Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche "Wenn ich am Klavier sitze, fühle ich mich, als ob ich an einem Torbogen stehe. Vor mir erstreckt sich ein riesiges Land"

© Ben Rayner

Ihr ganzes Leben lang versucht die Psychologin Diana Deutsch herauszufinden, was das eigentlich ist: Musik. Und ob sie uns wirklich glücklich macht. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 50/2015

Schon bevor wir den ersten Atemzug taten, umgab uns Musik. Denn selbst Ungeborene im Mutterleib reagieren auf Klänge. Und die Erregung, die Musik in uns auslöst, teilen wir mit Menschen in jedem Winkel der Welt. Es existiert keine einzige Kultur ohne Musik. Warum sprechen Klänge und Melodien, die eigentlich gar nichts bedeuten, uns dermaßen an?

Diana Deutsch

77, studierte in Oxford Psychologie, Philosophie und Physiologie. Bekannt wurde sie durch ihre Forschungen zur Wahrnehmung von und zum Gedächtnis für Klänge und über akustische Täuschungen und Paradoxien

Diana Deutsch untersucht seit über vier Jahrzehnten, wie wir Musik hören und was dabei in uns geschieht. Sie gilt als die große alte Dame der Musikpsychologie und ist Professorin an der Universität von Kalifornien in San Diego, wo wir uns auch verabredet haben. Als ich den fensterlosen Raum betrete, fallen mir zuerst enorme Lautsprecherboxen und eine Reihe von Computern und Synthesizern ins Auge. Dann erst sehe ich meine Gesprächspartnerin, die an den Knöpfen herumdreht.

Stefan Klein: Frau Deutsch, können Sie sich ein Leben ohne Musik vorstellen?

Diana Deutsch: Das wäre ein trauriges Leben.

Klein: Musik macht Sie glücklich?

Deutsch: Nein, das ist zu einfach. Musik berührt mich zutiefst. Aber weder macht sie mich glücklich noch traurig. Das sind die falschen Adjektive.

Klein: Was bedeutet Ihnen denn die Musik?

Deutsch: Wenn ich am Klavier sitze, fühle ich mich, als ob ich an einem Torbogen stehe. Vor mir erstreckt sich ein riesiges Land, schneebedeckt, Meilen um Meilen. Ich sehe das tatsächlich vor mir. Und ich muss nur in den Schnee hineinlaufen, das ganze Land gehört mir. Hier brauche ich mich um nichts mehr zu sorgen. Jetzt kann ich tun, was ich will, spielen, womit ich will. Übrigens empfinde ich genauso, wenn ich im Tonstudio experimentiere.

Klein: Ich glaube, ich weiß, welche Freiheit Sie meinen. Am intensivsten habe ich sie als Jugendlicher erlebt. Am Klavier konnte ich die Welt, die mir damals so unerträglich erschien, völlig vergessen – und mich selbst dazu. Ging es Ihnen genauso?

Deutsch: Bis heute. Nicht mehr ich mache etwas, sondern die Musik. Ich bin nur in ihre Welt eingetreten. Als Mädchen war diese Welt alles für mich. Ich übte viele Stunden am Klavier, komponierte und trug die ganze Zeit Notenpapier mit mir herum. So, wie andere Teenager Filmstars anschwärmen, verehrte ich Komponisten. Schubert zum Beispiel. Er konnte komponieren, wie ein Vogel singt. Dabei hat er einen großen Teil seiner Musik selbst nie gehört, weil er an seinem Lebensende so krank war, dass er nicht aus dem Haus gehen konnte. Wenn ich ihn spiele oder höre, beginnen mir noch immer die Knie zu zittern. Aber ich bewunderte auch all die anderen Großen. Ich fand es wunderbar, dass ich am Instrument ein Teil ihres Werks werden konnte. Aber ich wollte mehr – verstehen, wodurch genau ihre Musik mich so rührte. Aber ich kam nicht sehr weit.

Klein: So kamen Sie zu Ihrem Beruf.

Deutsch: Aber nein. Ich wollte Komponistin werden. Doch mein Vater schickte mich zum Psychologiestudium nach Oxford. Er war Bildhauer und wusste genau, wie es ist, mit Kunst nichts zu verdienen.

Klein: Wie standen Ihre Eltern zur Musik?

Stefan Klein

geboren 1965, ist Biophysiker und Autor. Zuletzt erschien von ihm das Buch Träume: Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit. Für das ZEITmagazin führt er regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern

Deutsch: Meine Eltern sangen sehr schön und ständig. Manchmal stimmte mein Vater sogar ein Lied an, während wir aßen, und meine Mutter und ich fielen ein. In der ostjüdischen Tradition unserer Familie spielt Musik eine große Rolle. Aber weder hatten wir Instrumente, noch bekam ich Unterricht. Bei einer Nachbarin stand ein Klavier. Einmal schlug sie ein paar Töne an, und ich sagte ihr, welche es waren. Da war ich vielleicht vier. Sie reagierte entgeistert. Ich verstand gar nicht, warum. Ich fand es ganz natürlich, dass man Töne erkennen konnte wie Farben! Dann sah ich acht Erwachsene um mich und das Klavier herumstehen. Keiner konnte sagen, welche Töne die Nachbarin spielte. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass nicht sie merkwürdig waren, sondern ich. Jedenfalls bezahlte mein Vater mir von da an Klavierstunden.

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