Sexuelle Gewalt Chronik eines Skandals

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In einer Kita in Mainz sollen Kinder andere sexuell gequält haben. Die Erzieherinnen wurden dafür verantwortlich gemacht. Doch was geschah wirklich? Von
ZEITmagazin Nr. 49/2015

Am 1. Juni 2015 bekommt Anna Gerkes* Leben einen Schlag. Ein Montag, morgens um acht. Anna Gerke ist gerade an ihrem Arbeitsplatz, der Kita Maria Königin in Mainz, angekommen. Sie arbeitet dort als Erzieherin, ihre fünfjährige Tochter geht in eine der Gruppen. Die Kollegin der Frühschicht drückt ihr einen Brief in die Hand. Er stammt von Silke Becker*, der Mutter zweier Jungen aus der Kita. Anna Gerke betreut den jüngeren der beiden. In dem Brief schreibt Silke Becker: "Tim* wurde laut seinen Angaben über mehrere Monate mehrmals täglich sexuell von anderen Kindern belästigt und gedemütigt. (...) Er musste sich nackt ausziehen, die Vorhaut zurückschieben, und danach wurde ihm auf die entblößte Eichel geschlagen. (...) Er musste zum Beispiel in der Puppenecke in die Puppentoilette pinkeln. (...) Die Täter-Kinder sagten, man verstehe ihn eh nicht, und sollte er doch etwas melden, sei er nicht mehr ihr Freund, und sie würden ihn mit einem Stein erschlagen." Auch ihr älterer Sohn sei belästigt und Zeuge geworden, "wie sein Bruder nackt gehauen wurde und wie einem Jungen Steckperlen in den Po eingeführt wurden". Auch sei ihr bekannt, dass die Erzieherinnen "bereits seit Ende 2014/Anfang 2015 von sexuellen Belästigungen bei einem anderen Kind wussten" – und nichts unternommen hätten.

Anna Gerke schießen Tränen in die Augen – an dem Morgen, als sie den Brief las, und auch während des Gesprächs mit dem ZEITmagazin, ein paar Wochen später. Sie sitzt in einem Gartenlokal in Mainz, an einem Tisch hinter Pflanzen, wo sie, wie sie hofft, keiner erkennen kann. Eigentlich wirkt sie sachlich und stark, als könnte sie, besonders für Kinder, ein Halt sein. Und als könnte sie jetzt, mit 39, in die Ruhe des mittleren Alters kommen. Wenn jener 1. Juni nicht alles verändert hätte.

So ging es aber nicht nur ihr, sondern fast 70 Kindern, deren Eltern, sieben Erziehern, einem Pfarrer, einem Vikar und möglicherweise einem Kardinal. Denn nach dem Brief von Silke Becker lief alles aus dem Ruder.

Am 15. Juni 2015 wird der Brief zu einer Schlagzeile in der überregionalen Ausgabe der Bild- Zeitung: Kinder missbrauchten Kinder: Ermittlungen in Horror-Kita. "Ausgerechnet hier, wo Eltern ihre Söhne und Töchter in liebevoller Obhut wähnten, erlebten die Kinder (drei bis sechs Jahre) einen unfassbaren Albtraum! (...) Über mehrere Monate haben Kinder andere Kinder geschlagen, mit Gegenständen vergewaltigt, bedroht und erpresst. Und die Kita-Betreuer wollen von alldem nichts mitbekommen haben!" Ein Vater habe von der kommissarischen Leiterin erfahren, "Stöcke seien in den Anus gesteckt worden".

Obwohl die Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt gerade erst begonnen haben, ist die Verurteilung durch die Öffentlichkeit in vollem Gang. Weit über Mainz hinaus fragen sich Menschen, wie so etwas Monströses passieren – und von Erzieherinnen zugelassen werden konnte. Es entsteht eine Mischung aus Mutmaßungen, Angst, Sensationslust und Hysterie.

Der katholische Kindergarten Maria Königin liegt in Mainz-Weisenau, einem Stadtteil am Rhein, einer Mischung aus Fischerdorf, Arbeitersiedlung und Villenvorort.

Als Anna Gerke an jenem Montag den Brief liest, ist sie geschockt. Sie habe nichts mitbekommen, sagt sie. Das hätte man doch sehen müssen: Urin in der Puppenecke! Oder hören: Schläge auf die Eichel, das tut schrecklich weh – da schreit ein Kind! Und warum hat die Mutter nicht mit ihr gesprochen? Sie konnten doch miteinander. Am Donnerstag zuvor habe Silke Becker um ein Gespräch gebeten, sei dann aber zum vereinbarten Termin nicht erschienen.

Von einem Fall hat Anna Gerke gehört: Da habe ein Junge einen Kratzer am Hoden gehabt und ein Attest darüber erhalten. Der Vater hatte wissen wollen, ob die Erzieherinnen etwas mitbekommen hätten. Nein, nichts. Na gut, habe der Vater gesagt, könnte auch zu Hause passiert sein. Die damals zuständige Kollegin habe die Mutter des Jungen dann noch mal nach dem Kratzer gefragt – aber die habe gesagt: "Alles okay." Und noch im Elterngespräch zwei Wochen vor dem 1. Juni habe es, sagt Anna Gerke, keine Beschwerden gegeben.

Die Erzieherinnen gehen an jenem Montagmorgen im Juni zum Pfarrer, auch er hat den Brief schon erhalten. Da erscheint um neun auch Silke Becker und wiederholt die Vorwürfe. Die Kita-Leitung hätte davon wissen müssen. Die Leiterin verneint das. Für den Abend ist eine Elternvertretersitzung anberaumt, zu den Themen Personalknappheit und Unruhe in der Kita. Dort, das vereinbaren alle, soll nun über die Vorwürfe der sexuellen Übergriffe gesprochen werden. Am Abend erscheinen Silke Becker und jene Mutter, deren Junge wegen der Kratzers am Hoden beim Arzt war, die beiden Mütter stehen in engem Kontakt. Außerdem sind anwesend der Pfarrer, der Vertreter des Trägers, die Leiterin der Kita. Und die Erzieherinnen, fünf Frauen und ein Mann – sie aber sollen draußen vor dem Versammlungsraum warten. Schließlich, erzählt Anna Gerke, wurde den Erzieherinnen ein Protokoll der Vorfälle vorgetragen, das in etwa mit dem Brief der Mutter übereinstimmte, und sie sollten dazu Stellung nehmen: Ob sie garantieren könnten, dass so etwas nicht wieder vorkomme?

Anna Gerke hält in ihrer Erzählung einen Augenblick inne. Dann sagt sie: "Wenn ich nicht sicher weiß, was passiert ist – wie kann ich dann garantieren, dass es nicht wieder passiert?" Mit einem Tuch wischt sie Tränen und Schweiß aus dem Gesicht. Es sei "ja nicht so, dass einem egal ist, was da passiert ist". Oder besser – passiert sei. Anna Gerke bringt selbst Indikativ und Konjunktiv durcheinander. Sie hat die Orientierung verloren.

Nach der Sitzung benachrichtigen die Erzieherinnen die Eltern telefonisch: dass die Kita diese Woche "wegen einer Krisensituation" geschlossen bleibe, die Eltern bekämen noch nähere Erklärungen. Am nächsten Tag informiert die Leiterin der Kita die Caritas, das Jugendamt, das Landesjugendamt und der Pfarrer seinen Dienstherrn, den Generalvikar des bischöflichen Ordinariats, Dietmar Giebelmann. Er ist in der Diözese Mainz für die Verwaltung verantwortlich. Auf seinen Wunsch sollen die Eltern der "Opfer"- und der "Täter"-Kinder zu einem Gespräch zusammenkommen. Silke Becker, die Mutter der "Opfer"-Kinder, hatte Anna Gerke sieben Namen von "Täter"-Kindern genannt. Bei einigen Namen hatte Gerke sich gewundert, das seien für sie "keine Wilden" gewesen. Silke Becker will aber auf keinen Fall mit den "Täter"-Eltern reden, diese sollen dem Gespräch fernbleiben. Es erscheinen also nur Silke Becker und zwei weitere Mütter, jene, die das ärztliche Attest vorgelegt hat, und die des Jungen, dem man laut Silke Beckers Brief "Steckis" in den Po eingeführt haben soll. "Steckis" nennen sie in der Kita Maria Königin die Perlen, die man in Schablonen stecken und dann zusammenbügeln kann.

Kommentare

53 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Danke für den Bericht - es ist ja nicht das erste Mal, daß überreagiert wurde, als der Verdacht des sexuellen Mißbrauchs aufkam.
Natürlich muß dieser verfolgt werden, es wäre ein Unding, hier zu verharmlosen - aber auch im Interesse der Kinder, der Eltern, der Erzieher ist es sicherlich kontraproduktiv, mit unbewiesenen Verdächtigungen an die Öffentlichkeit zu gehen.
[...]
Man wünscht sich, daß mehr der gesunde Menschenverstand zum Tragen kommt als aufgewühlte Emotionen.

Gekürzt. Bitte sehen Sie von Bemerkungen ab, die als Drohungen aufgefasst werden können. Danke. Die Redaktion/dd

>>"Der Vorsitzende Richter begann sein Urteil mit dem Satz: "Den Wormser Massenmissbrauch hat es nie gegeben." Und: "Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende geht, haben wir uns zu entschuldigen." Es war jene Zeit, als sexueller Missbrauch erstmals breit thematisiert wurde. Was zu Aufklärung – aber eben auch zu verheerenden Vorverurteilungen führen konnte."

Hübsch formuliert. Wer dazu mehr wissen will, sollte die SPIEGEL-Artikel von Frau Friedrichsen aus den 1990er Jahren lesen, wofür sie heftig aus dem feministischen Spektrum kritisiert wurde.

Diese "Vorverurteilungen" waren kein "Versehen" oder "Übersteuern", es war gezielte feministische Hetze die Menschen wie Ute Plass dazu bewegte ganz gezielt und manipulativ Familien zu zerstören und Erzieher in den Knast zu bringen.

Es wurden sogar Turnhallenböden aufgerissen, weil im feministischen Wahn darunter geheime Tunnel der Kinderschänder vermutet wurden. Diese Zeit ist eine Mahnung wie wichtig die Unschuldsvermutung ist...

Die Folgen dieses feministischen Furors merken wir noch heute, insbesondere Männer in KiTas, die ihre Jobs kündigen wegen der Verdächtigungen kündigen müssen, darüber spricht keiner...

Danke für den Artikel! Das sind die Mechanismen der Mediendemokratie. Ab dem Zeitpunkt, in dem Brief an die Öffentlichkeit gegangen ist und die erste Zeitung ihre Skandalschlagzeile hatte - gab es da noch einen Ausweg?

- Die Kirche prescht nach vorne: Irgendwie verständlich im Falle von etwas, was nach Kindesmissbrauch klingt. Die wissen genau, wie die Schlagzeilen aussehen, wenn sie sich schützend vor die Erzieher stellen.
- die anderen Eltern: sind selbst unsicher und wissen nicht was stimmt. Und selbst, wenn sie es für Blödsinn hielten - da geht doch keiner in die Öffentlichkeit und wirft sich der Meute freiwillig dem Fraß vor

Da gab es für die Erzieher kein Entkommen. An die journalistische Ethik zu appelieren, ist vermutlich zwecklos. Gut, dass die Justiz sich hier nicht treiben ließ.