Stilkolumne Ärmel machen Leute

ZEITmagazin Nr. 51/2015

Als die Menschen sich noch in Tücher und Togen hüllten, hatte der Ärmel die Funktion, der Kleidung Struktur zu geben. Dank des Ärmels gab es keinen herumwallenden Stoff mehr, der beim Arbeiten hinderlich war. Im Laufe der Geschichte wurde er noch wichtiger, denn die Arbeit wurde immer komplexer. Schließlich galt es nicht nur, Äcker zu bebauen, sondern auch, anspruchsvolle handwerkliche Arbeiten zu verrichten. Mit dem Ärmel löste man also ein Problem – und gleich noch ein zweites: Wer es nicht nötig hatte, zu arbeiten, wünschte sich einen Weg, dies kenntlich zu machen. Das ließ sich zum Beispiel dadurch signalisieren, dass man die Ärmel prunkvoll verzierte. Das Wort Ärmel stammt vom mittelhochdeutschen ermel und vom althochdeutschen armilo, was so viel bedeutet wie "Armring" oder "Armfessel". Der Ärmel hatte also schon früh auch eine schmückende Funktion.

Man betrieb immer großen Aufwand, Ärmel so zu gestalten, dass sie ungewöhnlich und schön aussahen: Man bestickte und besetzte sie mit Steinen und erfand alle möglichen neuen Formen. Zu den extravagantesten zählen Schinkenärmel und Hammelkeulenärmel (sie sehen so aus, wie die Namen suggerieren). Getragen wurde der Hammelkeulenärmel insbesondere von der Oberschicht und dem Adel. Auch im asiatischen Raum unterstrich man mit prunkvollen Ärmeln seinen sozialen Status: In der Peking-Oper etwa spielen die verlängerten Ärmel der Kostüme eine tragende Rolle, man nennt sie shui xiu, "Wasserärmel". Sie sind von der Kleidung der Ming-Dynastie inspiriert. Die traditionelle Verlängerung der seidenen Manschetten am Ärmel kann bei Frauenkostümen bis zu zwei Meter erreichen.

Bei der Oberschicht war der extravagante Ärmel lange Zeit nicht in Mode, jetzt ist er wieder da. Nun nennt man ihn statement sleeve. Er wird vor allem von extrem modebewussten Frauen getragen. Im Einerlei der sich immer schneller ändernden Mode stellen solche Ärmel sicher, dass man auffällt. Zu sehen sind große Ärmel etwa bei Céline oder auch bei Giambattista Valli. Allzu praktisch ist diese Kleidung allerdings nicht. Bereits essen zu gehen kann mit diesen Ärmeln im Desaster enden. Die wichtigste Botschaft der statement sleeves ist also: "Ich habe offensichtlich überhaupt nichts zu tun. Und wenn ich Hunger habe, gehe ich nach Hause, reiße mir den Pulli vom Leib und fresse den Kühlschrank leer."

Foto: Pullover mit Glockenärmeln von Céline, 1.800 Euro

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