Ich habe einen Traum Greta Gerwig

"Ich habe große Angst, dass man mir auf die Schliche kommt"

Von
ZEITmagazin Nr. 52/2015

Als Jugendliche habe ich oft von Woody Allen geträumt. Wir sind zusammen essen gegangen oder haben uns ein Eis gekauft und über Filme geredet. Er war mein bester Freund. Ein merkwürdiger Traum – die wenigsten 14-jährigen Mädchen träumen wohl davon, mit Woody Allen essen zu gehen. Aber seit meiner Kindheit wollte ich einer Künstlerwelt angehören. Also habe ich mich in diese Welt hineingeträumt.

Greta Gerwig

32, wurde in der kalifornischen Stadt Sacramento geboren. Weltbekannt wurde sie 2013 mit Frances Ha, einem Film des Regisseurs Noah Baumbach, der inzwischen ihr Lebensgefährte ist. Mit ihm schrieb und drehte sie auch den Film Mistress America, der jetzt in den Kinos zu sehen ist
 

Meine Woody-Allen-Träume hatte ich irgendwann völlig vergessen. Selbst als ich vor einigen Jahren einen Film mit ihm drehte, dachte ich nicht an sie. Die Erinnerung kam erst zurück, als ich neulich in meinen alten Traumtagebüchern las, die ich in meiner Kindheit und Jugend geführt habe. Woody Allen und ich sind übrigens nicht beste Freunde geworden, der Traum ist also nicht ganz wahr geworden.

Seit einigen Jahren bin ich bei einer Psychoanalytikerin in Behandlung. Meinen Träumen schenke ich daher nun wieder mehr Beachtung und zeichne sie inzwischen auch wieder auf. Anfangs habe ich mich dagegen gesträubt, denn die Traumanalyse hielt ich für einen altmodischen Ansatz. Aber je mehr ich mich mit meinen Träumen beschäftige, desto mehr sehe ich sie als einen Zugang zu Gefühlen und Gedanken. Im Traum bin ich weniger abhängig vom Urteil anderer Leute und daher offener für die dunkleren Seiten meiner Persönlichkeit. Oft sind es dabei gerade die Details, die eine große Bedeutung haben. Wenn ich zum Beispiel im Traum meine Mutter mit einem Computer umbringe, scheint die Hauptsache zu sein, dass ich meine Mutter ermorde. In der Analyse kann sich aber herausstellen, dass viel interessanter ist, warum ich dazu einen Computer benutze.

Wenn ich mich mit Menschen beschäftige, tauchen sie auch in meinen Träumen auf. Eine Zeit lang war es John Wayne – allerdings nur sein Kopf, ohne Körper. Oder Dustin Pedroia von den Boston Red Sox. In meinen Träumen rede ich auf ihn ein und erkläre ihm, dass ich der größte Baseballfan überhaupt sei. Leider interessiert ihn das überhaupt nicht.

Zurzeit habe ich häufig merkwürdige Träume von falschen Propheten. So wie diesen: Ich befinde mich in einem großen Stadion. Auf dem Spielfeld wird eine Art Wunder zelebriert. Mal sitze ich im Publikum, mal bin ich es, die dort unten auf dem Spielfeld steht. In beiden Fällen weiß ich genau, dass alles Show ist. Wenn ich selbst diese Show abziehe, habe ich große Angst, dass man mir auf die Schliche kommt und der Betrug auffliegt. Sitze ich unter den Zuschauern, will mir niemand glauben, dass da unten betrogen wird.

In diesen Träumen manifestiert sich meine Unsicherheit als Künstlerin. Der Kunst liegt die Absicht zugrunde, auf die Wahrheit zu verweisen. Aber dieser Versuch muss scheitern: Es ist nicht möglich, die Wahrheit mit einem Film oder einem Gedicht völlig zu erfassen. Sie existiert nur im jeweiligen Moment. Die Kunst nimmt diese Momente und überführt sie in eine andere Form. So zerstört sie immer auch einen Teil von ihnen. Ein Künstler ist also auch ein Zerstörer. Meine Unsicherheit hat mit dieser Erkenntnis zu tun.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

1 Kommentar
Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere