieser Gruppe betroffen und die Mütter wussten das!!!), denn dann würde der KiGa (der größte im Ort) schließen müssen. Und letztlich seien die beiden Jungs, die das taten ja auch Kinder. Um diese müsse man sich ganz besonders kümmern, denn die hätten offensichtlich nicht so engagierte Eltern wie meine Tochter (der eine war Arzt-Sohn, der andere kam aus prekären Verhältnissen). Es stünde mir frei, meine Tochter aus dem KiGa zu nehmen.

Genau den Gefallen tat ich der Bagage nicht. Ich habe sogar meine zweite Tochter in den KiGa gebracht und war mindestens einmal in der Woche vor Ort und habe genau geprüft, ob denn die Örtlichkeiten (hohe Hecken, tiefes Gebüsch) nun gelichtet und auf Kniehöhe gestutzt waren und wie lange die Kinder während des "freien Spiels" unbeaufsichtigt waren, wärend die Erzieherinnen in der Sonne sassen und tratschten. Und glauben Sie mir, genau so war es und genau das taten diese Erzieherinnen.

Was passiert wäre, wenn man die Erzieherinnen erst einmal unter voller Bezahlung freigestellt hätte? Vermutlich nichts, das klingt nach einer vernünfitgen Maßnahme. Schon gar nichts, was die katholische Kirche erschüttern könnte. Mit etwas Abstand hätte sich dann schon eine Lösung gefunden. Wohl nicht in der selben Kita, aber zumindest hätte man ein Arbeitszeugnis ausstellen können, dass eine Bewerbung wo anders möglich macht.

"Genau den Gefallen tat ich der Bagage nicht. Ich habe sogar meine zweite Tochter in den KiGa gebracht"

Sie haben Ihre Kinder also von Menschen betreuen lassen, an die Sie 'konkrete Vorwürfe' hatten und denen Sie nicht vertraut haben, weil Sie dieser 'Bagage' keinen 'Gefallen' tun wollten?
Nun gut, man muss ja nicht alles verstehen ...

Ich bin selbst (gelernte) Erzieherin. Eine meiner Anleiterinnnen aus der Ausbildung sagte mir einmal: "Über die Verantwortung darf man eigentlich nicht nachdenken. Man steht quasi immer mit einem Bein im Gefängnis."

Wie gut kenne ich beschriebene Überlastungssituationen wegen akutem Personalmangel. Anrufe beim Träger mit der Mitteilung, man bemühe sich, könne aber heute die Sicherheit der Kinder *nicht* mehr gewährleisten, wurden dann vom Träger immerhin "zur Kenntnis" genommen.

Glücklicherweise - ja, es war "Glück"! - ist nie etwas passiert.
Aber was will man akut machen? Kinder sind keine Akten, die liegenbleiben können.

Sicher scheinen hier Fehler gemacht worden sein, aber umso bedauerlicher ist dieser Fall: Zerrieben zwischen Eltern, Kindern, Träger, Medien und Öffentlichkeit gibt es fast nur Verlierer. Bis auf die Bild-Zeitung. Und wie widerlich und aufdringlich diese Vertreter sind, habe ich inzwischen auch selbst mitbekommen, als in unserer Stadt vor einiger Zeit einen "aufsehenerregenden" Zwischenfall gab. Da wurde von den Medienvertretern (RTL, Bild und Co.) das Opfer massivst bedrängt und tagelang das Haus umstellt.

"Es entsteht eine Mischung aus Mutmaßungen, Angst, Sensationslust und Hysterie. "

Und Qualitätsjournalismus wäre, dem entgegenzuwirken, nüchtern zu bleiben, sachlich, nur Fundiertes, Wahres auch so zu präsentieren. Da ist diese Zeitung (wenngleich es schlimmer immer geht) leider auch nicht immer gefeit. Manchmal scheint der Hysteriedampfer doch zu verlockend - und man heuert an.

"Qualitätsjournalismus" wäre über soetwas ÜBERHAUPTNICHT zu berichten. Das sind nämlich keine Nachrichten. Das ist das literarische Unfallgaffen auf der Autobahn. Das Leid anderer (oder auch der Tod) bringt niemanden weiter oder zu einem echten Informationsgewinn. Solche Fälle sollen von Fachkundigen Menschen aufgeklärt werden und nicht von kaptialitischen Motiven (denen jede Zeitung unterliegt) vor völlig Fremden breitgetreten werden. Ich finde soetwas einfach nur ekelhaft.

Was sollen besorgte Eltern da denken?
Diese Frau Gerke hat absolut keinen Versuch unternommen, den Vorwurf zu klären. Stattdessen trotzig: Solange sie nicht weiß, was geschehen ist, kann sie auch nicht garantieren, dass es künftig nicht mehr vorkommt.
Vorurteile hin oder her, an dieser Stelle wäre mein Kind raus aus dieser Kita. Basta!
Es kann doch von den Erzieherinnen nicht zu viel verlangt sein, dass sie nach diesen Vorwürfen umgehend mit den angeblichen Opfer- wie den Täterkindern sprechen und zumindest grob in Erfahrung bringt, was da wirklich war.
Das geschilderte Bild der Kita schwankt zwischen heiler Welt und unbeherrschbarem Chaos aus Überforderung mit Kündigungsgedanken. Scheinbar hat man sich ein paar Kinder herausgesucht, mit denen man noch konnte und den Rest sich selbst überlassen, auch nicht wirklich vertrauenserweckend. Unabhängig von dem Vorfall hat diese Schlamperei ein verdientes Ende gefunden.

"Diese Frau Gerke hat absolut keinen Versuch unternommen, den Vorwurf zu klären. Stattdessen trotzig: Solange sie nicht weiß, was geschehen ist, kann sie auch nicht garantieren, dass es künftig nicht mehr vorkommt."

Doch.
Sie hat hanebüchene Dinge vorgeworfen bekommen und gesagt, dass sie davon nichts weiß. Mehr hätte ich dazu auch nicht gesagt, denn das genügt völlig. "Ich habe von keinem dieser Vorgänge irgendeine Kenntnis, weder unmittelbar noch mittelbar" ist eine klare Aussage, die nicht weiter erläutert werden muss.

Äh, was genau sollte die Frau denn da tun?
Mit allen Kindern darüber reden und selbst ermitteln? Genau dafür ist sie absolut nicht qualifiziert. Sie hätte selbst die Staatsanwaltschaft einschalten können, aber das wäre eigentlich Aufgabe ihrer Vorgesetzten gewesen.
Wenn man aus dem Nichts mit solchen Vorwürfen konfrontiert wird, kann man selbst praktisch nichts tun.

Ich habe mit einem Schlag begriffen wie vor 400 Jahren Hexenanklagen zustande kamen, dort dann mit oftmals tödlichen Ausgang.
Und Lynchaufforderungen im Netz sind m. E. die Entsprechung dazu.
Krank! Einfach nur krank!
Und die "Medien" ?
Verfahren inzwischen oftmals nach dem alten Prinzip:
Erst hängen, dann nachfragen, wenn unschuldig dann entschuldigen

Grausig. Wirklich grausig, was eine ungesunde Mischung aus Hysterie, Rachsucht und Protektionismus anstellen kann.
Man kann sich nur wünschen, das allseitig wieder Bedacht einkehrt. Aber das muss man wohl erst wieder lernen.
Wobei... Bedacht war früher auch nur eine Art aufgezwungene Illusion, bedingt durch die Langsamkeit der Medien. Also: Bedacht ÜBERHAUPT erst lernen.
Für die Presse (AUCH Bild) wäre es angemessen, bei all solchen Fällen von selbst auf Clicks zu verzichten und zu warten, bis die Polizei fundierte Ermittlungsergebnisse vorlegen kann. Um auch Fällen von Denunziation vorzubeugen (was dieser ist).

Danke für den Artikel! Das sind die Mechanismen der Mediendemokratie. Ab dem Zeitpunkt, in dem Brief an die Öffentlichkeit gegangen ist und die erste Zeitung ihre Skandalschlagzeile hatte - gab es da noch einen Ausweg?

- Die Kirche prescht nach vorne: Irgendwie verständlich im Falle von etwas, was nach Kindesmissbrauch klingt. Die wissen genau, wie die Schlagzeilen aussehen, wenn sie sich schützend vor die Erzieher stellen.
- die anderen Eltern: sind selbst unsicher und wissen nicht was stimmt. Und selbst, wenn sie es für Blödsinn hielten - da geht doch keiner in die Öffentlichkeit und wirft sich der Meute freiwillig dem Fraß vor

Da gab es für die Erzieher kein Entkommen. An die journalistische Ethik zu appelieren, ist vermutlich zwecklos. Gut, dass die Justiz sich hier nicht treiben ließ.

>>"Der Vorsitzende Richter begann sein Urteil mit dem Satz: "Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben." Und: "Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende geht, haben wir uns zu entschuldigen." Es war jene Zeit, als sexueller Missbrauch erstmals breit thematisiert wurde. Was zu Aufklärung – aber eben auch zu verheerenden Vorverurteilungen führen konnte."

Hübsch formuliert. Wer dazu mehr wissen will, sollte die SPIEGEL-Artikel von Frau Friedrichsen aus den 1990er Jahren lesen, wofür sie heftig aus dem feministischen Spektrum kritisiert wurde.

Diese "Vorverurteilungen" waren kein "Versehen" oder "Übersteuern", es war gezielte feministische Hetze die Menschen wie Ute Plass dazu bewegte ganz gezielt und manipulativ Familien zu zerstören und Erzieher in den Knast zu bringen.

Es wurden sogar Turnhallenböden aufgerissen, weil im feministischen Wahn darunter geheime Tunnel der Kinderschänder vermutet wurden. Diese Zeit ist eine Mahnung wie wichtig die Unschuldsvermutung ist...

Die Folgen dieses feministischen Furors merken wir noch heute, insbesondere Männer in KiTas, die ihre Jobs kündigen wegen der Verdächtigungen kündigen müssen, darüber spricht keiner...

Bitte unterscheiden Sie zwischen Feminismus und Sexismus (Männern gegenüber)

Feminismus, der: "Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt"

>>"Bitte unterscheiden Sie zwischen Feminismus und Sexismus (Männern gegenüber)"

Nach feministischer Nomenklatur kann es gar keinen Sexismus gegen Männer geben, da Männer qua Geburt zur priviligierten Klasse angehören.

Was machen wir jetzt?

:-)

>>"Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend"

Uhhh...this is soooo equal.... :-)

Danke für den Bericht - es ist ja nicht das erste Mal, daß überreagiert wurde, als der Verdacht des sexuellen Mißbrauchs aufkam.
Natürlich muß dieser verfolgt werden, es wäre ein Unding, hier zu verharmlosen - aber auch im Interesse der Kinder, der Eltern, der Erzieher ist es sicherlich kontraproduktiv, mit unbewiesenen Verdächtigungen an die Öffentlichkeit zu gehen.
[...]
Man wünscht sich, daß mehr der gesunde Menschenverstand zum Tragen kommt als aufgewühlte Emotionen.

Gekürzt. Bitte sehen Sie von Bemerkungen ab, die als Drohungen aufgefasst werden können. Danke. Die Redaktion/dd

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