Jugendpsychiatrie Heile Welt

In der Klinik gibt es kein WLAN, keine Lehrer, keine Eltern, keine Freunde. Niemand fordert etwas. Deshalb ist Lena froh, hier zu sein. Sie hält sich an die Regeln, wie die meisten und anders als der Neuankömmling Nico, der schon am ersten Tag die Grenzen austesten wird. Deshalb sagt sie nach fünf Wochen auf der J2, dass sie gern bleiben würde. "Hier werde ich richtig auf das Leben vorbereitet. Dann gehe ich raus und bin ein superstarker Mensch." Für Lena ist die Jugendpsychiatrie ein Pausenraum der modernen Leistungsgesellschaft.

Kathrin Dreves-Kaup, behandelnde Ärztin von Lena:

"Fünf bis sechs Patienten habe ich. Die Regel ist, zwei Psychotherapiestunden in der Woche, mehr als eine schaffe ich aber zurzeit oft nicht. Ich bin nur 30 Stunden in der Klinik, muss sehr ausführliche Krankenberichte schreiben, habe Nachtdienste und bin öfter die einzige Ärztin auf der Station. Auf der J2 ist die häufigste Erstdiagnose F 92.8, eine kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen. Lena hat eine depressive Episode mit einer Essstörung. Sie ist nicht tief depressiv, hat aber permanent psychosomatische Kopfschmerzen und seit Langem diese Stimmungsinstabilität. In der Beziehung zu mir ist Lena sehr angepasst, reflektiert, achtet genau darauf, wie ich auf sie reagiere, und verhält sich dementsprechend. Sie versucht, es einem recht zu machen. Lenas Eltern fragen mich: ›Woran liegt es denn? Alles ist doch gut!‹ Da ist eine hohe Abwehr zu spüren. Aber je mehr wir uns an den Symptomen abarbeiten, desto weniger reden wir über die wirklichen Probleme. Lenas Eltern sind bemüht, gute Eltern zu sein. Keine Familie ist davor gefeit, dass ein Kind seelische Probleme entwickelt."

An einem Mittwochnachmittag im November steht Nico im Flur der J2. Der Junge, der in Finnland zwei Betreuer in die Flucht geschlagen hat, ist schmal und hat blonde Löckchen. Er schweigt. Er ist schlecht gelaunt. Er will raus. Gleich beginnt die Ergotherapie. Dreimal in der Woche geht die J2-Gruppe dorthin. Nico hält die Arme vor seiner Brust verschränkt. Die Therapeutin fragt ihn: "Was machst du draußen gern?" Nico: "Zocken." Lena bastelt einen Traumfänger. Nico brennt schließlich die Umrisse von Bart Simpson auf ein Holzstück. In der Abschlussrunde soll jeder sagen, wie es war: Lena hat nun schon den zweiten Traumfänger gebastelt. Der erste war ihr nicht gut genug. Mit dem zweiten ist sie wieder nicht zufrieden, sie ist fast nie zufrieden mit sich. Selbst die Ergotherapie ist für sie ein Leistungstest. Nico findet alles nur sehr, sehr anstrengend.

Ein paar Tage später. Die Station J2 ist geschlossen, Taschen werden kontrolliert. Ein Mädchen hat eine Klinge eingeschmuggelt und sich damit so sehr geritzt, dass die Wunde genäht werden musste.

Im Schwesternzimmer sitzen die Pfleger zusammen, durch ein Fenster haben sie einen guten Blick auf den Flur, ein zweites Fenster geht zum Überwachungszimmer. Schichtwechsel. Eine Schwester erzählt, was geschehen ist: Die Wunde des Mädchens ist 10 bis 15 Zentimeter lang. Es hat Tavor, ein Psychopharmakon, bekommen, das soll die Angst nehmen und beruhigend wirken, und das Mädchen wird nun eins zu eins betreut, wie das hier heißt. Eine blonde Schwester schiebt ihren Stuhl an die Scheibe, dahinter liegt das Mädchen auf seinem Bett, um seinen rechten Arm trägt es einen Verband. Es ist 16.

Die Schwester berichtet, das Mädchen habe die Klinge in seinem Plüschtier versteckt, seine Suizidalität liege bei 8. "Ich weiß nicht, ob sie wegrennt. Die Tür bleibt erst mal zu, und wir begleiten sie überallhin. Wenn sie will, bringt sie sich um, aber nicht hier!" Der Ton unter den Pflegern ist rau, die Worte sind dazu da, Distanz zu schaffen. Anders ist es wahrscheinlich nicht auszuhalten.

Die Schwester geht zu den anderen Patienten über: Auma, das Flüchtlingsmädchen: "Sie schläft, sie isst." Vanessa habe einen guten Tag gehabt, der Vater habe endlich einen Termin fest zugesagt. Lena habe beim Frühstück gelacht, sich geschminkt und einen Zopf geflochten. Anzeichen des Lebensmutes.

Die blonde Schwester, die am Beobachtungsfenster sitzt, fragt in die Runde: "Sie drückt das Plüschtier so fest, ist da alles raus?" Sie verlässt den Raum, als sie wiederkehrt, hält sie zwei Sicherheitsnadeln in der Hand. Das Mädchen hatte sie in seinem Verband versteckt.

Jetzt geht es um Nico. Eigentlich geht es immer um Nico, seit er auf der Station ist. Er dominiert die Gespräche. Beim Ausgang hat er sich von der Gruppe abgesetzt, ein Feuerzeug musste ihm abgenommen werden. Aus Frust ist er gegen die Türen auf der Station gesprungen. Am Abend hat er vermutlich auch gegen parkende Autos getreten. Evi, die Oberschwester, die schon seit fast 40 Jahren in der Klinik arbeitet, sagt: "Er denkt, er kann sich alles erlauben. Wir können das nicht einfach dulden!" Es gibt ein Punktesystem in der Jugendpsychiatrie, an dem man das Verhalten der Patienten ablesen kann. Wer sieben Minuspunkte gesammelt hat, wird beim Ausgang zurückgestuft. Es ist Anfang der Woche, und Nico hat bereits fünf Minuspunkte. Die Pfleger denken über eine Ausgangssperre nach, die Nico vielleicht als Machtgebärde wertet und worüber er vielleicht noch mehr ausrastet. "Was machen wir mit ihm?", fragt eine Schwester. Das ist die Frage, die Nico verfolgt, wo immer er auftaucht. Draußen gibt es für ihn keinen Platz und drinnen auch nicht.

Am nächsten Tag ist Nico verschwunden. Schwester Evi musste die Polizei holen, eine Vermisstenanzeige aufgeben. Deshalb mag sie auch nicht ihren Nachnamen in der Zeitung lesen, weil sie ein wenig Angst hat vor der Rache der Patienten, die sich vielleicht schlecht behandelt fühlen. Gegen 14 Uhr steht Nico wieder auf dem Flur. Die Polizei hat ihn in die Klinik zurückgebracht. Er ist völlig aufgelöst, sein Gesicht ist gerötet. "Die können mich nicht länger als 24 Stunden einsperren. Das ist Freiheitsberaubung", schleudert er dem Pfleger entgegen. Der Pfleger antwortet: "Geh in dein Zimmer!" Man merkt seiner Stimme an, dass er sich nach Hause wünscht. Nico hat Tränen in den Augen aus Wut und aus Ohnmacht. Beide tun einem leid.

Am Morgen darauf sitzt Nico zum Vorstellungsgespräch bei Chefarzt Hubertus Adam auf dem Sofa. Nico hat seine Hände unter die Oberschenkel geschoben, er schaut zu Boden.

Adam: Weißt du eigentlich, warum du hier bist?

Nico: Finnland wurde abgebrochen. Davor bin ich aus dem Heim rausgeflogen, dann war ich auf einmal hier. Für mich ist das eine Bestrafung.

Adam: Das ist ja blöd. Weißt du, was die Kinderpsychiatrie erreichen soll?

Nico: Ja, ich war schon mal zwei Monate in Frankfurt in der Klinik. Ich denke, ich sitze in der Geschlossenen.

Adam: Der Grund ist aber, dass wir dir helfen wollen. Auch wenn es hier Regeln gibt, die du einhalten musst.

Nico: Ich kann das halt nicht so gut.

Adam: Dann beginnt der Teufelskreis: Es gibt eine Strafe, und du bist sauer, dann kommt die nächste Strafe, und du bist noch saurer.

Nico: Hm.

Adam: Wie war das in der Schule?

Nico: Die fünfte Klasse habe ich noch geschafft, dann kam die Sechs. Dann sind alle auf andere Schulen gegangen, das hat mich angekotzt, und ich bin nicht mehr hingegangen. Dann habe ich mit den Älteren rumgehangen ... rauchen, trinken, die machen Blödsinn. Ich mache auch Blödsinn.

Adam: Was hat deine Mutter dazu gesagt?

Nico: Ich habe ihr immer erzählt, ich hätte den Bus verpasst. Dann kam wieder das Jugendamt, die wollen mich und meine Mutter nerven. Ich sollte abends spätestens 22 Uhr zu Hause sein.

Adam: Hat das geklappt?

Nico: Nee, Mann. Meine Mutter hat mich abends mit dem Auto gesucht. Voll peinlich! Ich will jetzt am liebsten nach Hause. Scheiße, die haben mich hier auf dem Kieker. Das sind Arschlöcher.

Adam: Was ist so schlimm hier?

Nico: Die ganzen Regeln, Handy erst ab 15.30 Uhr, ab 20 Uhr im Zimmer sein. Zu Hause habe ich keine Regeln. Eigentlich.

Adam: Was ist mit deinem leiblichen Vater?

Nico: Der hat Selbstmord gemacht, der Wichser. Da war ich vier. Ich will nicht drüber reden.

Adam: Wer sagt, dass er ein Wichser war?

Nico: Wenn einer nur säuft, Drogen nimmt, seine Frau schlägt und einen Sohn hat und sich nicht für ihn interessiert ...

Adam: Was weißt du über seinen Selbstmord?

Nico: Na ja. (schweigt)

Adam: Weißt du gar nichts darüber?

Nico: Meine Mutter hat es mir erzählt. Ich musste immer nachfragen.

Adam: Du bist noch ganz schön wütend auf deinen Vater.

Nico: Ja, ich will seinen Namen nicht hören.

Adam: Wie heißt du mit Nachnamen? Wie er?

Nico: Ja!

Die beiden schweigen einen Augenblick. Nico liegt inzwischen fast auf dem Sofa des Chefarztes. Er sinkt immer mehr in sich zusammen.

Adam: Wie soll es weitergehen?

Nico: Ich will nach Hause!

Adam: Wenn du zu Hause bist, bist du wieder wütend. Das wird nicht klappen.

Nico: Doch!

Adam: Ich mach dir einen Vorschlag, du darfst hierbleiben. Wir schauen, ob wir es hinkriegen, dass du nicht mehr so wütend bist. Ich glaube, du bist ein toller Junge.

Nico: Ja, schön. Egal.

Adam: Denkst du drüber nach?

Nico: Nö. Ich bin auf der Station eingesperrt. Sagen Sie mir, wie komme ich da raus?

Nico vergräbt seinen Kopf in den Händen. Das Gespräch ist beendet. Die Jugendpsychiatrie ist nicht der richtige Ort für Nico, das wissen alle Beteiligten. Im klinischen Sinne ist er nicht krank, er ist nur aus allen anderen Einrichtungen schon hinausgeflogen. Und seine Mutter ist mit ihm überfordert. Auch das ist die Akutstation der Jugendpsychiatrie – eine Notunterkunft für Jungen und Mädchen, die nicht funktionieren, die nirgendwo hineinpassen, die Obdach brauchen. Eine der häufigsten Fragen, die Ärzte und Pfleger stellen, ist: "Wo sollen sie sonst hin?"

Nico läuft zurück auf die J2. Er sagt nicht viel. Eigentlich gehört er noch auf die Kinderstation, aber die Ärzte haben Angst, dass er dort die Kleinen tyrannisiert. Seine Akte trifft stets vor ihm ein. Nun hat er ein Einzelzimmer neben den Pflegern. Er setzt sich auf den Stuhl neben dem Bett, wirkt fast schüchtern. Regeln empfindet er als eine Art persönlichen Angriff auf seine Freiheit. So häuft er weiter "Minuspunkte" für schlechtes Verhalten an: Er raucht, vergisst den Tischdienst und ärgert seine Mitpatienten.

Nico beobachtet die anderen sehr genau. Den Namen von Vanessas Stiefmutter hat er gegoogelt und gesehen, dass sie NPD-Mitglied ist. Mit Auma, dem Flüchtlingsmädchen aus Kenia, hat er sich unterhalten, sie erzählte ihm von ihrer Heimat. "Vielleicht hat sie Ebola?", meint Nico. Er ist erst seit zwei Wochen in Eberswalde. Aber es ist klar, dass er auch hier nicht lange bleiben wird. Die letzte Station vor seiner Finnlandreise war eine Unterbringung in einer Pflegefamilie. Acht Wochen lang hat er es dort ausgehalten. Danach notierte das Jugendamt: "Auch diese Hilfe musste beendet werden, da Nico am Wohnort mehrere Waldbrände verursachte, Tiere quälte und seine Betreuungspersonen in einem Keller einschloss und drohte, das Haus anzuzünden."

Als er nach Hause zurückkehrte, ging er nicht in die Schule, blieb im Bett, während seine Mutter und der Stiefvater arbeiteten. Er spielte mit der Playstation Call of Duty und trank Red Bull. Abends traf er sich mit Kumpels. Es folgten Anzeigen: Einbrüche, Körperverletzung, Drogen. Nico ist außer Kontrolle. Er produziert fortwährend Hauptsätze mit Ausrufezeichen am Ende, sie verdecken die Nebensätze, die komplizierter sind.

Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ich habe selbst vier Jahre als Psychologe in der KjP gearbeitet, auch als niedergelassener Therapeut und die Reportage beschreibt die Realität sehr gut, insofern Danke dafür!
Schade nur, dass wir so oft die Rolle der Psychologen in der Klinik zu kurz kommt!
Und auch keine Erwähnung dazu das betroffene Kinder und Jugendliche Ca ein Jahr auf einen Platz für ambulante Psychotherapie warten (Erwachsene Ca 3 Monate) und die Krankenkassen noch immer über eine Überversorgung sprechen!

Ich habe große Hochachtung vor dem was Ärzte, Therapeuten und Pflegepersonal in psychiatrischen Einrichtungen leisten. Dennoch glaube ich, dass wir uns noch immer auf einem falschen Weg befinden. Solange es Krankenkassen statt wirkliche Gesundheitskassen gibt. Wir brauchen einen Diagnoseschlüssel, um helfen zu dürfen. Die Diagnose “Anpassungsstörung“ ist aus meiner Sicht ein absolutes Paradoxum, denn die Reaktionen der Kinder und Jugendlichen zeigen aus meiner Sicht, dass sie mit ihren Lebensumständen, nicht im Einklang sind. Und aus den geschilderten Umständen ist das eine absolut adäquate Reaktion. Wenn wir die Ampassungsstörung also eliminieren können, haben wir erreicht, dass ein Kind sich Umständen anpasst, die offensichtlich nicht gut für das Kind sind. Nennen wir das dann gesund? Wann hört dieses Krankkeitssystem endlich auf über “was stimmt an mir nicht, an anderen und was denken andere, was an mir nicht stimmt“ Menschen helfen zu wollen. Wann darf man endlich auch in psychiatrischen Kliniken ressourcenorientiert arbeiten, statt in einem Berwertungsschema die Lösung zu suchen?

Ich wäre extrem vorsichtig aus den geschilderten Extrembeispielen verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen. Sollte hier "politischer" Handlungsbedarf bestehen, dann müsste vorher eindeutig erwiesen sein, dass wir es hier trotz Seltenheit mit einem zunehmenden Trend oder dergleichen zu tun haben. Ansonsten ist die Gefahr nämlich groß, dass man aus purem Aktionismus das Kind mit dem Bade ausschüttet.