Stilkolumne Grün ist das neue Schwarz

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Da freut sich die Umwelt: Hemd von Tim Labenda für Hess Natur, 80 Euro © Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 50/2015

Healthy is the new skinny. Hört sich das nicht gut an? Früher musste man sich krank hungern, um schön zu sein; jetzt muss man "bewusst" leben. Und gesund. Schminktipps im Netz sind nur noch etwas für Proleten. Wer etwas auf sich hält, studiert Food-Blogs und ergötzt sich dort an Lebensmitteln, die voller "Goodness" sind. Interessanterweise ist dies aber eine Küche, die man vor Kurzem als komplett spaßfrei angesehen hat. Lebensmittel werden gefeiert, die man früher ausschließlich dort bekommen konnte, wo traurige Menschen unterwegs waren: im Reformhaus. Dort gab es Pastinaken und Grünkohl. Heute sind das "Lifestyle-Gemüse".

Interessanterweise ist auch die Kleidung der Reformhaus-Kunden heute Mode. Birkenstock-Sandalen werden in Los Angeles getragen. Der Ökotextilien-Hersteller Hess Natur hat eine Kollektion von Tim Labenda entwerfen lassen. In Kalifornien gibt es sogar ein Label, dessen Name nach Reformhaus klingt: Reformation. Die ökologisch hergestellten Stücke werden von Karlie Kloss, Cindy Crawford und Chiara Ferragni getragen. Sicherlich spricht genauso viel für ökologische Mode wie für ökologische Ernährung. Textilhersteller zählen zu den größten Umweltverschmutzern. Sie verbreiten das Gift nicht dort, wo ihre Produkte getragen werden, sondern dort, wo sie produziert werden. Ist es da nicht gut, wenn man Kleidung trägt, die umweltfreundlich hergestellt wurde? Dabei vergisst man allerdings, dass die Textilindustrie in vielen armen Ländern der größte Arbeitgeber ist – und für viele Menschen die Existenzgrundlage. Zu behaupten, man verbessere die Welt, indem man Kleidung kauft, die so regional wie ein Weißkohl erzeugt wird, ist wirklichkeitsfremd.

Ob Kleidung morgen umweltgerecht produziert wird, entscheidet sich daran, ob die Mode-Hersteller mehr Geld für Arbeitsschutzmaßnahmen und Rohstoffeinkauf ausgeben. Und leider ist dabei nicht entscheidend, was Avantgardisten in Hipster-Vierteln tragen. Es geht um Kleidung für die Massen. Es ist weder schlecht noch unmoralisch, viel Geld für Öko-Mode auszugeben. Nicht unmoralischer jedenfalls, als überhaupt Geld für Mode auszugeben. Mode ist immer egoistisch und eitel und selbstbezogen. Und wenn diese Eitelkeit beinhaltet, dass man sich deswegen mit Euphorie von langweiligem Wurzelgemüse ernähren muss, dann muss man die Leute darum nicht einmal beneiden.

Foto: Beutel von Burberry, 525 Euro

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