Harald Martenstein Über Geistesgrößen und ihre privaten Geheimnisse

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ZEITmagazin Nr. 51/2015

Ich wohne in Berlin-Kreuzberg. Vor einiger Zeit hatte das Bezirksparlament beschlossen, dass bei uns Straßen nur noch nach Frauen benannt werden dürfen. Jetzt haben sie den Beschluss geändert. Die nächste Straße muss nach einer Frau benannt werden, die entweder homosexuell oder bisexuell oder trans- oder intersexuell war.

Da frage ich mich: Wie findet man das heraus? Menschen, nach denen Straßen benannt werden, müssen nun mal tot sein, daran lässt sich nichts ändern. In den vergangenen Jahrhunderten gab es ja gute Gründe dafür, seine sexuelle Neigung zu verstecken, vielerorts gilt dies noch heute. Ich sehe einen neuen Wissenschaftszweig entstehen, posthume Sexualforschung. Im Falle der Schriftstellerin Patricia Highsmith, des Philosophen Kant oder beim Alten Fritz scheint sicher zu sein, dass sie homosexuell waren. Goethe ist schon ein schwierigerer Fall. In einer neueren Biografie wird behauptet, dass er bi war und nur mit einer einzigen Frau tatsächlich Sex hatte, diese Person sei Christiane Vulpius gewesen. Vielleicht waren Goethe und Schiller mehr als nur gute Freunde. Der Dichter Robert Gernhardt hat ein Bild gemalt, das Goethe und Schiller beim Sex zeigt. Falls sie in Kreuzberg eine Straße nach Christiane Vulpius benennen möchten, müssten sie berücksichtigen, dass sie relativ jung gestorben ist und dass Goethe sie nicht sehr gut behandelt hat. Es ist nicht auszuschließen, oder sogar wahrscheinlich, dass Christiane im Falle eines längeren Lebens den Egozentriker Goethe für eine Frau verlassen hätte. Man kann eine Person doch nicht dafür bestrafen, dass sie zu jung stirbt, um ein Coming-out zu haben.

Dem Betrug ist Tür und Tor geöffnet. Man stelle sich eine sehr mittelmäßige Malerin vor, Beate Bräsig, die in Kreuzberg mit grauenhaften Landschaftsbildern ihr Brot verdient. Nach ihrem Ableben kommt der Witwer zum Bezirksparlament und behauptet, sie sei lesbisch gewesen. In Wirklichkeit will er nur, aus Liebe, eine Beate-Bräsig-Straße haben, aber wie beweist man, dass er lügt? Vor dem Bezirksparlament tauchen sämtliche Canasta-Partnerinnen von Beate auf, neun ältere Damen, und jede von ihnen schwört, aus Freundschaft, dass Beate mit ihr regelmäßig exzessiven Sex gehabt habe. Dann führt in Kreuzberg an der Beate-Bräsig-Straße kein Weg mehr vorbei.

Die neue Regel soll die Akzeptanz von sexueller Vielfalt fördern. Ich frage mich, wie das funktionieren soll, wenn die Bevölkerung nur den Straßennamen liest und überhaupt nicht weiß, was die betreffende Person sexuell im Einzelnen gemacht hat. Durch das bloße Lesen des Namens "Beate-Bräsig-Straße" wird doch kein Mensch zur Akzeptanz erzogen. Es funktioniert nur, wenn in Zukunft auch die sexuelle Orientierung auf dem Straßenschild vermerkt wird. Beate Bräsig, lesbische Landschaftsmalerin. Goethe, bisexueller Dichter. Das wäre mein Tipp für die nächste Sitzung des Bezirksparlaments.

Ich neige ja der Ansicht zu, dass Straßen nach Leuten benannt werden sollten, die irgendwas Bemerkenswertes gemacht haben, völlig unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben. Das würde ich für gerecht halten. Geschlecht und Gender sind egal, und niemand darf deswegen benachteiligt werden, nicht einmal die Heteros. Es ist kein historisches Verdienst von Ewigkeitswert, wenn eine Person auf etwas unkonventionellere Weise zum Orgasmus findet. Falls man Akzeptanz fördern will, kann man doch in Berlin die Allee der Kosmonauten in Allee der Drag-Queens umbenennen. Das fände ich okay.

Kommentare

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Mit fünf Minuten Googeln zu entlarvende Fehler:
In Kreuzberg sollen 50 Prozent der Straßen nach Frauen benannt werden, das sind 50 Prozent weniger als im Artikel angegeben. Auch gibt einen ANTRAG, beim nächsten Mal eine lesbische Frau zu nehmen. Das ist deswegen so aufregend, weil es zum ersten Mal passiert; die Aussage, mit der der Artikel eingeleitet wird, das wäre immer und auf ewig so, ist also Quatsch.
Da fehlt ja nur noch die Uraltente von den ProfessorInnen aus Leipzig, dann wäre das hier komplett. Platzverschwendung ist es so oder so.

20 Sekunden Googeln enthüllt: Es sollen so lange Straßen nur noch nach Frauen benannt werden, bis es eine 50%-Quote gibt.
Da die Quote im Moment bei 10% liegt, und in Kreuzberg nur noch ganz selten neue Straßen angelegt werden, heißt das für die absehbare Zukunft genau das, was Herr Martenstein geschrieben hat: Neue Straßen dürfen nur noch nach Frauen benannt werden.

Straßen sollten einfach nach überhaupt niemandem benannt werden, dann streitet man sich auch nicht.
Die Japaner z.B. haben blos eine Kombination aus Zahlen, funktioniert auch, und niemand muss in einer "Professor-Harald-Martenstein-Straße*" wohnen, die in kein Formular passt, oder sich in seiner benachteiligen Rolle bestätigt fühlen.

(* meine letzte Straße hieß tatsächlich so, also vom Schema her, das passte nichtmal in den Perso, keine Ahnung warum sowas überhaupt zulässig ist. Post kam auch regelmäßig nicht an weil gewisse Label-Drucker nicht genug Zeichen ausdrucken, etc., einfach grausig).

Wir denken mal weiter (es gibt ja noch genug Minderheiten) :-)
Und zwar über jedem Namensschild eine etwa 2 Quadratmeter große Tafel mit der prozent-genauen Erläuterung:
Hetereo/homo/trans/sonstwas
Sexuelle Vorlieben
Vegetarier/Veganer/Omnivore
zuFußgehend/Radfahrend/Autofahrend/ÖPNVend
Sonst könnte sich ja jemand wegen einer falschen Auswahl beschweren.
Nur welche "Eigenschaft" gewinnt?
bisexuelle transFrau vs. colored unterdrückter Hetero

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