Familienfotos Bilder von uns

Jeder hat eine Familie. Vielleicht liegt darin der universelle Zauber von Linn Schröders Fotos Von

ZEITmagazin Nr. 52/2015

ZEITmagazin: Frau Schröder, was bedeutet Familie für Sie?

Linn Schröder: Familie ist etwas, das für uns alle immer da ist. Es ist sehr spezifisch und gleichzeitig archaisch und allgemein.

ZEITmagazin: Wie ist der Titel der Serie zu verstehen: "Ich denke auch Familienbilder"?

Schröder: Ich will mit meinen Bildern keine generelle Aussage über Familie treffen. Die Fotos sind offener zu lesen. So mehrdeutig ist auch der Titel gemeint.

ZEITmagazin: Ihre Bilder könnten auch aus einem Fotoalbum von vor 30 Jahren stammen.

Schröder: Das stimmt. Sie erinnern an alte Bilder aus dem Album, weil ich die Kinder nicht anders betrachte als Erwachsene, mit einer Ernsthaftigkeit und Stille, wie sie früher durch die langen Belichtungszeiten üblich waren. Sie sind bei mir nicht niedlich, sondern eher abgründig. Mir ist es wichtig, wie die Bilder wirken, wie Bilder überhaupt funktionieren und was sie beim Betrachter auslösen.

ZEITmagazin: Also geht es für Sie darum, was jeder selbst darin sieht?

Schröder: Ja. Das können Erinnerungen sein, bereits Gesehenes oder Verweise auf andere Fotografen wie Sally Mann oder Walker Evans, Erinnerungen an ein anderes Jahrhundert. Ich spiele mit diesen Verweisen und suche nach einer Bildsprache, die eine Atmosphäre erzeugt. Man sollte meine Fotos wie einen Roman lesen. Die Oberfläche, aber auch das Darunterliegende wahrnehmen. Im besten Falle liest man die einzelnen Bilder wie Sätze und das Gesamtgefüge wie einen lyrischen Text.

ZEITmagazin: Aber die Bilder haben schon etwas sehr Persönliches, Sie dokumentieren darin Ihre eigenen Kinder, oder?

Schröder: Nein, nicht wirklich. Meine Kinder sind zwar auf vielen Bildern zu sehen, aber als privates Dokument für meine Kinder würde ich andere Motive wählen. Da ist es wichtig, zu zeigen, was sie wann konnten, wer sie alles in den Armen hielt, wie sie zu welchem Zeitpunkt aussahen. Solche Bilder verankern uns, mit Erinnerungen, die für uns als individuelle Person wichtig sind.

ZEITmagazin: Sie inszenieren also Ihre Bilder?

Schröder: Es ist eine Mischung aus Inszenierung und gesteuertem Zufall.

ZEITmagazin: Hat sich Ihr Blick als Fotografin geändert, seitdem Sie Mutter sind?

Schröder: Mein Blick ist der gleiche. Hätte ich keine Kinder, wären es wohl andere Motive. Aber ich würde die gleiche Art von Bildern machen. In meiner Betrachtung bin ich nicht Mutter, sondern Fotografin. Solche Momente herzustellen ist das Schwierige bei der Arbeit.

ZEITmagazin: Es war eine Zeit lang nicht sicher, ob Sie überhaupt Kinder bekommen können, richtig?

Schröder: Ja, als ich Ende zwanzig war, wurde bei mir Brustkrebs diagnostiziert. Die Chemotherapie zerstört alle Zellen, deswegen kann es sein, dass man nicht mehr schwanger werden kann. Es war überraschend für mich, als ich schwanger wurde – und dann waren es auch noch Zwillinge.

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