Udo Jürgens Der Mann, den sie den Bruder nennen

ZEITmagazin Nr. 51/2015

Manfred Bockelmann ist Maler. Niemand sonst war dem Sänger Udo Jürgens, der vor einem Jahr starb, so nah. Von

Wer ihn ansieht, blickt auch in das Gesicht des Bruders. Manfred Bockelmann hat die gleichen Augen, die markante Nase, diese Eigenart, aus voller Seele zu lachen, dass sich der Körper biegt. Und dann kommt diese Stimme dazu! Kärntnerisch eingefärbt, warm und melodiös, wie die seines Bruders auch gewesen ist. Wenn ihm das Herz übergeht vor lauter Freude oder vor schierem Erstaunen, dann ist "unfassbar" der Begriff, den er gebraucht. Das hat sein Bruder auch ganz oft gesagt zu seinem Leben. "Unfassbar!"

Auch Manfred Bockelmann, 72, ist Künstler. In einem seiner Lieder singt Udo Jürgens über ihn: "Mein Bruder ist ein Maler, ich bin nur ein Musikant, und in manchen Träumen, da beneid ich ihn." Entstanden ist das Stück nach einer langen Nacht, in der die beiden Brüder über die Spuren nachgedacht haben, die man nach dem Tod hinterlässt. Was bleibt?

Mit seinen Bildern hinterlasse ein Maler etwas Unvergängliches, die Lieder eines Sängers dagegen verflüchtigten sich mit der Zeit. Udo hat das so gesehen, deshalb seinen Bruder bewundert. Manfred hat zu bedenken gegeben, dass es bei Konzerten seines Bruders vorkomme, dass Frauen vor Glück in Ohnmacht fielen, und er Derartiges bei seiner Arbeit noch nicht erlebt habe. "Mir passiert das nie, dass einer vor einem Bild steht und applaudiert oder in Tränen ausbricht." So entstand vor dreißig Jahren dieses Lied. Das Stück ist ein Klassiker, aber bekannter hat es den Namen des Künstlers Manfred Bockelmann nicht gemacht.

In dem Lied gibt es die Strophe: "Wenn seine Frau mal traurig ist, malt er ihr Orchideen und seinem Kind, das weint, den Clown, der Lachen schenkt." Musste das wirklich sein? Er habe noch nie einen Clown gemalt, sagt Bockelmann. Sollten die Leute glauben, dieser Bruder male so, wie Udo den griechischen Wein besingt? Taugt jeder Satz zu einem Lied? Es gibt Texte, an denen er gerne noch etwas radiert hätte.

Es habe Galeristen gegeben, die sich gesagt hätten: "Finger weg von Bockelmann – wenn wir den ausstellen, kommen die Leute nur, weil sie den Bruder von Udo Jürgens sehen wollen." Manfred Bockelmann hat es ausgehalten. "Das Lied ist Ausdruck seiner Zuneigung", sagt er, "dafür bin ich ihm immer dankbar. Ansonsten wäre es mir fast lieber gewesen, er hätte es nie gespielt."

Sie sind drei Brüder, die auf Schloss Ottmanach, dem elterlichen Anwesen in der Gemeinde Magdalensberg am Rand von Klagenfurt, aufwachsen. Eine behütete Kindheit abseits der Stadt. "Kärnten-Land" sagen die Einheimischen. Wer hier groß wird, der muss irgendwann den Hof übernehmen. Aber diese Brüder schlagen alle auf ihre Weise aus der Art. John, der Erstgeborene, drei Jahre älter als Udo, ist ein sportlicher Typ, ein Hüne von Gestalt. Er studiert, macht aus der Sicht besorgter Eltern alles richtig, beginnt eine Karriere als Manager bei BP.

Auch Udo Jürgen Bockelmann will beruflich nicht in die Landwirtschaft, ebenso wenig Manfred. Der Jüngste plant sein Leben nicht bis ins Detail. Er weiß nur eins: bloß nichts mit einem Klavier. Das ist Udos Sache, der schon als Kind mit seiner Musik allen anderen in der Familie weit voraus ist.

Manfred ist neun Jahre jünger als sein Bruder. Neun Jahre sind eine ganze Menge, "anfänglich ist der Altersunterschied zu groß, aber ab zwanzig verspielt sich das". In Graz studiert er vier Jahre lang Freskomalerei, Grafik und Fotografie. Um dem Wehrdienst in Österreich zu entgehen, zieht Bockelmann nach München, für die Fahrt bindet er die Staffelei auf das Dach seines VW Käfers. Mit einem Fotoapparat seiner Mutter hält er die Auftritte seines Bruders fest, Udos erste Plattencover entstehen. Er fotografiert Schauspieler, Statisten der Bavaria-Studios, die Bilder für ihre Setkarte brauchen.

Bockelmann tut sich mit einem Germanistik-Studenten zusammen, der Texte zu seinen Fotos schreiben soll. Reportagen entstehen, die beiden besuchen ein Männergefängnis in Berlin, das von einer Frau geleitet wird. Bockelmann macht Fotos von Zellenfenstern, aus denen die Hände der Gefangenen herausragen. Das Geschäft geht gut, in den Illustrierten damals finden die Geschichten ihren Markt.

Manfred und Udo werden beste Freunde. Der eine weiß alles über den andern. Zu John Bockelmann, dem Ältesten, haben sie über viele Jahre kaum noch Kontakt. Der macht seine Karriere, das Künstlerleben ist ihm fremd. Er bietet Manfred einen Job als Grafiker bei BP an, sicher ist doch sicher. Als der lachend ablehnt, kommt es zum Bruch: "BP ist dir nicht genug – was glaubst du, wer du bist?"

Udo Jürgens startet seine Weltkarriere, lässt sich in Kitzbühel nieder. Jahre eines süßen Lebens. Wenn Udo wieder eine Freundin nach Hause schickt, dann bringt Manfred sie zum Bahnhof. Er spricht mit Udo, kritisiert seinen Lebenswandel, das Chaos in seinen Beziehungen, der hört ihm zu, allmählich wird Manfred zum älteren Bruder. Udo beneidet ihn. Ein solches Leben hätte ihm auch gefallen. Das behauptet er jedenfalls.

Privat zu sein, wo man es will. Als Künstler zu arbeiten, nicht vor aller Welt auf eine Bühne zu treten, sondern an einer Staffelei zu stehen, nur umgeben von der Familie. Hat sich Udo das wirklich gewünscht? Ja. "Er hat mich darum mehr beneidet als ich ihn um seine großen Erfolge."

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"der wohl beste deutschsprachige Musiker der Nachkriegszeit"

Immer, wenn ich die Adjektive "bester", "größter" etc. in einem Zusammenhang mit Musik und Musizieren lese, konnte ich die dazugehörigen Artikel oder Kommentare nicht mehr ernst nehmen. Das Niveau findet man sonst nur bei youtube-Kiddies und den vielen subjektiven Fanartikeln zu diversen Bands bei Wikipedia. U. Jürgens mag zweifelsohne ein begnadeter Schlagermusiker gewesen sein, der über einige Dekaden sehr erfolgreich war und hier und da auch Innovation in diese Branche brachte. Über das Attribut "bester" hätte er hier aber wohl auch nur geschmunzelt...

Falls Sie mich meinen, entgegne ich Ihnen gerne, dass das Hauptaugenmerk meines Kommentars auch nicht speziell darauf gerichtet war, sondern auf die einfach nur peinliche Vergötterung eines zugegebenermaßen wirklich sehr guten und erfolgreichen Musikers durch den Autor des Artikels. Da spielt es keine Rolle, ob ich Jürgens Gesamtwerk wirklich bis ins Detail kenne. Ich beispielsweise halte Bands/Musiker wie Dream Theater, Animals as Leaders oder Guthrie Govan für beeindruckend/bahnbrechend, ebenso wie die Liedermacher Reinhard Mey oder Gerhard Gundermann (um mal den Bezug auf Deutschland nach 45 zu berücksichtigen, wobei erster sogar Genre-prägend war und das auch in Frankreich), käme aber nie auf die Idee, diesbezüglich bei irgendwelchen Einschätzungen auch nur ansatzweise das Wort "beste..."/"bester..." in den Mund zu nehmen. Wenn schon, dann sollte konkret darauf eingegangen werden, was unter jeweiligen Aspekten wirklich bahnbrechend war und ist und nach welchem Maß gemessen wird.