Jugendpsychiatrie Heile Welt

Kann eine Jugendpsychiatrie Kindern helfen, die am Leben verzweifeln? Von

ZEITmagazin Nr. 50/2015

Lena sitzt mit dem Rücken zur Tür, schaut reglos aus dem Fenster. Draußen grauer Novemberbrei. Ihre Arme hängen schlapp herunter, wenn man sie anspricht, reagiert sie nicht, Kopfhörer stecken in ihren Ohrmuscheln. Sie hat noch nichts gesagt, aber ihre Düsterkeit wirkt niederdrückend, als entweiche allen Gegenständen in ihrer Nähe die Farbe. Wann genau es angefangen hat, weiß sie nicht mehr. Vor zwei, drei Jahren dachte sie zum ersten Mal daran, sich umzubringen, malte sich aus, wie sie sich tötet. Erzählt hat sie es niemandem, bis sie solche Kopfschmerzen bekam, dass ihre Eltern sie zum Arzt brachten. Die Ärzte glaubten an einen Hirntumor, aber sie konnten nichts finden. Als alle körperlichen Ursachen ausgeschlossen waren, blieb nur noch die Seele. Lena ging das erste Mal zum Psychologen. Mit 15.

Die Gespräche halfen ihr, aber sie dachte weiter darüber nach, wie sie sich das Leben nehmen könnte. Und sie kotzte nach jedem Essen, um schlank zu bleiben. An einem Mittwoch im Oktober vor einem Jahr sah ihr Vater den Fettfilm in der Toilette, der zurückbleibt, nachdem man sich übergeben hat. "Lena, willst du tot sein?", fragte er seine Tochter. "Ja", antwortete Lena. Ihre Therapeutin hatte ihr geraten, sie solle einen Stein auf den Tisch legen, wenn es nicht mehr gehe. Der Stein als Sinnbild für das In-sich-verschlossen-Sein. Lena hätte das nie getan, also legte ihr Vater den Stein für sie auf den Tisch und brachte sie in die Jugendpsychiatrie nach Eberswalde, Brandenburg. An jenem Mittwoch um 18.15 Uhr kommt Lena auf die Akutstation J2 des Martin Gropius Krankenhauses. Sie hat sich die Uhrzeit gemerkt, als Markierung einer neuen Zeitrechnung, der Eintritt in die Jugendpsychiatrie.

Von außen betrachtet, erscheint bei Lena alles gut: Sie geht auf ein Gymnasium, ist hübsch, ihre Eltern arbeiten als Beamte im gehobenen Dienst. Sie haben sie nicht vernachlässigt oder geschlagen, sie kümmern sich um sie. "In die Klapper wollte ich nie", sagt Lena. Und nun hockt sie im November 2014 in der Jugendpsychiatrie auf ihrem Bett, roter PVC-Boden, die gelben Wände sind kahl, sie kann keine Bilder aufhängen, alles, was spitz ist, ist verboten – Nägel, Stecknadeln, Reißzwecken. Sie trägt die dunklen Haare hochgesteckt, enge Hosen, ihre langen Fingernägel sind orange lackiert. Ein Teenager in der Pubertät. Auf Fragen antwortet sie höflich, doch ihr Blick bleibt abwesend, als laufe in ihren Gedanken ein ganz anderes Programm.

In Wirklichkeit heißt sie nicht Lena, keiner der Jugendlichen in dieser Geschichte trägt seinen richtigen Namen. Die Scham ist zu groß. Eine psychische Krankheit wirkt wie eine Handgranate im Lebenslauf. Verständnis und Mitleid sind begrenzt, die Betroffenen gelten als "Verrückte" oder gar als potenziell gefährlich. Es gibt nicht viele Krankheiten, die von der Umgebung ähnlich stark bewertet werden. Die Fragen reichen bis in die Intimsphäre: Was stimmt nicht mit der Familie? Und Lena fragt sich nun jeden Tag: "Was stimmt nur nicht mit mir?"

Später an diesem Tag im November sitzt sie in der Küche der Station, kreative Therapie. Zehn Jugendliche sind auf der J2, sie müssen auch beschäftigt werden. Lena würde sonst vermutlich ihr Bett nicht verlassen. Sie bastelt eine Katze aus einer Socke. Vanessa hockt neben ihr, hält ihre Lider gesenkt, sie sieht aus, als fange sie gleich an zu weinen. "Bist heute nicht gut drauf, wa!?", sagt die Pflegerin zu ihr. Vanessa antwortet nicht. Es ist nicht ganz klar, was mit ihr los ist. Sie sagt etwas vage: Drogen. Ihr Vater und ihre Stiefmutter besuchen sie fast nie, sie sind rechtsextreme Aktivisten, eine Tochter in der Psychiatrie passt nicht in ihr Weltbild. Auf der anderen Seite des Tisches bemüht sich Auma aus Kenia, ihrer Katze einen Schwanz anzunähen. Sie wurde von der islamistischen Al-Shabaab-Miliz gefoltert und ist nach Deutschland geflohen. Dann ist da noch Jan, den Lena mag, ein schmaler Junge, der von Pflegefamilie zu Pflegefamilie zieht und schon mehrmals versucht hat, sich umzubringen. Die Jugendlichen sprechen am Tisch kaum miteinander. Die gesammelte Traurigkeit legt sich wie ein Schatten auf die Brust, nimmt den Atem. Wenn man Lena und die anderen fragt, wie es ihnen geht, antworten trotzdem alle: "Gut!"

Bald wird auch Nico an diesem Tisch basteln. Er ist erst zwölf Jahre alt und schon aus drei Schulen und aus vier Jugendeinrichtungen geflogen. Gerade wurde die letzte "Maßnahme", wie das im Jugendamtsdeutsch heißt, Wandern mit zwei Betreuern in Finnland, abgebrochen. Nun ist Nico in Begleitung der Polizei auf dem Weg in die Klinik. Keiner hat ihn bisher gesehen, aber sein Ruf ist bereits alarmierend.

Letzte Station Jugendpsychiatrie: Flucht, Krieg, Vernachlässigung, Armut, Mobbing, Gewalt, Trennung, Stress, Schulverweigerung, Drogen, politischer und religiöser Extremismus – alle gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit, konzentriert auf einer Station. Eine Insel der Gestrandeten, die außerhalb der Klinik nicht mehr funktionieren. Vielleicht heißt die Lieblingsdiagnose in der Jugendpsychiatrie deshalb auch: Anpassungsstörung.

Neun Uhr, ein Montagmorgen, Frühkonferenz der Ärzte und Pfleger. Etwa dreißig Menschen sind im Raum, Chefarzt Hubertus Adam fragt: "Wie war das Wochenende?" Die Oberärztin der J2, Katrin Gräfe, antwortet: "Nico ist aus Finnland eingeflogen worden. Er hat keinen richterlichen Beschluss." Das heißt, er muss nicht im Krankenhaus bleiben, wenn er nicht mag. Die Leiterin der Tagesklinik sagt, ein Mädchen sitze bei ihnen und weine, es habe einen Abschiedsbrief geschrieben. "Ihre Suizidalität liegt bei 10." Das ist der höchste Wert. Aber das Mädchen will nicht in der Klinik bleiben. Was macht man nun mit ihm? Entlassen oder dabehalten? Es geht auch um Personal und um Geld. Jeder Tag in der Psychiatrie kostet etwa 300 Euro, egal, welche Diagnose ein Patient hat. Das Pragmatische existiert neben dem Ungeheuerlichen, dass Teenager nicht mehr leben wollen und schon Vierjährige auf der Station sind, weil sie anderen mit Lego die Köpfe einhauen.

Wenn man den Statistiken glauben kann, sind 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychisch auffällig, 12 bis 15 Prozent davon sind behandlungsbedürftig, aber nur 8 Prozent in Behandlung. Suizid ist nach Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache unter Jugendlichen. Warum werden Kinder psychisch krank? Und sagt das etwas aus über unsere Gesellschaft?

Die Jugendpsychiatrie Eberswalde © Christian Werner

Nach der Morgenbesprechung läuft Chefarzt Hubertus Adam hinüber in sein kleines Büro im zweiten Stock der Kinderstation. Auf dem Tisch stehen Buntstifte und Bauklötze. Adam ist 56, ein großer Mann mit kurzen blonden Haaren. Seit acht Jahren ist er Chefarzt in Eberswalde, vorher war er in Hamburg. Er ist Chef von etwa 100 Mitarbeitern, die im Schichtbetrieb arbeiten. Vierzig vollstationäre Plätze gibt es in Eberswalde.

Adam weiß, die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist für die meisten ein Ort, den sie nie betreten wollen. Im Nationalsozialismus wurden auffällige Kinder umgebracht. "Die Jugendfürsorge hat sich ebenso wie die Kinderpsychiatrie missbrauchen lassen." Bis heute gibt es immer wieder Skandale. Adam selbst saß in der Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Vorfälle in den Heimen der Haasenburg GmbH, die 2013 bekannt wurde wegen Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen. Adam will die Wirklichkeit zeigen, den Alltag der Jugendpsychiatrie. "Es ist Unsinn, dass alle Patienten bei uns mit Psychopharmaka behandelt werden. Nur ein Drittel bekommt Medikamente. Und wir nehmen niemandem die Kinder weg oder psychiatrisieren sie." Deshalb hat er zugestimmt, dass das ZEITmagazin zwei Jugendliche ein Jahr lang begleitet: Lena und Nico.

Adam sieht einzelne Patienten einmal die Woche zum Gespräch. Wenn sie zu ihm kommen, weiß er noch nichts über sie. Er versucht, unvoreingenommen zu sein. "Natürlich gibt es biologische und genetische Aspekte, warum ein Kind krank wird", sagt Adam. Es existieren "Suizidfamilien", in denen sich über Generationen mehrere Menschen umgebracht haben. Da fragt sich Adam: Ist das nun vererbt oder eine Familiendynamik, in der man nicht überleben kann? Meist ist es eine Mischung aus biologischen und sozialen Ursachen. "Ich habe hier noch nie ein Kind gesehen, in dessen Familie es nicht auch Probleme gab." Vielleicht kann man aber auch in jeder Familie einen Abgrund finden, wenn man nur lange genug danach sucht. Nicht alle Jugendlichen, die in der Jugendpsychiatrie landen, sind psychisch gestört, manche haben nur eine vorübergehende Krise. "Die Kinder sind in den letzten zwanzig Jahren nicht kränker geworden", sagt Adam, "aber wenn sie krank sind, dann richtig."

Lena isst Germknödel zu Mittag, dann verschwindet sie auf der Toilette. Nun hat sie Kopfschmerzen und hockt auf ihrem Bett. Lena geht in der Klinik auch zur Schule, ein paar Stunden am Vormittag. Dort gibt es keine Klingel, keine Zensuren, keiner fragt, wie viel sie geschafft hat. Lena sagt: "Ich fühle mich hier beschützt vor allem." Drinnen, wie sie die Jugendpsychiatrie nennt, denke sie nicht so oft an Selbstmord. Draußen, sagt sie, erdrückten die Eltern sie mit ihrer Liebe.

Jedes Wochenende fährt Lena nach Hause. Der Sonnabend fängt gut an, aber am Sonntag sehnt sie sich zurück in die Klinik. Sie kann dann nicht aufhören, daran zu denken, wie sie sich etwas antut, sitzt fest im Gedankensumpf, fügt sich selbst Schmerz zu. Wenn Lena vom Ritzen erzählt, verändert sich ihre Körpersprache. Sie richtet sich auf, ihre Stimme wird weich, klingt verzückt: "Das ist ein unglaublich schönes Gefühl, dieses warme Blut auf deiner Haut. Früher tat es weh, aber für einen Moment nimmt es dir so viel Last."

Lena weiß nicht mehr genau, wie es anfing. Ihre Mutter war vor ein paar Jahren depressiv und verschwand zu einer Kur. Ihrer Tochter sagte sie nichts. Lena gab sich die Schuld am Verschwinden der Mutter. "Meine Eltern versuchen, ein liebevolles Familienleben zu führen, und ich mache alles kaputt." Lena – das böse Mädchen, das Geld klaut, patzige Antworten gibt und lügt. Lena nennt sich selbst ein Problemkind. "Ich hasse mich", sagt sie. "Ich will nicht so aussehen, wie ich aussehe." Dabei betrachtet sie ihre Beine mit Abscheu. "Ich will abnehmen, wenn man sich übergibt, geht es am schnellsten."

Draußen besucht sie ein Gymnasium. Sie hat Angst, nicht zu genügen. Sie glaubt, die Noten entscheiden über ihr gesamtes weiteres Leben, ob sie einmal Geld verdienen oder Hartz IV beziehen wird. "Ich will nicht Toiletten putzen. Ich will nicht versagen, sondern das Beste." Das ist: Chemie zu studieren. Sie will alles unter Kontrolle halten: ihr Gewicht, ihr Aussehen, ihre Zukunft, was andere von ihr denken. Es ist zu viel.

29 Kommentare

Sehr gut geschriebener Artikel, der teilweise Einsicht gewährt. Auch finde ich es schön das Leuten wie Lena geholfen wird. Wofür ich jedoch absolut gar kein Verständnis habe, ist warum jemand wie Nico in Finnland wandern darf ohne 1 Cent bezahlen zu müssen?! Muss man erst kriminellen Mist machen bevor man alles bezahlt bekommt?! Wer bezahlt meinen Trip nach Finnland?

@Lutz Klein: Psychedelische Drogen für Jugendliche mit psychischen oder sozialen Schwierigkeiten?
Interessanter Artikel, der mich an einige "Sitzwachen" (Rund-um-die-Uhr-Begleitung) als Student bei durch Suizid besonders gefährdeten Patienten in der KJP erinnert hat. Die Ärzte, Psychologen, Therapeuten und Krankenpfleger(innen) machen eine extrem wichtige und zumindest teilweise erfolgreiche Arbeit. Dennoch kann man sich über andere institutionelle Formen der Behandlung Gedanken machen. Die Familientherapie wurde in einem Kommentar angesprochen.

Ein sehr schön geschriebener Artikel - und Hochachtung für das medizinische und psychologische Personal. Dennoch stelle ich mir die Frage, was man mit Nico anders machen könnte. Meine Meinung als Außenstehende:
Die Rolle der Mutter sollte zuerst einmal gestärkt werden, indem man sie selbst - vor Nico - dafür lobt, dass sie sich so sehr für ihn einsetzt. Und erst dann (!) sollte es darum gehen, was die Mutter falsch macht (seine Fehler in falscher Weise vor den anderen verteidigen). Und das Ganze immer wieder:
"Ja Nico, du hast eine tolle Mutter, die dich wirklich liebt, und es ist ein prima Charakterzug von dir, dass du dich ihr gegenüber so dankbar zeigst. Aber was du in der Situation XYZ machst, das geht einfach nicht. Und wenn deine Mutter dich da verteidigt, dann hat sie in diesem Punkt unrecht."
Und der Mutter gegenüber: "Es ist ganz wertvoll, dass Sie so zu Ihrem Sohn stehen. Allerdings sollten Sie zwischen ihm als Person und seine Taten unterscheiden: Was er da gemacht hat, das sollten Sie nicht verteidigen, damit tun Sie Ihrem Sohn keinen Gefallen, auch wenn es noch so gut gemeint ist."
So in etwa ...

#Aktenordner Die vorgeschlagenen Aussagen sind meiner Meinung nach absolut sinnvoll und zielführend.

Therapeutisch sollten sowohl bei der Mutter als auch bei Nico die biographischen Schlüsselszenen um den Suizid des Vaters herum und die einhergehenden unfassbar starken Emotionen traumatherapeutisch repozessiert werden.

Die unkontrollierbare Wut des Jungen und sein destruktives Verhalten ist der irrlichternde Versuch, die nicht verarbeiteten und daher allgegenwärtigen Emotionen wie Schuld, Trauer und Einsamkeit, die einst durch die Gewaltausbrüche und schließlich den Suizid des Vaters ausgelöst wurden, zu vermeiden und zu unterdrücken. Der Junge kann diese ubiquitären posttraumatischen Emotionen unmöglich aushalten und findet etwa nur einen Moment der Ruhe, wenn die in Folge seiner Taten "neuen" Schuldgefühle die "alten" notdürftig überdecken. Die Mutter kann, nach allem was war, den Jungen unmöglich auch nur ein bisschen bestrafen und damit gefühlt weitere Schuld auf sich nehmen. Sie ist solange noch handlungsunfähig, bis auch sie sich vom Bann des Erlebten befreien konnte.

Ich hab vor vielen Jahren im Rahmen meiner Ausbildung in der geschlossenen Jugendpsychiatrie eines grossen Uniklinikums gearbeitet. Das war eine sehr ernuechternde Erfahrung: ich hatte nicht den Eindruck, dass das was da lief wirklich irgendwem hilft. Das Personal hatte in weiten Teilen selbst, sagen wir, etwas schraege Charakterzuege. Die Herren und Damen Psychiater kamen zu bestimmten Zeiten eingeflogen, um Gespraeche hinter geschlossenen Tueren mit den Patienten zu fuehren. Erstaunlich dabei: so ein richtiger Psychiater ist offenbar in der Lage, Menschen innerhalb weniger Minuten zu klassifizieren, kategorisieren und deren Probleme klar zu erkennen. Die wussten auch immer sofort, wenn Patienten die Wahrheit erzaehlen und wann nicht.

Spaeter in meiner Karriere im Gsundheitswesen hatte ich passend zu dieser Beoabachtung reichlich Datenmaterial zur Verfuegung, anhand dessen man sehen konnte, dass offenbar psychisch kranke Menschen immer automatisch bei den Psychatern landen, die immer nur Patienten mit zwei oder drei bestimmten Diagnosen haben. Wie praktisch! So bekommt jeder Patient immer ganz automatisch einen Spezialisten fuer seine Krankheit.

Oder man koennte auch einfach annehmen, dass viele Psychater mit einer vorgefassten Meinung an Patienten herangehen und als Halbgoetter (mindestens!) in Weiss (oder manchmal auch lila Strickpullis und Schals) immer nach dem gleichen Schema verfahren und damit moeglicherweise oft mehr Schaden anrichten, als gemeinhin angenommen.

Wie kommen sie denn darauf, dass Ärzte, im speziellen Psychiater, irren könnten? In keinem Teilgebiet der Medizin geht es vergleichbar sorgfältig und gut zu, wie in der Psychiatrie!

In den anderen Disziplinen quellen land auf land ab die Gerichte vor lauter medizinischem Pfusch über, in der Psychiatrie dagegen werden sie die Versäumnisse und Fehler die gerichtlich dokumentiert werden an einer Hand abzählen können.

Lesenswerter Artikel (als Randnotiz: irritierend/unnötig, dass man auch diesen auf mehrere Seiten fragmentieren musste). Schmerzhaft deutlich wird auch, dass es Menschen gibt, an deren Biografie jede sozialromantische Verklärung brutal zerbricht. Mit dieser Einsicht scheint der zitierte Chefarzt gewisse Probleme zu haben, was ich als besorgniserregend empfinde. Es darf nicht darum gehen, jemanden "umprogrammieren" zu wollen, aber destruktives (auch autodestruktives) Verhalten muss als solches benannt und beantwortet werden. Manche Kommentatoren wiederum möchten auf "Anpassungsstörungen" reagieren, indem sie die Welt an die Anforderungen der Patienten anpassen; das ist nichts Neues (seit Rousseau gilt für gewisse Kreise als ausgemacht, dass immer nur die Gesellschaft krank ist), gleichwohl erschreckend.

Eine sehr bewegende Reportage, schön geschrieben und sie trifft genau auf den Punkt.

Ich war vor einigen Jahren selbst einmal 4 Monate in einer KJP und habe die meisten der geschilderten Punkte dort genauso erlebt.
Auf der einen Seite gab es viele negative Punkte. Der Zeitmangel der Psychologen war auch bei uns ein großes Thema, abgesehen von einem einstündigen Gespräch pro Woche hatten sie so gut wie nie Zeit, auch nicht, wenn man gerade in einer Krise steckte und es wirklich gebraucht hätte.
Mit Betreuern sah es ähnlich aus. Tagsüber waren immer zwei bis drei Betreuer anwesend, nachts nur einer. Diese mussten sich dazu noch die meiste Zeit mit Papierkram rumschlagen und waren somit fast nur im Büro oder bei den Mahlzeiten anzutreffen, was sie für "längere" Gespräche auch ausscheiden lies. Das ist für eine Station mit 16-17 labilen Menschen im Alter zwischen 12 und 17 einfach nicht genug.

Auch das vorschnelle "Diagnostizieren" war damals bei uns schon ein Thema. "F 92.8, eine kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen" bzw. eine Anpassungsstörung ist in meinen Augen eine Diagnose, die keine ist. Man braucht halt eine Schublade, etwas, was man in die Akten schreiben kann, die man der Krankenkasse zukommen lässt. Dieser Stempel hilft nur leider weder bei der weiterführenden Behandlung, noch dabei, dass der Patient sich auch nur ansatzweise verstanden fühlt. (1/2)

(2/2)
Auf der anderen Weise gab es aber auch einige positive Dinge. Die Psychiatrie gab einem das Gefühl von Sicherheit, in etwa so, wie Lena es beschreibt. In diesem "Pausenraum der Leistungsgesellschaft" gab es keinen Druck wie in der Schule, besonders in der Ergotherapie man musste die Dinge nicht so angehen, wie Lehrer es von einem erwarten würden, sondern man konnte sich ausprobieren. Es gab keine Anweisungen, sondern Tipps, keine Noten, sondern ein Lächeln und die Frage, ob man mit dem Ergebnis zufrieden sei oder es lieber nochmal probieren möchte.
Außerdem hatte sich eine gewisse Dynamik unter uns Patienten entwickelt. Wenn man merkte, dass es jemandem nicht gut ging, dann hat man, statt es zu ignorieren, das Gespräch gesucht und versucht zu helfen, egal ob man vorher viel miteinander zu tun hatte oder nicht. Etwas, das "hier draußen", außerhalb der schützenden Kuppel, kaum denkbar wäre und wohl auch nicht in Einrichtungen für Erwachsene, wenn ich den Berichten ehemaliger Mitpatienten glauben schenken kann.

Eine Jugendpsychiatrie kann helfen. Eine Jugendpsychiatrie rettet nicht nur akut Leben, sondern sie gibt, zumindest in einigen Fällen, auch Perspektiven und lehrt Werte wie Empathie und Wertschätzung, die viele "Problemkinder" eben nicht von zuhause mitnehmen können, da sie dort nicht vorhanden sind.
Umso schlimmer ist es, dass KJPs durch Geld- und Personalmangel und Druck der Krankenkassen so eingeschränkt in ihrem Handeln sind.

Übersetze: "Wenn man den Statistiken glauben kann, sind 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychisch auffällig" in "20 % der Jungtiere der Population verhalten sich nicht artgemäß"... sollte man da nicht mal über artgerechte Tierhaltung nachdenken? Mir kommt das vor wie im Zoo, wo die traurigen Papageien sich die Federn rupfen bis sie kahl sind und die Raubkatzen "sich im allerkleinsten Kreise dreh'n".
Irgendetwas läuft da verdammt falsch.

Teil 2
Ich gehe davon aus, dass es eine Tat darstellen kann, um ein weiteres inneres Abrutschen zu verhindern, weil das Adrenalin Lebendigkeit simuliert und dadurch vllt auch erdet. Das schlechte Gefühl setzt erst später ein und bewirkt abermals einen erneuten Schub, der Kreislauf beginnt, wenn er nicht unterbrochen und verstanden wird. Möglicherweise wirkten vor dem Drang, klauen zu wollen, Trigger, die nicht bewusst waren aber so heftige Gefühle auslösten, dass dieses Kind dann abgespalten hat und infolgedessen sich leer, lustlos, leblos und durch sich selbst (wegen der Abspaltung) ungeliebt gefühlt hat. Das was diese Kinder dann am meisten brauchen ist vor allem Liebe, wegen der nicht vorhandenen Selbstliebe durch das Abspalten eigener schlimmer Erfahrungen. Diese Kinder sind extrem abhängig von der Liebe anderer, oft genug nehmen sie es mit in die Erwachsenenzeit. Das Wichtigste sollte demnach sein, diesem Kind zu helfen sich selbst zu lieben, was eben nichts anderes bedeutet auch die schmerzhaften Anteile anzunehmen. Dazu gehört m.E. bei Nico zum Beispiel, ihm zu helfen verstehen zu lernen, dass Nico nicht von bösen Eltern abstammt, sondern dass der Vater ein sehr kranker Mann war, der vermutlich nicht die richtige Hilfe und Unterstützung erhalten hat und vor allem, dass Nico keine Schuld hatte.

Zu Nico stelle ich die Frage, ob auch außerfamiliäre sexuelle Übergriffe in Betracht gezogen wurden, da familiär belastete Kinder die perfekten Opfer für pädophile Straftäter darstellen. Möglicherweise wird nur in den Familien selbst geschaut und sexueller Missbrauch bei Jungen auch zu oft noch nicht als mögliche Ursache für psychische Störungen berücksichtigt.
Zu Lena: Ich kenne eine Mutter, die eine Tochter hatte die geklaut hatte. Was als Mittel geholfen hatte war, dass sie sich darauf einigten, dass sich die Tochter, immer sofort, wenn sie den Drang wieder verspürte wieder klauen zu wollen, sich sofort damit schon an ihre Mutter wenden sollte, damit dieser Drang vor allem Aufmerksamkeit erfährt und nicht erst die Tat. Statt mit Sanktionen arbeitete die Mutter mit Lob, wenn die Tochter sich anvertraut hatte z.B. . Die Mutter schaffte es stattdessen dem Kind liebevolle Zuwendung zukommen zu lassen und zu vermitteln, dass es Gründe dafür gibt und dass sie kein böser Mensch ist. Das Wichtigste war, dass die Mutter durch dieses Verhalten der Tochter das Gefühl gab, geliebt zu werden, wichtig und wertvoll zu sein, dass es sich gesehen fühlte in seiner Not. Es war wichtig zu verstehen, dass diese Tat eine Ersatzhandlung darstellte. Auch das Klauen setzt anfänglich gute Gefühle frei, die in die Rtg. gehen sich endlich lebendiger zu fühlen.

Ich habe früher als Ärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland gearbeitet und bin nun seit acht Jahren in Norwegen tätig. In meiner hiesigen Klinik haben wir ein deutlich mehr familienzentriertes Konzept, gehen in die Familien hinein und nehmen nur im Notfall (akute Suizidgefahr, akute Psychose, exazerbierte Anorexie) Kinder und Jugendliche stationär auf. Dieses Konzept ergibt für mich viel Sinn, weil eine psychische Störung, wie auch der vorstehende Artikel aufzeigt, nicht an eine Person gebunden ist, sondern in einem sozialen Kontext, bei Kinder innerhalb der Familie, entsteht und auch dort verändert werden sollte. Das heisst, alle zusammen müssen sich verändern, und die Eltern müssen die Verantwortung für ihr Kind wahrnehmen. Wenn sie das nicht können, dann müssen für das Kind/den Jugendlichen andere Kontexte entwickelt werden.

Als ich noch in Deutschland gearbeitet habe, habe ich die vielwöchige stationäre Behandlung erst mal so hingenommen - aus meiner jetzigen Perspektive sehe ich sie sehr kritisch.

Dabei will ich die Bedeutung von heilenden Begegnungen und Psychotherapie in keiner Weise herunterspielen - aber ich meine, die Familie muss in ihrer Bedeutung "heraufgespielt" werden. Bei ganz kleinen Kindern leuchtet uns Winnicotts "There is no such thing as a baby. There is always an baby and someone" ein - aber genau so verhält es sich auch bei den grösseren Kindern und Jugendlichen, es ist nur nicht mehr so deutlich sichtbar auf den ersten Blick.

Ich hab schon als Kind meine erste Psychotherapie durchlaufen, in der KjP, also genau das, was jmd. erwähnte. Diagnose damals lautete auf Emotionale Störung des Kindesalters, in meinem Fall die Form mit Trennungsangst. Hatte Panik, dass mich sowohl meine Eltern als auch Geschwister verlassen würden, oder dass sie "verschwinden" könnten. Ging soweit, dass ich irgendwann nicht mehr schlafen konnte. Es wurde allerdings nur wenige Jahre nach der Scheidung meiner Eltern akut, was nahezu sicher eine Rolle spielte. Mir hat es damals ungemein geholfen, konnte das mit der Therapie komplett überwinden. Oder zumindest innerhalb der gleichen Zeit, denn es ist ja schlecht auszuschließen, dass ich dem auch einfach "entwachsen" sein könnte. Geschadet hat es jedenfalls nicht. Dabei brauchte es anfänglich einiges an Überwindung, war nicht leicht dort hin zu gehen, zumal als Kind und (u.U.) als Junge erst recht. Aber ich hatte eine super Psychologin - werd sie nie vergessen - ganz junge Frau, die dabei eher zu so'ner Art vertrautem Kumpel wurde. (War wohl so beabsichtigt, bzw. im Sinne der Therapie.) Wir hatten riesig Spaß da, im Grunde war's ne super Zeit.

Etwas anderer Film als das jetzt hier, Kinder sind auch in dem Sinne eben nicht gleich Jugendliche. Und die (entspr. schlimmeren) Geschichten junger und nicht mehr so junger Erwachsener, die ich auch kenne, kamen erst Jahre später. In der Psychiatrie hat es mir allerdings nie mehr so gut gefallen wie als Kind. Sagt auch was aus.

Ich habe große Hochachtung vor dem was Ärzte, Therapeuten und Pflegepersonal in psychiatrischen Einrichtungen leisten. Dennoch glaube ich, dass wir uns noch immer auf einem falschen Weg befinden. Solange es Krankenkassen statt wirkliche Gesundheitskassen gibt. Wir brauchen einen Diagnoseschlüssel, um helfen zu dürfen. Die Diagnose “Anpassungsstörung“ ist aus meiner Sicht ein absolutes Paradoxum, denn die Reaktionen der Kinder und Jugendlichen zeigen aus meiner Sicht, dass sie mit ihren Lebensumständen, nicht im Einklang sind. Und aus den geschilderten Umständen ist das eine absolut adäquate Reaktion. Wenn wir die Ampassungsstörung also eliminieren können, haben wir erreicht, dass ein Kind sich Umständen anpasst, die offensichtlich nicht gut für das Kind sind. Nennen wir das dann gesund? Wann hört dieses Krankkeitssystem endlich auf über “was stimmt an mir nicht, an anderen und was denken andere, was an mir nicht stimmt“ Menschen helfen zu wollen. Wann darf man endlich auch in psychiatrischen Kliniken ressourcenorientiert arbeiten, statt in einem Berwertungsschema die Lösung zu suchen?

Ich wäre extrem vorsichtig aus den geschilderten Extrembeispielen verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen. Sollte hier "politischer" Handlungsbedarf bestehen, dann müsste vorher eindeutig erwiesen sein, dass wir es hier trotz Seltenheit mit einem zunehmenden Trend oder dergleichen zu tun haben. Ansonsten ist die Gefahr nämlich groß, dass man aus purem Aktionismus das Kind mit dem Bade ausschüttet.

Zur info: Die Diagnose "Anpassungsstörung" (F43.2) ist eine Reaktion auf eine spezifische, entscheidene Lebensveränderung oder ein belastendes Lebensereignis zu verstehen (hier z.B. Scheidung der Eltern oder Suizid des Vaters). Die Anpassungsstörung bedeutet im klinischen Kontext also nicht, dass sich eine Person nicht an die Gesellschaft und deren Normen anpassen könnte.
Das hat meinem Eindruck nach auch die Autorin dieses ansonsten hervorragenden Artikels missverstanden.

Die Anpassungsstörung ist in der Psychiatrie die Diagnose bei Aufnahme zur Krisenintervention (Krise = akut belastende/s Lebensereignis/situation), neben anderen Diagnosen. Und damit auch entsprechend häufig. Sie ist per se nicht das, was man gemeinhin unter einer psychischen Erkrankung versteht, jeder von uns kann eine Anpassungsstörung haben, z.B. einen Trauerfall in der Familie, Arbeitslosigkeit o.ä. Die Anpassungsstörung kann man weder eliminieren noch heilen, man hilft einfach über diese Zeit hinweg, um sich mit dem/r akuten Ereignis/Situation auseinanderzusetzen ("anzupassen").

Ich habe selbst vier Jahre als Psychologe in der KjP gearbeitet, auch als niedergelassener Therapeut und die Reportage beschreibt die Realität sehr gut, insofern Danke dafür!
Schade nur, dass wir so oft die Rolle der Psychologen in der Klinik zu kurz kommt!
Und auch keine Erwähnung dazu das betroffene Kinder und Jugendliche Ca ein Jahr auf einen Platz für ambulante Psychotherapie warten (Erwachsene Ca 3 Monate) und die Krankenkassen noch immer über eine Überversorgung sprechen!

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