Das war meine Rettung "Aus dem Gefühl von Unabhängigkeit heraus kam der Erfolg"

Durch Misserfolge fand die Choreografin Constanza Macras heraus, was sie am besten kann. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 50/2015

ZEITmagazin: Frau Macras, was hat Sie aus dem tanzfreudigen Lateinamerika ins steife Nordeuropa verschlagen?

Constanza Macras

45, ist in Buenos Aires geboren. Anfang der neunziger Jahre ging sie in die Niederlande, 1995 nach Berlin. Ihre Tanzkompanie DorkyPark ist im Januar am Hamburger Thalia Theater und am Berliner Maxim Gorki Theater zu sehen

Constanza Macras: Mein Traum war, bei dem berühmten Netherlands Dance Theatre anzufangen. Aber eigentlich floh ich vor einer Depression. Damals, mit 21, steckte ich in einer ziemlich düsteren, suizidalen Phase, wie man sie wohl nur als junger Mensch erlebt. Einerseits trainierte ich sehr hart und choreografierte meine ersten eigenen Stücke, andererseits stellte ich dauernd alles infrage und musste täglich zum Therapeuten.

ZEITmagazin: Gefiel es Ihnen in der niederländischen Tanzszene?

Macras: Die haben mich in Amsterdam gar nicht erst genommen. Ich fiel bei der Audition, zu der mindestens 500 Bewerber kamen, einfach durch. Als ich aus Argentinien weggegangen war, hatte mir Gott sei Dank meine Therapeutin geraten, niemandem zu sagen, das sei für immer, sondern es sei nur für drei Monate. Am Ende erwies sich das Scheitern als Glück.

ZEITmagazin: Fanden Sie ein anderes Engagement?

Macras: Nein, ich verbrachte einen scheußlich kalten, einsamen Winter in Amsterdam. Aber das Archiv des Netherlands Dance Theatre war eine Offenbarung. Dorthin ging ich jeden Tag und schaute mir alles an, was es über modernen Tanz und Performance gab, auch die langweiligsten Videos, und nebenbei trainierte ich. Ich kannte ja keinen Menschen in der Stadt, und damals, ohne Internet, gab es auch keine Verbindung nach Hause. Aber danach wusste ich plötzlich, was ich wollte: kein festes Engagement und auch nicht Tänzerin sein, sondern selber choreografieren. So wurde das verpatzte Vortanzen meine Rettung.

ZEITmagazin: Wovon haben Sie damals gelebt?

Macras: Ich hatte in Buenos Aires etwas Geld als Model mit Fernsehwerbung verdient: für Orangina, Mineralwasser, Aperitifs. Amsterdam zeigte mir nicht nur, dass man Misserfolge überleben kann, sondern dass die eigenen Wünsche trügerisch sind. Was man liebt, also in meinem Fall das Tanzen, ist nicht unbedingt das, was man am besten kann.

ZEITmagazin: Wenig später eroberten Sie Berlin mit Ihren Performances im Sturm. So viel Leidenschaft und Sex-Appeal hatte es bis dahin im deutschen Tanztheater nicht gegeben. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Macras: Vielleicht das: Ich habe mich sofort in diese Stadt verliebt. Berlin nach der Wende war chaotisch, melancholisch und unberechenbar. Überall sonst war alles festgelegt, selbst in New York, wo ich zwischendurch als Partybedienung jobbte. Aber in Berlin war alles möglich – und billig.

ZEITmagazin: Zuerst scheiterten Sie in Berlin noch einmal als Ensemble-Tänzerin. Wie kam das?

Macras: Ich wollte als Tänzerin am Theater Geld verdienen, aber sie warfen mich raus, weil ich immer so gelangweilt guckte. Das war schon in Argentinien ein Problem gewesen: Mein Gesicht sah aus, als sei ich völlig desinteressiert. Ich konnte es nicht kontrollieren. Wahrscheinlich war dieser unbeteiligte Look ein Rest von Adoleszenz. Damals gab ich das professionelle Tanzen endgültig auf.

ZEITmagazin: Wie ging es weiter?

Macras: Ich wohnte in der typischen Altbauwohnung im Prenzlauer Berg, der damals noch ganz alternativ war. Erst stellten sie mir das Telefon ab, dann den Strom, aber ich hatte einen Kohleofen, und dauernd besuchten mich interessante Leute. Aus diesem Gefühl von Unabhängigkeit heraus kam dann der Erfolg, unter anderem an der Schaubühne und im Hebbel-Theater. So hat mich der Misserfolg wieder gerettet.

ZEITmagazin: Seitdem haben Sie kontinuierlich mindestens ein Dutzend große Stücke choreografiert. Haben Sie noch Angst zu scheitern?

Macras: Natürlich. Einige Arbeiten bekamen auch schlechte Kritiken. Aber wenn das Publikum lacht, bin ich zufrieden, und erst recht, wenn es weint. Es gab übrigens noch etwas, was mich rettete. Mit Mitte dreißig traf ich den Mann, den ich bis heute liebe, einen deutsch-griechischen Künstler. Ich selber bin ja griechisch-argentinisch. Wir leben zusammen in Kreuzberg mit unserem siebenjährigen Sohn. Diese beiden haben mich davor bewahrt, ein einsamer Workaholic zu werden, der nicht weiß, für wen er am Flughafen Geschenke kaufen soll. Der Kleine beginnt jetzt, Szenen aus meinen Choreografien zu kopieren, und wenn er im Wohnzimmer auf dem Fußboden rumkullert, so wild, als hätte er keine Knochen, dann bin ich glücklich. Nur das Selbertanzen, das vermisse ich manchmal.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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