Harald Martenstein Über Geistesgrößen und ihre privaten Geheimnisse

Von

ZEITmagazin Nr. 51/2015

Ich wohne in Berlin-Kreuzberg. Vor einiger Zeit hatte das Bezirksparlament beschlossen, dass bei uns Straßen nur noch nach Frauen benannt werden dürfen. Jetzt haben sie den Beschluss geändert. Die nächste Straße muss nach einer Frau benannt werden, die entweder homosexuell oder bisexuell oder trans- oder intersexuell war.

Da frage ich mich: Wie findet man das heraus? Menschen, nach denen Straßen benannt werden, müssen nun mal tot sein, daran lässt sich nichts ändern. In den vergangenen Jahrhunderten gab es ja gute Gründe dafür, seine sexuelle Neigung zu verstecken, vielerorts gilt dies noch heute. Ich sehe einen neuen Wissenschaftszweig entstehen, posthume Sexualforschung. Im Falle der Schriftstellerin Patricia Highsmith, des Philosophen Kant oder beim Alten Fritz scheint sicher zu sein, dass sie homosexuell waren. Goethe ist schon ein schwierigerer Fall. In einer neueren Biografie wird behauptet, dass er bi war und nur mit einer einzigen Frau tatsächlich Sex hatte, diese Person sei Christiane Vulpius gewesen. Vielleicht waren Goethe und Schiller mehr als nur gute Freunde. Der Dichter Robert Gernhardt hat ein Bild gemalt, das Goethe und Schiller beim Sex zeigt. Falls sie in Kreuzberg eine Straße nach Christiane Vulpius benennen möchten, müssten sie berücksichtigen, dass sie relativ jung gestorben ist und dass Goethe sie nicht sehr gut behandelt hat. Es ist nicht auszuschließen, oder sogar wahrscheinlich, dass Christiane im Falle eines längeren Lebens den Egozentriker Goethe für eine Frau verlassen hätte. Man kann eine Person doch nicht dafür bestrafen, dass sie zu jung stirbt, um ein Coming-out zu haben.

Dem Betrug ist Tür und Tor geöffnet. Man stelle sich eine sehr mittelmäßige Malerin vor, Beate Bräsig, die in Kreuzberg mit grauenhaften Landschaftsbildern ihr Brot verdient. Nach ihrem Ableben kommt der Witwer zum Bezirksparlament und behauptet, sie sei lesbisch gewesen. In Wirklichkeit will er nur, aus Liebe, eine Beate-Bräsig-Straße haben, aber wie beweist man, dass er lügt? Vor dem Bezirksparlament tauchen sämtliche Canasta-Partnerinnen von Beate auf, neun ältere Damen, und jede von ihnen schwört, aus Freundschaft, dass Beate mit ihr regelmäßig exzessiven Sex gehabt habe. Dann führt in Kreuzberg an der Beate-Bräsig-Straße kein Weg mehr vorbei.

Die neue Regel soll die Akzeptanz von sexueller Vielfalt fördern. Ich frage mich, wie das funktionieren soll, wenn die Bevölkerung nur den Straßennamen liest und überhaupt nicht weiß, was die betreffende Person sexuell im Einzelnen gemacht hat. Durch das bloße Lesen des Namens "Beate-Bräsig-Straße" wird doch kein Mensch zur Akzeptanz erzogen. Es funktioniert nur, wenn in Zukunft auch die sexuelle Orientierung auf dem Straßenschild vermerkt wird. Beate Bräsig, lesbische Landschaftsmalerin. Goethe, bisexueller Dichter. Das wäre mein Tipp für die nächste Sitzung des Bezirksparlaments.

Ich neige ja der Ansicht zu, dass Straßen nach Leuten benannt werden sollten, die irgendwas Bemerkenswertes gemacht haben, völlig unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben. Das würde ich für gerecht halten. Geschlecht und Gender sind egal, und niemand darf deswegen benachteiligt werden, nicht einmal die Heteros. Es ist kein historisches Verdienst von Ewigkeitswert, wenn eine Person auf etwas unkonventionellere Weise zum Orgasmus findet. Falls man Akzeptanz fördern will, kann man doch in Berlin die Allee der Kosmonauten in Allee der Drag-Queens umbenennen. Das fände ich okay.

75 Kommentare

Lieber Herr Martenstein, nach dem ich heute das neuste beleidigende Pamphlet von Herrn Augstein gelesen habe, möchte ich Sie bitten, einen Strafantrag gegen diesen wegen Beleidigung zu stellen. Sie sollten es ihm nicht durchgehen lassen, dass er Sie als Rassisten beleidigt!

Mit einem lachenden Auge gelesen ist diese Satire recht effizient. Aber die sexuelle Identität ist das Intimste, das die Natur einem Menschen gibt. Jedes intime Adjektiv könnte Diskriminierungen und Stereotype generieren. Keiner würde Adjektive zum Namen des BER-Airports hinzufügen: Flughafen Willy Brandt (heterosexueller Politiker). Sollte man dann auch noch die Ex-Frauen und Ex-Freundinnen mit einner Gedenktafel ehren? Bei einem Künstler etwa zählt nur der kreative Genius, das artistische Resultat, und nicht die präferierten Genitalien! Hirschfeld, Mann, Tschaikowski, Nurejew, Caravaggio, Garbo. Jeder ist ein homo sapiens. Aber in puncto Straßennamen hat Berlin ein Problem: vieles ist provinziell, primitiv! Der Senat sollte mal Straßenschilder etwas symbolisieren, internationalisieren, aktualisieren: Lange Straße? Breite Straße? Neuer See? Ist doch lächerlich banal! Warum nicht Engagement und Courage ehren? Georg-Elser-Allee? Geschwister-Scholl-Park? Rosa-Parks-Brücke? Albert-Einstein-See? Neil-Armstrong-Boulevard? Mahatma-Gandhi-Damm? Franz-Kafka-Ufer? Fritz-Walter-Wiese? Platz der Nächstenliebe? Hoffentlich kommt es wenigstens am Humboldt-Forum zu einem Nelson-Mandela-Platz oder zumindest zu einem Desmond-Tutu-Garten? Eine stilistische "Entlastungsstraße" sei dieser Provisoriumskapitale dringend gegönnt. Und am Platz der Republik unbedingt einen "Pfad der politischen Intelligenz" einweihen (er bräuchte ja nicht sehr viel Platz) mit einem mobilen "Regula-Lüscher-WC".

Mit einem lachenden Auge gelesen ist diese Satire recht effizient. Aber die sexuelle Identität ist das Intimste, das die Natur einem Menschen gibt. Jedes intime Adjektiv könnte Diskriminierungen und Stereotype generieren. Keiner würde Adjektive zum Namen des BER-Airports hinzufügen: Flughafen Willy Brandt (heterosexueller Politiker). Sollte man dann auch noch die Ex-Frauen und Ex-Freundinnen mit einner Gedenktafel ehren? Bei einem Künstler etwa zählt nur der kreative Genius, das artistische Resultat, und nicht die präferierten Genitalien! Hirschfeld, Mann, Tschaikowski, Nurejew, Caravaggio, Garbo, etc. In puncto Straßennamen hat Berlin aber ein ganz anderes Problem: vieles ist primitiv und provinziell! Der Senat sollte mal Straßenschilder etwas mehr symbolisieren, internationalisieren, aktualisieren: Lange Straße? Breite Straße? Neuer See? Ist doch lächerlich banal! Warum nicht Engagement und Courage ehren? Georg-Elser-Allee? Geschwister-Scholl-Park? Rosa-Parks-Brücke? Albert-Einstein-See? Neil-Armstrong-Boulevard? Mahatma-Gandhi-Damm? Franz-Kafka-Ufer? Fritz-Walter-Wiese? Platz der Nächstenliebe? Hoffentlich kommt es wenigstens am Humboldt-Forum zu einem Nelson-Mandela-Platz oder zumindest zu einem Desmond-Tutu-Garten? Eine stilistische "Entlastungsstraße" sei dieser Provisoriumskapitale dringend gegönnt. Und am Platz der Republik unbedingt einen "Pfad der politischen Intelligenz" einweihen (er bräuchte ja nicht sehr viel Platz) mit einem mobilen "Regula-Lüscher-WC".

Warum diese unnötigen Klischee-Kolportationen? Der Artikel und die Gedanken funktionieren doch auch ohne.
Noch dazu verstiegene Herleitungen - warum bitte ist naheliegend, dass Christiane Vulpius als heterosexuelle Frau ihre eigene sexuelle Ausrichtung ändert, nur weil ihre Ehe nicht gut funktioniert? Und warum wird das plötzlich wahrscheinlich, nur weil der Mann möglicherweise bisexuell ist? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? (bis auf das es eine unschlüssige, aber vermeintlich steile These ist?)
"Ich frage mich, wie das funktionieren soll, wenn die Bevölkerung nur den Straßennamen liest und überhaupt nicht weiß, was die betreffende Person sexuell im Einzelnen gemacht hat." Können aufgeklärte Journalisten über ihr Handwerk Sprache bitte endlich dazu beitragen, dieses Missverständnis nicht immer wieder neu zu bekräftigen - nämlich, dass es immer nur um die Sexfokussierung geht, während es in der Wirklichkeit innerhalb eines LGTB-Lebens gerade EBEN NICHT nur darum geht, sondern es hier vor allem um Fragen der Identität und einem selbstverständlichen Leben mit einer anderen Identität geht? Vollkommen unabhängig vom Bett? Das wär mal was..
Das könnte man, wenn man sich die sehr einfache aber anscheinend zu viel verlangte Mühe macht, einmal normales als normal zu formulieren und nicht immer wieder Buzzwords zu bedienen. Ein homosexueller Orgasmus ist nicht "unkonventionell". Auch nicht modern. Er ist einfach ein Orgasmus zwischen gleichgeschlechtlich Liebenden - normal.

Sie sollten auch ein Gespür dafür entwickeln, wenn Artikel geschrieben werden, die den Grundtenor haben...

"Ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber müssen jetzt auch Straßen nach Ihnen benannt werden ?"

Wenn Sie solche Artikel lesen, sollten Sie Ihre Stimme erheben. Weil diese Artikel nicht dazu beitragen werden, dass sich die Gesellschaft zu einem gerechteren Verhalten gegenüber Homosexuellen entwickeln wird.

Die Frage heißt nicht "Ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber müssen jetzt auch Straßen nach Ihnen benannt werden ?"

sondern "Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber müssen jetzt auch Straßen nach Ihnen benannt werden, nur weil sie homosexuell sind?"

Das ist doch ein ganz anderer Grundtenor.

Vor ein paar Jahren nahm ich ein neues Mandat für ein Projekt an. Beim Antrittsgespräch baute sich der Fachverantwortliche vor mir auf und bellte mich beinahe an: "Ich bin übrigens Schwul ! Haben Sie ein Problem damit ?". "Nö, solange Blowjobs nicht zu den Projektaufgaben oder den Deliverables gehören".

Nicht alles im Leben muss sich an der Sexuellen Orientierung, Gender Dingsbums oder Ernährungsweise orientieren. Personen posthum in eine vermeintliche "Sparte" einzuordnen und deshalb einen Strassennamen zu vergeben kann fast schon den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllen. Oder ein Zwangsouting ala RvP

Mit Verlaub, das ist eine idiotische Idee. Damit schafft man genau das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Damit schürt man nur noch mehr Hass, wo er bereits vorhanden ist. Die Botschaft sollte eigentlich lauten: "Wir — die Homosexuellen — sind wie ihr" und nicht, "wir wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis", wie es beim CSD unlängst der Fall ist.

Ich, als Homosexueller, würde mich schämen, wenn man eine Straße nach mir benennt oder man mir im Job Vorrang gewährt, nur weil ich homosexuell bin.

Mit Verlaub, Sie sollten sich schämen, dass Sie in einer Gesellschaft leben, die das Wort "schwul" als Schimpfwort benutzt, die hinter vorgehaltener Hand über Sie Witze macht, die Sie als "unnatürlich" bezeichnen möchte, die Ihnen mit der Vortäuschung anderer Gründe einen Job verwehrt, die dafür sorgt, dass Ihre Eltern Schwierigkeiten haben, die Liebe zu Ihrem Kind leben zu können, weil Sie sich für Ihren "schwulen" Sohn evtl. schämen, die Ihnen nicht erlaubt mit Ihrem Partner Kinder zu adoptieren, die Ihnen die Ehe verwehrt, die den christlichen Kirchen erlaubt, evangelische schwule Pfarrer nicht uns Pfarrhaus einziehen zu lassen oder den Katholiken erlaubt, Sie als Sünder zu bezeichnen. Eine Gesellschaft, die Sie nicht genug vor Hassverbrechen schützt.

Sie leben in einer Gesellschaft, die ein stereotypes Bild von Mann und Frau vermitteln will, dass es so in der Natur nie gab. Sie sind weder unnatürlich noch ein Sünder noch müssen Sie sich dafür schämen, schwul zu sein.

Bei den Indianern wurde Homosexualität sogar teilweise verehrt, weil man in Wesen, die etwas Männliches und Weibliches vereinen, etwas Göttliches sehen wollte.

Fangen Sie an, Ihre Kultur zu hinterfragen.

"Fangen Sie an, Ihre Kultur zu hinterfragen."

Das tue ich durchaus, nur man muss eine Grenze ziehen. Ich, als Stellvertreter, kann die gleichen Rechte für mich fordern, die leider nicht gewährt werden — da haben Sie recht —, aber ich kann nicht mehr fordern, als alle anderen; warum auch?

Ich möchte auch nicht verehrt werden, sondern einfach die gleichen Rechte haben, wie meine stereotypen Mitmenschen, denn mich unterscheidet nur eine Sache von diesen: Meine Sexualität, die nur einen Teil meiner Persönlichkeit ausmacht (und ich erlebe es oft, dass andere Schwule auch so denken, denn das Leben ist kein CSD).

Ich finde es in Ordnung, wenn der Gesellschaft vermittelt wird, dass es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die eine gleichgeschrechtlich Partnerschaft gelebt haben. Wir haben eine Zeit hinter uns, in der Homosexualität strafbar war und wir haben Minderheiten im Land, denen Homosexualität als Sünde gilt. Das bürdet uns leider den Job auf, zu vermitteln, dass Homosexualität zu allen Zeiten existiert hat, dass berühmte Menschen homosexuell waren und dass es weder eine Krankheit und keine Sünde ist, die im Leben oder nach nach dem Tod Bestrafung ruft.

Ich mag diesen Tonfall einfach nicht: "er war zwar schwul, aber er hat ja so schöne Gedichte geschrieben" - in dem gleichen Tonfall wie meine Oma sagte, "er war zwar Jude, aber er konnte so schön Geige spielen - gegen jüdische Geiger habe ich nichts, auch wenn sie Yehudi heißen - aber Juden generell... naja schau sie dir mal genau mit diesen diese Nasen und diesen Augen - aber geigen das könen sie..."

Wo wie bei Minderheiten sind - vielleicht kommt dann auch einmal der "islamische zoophile" an die Reihe - er rappte und er vögelte Ziegen.
Ist ja die Abteilung Glosse, nicht wahr - hach was haben wir gelacht....

Wissenschaft ist keine Verschwörungstheorie. Ich empfehle Ihnen gerne die Ansicht dieses Vortrages:

https://www.ted.com/talks...

Wenn Sie sich gegen Unrecht einsetzen wollen, dann erheben Sie Ihre Stimme für die "Ehe für Alle". Ganz viele fortschrittliche Länder sind uns in dieser Hinsicht voraus. Wir hören in diesem Zusammenhang nicht auf die Erkenntnisse der Wissenschaft, sondern auf das "Bauchgefühl" von Frau Merkel.
Das ist sehr bedauerlich.

Es gibt ausreichend, Bäume, Pflanzen , Tiere, Gesteinsarten um jede Strasse in in Deutschland eindeutig zu benennen ohne dass sich ein Stein, Baum oder Farn auf den Schwanz getreten fühlt weil er nicht vorkommt oder nicht statusgemäss ist, bloss Menschen sind so ehrenkäsig, eitel dämlich.

Sehr geehrter Herr Martenstein,

gerne möchte ich Ihnen ans Herz legen, sich näher mit der Wissenschaft der Soziologie zu beschäftigen. Dann würden Sie vielleicht begreifen, dass heterosexuelle, weiße Männer Privilegien genießen, die sie selbst gar nicht wahrnehmen, aber von denen sie seit Beginn an der (europäischen) Geistesgeschichte profitieren. Dann würden sie auch begreifen, welches Unrecht homosexuellen Menschen in der Geschichte angetan wurde und auch heute immer noch angetan wird. Dann würden sie sich vielleicht sogar freuen, den Namen eines Homosexuellen auf einem Staßenschild lesen zu dürfen - als Wiedergutmachung und als Wunsch für eine gerechtere Zukunft für Alle.

Irgendwie haben Sie Martensteins bissigen Artikel inhaltlich nicht erfasst. Es geht doch gerade darum, überhaupt im Rückblick die sexuelle Orientierung zweifelsfrei festzustellen und dann ohne weiteren Aussagewert zu dieser Orientierung auf ein Straßenschild zu schreiben. Woher wissen Sie denn, wie viele der angeblich heterosexuellen weißen Männer der Weltgeschichte nicht vielleicht doch homosexuell waren? Mit reiner Moralapostelei werden Sie solche Fragen sicher nicht lösen. Vielleicht mit konkreten Vorschlägen?

"dass heterosexuelle, weiße Männer Privilegien genießen, die sie selbst gar nicht wahrnehmen"

Das ist eine Art virale Verschwörungstheorie und damit weit entfernt von echter Wissenschaft.

Ich habe sogar einen Nachteil: ich selbst habe nie eine Frau oder jemand homosexuellen benachteiligt und dennoch würde - egal was ich tolles tue - wohl zu meinen Lebzeiten nie eine Straße in Berlin-Kreuzberg nach mir benannt werden, nur aufgrund meines Geschlechts.

Ist das "Wiedergutmachung"?

Und von diesem reservierten Straßenschild hat ein Homosexueller nun was genau?

Sollte diesen Leuten heute wirklich noch Unrecht angetan werden, sollte man dieses schleunigst beheben und jede Energie die man mit Symbolpolitik und neuen Ungerechtigkeiten verschwendet fehlt dann dort - wo es wirklich wichtig wäre.

@Daedalus

So wird das nichts, Sie argumentieren auf der Individuen-Ebene während @einevonvielen in Gruppen denkt. Das wird nie zusammen passen.

Als Tipp: Sollten Sie gerne mal auf einem Strassenschil in Kreuzberg auftauchen wollen ist das ja jetzt einfacher. Bisher mussten Sie herausragende Leistungen bringen (viel Konkurrenz) jetzt müssen Sie homosexuell sein/werden/behaupten und herausragende Leistungen bringen (weniger Konkurrenz) --;-))

"Das wird nie zusammen passen"

Im Idealfall sollte es das.
Ein Beschluss der aus trivialisierten Gruppenbetrachtungen und Ausgleichsvorstellungen resultiert sollte mich als Individuum nicht benachteiligen und somit gegen noch wesentlich grundsätzlicheres als der Ansatz zu lösen gedenkt verstoßen.

"jetzt müssen Sie homosexuell sein/werden/behaupten und herausragende Leistungen bringen (weniger Konkurrenz) "

Naja, homosexuell werden kann man ja nicht, das ist man ja heißt es immer.
Ist die Frage, was mir nur schwerer fallen würde, die herausragende Leistung oder zu behaupten ich sei homosexuell - womöglich ersteres würde meine Frau lachend (und hoffentlich ironisch) behaupten :-)

Hallo,
wenn Sie einmal das Wort "homosexuell" mogeln, werden Sie feststellen, dass es Beziehungen beschreibt, die in einer Liebesbeziehung zu einem Menschen gleichen (homo) Geschlechts (sexuell) leben.
Homosexuelle werden nicht dadurch definiert mit wem oder warum sie Orgasmen haben - demnach müssten Sie die meisten Menschen als Autosexuell - im Sinne von "selbst" bezeichnen mit gelegentlichen heterosexuellen Ausnahmeerscheinungen. Sie verstehen, was ich meinen...

Hallo,
wenn Sie einmal das Wort "homosexuell" googeln, werden Sie feststellen, dass es Menschen beschreibt, die in einer Liebesbeziehung zu einem Menschen gleichen (homo) Geschlechts (sexuell) leben.
Homosexuelle werden nicht dadurch definiert mit wem oder warum sie Orgasmen haben - demnach müssten Sie die meisten Menschen als Autosexuell - im Sinne von "selbst" bezeichnen mit gelegentlichen heterosexuellen Ausnahmeerscheinungen. Sie verstehen, was ich meine...

Es würde Ihnen als Autor gut zu Gesicht stehen, wenn Sie hier differenzieren würden - auch in Glossen wie dieser wirkt das Herausstellen der orgasmischen Komponente einer Beziehung etwas hilflos. Sind Männer etwa nur mit Frauen zusammen, weil man sie gern besamen mag und in ihren Körperöffnungen so gut zum Orgasmus kommt?

Hallo andressen,

Wenn Sie einmal das Wort "Glosse" googeln, werden Sie feststellen, dass es sich um einen "kurzen und pointierten oft satirischen oder polemischen, journalistischer Meinungsbeitrag" handelt.

Und Sie fordern allen Ernstes political correctness von einer Satire oder Polemik?

Man liest hier:
"Es ist kein historisches Verdienst von Ewigkeitswert, wenn eine Person auf etwas unkonventionellere Weise zum Orgasmus findet."

Ich würde an Stelle dieses Satzes lieber lesen:

"Es ist kein historisches Verdienst von Ewigkeitswert, wenn eine Person auf eine Paar-Beziehung zu einem Menschen gleichen Geschlechts geführt hat."

Das sagt in etwa das gleiche - vermeidet jedoch den Schwerpunkt auf der sexuellen Handlung und richtet den Focus mehr auf die Beziehung. Das hat wenig mit "political Correctness" zu tun - und darum geht es mir auch nicht. Wenn man Homophopbie entgegenwirken möchte - und ich denke da gibt es Anlass zu - dann sollte man sich vielleicht bemühen, diese Beziehungen nicht als primär sexuelle Beziehungen darzustellen.
Niemand würde schreiben: "Oscar Wilde war ein berühmter Schriftsteller und Freund des Analverkehrs", sondern "Oscar Wilde war ein berühmter Schriftsteller und hatte Beziehungen zu Männern".

"... Ich neige ja der Ansicht zu, dass Straßen nach Leuten benannt werden sollten, die irgendwas Bemerkenswertes gemacht haben, völlig unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben..."

Ich neige dazu Strassen überhaupt nicht mehr nach Personen zu benennen.

Aber wenn Goethe tatsächlich bi war ist doch alles in Butter, es gibt ja überall eine Goethestrassen und einen Goetheplatz und immer nur eine Hauptstrassen.

Hitler war ja villeicht auch....ok lassen wir das.

@Bitte zensier mich

Ihnen wird doch auch erlaubt, die Kommentarseiten mit Ihrer Gratismeinung vollzumachen.
Und im Gegensatz zu Martenstein haben Sie ja nun überhaupt keine Aussagen in Ihrem Text, außer dass Sie Martenstein nicht mögen.

Es ist schon witzig. Wie lange ist es her, dass wir alle "Charlie" waren, eine Satirezeitschrift, die alle Grenzen des guten Geschmacks überschritten hat, wir haben den Moslems erklärt, dass es zu unserer Kultur gehört, dass man selbst die Beleidigung einer Religion hinnehmen muss.

Und dann dieser Aufschrei, wenn sich jemand über Gender-korrekte Straßennamen lustig macht.

Sie werfen hier Dinge in einen Topf. Die Aussage nach Charlie Hebdo war: "Keine Gewalt", nicht "keine Gegenrede". Ich spreche HM nicht das Recht ab, zu schreiben oder zu sagen, was er sagt. Ich sage nur, dass es oft Stuss ist und in diesem Fall unvollständig, kurzsichtig und daher falsch.

Um es mal klar zu sagen: Recht auf freie Meinungsäußerung, nicht auf konsequenzenfreie Meinungsäußerung. Oder: nicht auf Zustimmung oder darauf Recht zu haben.

Nein, das stimmt so nicht. Die Aussage nach Charlie war. Satire darf alles.
Und der (mittlerweile gelöschte) Beitrag, auf den ich geantwortet habe, forderte die Zeit auf, Herrn Martenstein hier keinen Platz mehr zu bieten. Der folgende Beitrag unerstützt das.

Ich stelle immer wieder fest, dass Satire hier genauso wenig verstanden wird wie von den Moslems. Satire soll gefälligst die eigene Meinung vertreten. Deshalb auch die immer wieder hasserfüllten Reaktionen meiner linken Mitstreiter auf den einzigen erfolgreichen konservativen Kabarettisten Nuhr.

Ich persönlich finde Satire Klasse, wenn sie auch meine eigene Meinung auf den Prüfstand stellt.

Da hab ich mir doch noch mal die Mühe gemacht, und den Abschnitt aus Nuhrs Jahresrückblick rausgesucht: https://www.youtube.com/w... (ab 29:57 bis 31:00).
---
Also weil das da links von diesem Kommentar angeblich Satire ist, muss ich meine Klappe halten und Platz machen für die Seehunde, die dann hier klatschen und es toll finden? Ich darf nicht gegenreden gegen "Satire" oder Satire?

Habe ich irgendwo geschrieben, dass Sie die Klappe halten sollen?
Ich habe kritisiert, dass andere Herrn Martenstein mundtot machen wollen.

Wenn Sie den Unterschied nicht verstehen, ist jede weitere Diskussion sinnlos. Da Sie Menschen, die Dinge gut finden, die Sie nicht gut finden, als klatschende Seehunde bezeichnen, hat das vermutlich eh keinen Sinn.

Oh Mann, tut Ihr Kommentar weh.

>dass wir alle "Charlie" waren,

Ich habe da nie mitgemacht.

>dass man selbst die Beleidigung einer Religion hinnehmen muss.

Klar, muss man auch. Gewisse Ansprüche an die Qualität der Beleidigung darf man aber schon stellen.

Meinetwegen kann man Herrn Martensteins Beiträge als Versuche der Satire interpretieren. Nur kann er es einfach nicht. Weder sind seine Beiträge lustig, noch geistreich, noch irgendwie originell. Es reicht nicht, ein paar Stammtischparolen launig zu verpacken, zudem noch sachlich falsch, und den Mangel an Qualität dann mit dem Hinweis auf Satire zu verteidigen. Da könnte die ZEIT ja gleich Mario Barth anheuern.

Ja, ich will, dass die ZEIT Marteinstein rauswirft. Aus Qualitätsgründen, nicht aus inhaltlichen. Im Gegenteil, inhaltlich sind seine Beiträge ja meist harmlos und belanglos, so auch hier wieder. Deswegen auch meine Formulierung "Gratismeinungen".

Als Satiriker ist er nicht satisfaktionsfähig.

>Und dann dieser Aufschrei

Ein "Aufschrei" war in meinem Beitrag nicht zu finden.

Der Zensurwüterich, lieber SethusC., mit dem Sie (völlig zu recht) nicht diskutieren wollen, hat - vermutlich ohne daß er es weiß - einen philosophischen Fürsprecher, den (wahrhaftig total humorlosen) G.W.F. Hegel, der Satire für einen obsoleten Kunstbegriff hält, weil sie "den Mißklang der eigenen Subjektivität und deren abstrakten Grundsätzen, der empirischen Wirklichkeit gegenüber, mißmütig festhält und insofern weder wahrhafte Poesie noch wahrhafte Kunstwerke produziert" (zit. nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie 8, Sp. 1172, s.v. Satire, satirisch). Tja, hier im Forum tummelt sich eben doch der eine oder andere Vulgär-Hegel, späte Adepten eines durchaus politischen Meinungschauvinismus.

>Sie fordern den Rausschmiss eines Autors,
>dessen Aussagen Ihnen nicht passen,

Nein, wie ich soeben dargelegt habe, tue ich das nicht.

>Ich denke, an der Stelle kann man die Diskussion beenden.

Falls Ihnen sonst die Differenziertheit der Diskussion Ihr einfaches Weltbild ("alles P.C.-Zensur") sprengen würde, so steht Ihnen das natürlich frei.

Der Herr Martenstein mal wieder. Der gleiche Herr, der es nicht ertragen kann, dass eine Straße nach einem über-vier-Ecken-Nazi-Sympathisant benannt ist (weil ja jeder den Namen googlen kann), argumentiert damit, dass man als Straßenbenutzer doch sowieso nicht weiss, ob genannter Mensch welche sexuelle Beziehung auch immer gehabt haben könnte.

Stimmte "Bitte zensier mich" zu, bin allerdings für Mercedes-Werbung.

Oh Mann, Ironie zu erkennen bei Herrn Martenstein ist nun wirklich kein Hexenwerk, aber auch dafür scheint mancher noch zu stur. Und wenn dann noch Foristen untereinander sich falsch zitieren, um am Ende eine immer schärfer werdende Aussage dem Autor des Artikels zu unterstellen, dann ist die Glaubwürdigkeit der Kommentare doch eigentlich schon passé. Wo bitte argumentiert oder förder HM auch nur im Ansatz die Tilgung von Personen? Wenn solche Themen negativ aufstoßen dann nur aufgrund der Verbohrtheit einzelner Verfechter derselbigen.

Als "Hetero" habe ich zahlreiche homosexuelle Bekannte und (nahe) Verwandte. Das hat mich vor 20 Jahren nicht gestört, das stört mich heute nicht. Wenn einer meiner Söhne schwul werden will, dann hat er meinen Segen. Für diese Mentalität und die Straffreiheit solcher Orientierungen wurde in den letzten Jahrzehnten viel gekämpft, das schätze sehr. Ich habe seit Jahrzehnten als Kunden Vereine, die sich für Lesben stark machen, und störe mich nicht daran. Stören aber kann mich - wie Herrn Martenstein - die Verblendung, wenn unter dem Deckmantel der _Gleichberechtigung_ für die Bevorzugung von bisher Benachteiligten gekämpft wird, anstatt wirklich eine dem Worte entsprechende Auslegung von "Gleichberechtigung" anzustreben.

x Jahre Unterdrückung/Tilgung - ab jetzt Gleichberechtigung - dann wird alles gut. Diese Vorgehensweise ist geschichtsblind.

Namensgebung findet nun mal nicht im Vakuum statt - und wenn sie in der Zeit reisen könnten, dann fänden sie in den 50ern genug Leute, die ihnen sagen, dass die Namensgebung doch voll gerecht ist. (Natürlich finden sie auch Leute, die offen sagen, dass Schwule eklig sind und keine Straßen nach denen benannt werden sollen. Da braucht es heute dann einen Stammtisch und ein paar Bier oder halt Facebook.) Ergebnis war Ausradieren und nun ... nutzt HM die gleichen Phrasen und würde ein ähnliches Ergebnis erzielen.

Man vergisst nicht die Unterdrückung, nur weil man nicht gewillt ist, jetzt den Karren umzudrehen. Es ist kein Fortschritt, wenn man nur die Schieflage verstellt, aber nicht auf Nivellierung aus ist. Das mag man Ausgleich nennen, aber wirklich nur, wenn man meint, dass Leid der Damaligen hätten die Heutigen mit zu tragen. Ein Schwuler hatte vor 50 Jahren mehr Repressalien zu befürchten als ein Schwuler heute. Und dennoch muss man den Heutigen nicht mit Samthandschuhen anfassen, nur weil es früher mal eine andere Person gab, die unangemessen unterdrückt wurde.

Ihr Vorwurf der Geschichtsblindheit zeigt parallelen zum Umgang der Deutschen mit Ihrer Nazi-Vergangenheit: als Deutscher weiß ich, was da passiert ist, ich vergesse es nicht, ich respektiere das Elend, dass Menschen damals durch deutsche Hand erfahren haben. Und doch sehe ich nicht _mich_ in der Schuld. Natürlich hat die Geschichte meiner Vorfahren Auswirkungen auf mich. Doch einen Schuld-Übertrag gibt es nicht, sondern nur ein Bewusstsein, aus den Fehlern meiner Vorgänger lernen zu müssen. Da gleich Geschichtsblindheit vorzuhalten wenn man nicht gewillt ist, jedem Juden, Schwulen oder Gebrechlichen von damals oder seinen Nachkommen in 3. oder 4. Generation als unantastbar hinzunehmen, weil man angeblich Mitschuld an jenen Verbrechen trägt, ist einfach zu schwarz-weiß.

Daher: Gleichberechtigkeit hat immer meine Unterstützung, asynchrones Ausgleichen erachte ich hingegen als kontraproduktiv.

Nachtrag: Die Vergabe von Straßennamen ist gewiss in der Geschichte verankert. Und doch wäre es zu kurz gedacht, da bestimmte Kriterien des Namensgebers herauszupicken, augenscheinlich nur weil es einfach mal an der Zeit wäre, erst recht dann, wenn - wie vom Autor herausgearbeitet - eigentlich nicht immer validierbar ist, ob dieses Kriterium in der bisherigen Namenswahl wirklich unterrepräsentiert war.

"und wenn sie in der Zeit reisen könnten, dann fänden sie in den 50ern genug Leute, die ihnen sagen, dass die Namensgebung doch voll gerecht ist"

Ich finde sie auch nicht ungerecht. Gerechtigkeit ist für mich überhaupt keine Kategorie in diesem Fall, für die bestehenden Straßen ist sie schlicht historisch.

Wären nun zum Beispiel zufälligerweise die Mehrheit der Straßen nach homosexuellen Frauen benannt, es wäre mir sch...egal, ich will nicht real benachteiligt werden, das ist worum es eigentlich mal ging und was diese Leute die mittlerweile in einem Rausch zu sein scheinen komplett aus dem Fokus verloren haben.

Man könnte zum Beispiel einfach ganz entspannt weiter nach herausragenden Persönlichkeiten benennen, ich bin ganz zuversichtlich es würde sich ergeben, dass dort auch viel mehr Frauen und womöglich bi- oder homosexuelle oder was es sonst noch gibt dabei sein werden, ohne dass man es mit diesem verkrampften Quatsch erzwingen muss und auch ohne, dass man diese Eigenschaften in den Vordergrund stellt - oder sind das etwa besonders zu honorierende Merkmale?

Und die bestehenden Namen nimmt man einfach als aufgeklärter und historisch grundgebildeter Mensch - die wir ja alle sind - zur Kenntnis und kümmert sich um wichtiges...

Ach ja. Da schreibt er im Abschluss: "[...], dass Straßen nach Leuten benannt werden sollten, die irgendwas Bemerkenswertes gemacht haben, völlig unabhängig von ihren sexuellen Vorlieben."
Bravo, HM hat soeben die Baseline für normales Verhalten von erwachsenen Menschen fast erreicht. Was noch fehlt: Die lang anhaltende Tilgung von LGBTQ* Personen aus dem öffentlichen Raum wahrnehmen und erkennen, dass das was mit Macht und mit Gerechtigkeit zu tun hat. Da gibt es also vielleicht was aufzuholen, gell?

Aus meiner Sicht ist ja der Irrsinn, jetzt quasi als Ausgleich für in Vergangenheit ertragene Unterdrückung von LGBTQ-Personen , diese jetzt fast schon zu Überpersonen hochzustilisieren, ich sage nur Conchita Wurst.
Das hat aber mit Gleichberechtigung nichts zu tun und hat schon überhaupt nichts damit zu tun, die sexuelle Neigung als Normalität zu betrachten.
Denn das ist es was passiert:
Anstatt dass die sexuelle Neigung von LGBTQ-Personen genau so wenig eine Rolle spielt, wie bei Heterosexuellen, wird sie weiterhin als abnorme Sexualität gesehen, nur eben jetzt nicht mehr negativ sondern positiv konnotiert.
Anstatt dass das Pendel in die Nullstellung geht, schwingt es nun einfach in die genau entgegen gesetzte Richtung.
Ich bin mir fast sicher, dass die meisten LGBTQ-Personen einfach ohne Nachteile ihre Sexualität ausleben wollen und nicht alle naselang dazu beglückwünscht werden wollen, dass sie LGBTQ sind.
Das ist im übrigen auch, was mich an sämtlichen Quoten stört. Die Einführung einer Quote hat absolut nullkommanichts mit Gleichberechtigung zu tun. In einer Firma die vorher schon beispielsweise Frauen wegen ihres Geschlechtes bei gleicher Leistung diskriminiert hat, wird diese auch weiterhin diskriminieren, sobald die Frauenquote "voll" ist.
Und selbst wenn eine Frau tatsächlich die Leistung bringt, dann wird trotzdem ständig der Beiklang "die ist da ja nur wegen der Quote" kommen.

Sie haben tw. durchaus recht, aber eine Sache übersehen: Das Sichtbarkeit wichtig ist. Es ist wichtig, insb. für junge LGBTQ* Menschen, zu sehen, dass es andere Menschen wie sie gibt. Und dass diese eben nicht nur ihre Sexualität sind, sondern, wie im Fall der Straßen, etwas getan haben, weswegen eine Straße nach ihnen benannt wurde.

Die Quotenfrage ist eine andere. Ich erinnere mich an einen Artikel (finden wird schwer), worin ein Recruitmentberater von einem Klienten berichtete, der in leitender Position in einem Unternehmen war, dass einen niedrigen Frauenanteil hatte. Der Klient berichtete, dass er kaum oder keine Bewerbungen von weiblichen Kandidaten bekäme. Der Berater sagte ihm dann, dass vllt. die Mitarbeiter des Klienten diese aussortieren würden, weil sie wüssten, dass der Klient ohnehin keine Frauen anstellt - warum also Zeit verschwenden. Die Quote kann solche Probleme durchbrechen und darüberhinaus auch Firmen zwingen, für qualifizierten weiblichen Nachwuchs zu sorgen - was vllt. auf ähnliche Weise bislang Geldverschwendung war.

"Und dass diese eben nicht nur ihre Sexualität sind, sondern, wie im Fall der Straßen, etwas getan haben, weswegen eine Straße nach ihnen benannt wurde."

Und da sind wir wieder an dem Punkt, dass wenn eine Straße nach diesen Menschen benannt wurde, wer weiß schon vom Namen, dass diese Menschen LGBTQ waren?
Und wenn man das speziell kennzeichnet, dann stellt sich wieder die Frage, was war der Grund für die Benennung der Straße, die Leistung oder die sexuelle Neigung?

Wenn ich als Auswahlkriterium mehr als eines (Leistung) nehme, dann wird sich immer die Frage stellen, was das ausschlaggebende Kriterium war.

"Der Berater sagte ihm dann, dass vllt. die Mitarbeiter des Klienten diese aussortieren würden, weil sie wüssten, dass der Klient ohnehin keine Frauen anstellt - warum also Zeit verschwenden. Die Quote kann solche Probleme durchbrechen und darüberhinaus auch Firmen zwingen, für qualifizierten weiblichen Nachwuchs zu sorgen - was vllt. auf ähnliche Weise bislang Geldverschwendung war."

Ich nehme mal da den Teil: "dass vllt. die Mitarbeiter des Klienten diese aussortieren würden", es steht hier also eine Vermutung im Raum.
Es wird vermutet, dass es qualifizierte Bewerberinnen gibt, diese aber vorab aussortiert werden.
Man weiß es aber nicht, es kann genauso gut sein, dass sich tatsächlich kaum Frauen bewerben, weil es für den speziellen Arbeitsplatz nur wenige Frauen gibt, die den Beruf lernen oder die bewerbenden Frauen sind tatsächlich weniger qualifiziert als die Männer.

Und jetzt haben wir das Problem: wenn nicht ihre Vermutung zutrifft, sondern die anderen beiden, dann wird durch die Quote zwangsweise weniger qualifizierte Frauen die Stelle bekommen, als besser qualifizierte Männer.
Es tritt also automatisch eine Diskriminierung der Männer ein.

Ein krasses Beispiel habe ich selber beim Bund erlebt.
Es war jedem Offizier klar, dass jede Frau eher befördert wird, völlig ungeachtet der persönlichen Qualifikation, weil die beschlossene Frauenquote unbedingt eingehalten werden musste.

Jetzt kommen aber in einem extrem männerdominierten Beruf wie den des Soldaten nicht unbedingt so viele Bewerbungen von Frauen die eine entsprechende Belastbarkeit aufweisen können (die es durchaus gibt), wie es zur (zumindest kurzfristigen) Erfüllung der Quote notwendig wäre.

Die Folge ist, dass so gut wie jede Frau genommen wird, die drei Schritte gehen kann.
Wir hatten im Lehrgang eine, die hat nen Heulkrampf bekommen, als sie von der Hühnerleiter (2,50m Höhe) springen sollte (sitzend).
Oder sehen Sie sich das Video mal an:
http://www.youtube.com/wa...
Eine vom Offiziersanwärterlehrgang war während des gesamten Lehrganges ich glaube nicht ein einziges mal draußen im Feld (ständige Atteste vom Arzt).

Das ist jetzt natürlich eine Extremform, aber es KANN eben auch in anderen Bereichen bei Quoten die gleiche Folge haben. Das ist dann irgendwie Pest gegen Cholera tauschen.

"Das ist jetzt natürlich eine Extremform, aber es KANN eben auch in anderen Bereichen bei Quoten die gleiche Folge haben"

Das ist die natürliche Folge von Quoten und das kennt man auch schon aus Ländern und Wirtschaftsordnungen in denen viel so geregelt wurde.

Die Prämisse Martensteins stimmt ja schon nicht: Wir benennen Straßen nicht nach Leuten, um sie "bestrafen" oder zu belohnen. Die Benennung von Straßen hat nichts mit Gerechtigkeit gegenüber der historischen Person zu tun.

Wir benennen Straßen für uns: Damit sie im Namen unterscheidbar sind. Hinzu kommt der Drang, sich gesellschaftlich/politisch im Straßennamen zu veriwirklichen, indem die zuständige Gebietskörperschaft die Straßen nach solchen Leuten benennt, die sie für bedeutend und den gesellschaftlichen Vorstellungen des Gemeinwesens entsprechend hält. Daher bekommt Dschingis Khan (obwohl bedeutend) keine Straße, ein guter Grundschullehrer (obwohl vorbildlich im Verhalten) auch nicht.

Wenn man dann die Entscheidung trifft, auf absehbare Zeit nur noch nicht-heterosexuelle Frauen zu nehmen, dann wird die Sexualität dieser Leute kein Geheimnis sein - man wird wohl solche Leute nehmen, deren Sexualität bekannt ist. Es geht den Kreuzbergern ja erkennbar um den politischen Kampf für Gleichstellung durch Benennung von Straßen. Das kann man albern finden, aber es hat mit dem was Martenstein schreibt, nichts zu tun.

Berlin Kreuzberg hat natürlich keine anderen Sorgen als Straßennamen nach diffusen Quoten und Befindlichkeiten zu verteilen.
Wie wäre es damit das die Bürgermeisterin dieses Stadtbezirkes sich um das von ihr maßgeblich mitverschuldete Problem Görli Park kümmert?
Ist wohl zu viel verlangt...
Gruß

Wir denken mal weiter (es gibt ja noch genug Minderheiten) :-)
Und zwar über jedem Namensschild eine etwa 2 Quadratmeter große Tafel mit der prozent-genauen Erläuterung:
Hetereo/homo/trans/sonstwas
Sexuelle Vorlieben
Vegetarier/Veganer/Omnivore
zuFußgehend/Radfahrend/Autofahrend/ÖPNVend
Sonst könnte sich ja jemand wegen einer falschen Auswahl beschweren.
Nur welche "Eigenschaft" gewinnt?
bisexuelle transFrau vs. colored unterdrückter Hetero

Probleme über Probleme

Straßen sollten einfach nach überhaupt niemandem benannt werden, dann streitet man sich auch nicht.
Die Japaner z.B. haben blos eine Kombination aus Zahlen, funktioniert auch, und niemand muss in einer "Professor-Harald-Martenstein-Straße*" wohnen, die in kein Formular passt, oder sich in seiner benachteiligen Rolle bestätigt fühlen.

(* meine letzte Straße hieß tatsächlich so, also vom Schema her, das passte nichtmal in den Perso, keine Ahnung warum sowas überhaupt zulässig ist. Post kam auch regelmäßig nicht an weil gewisse Label-Drucker nicht genug Zeichen ausdrucken, etc., einfach grausig).

Mit fünf Minuten Googeln zu entlarvende Fehler:
In Kreuzberg sollen 50 Prozent der Straßen nach Frauen benannt werden, das sind 50 Prozent weniger als im Artikel angegeben. Auch gibt einen ANTRAG, beim nächsten Mal eine lesbische Frau zu nehmen. Das ist deswegen so aufregend, weil es zum ersten Mal passiert; die Aussage, mit der der Artikel eingeleitet wird, das wäre immer und auf ewig so, ist also Quatsch.
Da fehlt ja nur noch die Uraltente von den ProfessorInnen aus Leipzig, dann wäre das hier komplett. Platzverschwendung ist es so oder so.

20 Sekunden Googeln enthüllt: Es sollen so lange Straßen nur noch nach Frauen benannt werden, bis es eine 50%-Quote gibt.
Da die Quote im Moment bei 10% liegt, und in Kreuzberg nur noch ganz selten neue Straßen angelegt werden, heißt das für die absehbare Zukunft genau das, was Herr Martenstein geschrieben hat: Neue Straßen dürfen nur noch nach Frauen benannt werden.

Nun, die Wahrheit kann auch lustig sein. Aber wenn man die Unwahrheit sagt, und so (ich nehme bei HM immer Unwissenheit an statt Bosheit, reicht völlig) unwissentlich für die Ausradierung von LGBTQ* Personen argumentiert, dann darf man als linksgrünversiffter Mensch mal kurz was anmerken. Und Glossen müssen ja nicht _so_ leicht zerlegbar sein, es sei denn, HM fällt halt nix mehr ein...

Hey, werter Mitforist - gestatten, daß ich mich vorstelle?! Links-grün (wähle die ehem. Walle-Walle-Kleidträger und Rauschebärte mit Wonne seit über 30 Jahren - und gedenke, es weiter zu tun), Gutmensch (... auch wenn ich die gar schröckliche Goethe-Ballade von Gutmann und Gutweib lustig finde) - und dennoch freue ich mich jedesmal, wenn ich unsere Postjakobiner*le (hey, Grüne Jugend - Ihr werdet auch noch SpießerInnen) auf den Arm und wieder runter nehmen darf (z.B. an dieser Stelle): "Gender-Star, Gender-Star, you think, you are a Gender...Tsar". Es zeugt schon von beträchtlicher Einäugigkeit, wenn man ein begnadeter Pauschalist ist - es sei denn, man rettet sich wie HM auf die unangreifbare Höhe des Lästergipfels. Dann ist alles erlaubt, naja, fast alles - selbst die "Namensschändung" des respektierlichen "Entspekters Bräsig" (Fritz Reuter, Ut mine Stromtid) und der wohllöblichen "Beate" (lieber Kolumnist, Sie haben doch nicht zufällig an die ehemalige Leipziger Universitätsrektorin gedacht?!), die erzkonservative KollegInnen wohl auch als "DespektrIne" empfunden haben mögen.

@EinarvonVielen
"Warum sind links-grüne Gutmenschen immer so schrecklich humorlos und zerlegen die Glossen von Martenstein?"

Ganz einfach:
Weil diese Leute nicht nur eine Überzeugung haben. Sie sind auch tief, fest, ehrlich und unbeirrbar davon überzeugt, dass sie objektiv recht haben und alle anderen das nur aus Bosheit oder Dummheit leugnen; ja, dass Andersdenkende im Grunde Gewalt ausüben gegen all die vielen Unterdrückten dieser Erde.

Also sind sie im Namen der Toleranz noch intoleranter als die Katholische Kirche, der Marxismus oder... (nee, das sag ich jetzt nicht, wäre auch falsch).

Ich denke, dass hat der Autor schon getan. Steht für mich im ersten Absatz:
"Jetzt haben sie den Beschluss geändert. Die nächste Straße muss nach einer Frau benannt werden, die entweder homosexuell oder bisexuell oder trans- oder intersexuell war."
Ich finde den Artikel (wie so viele von ihm) auch wenn ich oft nicht einer Meinung mit dem Autor bin, sehr erheiternd und viele auch nachdenklich machend, wenn man einfach mal 5 Minuten weiter denkt und nicht reflexartig dem einen Satz, der einem am meisten stört, in langen Beiträgen widersprechen will.

Mit einem lachenden Auge gelesen ist diese Satire recht effizient. Aber die sexuelle Identität ist das Intimste, das die Natur einem Menschen gibt. Jedes intime Adjektiv könnte Diskriminierungen und Stereotype generieren. Keiner würde Adjektive zum Namen des BER-Airports hinzufügen: Flughafen Willy Brandt (heterosexueller Politiker). Sollte man dann auch noch die Ex-Frauen und Ex-Freundinnen mit einner Gedenktafel ehren? Bei einem Künstler etwa zählt nur der kreative Genius, das artistische Resultat, und nicht die präferierten Genitalien! Hirschfeld, Mann, Tschaikowski, Nurejew, Caravaggio, Garbo, etc. In puncto Straßennamen hat Berlin aber ein ganz anderes Problem: vieles ist primitiv und provinziell! Der Senat sollte mal Straßenschilder etwas mehr symbolisieren, internationalisieren, aktualisieren: Lange Straße? Breite Straße? Neuer See? Ist doch lächerlich banal! Warum nicht Engagement und Courage ehren? Georg-Elser-Allee? Geschwister-Scholl-Park? Rosa-Parks-Brücke? Albert-Einstein-See? Neil-Armstrong-Boulevard? Mahatma-Gandhi-Damm? Franz-Kafka-Ufer? Fritz-Walter-Wiese? Platz der Nächstenliebe? Hoffentlich kommt es wenigstens am Humboldt-Forum zu einem Nelson-Mandela-Platz oder zumindest zu einem Desmond-Tutu-Garten? Eine stilistische "Entlastungsstraße" sei dieser Provisoriumskapitale dringend gegönnt. Und am Platz der Republik unbedingt einen "Pfad der politischen Intelligenz" einweihen (er bräuchte ja nicht sehr viel Platz) mit einem mobilen "Regula-Lüscher-WC".

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere