Jugendpsychiatrie Heile Welt

Kann eine Jugendpsychiatrie Kindern helfen, die am Leben verzweifeln? Von

ZEITmagazin Nr. 50/2015

Lena sitzt mit dem Rücken zur Tür, schaut reglos aus dem Fenster. Draußen grauer Novemberbrei. Ihre Arme hängen schlapp herunter, wenn man sie anspricht, reagiert sie nicht, Kopfhörer stecken in ihren Ohrmuscheln. Sie hat noch nichts gesagt, aber ihre Düsterkeit wirkt niederdrückend, als entweiche allen Gegenständen in ihrer Nähe die Farbe. Wann genau es angefangen hat, weiß sie nicht mehr. Vor zwei, drei Jahren dachte sie zum ersten Mal daran, sich umzubringen, malte sich aus, wie sie sich tötet. Erzählt hat sie es niemandem, bis sie solche Kopfschmerzen bekam, dass ihre Eltern sie zum Arzt brachten. Die Ärzte glaubten an einen Hirntumor, aber sie konnten nichts finden. Als alle körperlichen Ursachen ausgeschlossen waren, blieb nur noch die Seele. Lena ging das erste Mal zum Psychologen. Mit 15.

Die Gespräche halfen ihr, aber sie dachte weiter darüber nach, wie sie sich das Leben nehmen könnte. Und sie kotzte nach jedem Essen, um schlank zu bleiben. An einem Mittwoch im Oktober vor einem Jahr sah ihr Vater den Fettfilm in der Toilette, der zurückbleibt, nachdem man sich übergeben hat. "Lena, willst du tot sein?", fragte er seine Tochter. "Ja", antwortete Lena. Ihre Therapeutin hatte ihr geraten, sie solle einen Stein auf den Tisch legen, wenn es nicht mehr gehe. Der Stein als Sinnbild für das In-sich-verschlossen-Sein. Lena hätte das nie getan, also legte ihr Vater den Stein für sie auf den Tisch und brachte sie in die Jugendpsychiatrie nach Eberswalde, Brandenburg. An jenem Mittwoch um 18.15 Uhr kommt Lena auf die Akutstation J2 des Martin Gropius Krankenhauses. Sie hat sich die Uhrzeit gemerkt, als Markierung einer neuen Zeitrechnung, der Eintritt in die Jugendpsychiatrie.

Von außen betrachtet, erscheint bei Lena alles gut: Sie geht auf ein Gymnasium, ist hübsch, ihre Eltern arbeiten als Beamte im gehobenen Dienst. Sie haben sie nicht vernachlässigt oder geschlagen, sie kümmern sich um sie. "In die Klapper wollte ich nie", sagt Lena. Und nun hockt sie im November 2014 in der Jugendpsychiatrie auf ihrem Bett, roter PVC-Boden, die gelben Wände sind kahl, sie kann keine Bilder aufhängen, alles, was spitz ist, ist verboten – Nägel, Stecknadeln, Reißzwecken. Sie trägt die dunklen Haare hochgesteckt, enge Hosen, ihre langen Fingernägel sind orange lackiert. Ein Teenager in der Pubertät. Auf Fragen antwortet sie höflich, doch ihr Blick bleibt abwesend, als laufe in ihren Gedanken ein ganz anderes Programm.

In Wirklichkeit heißt sie nicht Lena, keiner der Jugendlichen in dieser Geschichte trägt seinen richtigen Namen. Die Scham ist zu groß. Eine psychische Krankheit wirkt wie eine Handgranate im Lebenslauf. Verständnis und Mitleid sind begrenzt, die Betroffenen gelten als "Verrückte" oder gar als potenziell gefährlich. Es gibt nicht viele Krankheiten, die von der Umgebung ähnlich stark bewertet werden. Die Fragen reichen bis in die Intimsphäre: Was stimmt nicht mit der Familie? Und Lena fragt sich nun jeden Tag: "Was stimmt nur nicht mit mir?"

Später an diesem Tag im November sitzt sie in der Küche der Station, kreative Therapie. Zehn Jugendliche sind auf der J2, sie müssen auch beschäftigt werden. Lena würde sonst vermutlich ihr Bett nicht verlassen. Sie bastelt eine Katze aus einer Socke. Vanessa hockt neben ihr, hält ihre Lider gesenkt, sie sieht aus, als fange sie gleich an zu weinen. "Bist heute nicht gut drauf, wa!?", sagt die Pflegerin zu ihr. Vanessa antwortet nicht. Es ist nicht ganz klar, was mit ihr los ist. Sie sagt etwas vage: Drogen. Ihr Vater und ihre Stiefmutter besuchen sie fast nie, sie sind rechtsextreme Aktivisten, eine Tochter in der Psychiatrie passt nicht in ihr Weltbild. Auf der anderen Seite des Tisches bemüht sich Auma aus Kenia, ihrer Katze einen Schwanz anzunähen. Sie wurde von der islamistischen Al-Shabaab-Miliz gefoltert und ist nach Deutschland geflohen. Dann ist da noch Jan, den Lena mag, ein schmaler Junge, der von Pflegefamilie zu Pflegefamilie zieht und schon mehrmals versucht hat, sich umzubringen. Die Jugendlichen sprechen am Tisch kaum miteinander. Die gesammelte Traurigkeit legt sich wie ein Schatten auf die Brust, nimmt den Atem. Wenn man Lena und die anderen fragt, wie es ihnen geht, antworten trotzdem alle: "Gut!"

Bald wird auch Nico an diesem Tisch basteln. Er ist erst zwölf Jahre alt und schon aus drei Schulen und aus vier Jugendeinrichtungen geflogen. Gerade wurde die letzte "Maßnahme", wie das im Jugendamtsdeutsch heißt, Wandern mit zwei Betreuern in Finnland, abgebrochen. Nun ist Nico in Begleitung der Polizei auf dem Weg in die Klinik. Keiner hat ihn bisher gesehen, aber sein Ruf ist bereits alarmierend.

Letzte Station Jugendpsychiatrie: Flucht, Krieg, Vernachlässigung, Armut, Mobbing, Gewalt, Trennung, Stress, Schulverweigerung, Drogen, politischer und religiöser Extremismus – alle gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit, konzentriert auf einer Station. Eine Insel der Gestrandeten, die außerhalb der Klinik nicht mehr funktionieren. Vielleicht heißt die Lieblingsdiagnose in der Jugendpsychiatrie deshalb auch: Anpassungsstörung.

Neun Uhr, ein Montagmorgen, Frühkonferenz der Ärzte und Pfleger. Etwa dreißig Menschen sind im Raum, Chefarzt Hubertus Adam fragt: "Wie war das Wochenende?" Die Oberärztin der J2, Katrin Gräfe, antwortet: "Nico ist aus Finnland eingeflogen worden. Er hat keinen richterlichen Beschluss." Das heißt, er muss nicht im Krankenhaus bleiben, wenn er nicht mag. Die Leiterin der Tagesklinik sagt, ein Mädchen sitze bei ihnen und weine, es habe einen Abschiedsbrief geschrieben. "Ihre Suizidalität liegt bei 10." Das ist der höchste Wert. Aber das Mädchen will nicht in der Klinik bleiben. Was macht man nun mit ihm? Entlassen oder dabehalten? Es geht auch um Personal und um Geld. Jeder Tag in der Psychiatrie kostet etwa 300 Euro, egal, welche Diagnose ein Patient hat. Das Pragmatische existiert neben dem Ungeheuerlichen, dass Teenager nicht mehr leben wollen und schon Vierjährige auf der Station sind, weil sie anderen mit Lego die Köpfe einhauen.

Wenn man den Statistiken glauben kann, sind 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychisch auffällig, 12 bis 15 Prozent davon sind behandlungsbedürftig, aber nur 8 Prozent in Behandlung. Suizid ist nach Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache unter Jugendlichen. Warum werden Kinder psychisch krank? Und sagt das etwas aus über unsere Gesellschaft?

Nach der Morgenbesprechung läuft Chefarzt Hubertus Adam hinüber in sein kleines Büro im zweiten Stock der Kinderstation. Auf dem Tisch stehen Buntstifte und Bauklötze. Adam ist 56, ein großer Mann mit kurzen blonden Haaren. Seit acht Jahren ist er Chefarzt in Eberswalde, vorher war er in Hamburg. Er ist Chef von etwa 100 Mitarbeitern, die im Schichtbetrieb arbeiten. Vierzig vollstationäre Plätze gibt es in Eberswalde.

Adam weiß, die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist für die meisten ein Ort, den sie nie betreten wollen. Im Nationalsozialismus wurden auffällige Kinder umgebracht. "Die Jugendfürsorge hat sich ebenso wie die Kinderpsychiatrie missbrauchen lassen." Bis heute gibt es immer wieder Skandale. Adam selbst saß in der Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Vorfälle in den Heimen der Haasenburg GmbH, die 2013 bekannt wurde wegen Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen. Adam will die Wirklichkeit zeigen, den Alltag der Jugendpsychiatrie. "Es ist Unsinn, dass alle Patienten bei uns mit Psychopharmaka behandelt werden. Nur ein Drittel bekommt Medikamente. Und wir nehmen niemandem die Kinder weg oder psychiatrisieren sie." Deshalb hat er zugestimmt, dass das ZEITmagazin zwei Jugendliche ein Jahr lang begleitet: Lena und Nico.

Adam sieht einzelne Patienten einmal die Woche zum Gespräch. Wenn sie zu ihm kommen, weiß er noch nichts über sie. Er versucht, unvoreingenommen zu sein. "Natürlich gibt es biologische und genetische Aspekte, warum ein Kind krank wird", sagt Adam. Es existieren "Suizidfamilien", in denen sich über Generationen mehrere Menschen umgebracht haben. Da fragt sich Adam: Ist das nun vererbt oder eine Familiendynamik, in der man nicht überleben kann? Meist ist es eine Mischung aus biologischen und sozialen Ursachen. "Ich habe hier noch nie ein Kind gesehen, in dessen Familie es nicht auch Probleme gab." Vielleicht kann man aber auch in jeder Familie einen Abgrund finden, wenn man nur lange genug danach sucht. Nicht alle Jugendlichen, die in der Jugendpsychiatrie landen, sind psychisch gestört, manche haben nur eine vorübergehende Krise. "Die Kinder sind in den letzten zwanzig Jahren nicht kränker geworden", sagt Adam, "aber wenn sie krank sind, dann richtig."

Lena isst Germknödel zu Mittag, dann verschwindet sie auf der Toilette. Nun hat sie Kopfschmerzen und hockt auf ihrem Bett. Lena geht in der Klinik auch zur Schule, ein paar Stunden am Vormittag. Dort gibt es keine Klingel, keine Zensuren, keiner fragt, wie viel sie geschafft hat. Lena sagt: "Ich fühle mich hier beschützt vor allem." Drinnen, wie sie die Jugendpsychiatrie nennt, denke sie nicht so oft an Selbstmord. Draußen, sagt sie, erdrückten die Eltern sie mit ihrer Liebe.

Jedes Wochenende fährt Lena nach Hause. Der Sonnabend fängt gut an, aber am Sonntag sehnt sie sich zurück in die Klinik. Sie kann dann nicht aufhören, daran zu denken, wie sie sich etwas antut, sitzt fest im Gedankensumpf, fügt sich selbst Schmerz zu. Wenn Lena vom Ritzen erzählt, verändert sich ihre Körpersprache. Sie richtet sich auf, ihre Stimme wird weich, klingt verzückt: "Das ist ein unglaublich schönes Gefühl, dieses warme Blut auf deiner Haut. Früher tat es weh, aber für einen Moment nimmt es dir so viel Last."

Lena weiß nicht mehr genau, wie es anfing. Ihre Mutter war vor ein paar Jahren depressiv und verschwand zu einer Kur. Ihrer Tochter sagte sie nichts. Lena gab sich die Schuld am Verschwinden der Mutter. "Meine Eltern versuchen, ein liebevolles Familienleben zu führen, und ich mache alles kaputt." Lena – das böse Mädchen, das Geld klaut, patzige Antworten gibt und lügt. Lena nennt sich selbst ein Problemkind. "Ich hasse mich", sagt sie. "Ich will nicht so aussehen, wie ich aussehe." Dabei betrachtet sie ihre Beine mit Abscheu. "Ich will abnehmen, wenn man sich übergibt, geht es am schnellsten."

Draußen besucht sie ein Gymnasium. Sie hat Angst, nicht zu genügen. Sie glaubt, die Noten entscheiden über ihr gesamtes weiteres Leben, ob sie einmal Geld verdienen oder Hartz IV beziehen wird. "Ich will nicht Toiletten putzen. Ich will nicht versagen, sondern das Beste." Das ist: Chemie zu studieren. Sie will alles unter Kontrolle halten: ihr Gewicht, ihr Aussehen, ihre Zukunft, was andere von ihr denken. Es ist zu viel.

Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ich habe selbst vier Jahre als Psychologe in der KjP gearbeitet, auch als niedergelassener Therapeut und die Reportage beschreibt die Realität sehr gut, insofern Danke dafür!
Schade nur, dass wir so oft die Rolle der Psychologen in der Klinik zu kurz kommt!
Und auch keine Erwähnung dazu das betroffene Kinder und Jugendliche Ca ein Jahr auf einen Platz für ambulante Psychotherapie warten (Erwachsene Ca 3 Monate) und die Krankenkassen noch immer über eine Überversorgung sprechen!