Syrien Im Schatten des Krieges

Vom Terror des "Islamischen Staats" in Syrien hört man ständig, von den Verbrechen des Assad-Regimes viel zu selten. Immer wieder verschwinden in Syrien Menschen: Sie werden von Schergen des Diktators verhaftet, viele werden wohl gefoltert und müssen im Gefängnis hungern. Unter ihnen sind Anwälte, Oppositionspolitiker, einfache Bürger. Stellvertretend für Tausende erzählen wir die Geschichten von sechs Männern und vier Frauen, nach denen ihre Familien verzweifelt suchen. Von und
ZEITmagazin Nr. 51/2015

Als die Männer des militärischen Geheimdiensts zur Wohnung von Lanna Maradni und ihren Eltern in Damaskus kamen, sagten sie, sie wollten Lanna nur zu einer kurzen Befragung mitnehmen. Das war im August dieses Jahres. Seither haben die Eltern ihre 32-jährige Tochter nicht mehr gesehen. Sie wissen nicht, an welchem Ort sie ist. Ob sie gefoltert wird und in einem der überfüllten Gefängnisse des Regimes krank und hungrig vor sich hinvegetiert. Sie wissen nicht einmal, ob sie noch lebt. Die Behörden verweigern jegliche Auskunft über Lanna Maradni. Sie ist die Frau auf dem Titelbild.

Das Titelbild des ZEITmagazins Nr. 51 vom 17.12.2015

Im Folgenden stellen wir die Studentin und neun weitere Syrer vor, die vom Regime um den Diktator Baschar al-Assad verschleppt wurden und seither verschwunden sind. Einige von ihnen sind humanitäre Helfer wie Maradni. Für die Porträts haben wir mit Angehörigen und engen Freunden gesprochen. Einige leben mittlerweile als Flüchtlinge in Europa, sie konnten wir persönlich treffen. Andere, die noch in Syrien sind, interviewten wir per Telefon und E-Mail.

Seitdem der Bürgerkrieg in Syrien 2011 begann, ist es eine der wichtigsten Waffen des Assad-Regimes, Menschen verschwinden zu lassen. Wie viele bereits verschleppt wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte, dessen Recherchen auch das US-Außenministerium für seine Länderberichte nutzt, führt eine Liste mit mehr als 65.000 Namen.

"Wenn jemand im Gefängnis ist, weißt du, wo er ist. Wenn jemand umgebracht worden ist, weißt du, dass er tot ist. Aber wenn jemand einfach verschwindet, dann ist das, als sei er zwischen Gefängnis und Grab", sagte die Mutter eines syrischen Verschwundenen zu Amnesty International: "Das ist das Schlimmste." Die Ungewissheit für die Angehörigen ist eine Folter, die niemals endet.

Auch die Rebellen der Freien Syrischen Armee begehen Kriegsverbrechen. Dass der IS foltert und tötet, ist gut dokumentiert, weil sich die Terrororganisation selbst mit ihrer Bestialität brüstet. Das Assad-Regime tut das nicht, aber auch seine Kriegsverbrechen sind dokumentiert. Im März 2013 tauchten Bilder auf, die ein Fotograf des Geheimdienstes gemacht hatte, bevor er zur Opposition überlief. Die Bilder zeigen etwa 11.000 getötete Gefangene, darunter Alte und Kinder. Sie waren gefoltert worden und starben an den Folgen, oder sie verhungerten. Ehemalige Ankläger von UN-Sondergerichten überprüften die Bilder.

Wir wissen, was in Syrien geschieht. Wir sind in Echtzeit dabei. Aber Baschar al-Assad konnte bislang sicher sein, dass niemand ihn zur Rechenschaft zieht. Im Gegenteil, Frankreich erwägt nun sogar, im Kampf gegen den IS mit ihm zu kooperieren.

Bassel Al-Safadi, 34, Softwareentwickler, verhaftet am 15. März 2012

"Menschen, die wirklich in Gefahr sind, verlassen ihr Land nicht", twitterte Bassel Safadi am 31. Januar 2012. "Es gibt einen Grund, warum sie in Gefahr sind, und genau dieser Grund hält sie davon ab."

Bassel Safadi ist Softwareentwickler. Als die Proteste gegen Assad im Frühjahr 2011 begannen, zeigte er Oppositionellen, wie man sich sicher im Internet bewegt und auf vom Regime gesperrte Websites zugreifen kann. Im April 2011 lernte er nach einer Demonstration Nura Ghasi kennen, eine Anwältin. Sie verliebten sich.

Am 15. März 2012, kurz vor ihrer Hochzeit, wurde Safadi verhaftet. Lange wusste niemand, wohin er gebracht worden war. Erst am 24. Dezember 2012, als er in das Zentralgefängnis in Adra außerhalb von Damaskus verlegt wurde, konnte er Kontakt mit seiner Familie aufnehmen. Als Anwältin durfte Nura Ghasi ihn besuchen. Dreimal pro Woche fuhr sie nach Adra, was lebensgefährlich war, schreibt sie uns aus Damaskus – das Gefängnis lag in einem umkämpften Gebiet. Zwei bis drei Stunden saß sie bei jedem Besuch mit Safadi an einem Tisch, hielt seine Hand. Er erzählte, dass er im Dezember vor einem Militärgericht verhört worden sei, ohne den Grund seiner Anklage zu kennen. Und er sagte ihr immer wieder, wie sehr er sie liebe. Am 7. Januar 2013 unterzeichneten sie im Gefängnis die Hochzeitspapiere.

Durch seine Arbeit hatte Safadi Kontakte ins Ausland. Nach seiner Verhaftung lief die Kampagne #freebassel zu seiner Befreiung an, Amnesty International setzte sich für ihn ein. Am 3. Februar 2013 bedankte er sich in einem Brief: "Liebe Freunde, mir fehlen die Worte, um meine Gefühle zu beschreiben angesichts all dessen, was ihr für mich getan habt. Danke und big love!"

Anfang 2015 verschlechterte sich Safadis Zustand, so seine Frau, "er war müde". Am 30. September, ihrem Geburtstag, sah sie ihn zum letzten Mal. Drei Tage später sagte er ihr, er werde verlegt, wohin, wisse er nicht. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung verwies am 27. November auf Berichte, wonach Safadi möglicherweise von einem militärischen Feldgericht zum Tode verurteilt worden sei: "Ich fordere die syrischen Behörden auf, den Aufenthaltsort von Bassel Khartabil Safadi öffentlich zu machen und ihn freizulassen. Im Fall einer Verurteilung zum Tode muss die Vollstreckung sofort ausgesetzt werden."

Nura Ghasi sagt, sie bereue es nicht, mit Bassel in Syrien geblieben zu sein: "Es ist unsere Aufgabe, hier für die Freiheit zu kämpfen."

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Vielleicht sollten solche Artikel auch im normalen Forenbereich veröffentlicht werden. Es täte d nen gut, die immer so leichtfertig davon sprechen, dass es nur "mit Assad" gehe.

Wer diese (und andere) Berichte liest, sollte den inneren Kompass, den er für Menschenrechtsnordungen vorgesehen hat, vielleicht nochmal eichen.

Dann kann man im selben Zug vielleicht auch die beiden Begriffe "Putinversteher" und "Natotroll" entsorgen und durch "Menschenrechtsverteidiger" ersetzen. Ist nämlich ziemlich egal, welcher Verbrecher zu welchem Block gehört. Verbrecher sind in erster Linie eben das.

Danke für den Artikel. Wenn ich von solchen Menschen lese, die für ein bisschen Recht in ihrer Heimat ihr Leben aufs Spiel setzen, schäme ich mich dafür, dass Europäer gemeinsame Sache mit solch einer Regierung machen. Ein Tritt ins Gesicht der Opfer.

@snorrt
Und nur weil es in der Zeitung steht, dann müssen hier alle Geschichten auch stimmen?
In einigen Geschichten wird lediglich vermutet, dass die Menschen vom Regime verhaftet wurden.
Wer sagt uns, dass einige der Menschen von denen hier berichtet wurde nicht wirklich Terroristen waren oder selbige untertützt hatten?
Würde natürlich von den Freunden und Verwandten niemand sagen.
Vielleicht haben gefolterte Gefangene diese Menschen beschuldigt.
Für die Wahrheit bedürfte es einer genauen und vor allem unabhängigen Untersuchung und keines 5-Seitigen Artikels in einer Zeitung.
Die erwähnte syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte besteht aus einem einzigen Exilsyrer in Conventry mit einer Boutique, der einzige Grund warum dieser Typ ständig in den Medien genannt wird ist der, dass er genau das verbreitet, was die Medien hören wollen und weil syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte so schön offiziell klingt, besser aus jeden Fall als "gemäß Meldungen des syrischen Boutiquenbesitzers aus Coventry"...
Die USA betrieben und betreiben übrigens auch Foltergefängnisse und wir haben trotzdem keinerlei Probleme damit diese sogar als unsere engsten Verbündeten zu bezeichnen.
Ich will derartige Verbrechen damit nicht relativieren. Aber es wurde schon genug gelogen um Assad als das pure Böse darzustellen, als dass mich so ein paar Tränendrüsenartikel überzeugen könnten.

Danke für diesen Bericht, dem ersten Kommentar kann ich mich nur anschließen.
Hinzufügen möchte ich, dass es mich fassungslos macht, dass hier im ZON-Kommentarbereich immer wieder wohlsituierte, satte und mit allen Rechten ausgestattete Menschen für dieses Regime argumentieren - oder gegen Flüchtlinge aus Syrien. Ich kann nur sagen: Jedem einzelnen dieser Menschen hier fühle ich mich unendlich näher - auch wenn ich sicher nicht so mutig wäre - als den deutschnationalen Landsleuten.

Krieg und Folter ist eine furchtbar schlimme Sache. Man sollte wirklich alles tun, damit alles damit Zusammenhängende aufgeklärt wird und Verantwortliche abgestraft werden. Besonders interessant ist dabei immer zu beobachten, wie die Westmedien getragen vom transatlantischen Wind, sich über andere Staaten und Machthaber auslassen, ohne auch nur in einem Nebensatz den Dreck hervorzukehren, der den Westregimen selbst anhaftet. Aktuell ist ja der BND dabei sich wieder offiziell in Damaskus einzunisten und eine "Residentur" in der ehemaligen Botschaft einzurichten. So ist man natürlich näher an der Quelle, also an den Geständnissen von Rebellen, Terroristen und Radikalislamisten, die oft unter Folter erpresst werden. Erfahrung damit hat der BND ja offensichtlich schon länger: "Fall Zammar: Regierung weiß von Folter in Syrien"
https://www.tagesschau.de...
Und daß das US-Regime ihre Folterknechte auch früher schon in Syrien gern beliefert hat, ist doch wohl schon kein Geheimnis mehr.