Ich habe einen Traum Haftbefehl

"Bis zum Tod meines Vaters hatten wir ein gutes Leben geführt"

Von
ZEITmagazin Nr. 50/2015

Ich bin kein Träumer, ich bin ein Realist. Wer wie ich auf der Straße aufgewachsen ist, dem bleibt nichts anderes übrig. Ich habe Dinge erlebt, die man niemandem wünscht. Mein Alltag war geprägt von Gewalt und Drogen. Träumereien hatten da keinen Platz.

Haftbefehl

29, heißt eigentlich Aykut Anhan. Mit seinem Debütalbum Azzlack Stereotyp (2010) prägte er einen eigenen Sprachmix aus Deutsch, Türkisch und Arabisch. Als Rapper ist er dermaßen erfolgreich, dass Jan Böhmermanns Parodie seines Stils (Ich hab Polizei) neulich hohe Wellen schlug

Natürlich träumt man als Kind nicht davon, eines Tages am Marktplatz von Offenbach zu stehen und Kokain zu verkaufen. Aber nach dem Selbstmord meines Vaters blieb mir keine andere Wahl. Ich war 14 und fühlte mich auf einmal für meine Familie verantwortlich. Ich träumte von einem neuen Leben mit meiner Mutter und meinen zwei Brüdern. Ich wollte, dass wir finanziell abgesichert sind. In der Schule zu sitzen machte für mich keinen Sinn, wenn ich in der gleichen Zeit richtig viel Geld mit Drogen verdienen konnte.

Bis zum Tod meines Vaters hatten wir ein gutes Leben geführt. Er war nur mit einer Tüte in der Hand aus der Türkei nach Offenbach gekommen, hatte sich hier eine neue Existenz aufgebaut und eine Familie gegründet. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihm, auch wenn er zu uns Kindern manchmal sehr streng war. Dass er an Depressionen litt, verheimlichte er uns. Wir fanden es erst viel später heraus.

Für mich ist mit seinem Tod eine Welt zusammengebrochen. Und auf einmal waren wir mit jeder Menge Problemen konfrontiert. Am schlimmsten waren die Schulden, die er hinterlassen hatte. Klar war ich oft wütend und traurig. Dass man ihm keinen Vorwurf machen konnte, weil er an einer schweren Krankheit gelitten hatte, wurde mir erst später bewusst, als ich anfing, mich mit Depression zu beschäftigen.

An meine Träume aus dieser Zeit erinnere ich mich nicht. Überhaupt passierte damals so viel Schlimmes, dass ich diese Jahre am liebsten komplett löschen möchte. Bis heute habe ich einen komplizierten Schlaf. Meistens träume ich irgendeinen wilden Kram, den ich nach dem Aufwachen gleich wieder vergesse, ist wahrscheinlich ein psychischer Reflex. Was mich beschäftigt, verarbeite ich in meinen Texten statt in meinen Träumen.

Als ich anfing zu rappen, war mein größter Traum, künstlerisch etwas zu schaffen, das relevant ist und bleibt. Heute bin ich stolz darauf, dass ich mit dem Slang in meinen Texten eine Sprache etabliert habe, die mittlerweile deutschlandweit akzeptiert ist. Wörter wie Babo, Chabo oder Brudi werden von Jugendlichen ganz selbstverständlich benutzt. Wenn mir die Medien deshalb attestieren, Deutschlands Dichter der Stunde zu sein, freut mich das. Es zeigt mir, dass meine Musik als das anerkannt wird, was sie ist: Kunst.

Darüber sollten vielleicht auch mal die Leute nachdenken, die vor Kurzem eines meiner Alben auf den Index gesetzt haben. Meine Texte glorifizieren nichts, sie bilden nur die Wirklichkeit ab. Ich bin ein Straßenreporter. Das, wovon ich rappe, habe ich selbst erlebt. Damit sollten sich die Prüfer und die Politiker mal auseinandersetzen, statt mich zu indizieren. Gerne zeige ich denen mal, was am Frankfurter Hauptbahnhof abgeht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

13 Kommentare

Die Kommentare zeigen mal die Bereitschaft sich auf neue Kunstformen einzulassen. Ich bin mir sicher, dass sich keine von euch nur 1 Album von Haftbefehl komplett angehört hat! Trotzdem wird sich hier über jemanden zum Teil lustig gemacht, der seinen Weg gegangen ist und mit seiner Musik Erfolg hat.

Als ich die Whoodinis gehört habe, war der gerade mal auf die Welt gekommen.

Und was "mit seiner Musik Erfolg haben" angeht, so geht das durchaus
mit der vergleichbaren Kost und entsprechendem Publikum, siehe
SZ: "Nutten beim Jurastudium".

Auf Kommentar antworten

Was soll ich jetzt schreiben... Man kann Kollegah nicht mit Haftbefehl vergleichen. Ich bin absolut kein Kollegah Fan, aber das hat andere Gründe. Wie auch immer ich kann mit deinem Kommentar nichts anfangen. Was willst du mir damit sagen?!

"Als ich anfing zu rappen, war mein größter Traum, künstlerisch etwas zu schaffen, das relevant ist und bleibt."

Das ist kein Traum, das ist ein "raus aus dem zu kurz gekommen GEfühl" ich will was besonderes sein!
Nee, was ich so mache wenn ich was mache, ist "meine Freunde an meinem Kopfkino teilhaben zu lassen, damit sie auch mitlachen, mit überlgen einfach dabei sein können! Bin doch nicht größenwahnsinnig!

Man kann auf dem Offenbacher Marktplatz Koks verkaufen. Man kann davon singen, wie es ist, auf dem Offenbacher Marktplatz Koks zu verkaufen. Aber gleichzeitig auf dem Marktplatz Koks zu verkaufen und darüber zu singen, dürfte bestenfalls für Erheiterung bei den dienstuenden Zivilstreifen sorgen.

Eine entsprechende Festnahme, ich schwör's, hätte es als Randnotiz in die Rubrik "Kurioses vom Tage" geschafft. Das hätte ich bestimmt mitgekriegt, so was les ich immer als Erstes...

Von daher tendiere ich doch eher zu: Glorifizierung zu Marketingzwecken. Immerhin - dieser romantisierende Touch des Poeten aus der Gosse verleiht dem Ganzen einen possierlichen Hauch von Sozialkitsch... Quasi der Tüll und die rosa Bommel am Nietenarmband.^^

Aber mal im Ernst jetzt: "Deutschlands Dichter der Stunde"? Da hat sich ein Volontär aber ganz schlechtes Zeug auf dem Marktplatz andrehen lassen.

Das Management hat Hafti wieder ein blabla Statement geschrieben, wie schon bei der Böhmermann Reaktion.
Alles nur Dumpfshow und Klamottenverkauf. Einfach mal
das Live Interview mit Visa Vie ansehen, da ist NICHTS dahinter.
Jugendidol? Eher der kleinste gemein(sam)e Nenner.

Herr Anhan.
Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, eine Ausbildung zu machen und als Facharbeiter oder womöglich als Akademiker den Lebensunterhalt Ihrer Familie zu sichern?
Wenn jeder Mensch in diesem Land, dem es wirtschaftlich schlecht geht, auf die Idee kommt, kriminell zu werden, um seinen Lebenunterhalt zu sichern, wohin geht dann dieses Land, in dem Sie leben?
PS: Die kaputten Typen an irgendwelchen Bahnhöfen sind als Vorbild ungeeignet.

PPS: Da Sie ja jetzt über ein gesichertes, überdurchschnittliches Einkommen verfügen, stellt sich die Frage, ob Sie eine Möglichkeit sehen, Jugendlichen, die in einer ähnlichen Situation sind, in der Sie waren, zu helfen?

Oder sollen die Kids nur Ihre Platten und Werbeartikel kaufen und dafür kriminell werden?

Ich empfehle The Wire zu schauen. Danach ist man vielleicht nicht mehr geneigt von seinem Elfenbeinturm auf Leute herabzuschauen, die in Struktur schwachen Regionen in die Kriminalität gedrängt werden.

Keine Ahnung, wie ich reagiert hätte, wenn mein Vater sich das Leben genommen hätte, als ich 14 war. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich nicht rational abgewägt und reflektiert hätte.

Wirkt auf mich wie eine nachträgliche Legitimation. Vaterloser Drogendealer mit 14 = alternativlos, right...

Vorauseilende und anbiedernde Hipster-Kommentare wie der von Herrn Haas sollte auch ein erfolgreicher "Straßen"rapper wie Herr Haftbefehl mit Vorsicht genießen.

Die Kommentare unter dem damaligen Artikel waren übrigens hervorragend. :D

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