Cyberstalking Der Feind in unserem Netz

ZEITmagazin Nr. 52/2015

Ein Stalker entreißt Caspar Mierau und seiner Frau Susanne die Kontrolle über ihr Leben. Ein Krimi über die Macht des anonymen Internets und die Schwerfälligkeit des Rechtsstaats Von

Das erste Mal meldet er sich per Telefon. Als es klingelt, sitzt Caspar Mierau gerade in seiner Berliner Altbauwohnung und hört sich im Radio ein Interview zum Thema "Hass im Netz" an, das er selbst gegeben hat. Er zieht sein Handy heran, entscheidet sich aber gegen das Gespräch: Der Anruf ist anonym.

Es klingelt wieder, er stellt das Gerät auf lautlos. Vielleicht ein Callcenter. Oder jemand aus dem Netz, dem seine Meinung nicht passt. Als Blogger und Medienwissenschaftler ist Mierau Belästigung gewohnt, sie ist für ihn eine hässliche, aber unvermeidliche Begleiterscheinung des Jobs. Dieses Mal ist der Störer penetrant: Das Handy klingelt den ganzen Abend. Am nächsten Morgen zeigt Mieraus Display 22 anonyme Anrufe, darunter zwei um 1.42 Uhr, einen um 3.55 Uhr und einen um 5.31 Uhr. Gleich nach dem Aufstehen ruft Mierau bei der Telefongesellschaft O₂ an und lässt alle anonymen Anrufer sperren.

Wenige Stunden später klingelt es wieder – eine unbekannte Nummer leuchtet auf. Es ist ein sonniger Winternachmittag. Mierau ist gerade mit seiner Frau Susanne im Auto unterwegs. "Ruf doch mal zurück", sagt er, während er den Wagen über die Straßen steuert. Aus dem Freisprecher tönt es: "Kein Anschluss unter dieser Nummer." Es ist der 12. Januar 2014, und er wird sich später oft an Susannes ungläubiges Gesicht erinnern. Sie ahnen nicht, dass ihnen in den nächsten anderthalb Jahren die Kontrolle über ihr Leben entrissen wird. Dass sie zu Protagonisten in einem Krimi werden, der von der Macht des anonymen Internets und der Schwerfälligkeit des Rechtsstaats handelt.

In den nächsten Tagen wird Caspar Mierau klar, dass er einen Verfolger hat, dessen Waffe die Technik ist. Es kommen weitere Anrufe von Handys, die man nicht zurückrufen kann; oder von jemandem aus dem Hackerclub C-Base, der ebenfalls nicht erreichbar ist; und von der Homezone-Nummer seiner eigenen Frau. Der Pizzadienst liefert Essen, das Mierau nicht bestellt hat. Auf dem Blog seiner Frau, der von Kindererziehung handelt und viele Fotos aus dem Alltag der vierköpfigen Familie zeigt, tauchen verstörende Kommentare auf:

"ich will wieder titten bilder von deiner frau!"

"WIR WOLLEN DIE FRAU MIERAU BEIM STILLEN SEHEN BITTE MIT TITTEN! DIE FRAU MIERAU IST NE GEILE SAU BESTIMMT IST SIE AUCH GUT BEIM FICKEN WENN SIE SCHWANGER IST"

"du kleine ossi fotze zeig mir nackt bilder von deinen kleinen kinder ich möchte deine kinder ficken"

Gegen Mierau selbst erfolgen Hackerangriffe. Facebook, Twitter und Instagram melden ihm, dass jemand in seinem Namen angefordert hat, die Passwörter zurückzusetzen. Sein Blog bricht zusammen, weil ein Unbekannter mit 38.695 automatisierten Passwort-Kombinationen versucht, in das System einzudringen: eine Brute-Force-Attacke. Hacker wenden sie an, um Passwörter zu knacken. Solche Attacken kommen gewöhnlich aus China oder Russland – hinter dieser hier steckt ein deutscher Computer.

Mierau denkt an Hacker, die Gegner mit virtuellen Rachefeldzügen fertigmachen. An Kreditkartenbetrug und Identitätsdiebstahl. An die dunkle Seite des Menschen, die in der Anonymität des Internets aufblüht und Hass verbreitet. Gibt es jemanden, der ihn vernichten will? Aber warum? Und wozu ist er fähig?

Caspar Mieraus Leben findet in Berlin statt, und im Internet. Der Enddreißiger, der sich das Programmieren selbst beigebracht hat, hat weder ein Büro noch eine feste Anstellung; sein Schreibtisch ist ein Laptop, auf dem er zu Hause oder bei verschiedenen Start-ups arbeitet. Sein Hauptkunde ist die Kinoseite Moviepilot, die ihren Nutzern per Algorithmus Filme vorschlägt.

Hinter der Geschichte

Die Recherche: Mit jedem Hasskommentar, jeder SMS, jedem Anruf hinterließ der Stalker eine digitale Spur. Mithilfe der Protokolle konnte die Autorin genau rekonstruieren, wann er zum Beispiel Pizza bestellt, die Mieraus angerufen oder sie bedroht hatte.

Dauer: Als das Stalking begann, kontaktierte Caspar Mierau unsere Autorin, die er von ihrer Berichterstattung über die Piratenpartei kannte. Anderthalb Jahre lang traf sie ihn immer wieder. Sie sprach auch mit dem Verteidiger des Stalkers und dem Leiter der Therapieeinrichtung, die er besuchte. Der Stalker selbst lehnte ein Gespräch trotz mehrerer Anfragen ab.
 

Eine Weile hat Mierau ein einflussreiches Blog über den Aufstieg und Fall der Piratenpartei geschrieben. Heute bloggt er vor allem darüber, wie das Internet unsere Gesellschaft verändert: über den Streit zwischen Taxifahrern und Uber, die Figur des Hackers in Filmen und die ethische Frage, ob man seine Frau per App tracken darf (er findet: ja). "Es gibt kein analoges Leben im digitalen", lautet das Motto seines Blogs Leitmedium. "Leitmedium" steht auch in seinem Pass – als Künstlername. Für Caspar Mierau sind Handy und Computer die Verlängerung seines Selbst. Wer auch immer ihn angreift, weiß das.

Durch die Feindseligkeiten aus dem Nichts gerät Mieraus Weltanschauung ins Wanken. Wie fast alle Netzaktivisten war er überzeugt davon, dass Anonymität etwas Gutes ist. Er glaubte, dass sie Whistleblower und Dissidenten schützt, dass sie ein Ausdruck von Meinungsfreiheit und Demokratie ist. Jetzt beginnt er, an diesen Prinzipien zu zweifeln. Immer, wenn er an den Unbekannten denkt, sieht er einen dunklen Raum, in den von schräg oben ein schwaches Licht fällt. Er zoomt langsam heran und erkennt schattenhaft einen Mann, über einen Laptop gebeugt. Ein Bild, das ihn wütend macht. Er fühlt sich hilflos.

Weil er nicht weiß, gegen wen er seine Wut richten soll, verfällt Mierau in Jagdfieber. Wie ein Detektiv beginnt er, dem Stalker seinerseits hinterherzuschnüffeln. Abend für Abend sitzt er vor seinem Laptop und füllt Excel-Tabellen aus. Jeder Anruf und jede ungewollt gelieferte Pizza wird mit Datum und Uhrzeit protokolliert, jeder Kommentar mit Inhalt und IP-Adresse, also der Kennzeichnung des Absender-Computers, notiert. Die Statistiken visualisiert Mierau in einer bunten Grafik – Rot für Anrufe, Gelb für Blog-Kommentare und Lila für Pizzalieferungen. Manchmal sitzt er bis halb drei morgens am Schreibtisch und brütet über Logdateien.

Mit der Zeit beginnt Mierau, das Muster seines Gegners zu erkennen. Zwischen 10 und 15 Uhr gehen relativ wenige Anrufe ein, der Stalker dürfte also berufstätig sein. Nachts um ein Uhr verschickt er besonders viele Hasskommentare – er ist wohl alleinstehend. Auf feministische Blog-Posts und Fotos mit Kindern reagiert er besonders aggressiv, das deutet auf Einsamkeit oder Beziehungsprobleme hin. Mierau stellt fest, dass der Unbekannte Anonymisierungsdienste wie Tor benutzt, um seine Hasskommentare zu verschicken, davor aber oft mit einer unverschleierten IP-Adresse auf den Blogs herumsurft.

All diese Beobachtungen schickt Mierau in E-Mails an die Polizei, wie Meldungen von der Front. Sein Anwalt hat Anzeige erstattet wegen Stalking, und Mierau will den Täter überführen. Er hat den Verdacht, es könnte sich um jemanden aus dem Hackerclub C-Base handeln.

Stalking galt lange als Prominentenproblem, doch inzwischen kann es jeden treffen. Eine große Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim zeigt, dass elf Prozent der Deutschen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Nachstellung werden. Meist sind die Täter Expartner, die nicht von ihren Verflossenen lassen können. Andere handeln aus Rache oder Neid. Wie Süchtige denken sie immerzu daran, ihre Opfer zu kontaktieren. Die Verfolgung kann so massiv sein, dass das Opfer Job, Wohnort oder den Namen wechseln muss.

Einen Monat nach dem ersten Anruf bekommt Caspar Mierau Post vom Landeskriminalamt Berlin, Abteilung Cybercrime: Er möge bitte alle Informationen zum Stalker auf eine DVD brennen und vorbeibringen. Mierau wird später von seiner Überraschung über das Revier erzählen: Wände voller Aktenordner passen nicht in seine digitale Welt, ebenso wenig die beiden Windows-Rechner auf den Schreibtischen der Ermittler. Die beiden Beamten, die den Fall bearbeiten, kennen Mierau von seinen E-Mails und haben die IP-Adressen benutzt, um bei O₂ abzufragen, unter welchem Namen die Anschlüsse registriert sind. Daher haben sie einen Verdacht, wer hinter den Angriffen stecken könnte.

"Können Sie so eine Abfrage auch bei pizza.de machen?", fragt Mierau. "Er bestellt in meinem Namen Pizza." Die Beamten haben mit pizza.de oft zu tun, viele Schüler spielen ihren Lehrern Streiche, indem sie falsche Bestellungen aufgeben. "Die sind sehr unkooperativ", antwortet einer der Beamten, "Datenschutz!"

Es gehört zum Selbstverständnis des Bloggers Caspar Mierau, dass er die Speicherung von Daten ablehnt. Hier auf dem Berliner Polizeirevier fällt ihm auf, dass man die Sache auch anders sehen kann. Wäre der Datenschutz in Deutschland nicht so streng, könnten die beiden Polizisten den Stalker vielleicht mithilfe der Pizzabestellungen überführen. Die Vorratsdatenspeicherung, deren Aussetzung Mierau wie die meisten Mitglieder der Netzszene bejubelt hat, wäre für die Lösung seines Falles eine Riesenhilfe gewesen: Sie hätte die Telefonanbieter und Internetprovider dazu verpflichtet, die Verbindungsdaten (wer hat wann und wo mit wem telefoniert, gemailt oder gesimst, wer hat wann und wie lange welche Webseiten besucht) mindestens sechs Monate lang zu speichern. Die Anonymität im Internet wäre quasi beendet. (Später, im Oktober 2015, wird der Bundestag das Gesetz in abgemilderter Form neu verabschieden – die Speicherfrist beträgt nun vier bis zehn Wochen.)

"Wen vermuten Sie hinter den Taten?", wollen die Beamten wissen. "Wahrscheinlich einen aus dem Umkreis der C-Base, aus der Piratenpartei oder dem Chaos Computer Club", antwortet Mierau. Die Beamten sehen einander an: "Kennen Sie einen Frederick Nagel?*"

Mierau nickt. Nagel ist ein Mitglied der C-Base, das er selbst auch schon in Verdacht hatte: An dem Tag, an dem die Anrufe begannen, hatte der flüchtige Bekannte Mieraus Radiointerview im C-Base-Chat kommentiert. Und er kennt sich mit Telefonanlagen aus. Mierau hört gar nicht mehr richtig hin, als die Polizisten sagen, dass es jetzt noch eine Weile dauern könne. Draußen fällt er seiner wartenden Frau um den Hals: "Sie haben ihn!" Mieraus Körper bebt. "Das Schlimmste ist vorbei." Er weint. Und er ahnt nicht, wie falsch dieser Satz ist.

Mierau verbringt nun viel Zeit damit, über Frederick Nagel nachzudenken. Er weiß noch, dass ihm Nagel vor drei Jahren eine E-Mail schrieb, um sich bei der C-Base zu bewerben – Mierau saß damals im Vorstand des Hackerclubs. Sie sprachen über technische Probleme im C-Base-Chat und folgten einander zeitweise auf Twitter. Einmal lud Mierau Nagel wegen einer dienstlichen Sache in die Räume von Moviepilot ein. Es ist die einzige Begegnung, die Mierau noch im Kopf hat: Nagel, Ende zwanzig und überfreundlich. Ein IT-Spezialist, der aus Süddeutschland nach Berlin gezogen war und Anschluss an die Netzszene suchte.

Je mehr Mierau grübelt, desto klarer wird, dass er nichts über Nagel weiß. Ihre Beziehung war eher virtuell. Warum hasst er ihn? Was will er?

Mierau beschließt, den Stalker zu stalken. Mit einem falschen Twitter-Profil bewirbt er sich bei Nagel, der einen geschlossenen Account hat, als Follower. Im Archiv stößt er auf einen Tweet, den Nagel im vergangenen Dezember an ihn geschrieben hatte. Er bezog sich auf einen Kongress des Chaos Computer Clubs: "@leitmedium kommst du zum #30c3?"

Mierau konnte den Tweet nicht sehen, er war damals kein Follower von Nagel. Ein kleines Missverständnis, das im Rückblick Bedeutung bekommt: Wollte sich Nagel mit ihm verabreden? Fühlte er sich zurückgewiesen, als keine Antwort kam? Hatte ihn das Radiointerview daran erinnert, seinen Groll erneuert?

In der Nacht zum Mittwoch, dem 19. März 2014, geht bei Susanne Mieraus Blog ein Kommentar ein von einem Nutzer namens "leitmedium": "hey du ossi fotze pass auf was dein mann sagt sonst bringe ich euch alle um".

Mierau liest die Nachricht am nächsten Morgen und geht sofort ins Schlafzimmer. Seine Frau liegt mit den beiden Kindern im großen Hochbett, das sie sich alle vier teilen. "Es ist so weit", sagt er, "die erste Morddrohung ist da." Sie wissen, dass der Verdächtige in Berlin-Charlottenburg wohnt. Bloß eine halbe Stunde von ihnen entfernt.

Kommentare

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Drei Dinge:

Erstens sollte nicht der Rechtsstaat und der Datenschutz in Zweifel gezogen werden, nur weil man selber bedroht ist. Wer das tut hat die negativen Auswirkungen eines Polizeistaates nicht verstanden und war bisher ein Heuchler.

Zweitens lehrt der Paragraph des Stalking das de Opfer es eskalieren lassen müssen. Falls wieder ein Stalker vor der Tür steht, drei Monate protokollieren und dann einen Unfall oder ähnliches provozieren und sich darauf berufen, dass man aufgrund des Schlafmangels und der Nervösität des Stalkers schon Unfälle baut. Finish. Anders geht es ja wohl nicht, survival of the fittest.

Drittens:
Gratulation an die Familie, dass sie allen entsagt haben, die ihnen einen Mitschuld gaben. Das ist genauso pervers wie einem Vergewaltigungsopfer vorzuwerfen es hätte das falsche Kleid getragen oder einem Religionskritiker vorzuwerfen, er hätte mehr Rücksicht auf die Gläubigen nehmen sollen.

Eins noch, es ging zwar um digitale Angriffe aber das Weltbild des Stalkers war nicht anders als von anderen Stalkern. Verqueres Weltbild, eine Scheinwelt hat sich aufgebaut über die er die Kontrolle verloren hat. Deshalb muss man kein Mitleid haben, aber es ist auch keine Besonderheit der Technik (bevor hier wieder die Technikhasser rauskommen).

"So weit ich weiß"... Immerhin halb selbsterkennend. Dann wissense eben nich jenuch. Täter ist kein Rechtsbegriff. Es gibt Tatverdächtige, Beschuldigte, Angeschuldigte, angeklagte und (rechtskräftig) Verurteilte. Wenn man also kundig den Satz im Artikel liest, bedeutet das lediglich, dass zwei Prozent öffentlich angeklagt wurden, d.h. die Hauptverhandlung eröffnet wurde. In wie vielen Fällen Strafbefehle (ohne Hauptverhandlung) erlassen wurden oder Verfahren eingestellt wurden, verschweigt der Artikel indes. Man darf auch nicht vergessen, dass in den Hauptfällen der unter Nachstellung eingeleiteten Verfahren oftmals Tatbestandsmäßigkeit nicht gegeben ist (s. unbestimmter Rechtsbegriff der schwerwiegenden Beeinträchtigung der Lebensgestaltung) oder Konkurrrenz zur Nötigung, Bedrohung etc. besteht. Die letzteren Delikte sind viel schneller tatbestandlich erfüllt, sagen indes auch nichts über die real drohende Gefahr aus. Kriminalstatistik ist so 'ne Sache...

Die Netzkultur ist - wenn auch oft zurecht - so sehr damit beschäftigt, welche Instanzen von außen sie gefährden, das sie ganz vergisst, wie viele "Feinde" es auch im Inneren gibt. Das Internet als interaktives, soziales Medium in seiner idealen Form ist etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Nicht nur Vorratsdatenspeicherung, staatliche Zensur und obskure ökonomische Regelungen wie das Leistungsschutzrecht gefährden die Netzkultur als solche, sondern auch Personen wie Nagel, die sich absurderweise noch als Teil der Gemeinschaft fühlen, für deren Ideale sie eine Bedrohung sind.

Den Mieraus alles Gute und viel Kraft für die Zukunft.

Wer keine Ahnung hat... Es gilt das Legalitätsprinzip, die Polizei wird immer aktiv. Viele StPO-Ermächtigungen sind aber an einen bestimmten Straftatenkatalog gekoppelt (der berühmte Lauschangriff z.B.), damit nicht immer gleich mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Jaaaaa, und manchmal gibt es halt keine Ermittlungsansätze (so wie das Datum der IP-Adresse bis vor wenigen Monaten). Wie ich oben schon schrob: Man muss auszuhalten lernen.