Erziehung Hat Dir das keiner beigebracht?

Vom Schnürsenkelbinden bis zum Uhrzeitlesen: Sind unsere Kinder eigentlich alltagstauglich? Von
ZEITmagazin Nr. 51/2015

Schieb ich’s halt auf den Computer. Denn an jenem Wochenende, als der neue kam, drifteten meine Jungs mal wieder aus der Welt. Sie wurden in das digitale Universum hineingesogen, und es blieben von ihnen nur ihre körperlichen Hüllen. Mit denen versuchte ich zu kommunizieren. Das ging so: Kommt ihr jetzt mal? Zieht ihr bitte zum Mittagessen die Schlafanzüge aus? Warum? Weil! Es-sen!! Die Zähne habt ihr heute Morgen auch noch nicht geputzt. Hände waschen! Esst das bitte auf, der Computer läuft nicht davon. Stellt ihr die Teller bitte in die Maschine? Nein, nicht auf den Tisch – in die Ma-schi-ne! Nicht quer, das habe ich doch schon hundert Mal erklärt. Und könntet ihr bitte den Müll runterbringen. Na, in die Tonne!? Nicht barfuß in den Hof, es regnet seit zwei Tagen, hast du das nicht gemerkt? – Hallo, Schatz, bitte schau mich mal an. In die Augen. Und jetzt einatmen, ausatmen. Guten Tag, ich bin deine Mama. Und was sollst du jetzt bitteschön machen?

Zähne putzen, Hände waschen, Gesicht auch. Schnürsenkel binden. Hose aufknöpfen, wenn man reinschlüpft, dann wieder zuknöpfen. Schulranzen packen. Uhr lesen, Karten lesen, Fahrkarte lösen. Einfach nur ein Brot schmieren; schön wäre mehr, aber immerhin. Alles in allem: sich im Alltag zurechtfinden.

Das wäre mir wichtig. So als Mutter und Mensch würde ich es meinen Kindern gern vermittelt haben. Nicht nur, damit sie später ohne Putz-Mamsell und Pizzaboten klarkommen. Sondern auch – ich sage das, weil ich die Frage nach dem tiefer gehenden Sinn gut kenne: weil ich glaube, dass das keine spießige Zumutung ist. Überflüssig, weil wir doch Apps, Gadgets und Imbissbuden haben. Sondern weil ich davon überzeugt bin, dass es für den Menschen wichtig ist, sich zu verorten. Im Körper wie im Geist. Also da zu sein, nach dem Motto: Ich bin hier, also bin ich. Und nicht: Ich – Major Tom, die da – Ground Control.

Warum ich so scharf daherrede? Weil ich Zweifel habe, an meinen Kindern. Und an uns Eltern, ihren Vorgesetzten und Vorbildern. Ich fürchte nämlich, da läuft was schief.

Seit Jahren verfolgt mich ein Satz. Ausgesprochen wird er eigentlich nie, aus Rücksichtnahme. Er lautet: "Hat dir das keiner beigebracht?" Ich sehe diesen Satz in den Augen von Schwiegermüttern und Großvätern – und manchmal sogar in denen anderer Eltern. Die es vermutlich besser drauf haben als ich, als wir, unsere Kinder zu selbstständigen Wesen heranzuziehen, die auch all jene praktischen Fertigkeiten beherrschen, die das Leben des Menschen ausmachen.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEITmagazin Nr. 51 vom 17.12.2015.

Dieser Satz – wenn sich die Großmutter zum Kind hinabbeugt, das – acht war es da – mit seinen Schnürsenkeln ringt und diese typische arabeske Mehrfachverschlingung anstellt. Die, das sieht man sofort, nach ein paar Schritten aufgelöst sein wird. Oder wenn der Großvater mit Fassungslosigkeit beobachtet, wie sein Enkel – zehn ist er schon – mit Butter, Messer und Brot kämpft. Und ein Schlachtfeld aus Brocken und Bröseln hinterlässt. Und mein eigenes Erstaunen darüber, wie ein Schulranzen "heutzutage" aussieht: ein Gefledder aus losen Papieren, stumpfen Stiften und geknickten Heftern. Und kein Mensch sagt was. Doch sie meinen: "Hat ihnen das keiner beigebracht?!"

Habe ich absurde Ansprüche? Wofür Schulhefter, wenn sie Smartboards haben? Und außerdem: Sind Wissen, Leistung, Sport und Spaß nicht viel wichtiger als dieses Alltags-Gedöns?

Einige Freundinnen sagen: Das Leben da draußen sei hart genug – da wollten sie die Kinder, so lange es geht, hier drinnen verwöhnen. Aber sind die dann, erstens, nicht überfordert, wenn sie auf die Welt losgelassen werden? Wie lernen sie, zweitens, die Dinge des Alltags? Und werden sie, drittens, dann nicht genauso wie die meisten Männer um mich herum: verwöhnte Muttersöhnchen? Auf die, leider, was selbstständige Unternehmungen im Haushalt angeht, immer noch Ulrich Becks Klassiker aus den Achtzigern zutrifft: "verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre". Oder ist es gar kein Geschlechterding?

Die Tochter eines Bekannten zum Beispiel, klug, lieb, nett und gerade nominell erwachsen geworden. Als ich ihr einen Ferienjob vorschlug – ich musste sie mit Engelszungen bequatschen –, stellte sich heraus: Sie hatte noch nie ein Bad geputzt. Sie konnte nicht kochen. Und wie oft muss man, öh, Blumen gießen? Jetzt, da sie studiere, brauche sie eine Putzfrau. – Wow, dachte ich, und in meinen Augen züngelte es vermutlich, wieso hat dir das denn keiner beigebracht?

Kommentare

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Wenn die meisten Männer um Sie herum verwöhnte Muttersöhnchen sind, müssten Sie nochmal über Ihre Präferenzen nachdenken, es sei denn, Sie wollen es genau so. Eine Frage, die ich mir übrigens auch schon oft gestellt habe. Vice versa. ;-)

Was bei der Selbstbeschreibung und der Beschreibung ihrer Söhne auch so rüberkommt. Dass Sie es so wollen. Wollten Sie es anders, hätten Sie es auch anders gemacht. Viel interessanter als die Beschreibung des Ist, wäre eine Beschreibung, wie es denn so geworden ist. Haben Sie bewusst darauf verzichtet, mit den Söhnen das Schleife binden zu üben, haben Sie kapituliert oder war es Ihnen schlicht egal?

Wir sind als Eltern dann am besten, wenn wir den Kindern ein (unaufdringliches) Leitbild geben, an dem sie sich messen und vergleichen können, ohne sie zu demütigen. Sie ermuntern, sich selbst und Dinge auszuprobieren, darauf vertrauen, dass sie das, was ihnen wichtig ist, auch genau in dem Moment tun und lernen werden, wenn es ihnen wichtig ist. Das ist manchmal ziemlich schwer auszuhalten, vor allem, wenn Sie all diese Dinge, die Sie aufzählen, zu einem viel früheren Zeitpunkt bereits perfelkt beherrschten. Aber gab es zu dieser Zeit Schuhe mit Klettverschluss, Computer, Smartphones, Spielekonsolen, die unendlichen Weiten des Internets? Wohl eher nicht und auch nicht - für Ihre Eltern. Erinnern Sie sich noch an die Dinge, die Sie als Kind gesagt bekamen von Ihren Eltern, Tanten, Onkeln, Großeltern?

Es geht doch schon damit los, dass die Kinder heute nicht mal mehr selbstständig zur Grundschule laufen, sondern von ihren Müttern gefahren werden...
Ich bin, Anfang der 90er, in den ersten paar Tagen mit meinem Vater den Schulweg gegangen, danach allein. Gefahren wurden wir nur, wenn es wirklich Kuhmist geregnet hat, und das auch nur gelegentlich. Ansonsten bei Wind und Wetter...
Ich kann verstehen, dass es Eltern schwerfällt 'loszulassen' und mitanzusehen, dass das eigene Kind immer unabhängiger wird. Aber da muss man dann mal seinen Egoismus zurück stecken und sein Kind Erfahrungen sammeln lassen, damit es in dieser Welt überhaupt ansatzweise bestehen kann. Das sollte doch im Sinne der Eltern sein!
Ansonsten haben wir nachher unselbstständige Halbaffen, mit wenig Respekt und Empathie für andere, da Erziehung ja mittlerweile auch nur noch sporadisch zu erfolgen scheint...

Und ich bin damals bereits täglich in die Grundschule gefahren worden und trotzdem selbstständig geworden. Allerdings wohnten wir damals nicht in der Stadt oder direkt in dem Dorf, in dem meine Grundschule war, sondern weiter außerhalb (gerade mal grob die Luftlinie gemessen: 3km).
Da war es allerdings nicht Mami die gefahren ist, sondern ein privater Busdienst, der uns geholt und wieder abgeliefert hat. Und nicht nur uns, die weit im Nirvana wohnten, sondern auch andere Kinder, die in den Ausläufern des Dorfes wohnten. Ich schätze mal spontan, dass auch die keine unselbstständigen Halbaffen geworden sind.

Und inzwischen wohne ich in einer kleinen Stadt und werde meine Kinder - wenn es denn irgendwann mal so weit ist - zu Fuß zur Schule schicken. Weil wir eh kein Auto haben (wer braucht das schon in der Stadt) und ich das als Kind eh immer vermisst habe.
Will sagen: Zur Schule gefahren wurde damals schon. Geschadet hats nicht. Pauschalisieren in beide Richtungen allerdings auch nicht.

Ich finde das auch alles etwas kurz gedacht. Natürlich habe ich morgens keine Zeit, den Kindern beizubringen, die Schuhe zu schnüren. Aber am Wochenende habe ich die Zeit und vielleicht auch abends. Und wenn sie es dann können, habe ich morgens eben sogar mehr Zeit. Nur als Beispiel. Wenn ich mich natürlich immer an den Rechner flüchte und die Kinder dann entsprechend vor dem Fernseher/dem Computer parke, brauche ich mich über Unselbständigkeit nicht wundern. Ich stimme meiner Vorrednerin zu - es scheint so, als wollten Sie es nicht anders.
Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man Kinder durchaus verwöhnen kann und sie trotzdem zur Selbständigkeit erziehen kann. Denn das was Kinder am meisten schätzen, ist Zeit mit Ihnen zu verbringen. Das heisst nicht zwingend, alles für sie zu machen.