© Moritz von Uslar

Berlin-Lichtenberg Morgens halb zehn in Deutschland

Unser Reporter Moritz von Uslar berichtet in dieser Kolumne aus dem deutschen Alltag. Folge 10: Was suchen plötzlich alle in dem Berliner Plattenbau-Bezirk Lichtenberg? Von
ZEITmagazin Nr. 50/2015

Es war ein Novembertag – drei Grad, Nieselregen, kein Licht –, an dem der Reporter sich morgens um acht auf den Weg machte, der Milchkaffee-Hölle von Berlin-Mitte mit der Straßenbahn Richtung Osten zu entkommen.

Das Ziel: Lichtenberg, der Berliner Bezirk, von dem jetzt alle reden. In Berlin gibt es ja das schöne Spiel, dass sich junge Familien und das junge Nachtlebenvolk, das aus ganz Europa zuzieht, einmal im Jahr einen neuen Bezirk ausdenken, in dem alles besser wird – zuletzt waren es Neukölln und der Wedding, und jetzt ist eben Lichtenberg dran. Irre. Man muss dazu wissen, dass Lichtenberg doch ein ganz schönes Stück weit draußen liegt, mit der Straßenbahn M8 oder mit der U-Bahn 5 sind es zwanzig Minuten. Bis vor wenigen Jahren hatte Lichtenberg, das weite Land der Plattenbauten (es gibt angeblich auch irgendwo einige Gründerzeithäuser), vor allem einen Ruf als Rentner-, Stasi- und Neonazibezirk. Mittlerweile sind die Nazis weiter nach Hohenschönhausen gezogen und die Bioläden und Vegane-Burger-Lokale eingezogen, in Lichtenberg herrscht Bauboom, noch vor Mitte und Neukölln gibt es hier die höchsten Mietanstiege. Wir sind zu einem sehr speziellen Teil dieses speziellen Stadtteils unterwegs, zum Gewerbegebiet in der Herzbergstraße, einer Industriebrache, dem größten innerstädtischen Industriekomplex Berlins. Und hoffen – ach, du ewige Berlin-Romantik –, hier etwas zu finden, das es in Berlin-Mitte so nicht gibt.

Das perfekte Wetter für eine kaputte Industriestraße: der Nieselregen. Der Reporter läuft die fünfhundert Meter von der Vulkanstraße (Plattenbauten) bis zur Siegfriedstraße (Plattenbauten) einmal rauf und wieder runter. Sofort enorm angenehme Gefühle. Warum? Es ist so schön unklar, was hier passiert.

Grobe Koordinaten: Es gibt auf der Herzbergstraße die klassischen zerschossenen Industriebacksteinbauten aus dem 19. Jahrhundert (zersprungene Fensterscheiben, mit Brettern vernagelte Türen). Es gibt ganze Zeilen dunkler und verlassener Mietskasernen. Es gibt eine Jet-Tankstelle und zahlreiche mit der Bau- oder Autoindustrie verbundene Firmen (Leko Automobile, Alba Metall Nord GmbH, Narva Lichtprodukte, Eggert Lifttechnik, Universal-Verpackungsmittel GmbH, die Abrissfirma Kaneloos). Es gibt einen Alt-Berliner Imbiss, der Bockwurst, Brot und Tasse Kaffee für 1,99 Euro im Angebot hat. Es gibt einen sehr schönen Handymast der Telekom, der wie ein kleiner Funkturm aussieht und alle Häuser der Straße überragt. Geiler Anblick: Da wirft ein Bagger der Alba Metall Nord GmbH eine Autokarosserie durch die Luft, sie landet bei den anderen Autokarosserien. Das schöne verblichene Wort "Gebrauchsmaschinenzentrum". Da hat das Bundesministerium für Umwelt ein Plakat aufgestellt mit einem schaukelnden Kind und dem Slogan "Städte werden nicht langweilig, solange es Neuanfänge gibt. Wir unterstützen den sozialen Wohnungsbau" .

Die signifikantesten Punkte der Herzbergstraße sind die beiden Eingänge zum Dong Xuan Center, dem größten Asiamarkt Europas. Es sind acht große Hallen mit der Aufschrift "Großhandel", sie liegen auf der Fläche des ehemaligen VEB Elektrokohle. Hinter der Großbrache mit den Hallen erheben sich – grandioser Anblick, man möchte gleich wieder einen gut depressiven So-gut-ist-der-kaputte-Osten-alt-geworden-Film drehen – die zwei graubraunen Türme des VEB Elektrokohle in den Himmel. Die Türme haben der Architekt Arno Brandlhuber und der Filmemacher Christopher Roth erstanden, sie wollen hier Ateliers einrichten. Überhaupt ist die Kunst natürlich längst in der romantischen Industriebrachen- und Gewerbegegend Herzbergstraße angekommen: Auf einem Hof, auf dem ein Autolackierzentrum und ein Reifendienst residieren, ist der Unternehmer Axel Haubrok mit seiner Sammlung eingezogen. Hier stellen heute die sehr bekannten Konzeptkünstler Phil Collins, Martin Creed, Ed Ruscha, Isa Genzken und Santiago Sierra aus. Weiter die Straße runter: Das Backsteingebäude einer ehemaligen Margarinefabrik heißt heute Kunsthalle HB55, hier arbeitet ein Kollektiv aus Bildhauern, Designern, Malern, Architekten. Ein goldbraun schimmerndes Bürogebäude aus DDR-Zeiten fungiert als Berlins zentrale Adresse für Proberäume von Bands und Musikern.

Nur stehen und gucken tut auf der Herzbergstraße gut. Woher kommen die Frische, Leichtigkeit, ja das Aufbruchsgefühl, die der Mitte-Mensch hier verspürt? Einfache Erklärung: Der Industriepark steht unter Gebietsschutz. Das Gewerbegebiet soll ein Gewerbegebiet bleiben, es dürfen keine neuen Mietverträge vergeben werden, es gibt keine Bars und Restaurants. Konkret bedeutet das, dass in der Herzbergstraße all das nicht stattfindet, wofür Berlin international bekannt ist: billiges Wohnen, Bars, Nachtleben, Kultur. Gute Erfahrung: Es kann für das frische Denken gut sein, wenn es mal keinen perfekt gemachten Soja-Latte-macchiato gibt.

Eintritt in Halle 3 des Dong Xuan Center: Das ist schnell klar, dass das kein Großhandel, sondern ein ganz normaler Einzelhandel ist. Wichtige Branchen sind Friseure, Tätowierer und American-Nail-Studios. Es gibt alles zu kaufen, was rosa, mit Glitzer und nicht teurer als zwanzig Euro ist. Wunderbarer Plunder: Plastikblumen, Wollknäuel, Handtaschen für zehn Euro, Strandtücher mit den Motiven Mickey Mouse und Bengalischer Tiger. Ein Laden verkauft Kosmetikstühle für Beautysalons. Es drängen sich im Gang, von dem die Einkaufsboxen abgehen, Vietnamesen, Chinesen, Pakistaner, Inder, aber auch der Lichtenberger, der auf seine Ausgaben achten muss. Das Restaurant, das es in jeder der acht Hallen gibt, ist offiziell die Kantine. Fast schon ein wenig zu sinnbildlich und deutlich stellen die riesigen Hallen des Dong Xuan Center den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und das Vordrängen der asiatischen Märkte in Europa dar.

Kaffeechen am Kiosk. Der Besitzer Herr Weber, er führt den Imbiss seit 25 Jahren, kann von ganz früher erzählen: Im VEB Elektrokohle arbeitete in den fünfziger Jahren der DDR-Heilige und Held der Arbeit Hans Garbe am Ringofen, Heiner Müller hat ihm sein Stück Der Lohndrücker gewidmet. Interessanter Punkt: Im verfallenen Backsteinbau, der dem Reporter so gut gefällt, fanden früher Kulturveranstaltungen der DDR-Arbeiterschaft statt, heute sind Kulturveranstaltungen im Industriepark Herzbergstraße verboten. Da kommt, lustiger Anblick, Christian Mevs, der Gitarrist der Hamburger Punkband Slime, auf dem Fahrrad angefahren. Er sucht hier, natürlich, eine Wohnung.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Berlin ist immer hochinteressant, da wo das Geld mit beiden Armen aus dem Fenster geschmissen wird. Aber Berlin ist auch immer hochinteressant, wo die Kohle von Bundessteuer oder auch die Investitionen von denjenigen Unternehmen, die ganz vorn mit dabei sein wollen, nicht hinfallen. Frage: Gibt es eigentlich keine andere Stadt in Deutschland, die etwas Interessantes zu bieten hat? Irgendwann ist man ganz einfach im Bilde über das Schicksal der ehemaligen Konsum-Genossenschaften in Marzahn oder den fantastischen Sanierungstätigkeiten im Prenzlauer Berg. Ich habe inzwischen große Sehnsucht danach, mehr über München, Hamburg, Köln, Frankfurt oder andere Städte zu erfahren. Berlin ist nicht der Nabel der Welt, auch wenn manche der Einwohner das glauben mögen.

Nein. Negativ. Stimmt so nicht ;-).

Ich kenne wirklich viele deutsche Städte - aber mit Berlin kommt definitiv keine mit.
Wer will schon ins bayovarisch spießige München, ins geldgeile Hamburg oder zu den rheinischen Frohnaturen ?
Berlin ist groß und hat eine unglaubliche Vielfalt an Kiezen, Bezirken, Kultur und Subkulturen zu bieten. Lebendig und entspannt.
Berlin ist "Weltstadt" - andere deutsche Städte sind dagegen "Provinz".

Geld hin oder her.

Sorry.
Muß mal gesagt werden.