Das war meine Rettung "Mein Weg, das Unbekannte zu umarmen"

Seine Ängste überwand Bertrand Piccard, indem er mit dem Drachenfliegen begann. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 51/2015

ZEITmagazin: Herr Piccard, waren Sie ein mutiges Kind?

Bertrand Piccard

57, geboren in Lausanne, ist Psychiater. Er umrundete als Erster die Erde in einem Ballon, zusammen mit einem Co-Piloten. Jetzt will er dasselbe in einem Solarflugzeug schaffen. Kürzlich erschien sein Buch Die richtige Flughöhe
 

Bertrand Piccard: Als Teenager war ich sehr schüchtern und so schlecht in Sport, dass mein Sportlehrer zu mir meinte, ich sei zurückgeblieben. Bis ich 1974 in der Schweiz zum ersten Mal einen Drachenflieger sah. Ich wusste sofort, das wollte ich machen: mit einem Dreieck aus Plastik über mir vom Berg springen und fliegen. Tatsächlich hat Drachenfliegen mein Leben von einem Tag auf den anderen verändert. Es wurde mein Weg, das Unbekannte zu umarmen und mir mehr zuzutrauen. Meine Rettung. Aus dem kleinen Jungen, der Angst hatte, auf Bäume zu klettern, wurde ein Europameister im Drachenkunstflug.

ZEITmagazin: Wieso studierten Sie nichts Technisches?

Piccard: Mein Großvater war der erste Mensch in der Stratosphäre, und mein Vater hält den Rekord im Tiefseetauchen. Sie hatten auf ihren Gebieten bereits alles erreicht, das wäre für mich eine Sackgasse gewesen. Meine Mutter hat mir durch ihre Liebe zu Psychologie, Spiritualität und orientalischen Religionen ein ganz neues Feld eröffnet. Während mein Vater und mein Großvater die äußeren Welten erforschten, erkundete sie die inneren. Dank ihr wurde ich Psychiater. Somit habe ich wie im Taoismus die beiden Pole meiner Eltern in mir ausgesöhnt.

ZEITmagazin: Ihre erste Firma Piccard Aviation war ein finanzielles Desaster. Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Piccard: Entweder man jammert, oder man nimmt die Krise als Gelegenheit, sich neue Fähigkeiten anzueignen. Ich glaube, dass wir im Leben immer wieder an Kreuzungen stehen, an denen wir die Richtung wählen. Wie bei Ballonfahrten. Durch Ballastabwerfen wechselt man die Richtung. Um im Leben die Richtung zu ändern, muss man Dogmen über Bord werfen. Ich hatte auch immer starke Überzeugungen. Aber ich habe gelernt, sie loszulassen. Wenn man sein Leben in der täglichen Routine verbringt, bleibt man in einem selbst errichteten Gefängnis aus Ängsten, Erziehung und Gewohnheiten.

ZEITmagazin: Sie sind seit 37 Jahren verheiratet. Das ist eine lange Zeit.

Piccard: Als wir uns kennenlernten, war meine Frau 16, ich war 19. Wir mussten also diese Teenagerliebe zu einer erwachsenen Liebe entwickeln. Das lief nicht immer problemlos. Aber eine Trennung kam für uns nie infrage, das hieße aufzugeben. Meine Frau hat einen sehr starken Charakter und treibt mich permanent an.

ZEITmagazin: Sie meistern Krisen souverän.

Piccard: Anfangs bin ich überhaupt nicht souverän. Ich hatte eine große Krise, als ich lernen musste, Solar Impulse zu fliegen ...

ZEITmagazin: ... das Solarflugzeug, dessen Entwicklung Sie initiiert haben.

Piccard: Mein Partner André Borschberg war nach ein paar Stunden Flugtraining bereit. Ich brauchte fast zwei Jahre! Der Testpilot meinte: Du musst mehr trainieren. Ich war sehr unglücklich und habe sogar aus Verzweiflung geheult! Aber ich bin drangeblieben und habe gelernt, dass man flexibel sein muss. Wenn es auf die eine Art nicht klappt, muss man es auf eine andere versuchen.

ZEITmagazin: Im Moment haben Sie mit "Solar Impulse" eine Zwangspause, weil die Batterien ausgetauscht werden und die Kühlung verbessert werden soll.

Piccard: Geduld habe ich bereits bei meinen Rekordversuchen mit dem Ballon erlernt. Da musste ich nach jedem Fehlschlag ein Jahr auf einen neuen Ballon warten. Ich könnte auch jeden Tag wehklagen, dass Solar Impulse pausiert. Das würde aber nichts ändern. Wir versuchen etwas Unmögliches zu schaffen: mit einem Flugzeug ohne Kraftstoff Tag und Nacht in der Luft zu bleiben. Dass etwas so Schwieriges selten nach Plan verläuft, sollte klar sein.

ZEITmagazin: Müssen Sie immer der Erste sein?

Piccard: Es geht eher darum, etwas noch nie Dagewesenes zu schaffen, ohne zu wissen, ob es wirklich machbar ist. Wie die Gebrüder Wright, die Luftfahrtpioniere. Niemand außer ihnen hat daran geglaubt. Bei Solar Impulse ist es genauso. Es war so bei Apollo 11. Die Astronauten wussten nicht, ob sie nach der Mondlandung wieder zurückkommen würden. Die von Apollo 12 schon. An welche Namen erinnern Sie sich noch? Anfangs gingen wir davon aus, dass wir es in fünf Jahren schaffen würden. Mittlerweile sind es zwölf Jahre. Ich würde gerne einmal wieder etwas anderes machen. Aber das Unmögliche dauert dann doch immer etwas länger. Ich hoffe, wir leben vor, dass saubere Energie überall eingesetzt werden kann und muss.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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