Harald Martenstein Über magische Gegenstände

© Fengel

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ZEITmagazin Nr. 52/2015

Seit Jahren steht in meinem Bad ein kleines grünes Töpfchen mit Hautsalbe. Es ist inzwischen fast leer. Ich habe diese Salbe am Londoner Flughafen gekauft, auf dem Rückweg aus Südafrika, als ich meinen Vater zum letzten Mal besucht habe. Offenbar hatte ich ein Hautproblem damals, ich weiß nicht mehr, was es genau war. Ich benutze die Salbe von Zeit zu Zeit, weil sie mich an meinen Vater erinnert. Er lebte noch, als ich sie kaufte, die Salbe ist ein Bindeglied zu der Zeit, in der er atmete und ich mich mit ihm unterhalten konnte. Nicht dass wir uns viel zu sagen gehabt hätten. Aber das spielt keine Rolle. Ich liebte ihn trotzdem.

Seit Jahren schleppe ich Gegenstände mit mir herum, von Wohnung zu Wohnung, aus dem einzigen Grund, weil sie mich an einen Menschen erinnern, der mir wichtig war, oder an eine Phase meines Lebens, die ich in Erinnerung behalten will. Existenzialistischer Nippes, Treibgut. Es darf nicht zu viel werden, in einem Museum will ich nicht leben.

Aber ich wundere mich immer, wenn ich eine gestylte Wohnung betrete, in der alles geschmacklich aufeinander abgestimmt ist, alles ist neu, schön und ohne Brüche. Haben diese Menschen keine Geschichte, keine Erinnerungen, leben die wirklich ganz im Heute?

Ich verurteile das nicht, ich bin nur anders. Ich habe etliche Dinge um mich, die ich nicht besonders schön finde und die erst recht kein anderer schön finden dürfte, die aber für mich mit Erinnerungen und mit Geschichte aufgeladen sind, ein Nierentischchen, ein altes Buffet, ein Kuscheltier, ein kaputtes Spielzeugauto, ein verrosteter Dosenöffner. Wenn ich das wegwerfen würde, käme es mir vor, als würde ich ein Stück meines Lebens wegwerfen. Nicht dass es da nicht manches gäbe, was ich mir oder anderen gerne erspart hätte. Aber das spielt keine Rolle.

Auch die Sachen haben ein Leben. Für mich leben die. Einer meiner magischsten Gegenstände ist eine uralte Pralinenschachtel, bezogen mit rotem Samt, in der meine Großeltern ihre Fotos aufzuheben pflegten, Fotos von Betriebsfesten und von Freunden, die meisten kenne ich nicht. Wenn ich den Karton öffne, alle paar Jahre, schlägt mir der Geruch entgegen, der in ihrer Wohnung hing, und ich bin wieder zehn Jahre alt, alle Freuden und alle Ängste sind wieder da, genau wie bei Marcel Proust in seinem großen Roman. Manchmal frage ich mich, ob es in 30 Jahren wohl jemanden gibt, der etwas von mir aufhebt, nicht einen Text, etwas wie eine Pappschachtel, und diesen Gegenstand von Zeit zu Zeit mit ähnlichen Gefühlen in die Hand nimmt. Dann hätte ich nicht alles falsch gemacht.

Es ist, glaube ich, ziemlich egal, was man schenkt. Entscheidend ist das Stück Leben, das in einem Gegenstand steckt. Er kann noch so hässlich und noch so geschmacklos sein. Der Wert eines Geschenks hängt ganz allein vom Schenkenden ab, er kann fallen oder steigen im Lauf der Jahre.

Das Wichtige am Weihnachtsfest aber ist für mich, dass es alle Jahre ähnlich abläuft, es ist eine Konstante. Das braucht man. Ich las, dass in einer Münchner Grundschule die Kinder sich diesmal bei der Weihnachtsfeier als Kiwis, Orangen und Bananen verkleiden mussten statt als Maria und Josef, einerseits, um Muslime nicht auszugrenzen, andererseits, weil gesunde Ernährung wichtig ist. Wie schade, dachte ich, wenn Erwachsene die Magie kaputt machen, von der manche ein Leben lang zehren.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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15 Kommentare

"Aber ich wundere mich immer, wenn ich eine gestylte Wohnung betrete, in der alles geschmacklich aufeinander abgestimmt ist, alles ist neu, schön und ohne Brüche. "

Die gibt's doch nur in deutschen TV-Spielfilmen (Degeto-Prod.). Schon mal aufgefallen = in diesen Filmen ist im Hintergrund des mitspielenden Wohn- oder Schlafzimmers, aber auch gerne in der Küche immer das gleiche kleine viereckige Radio zu sehen (das ich übrigesn auch in der Küche habe; nur sieht meine Wohnung nicht so viereckig und kalt aus wie in all diesen Filmen und offenabr bei Martensteins Bekannten (falls es die wirklich gibt; ich meine die beschriebenen "modernen" Wohnungen. Womöglich vermieten die andauernd an Degeto? Und leben nicht scshlecht davon?)

Herr Martenstein, wie vielen Menschen mag es so gehen wie Ihnen? Hoffentlich ganz ganz 'Vielen'. Mir geht es jedenfalls ebenso und ich hoffe oft, wenn ich etwas verschenke, das der Beschenkte etwas spürt von der Magie, mit der ich diesen Gegenstand, gerade für diesen Menschen, ausgesucht und verpackt habe. Mein wichtigster magischer Gegenstand ist die Standuhr meiner Großmutter. Bereits mit 5 Jahren verabredete ich mit ihr, das ich diese Uhr gerne einmal bekommen würde. Trotz einiger Widrigkeiten steht diese Uhr jetzt seit 20 Jahren in meinem Wohnzimmer und wenn ich sie schlagen höre, erinnere ich mich der vielen schönen Tage meiner Kindheit, die ich bei meiner Großmutter verbracht habe.

Naja, vielleicht hatte eine Hündin sich daran gerieben und es ging um Wohlgeruch für den Hund:)

Komisch gell, triggern nennt man es wohl, denn auch bei mir kam (Walduntypischer) Wohlgeruch auf. Ich hörte den Motor des 1978er T2b mit Westfalia Aufbau – unten rot – oben weiß … Dieses Modellauto entsprach exakt dem meines Patenonkels Fritz. Das Auto, das er mir lieh für manchen Transport, Urlaub oder ... In diesem Bus hatte ich den besten Sex meines Lebens, mit der besten aller Frauen, meiner heutigen Ehefrau. Ja, es war sogar der gleiche Waldabschnitt … Ich glaube auch das Sachen ein Leben haben und das es Dinge gibt, die kann man nicht erklären – Zufälle oder so ist mir da zu wenig:)

Gut, das Modell hatte eine andere Farbe – es war verblasst hellblau. Nun steht es hier vor mir und auch die Sitze sind nun weiß, wie damals …

Sorry, für die Überlänge. Es war der Tiegel Salbe ihres Vaters. Bei mir ist es der Rasierpinsel mit Topf und die Rasiercreme, die mich jeden vierten Tag spätestens an meinen Vater erinnern. Und bevor es weiter triggert, wünsche ich eine gute Nacht und hoffe auch, dass meine Nachfahren irgendwelche Dinge von mir aufbewahren, gute Erinnerungen dadurch erhalten, in Geschichten schwelgen und somit das Ding und auch mich am Leben erhalten …

Denn: „Solange man an dich denkt, bist du nicht Tod.“

Gute Zeit noch und tschüss

Niemals hätte ich Sie so eingeschätzt, Herr Martenstein. Nein ein Journalist wie Martenstein hat kein Nippes und Treibgut. Der wohnt steril; in leicht zu pflegendem Edel-Design ohne Schnörkel und Nuten, wo der Staub sich absetzen könnte. Martenstein kennt gar keinen Staub und Mief auch nicht, nur Wohlgerüche ... Ok, so kann man sich täuschen und ihr Text macht sie mir sehr sympathisch. Menschen die Dinge aufbewahren sind liebende Menschen. Nicht dass man in o.a. Umfeld nicht lieben könnte, aber halt anders – auch etwas steril würde ich meinen. In einer Wohnung wohnt man, sonst würde sie „Guckung“ heißen. Die Frage über die Bewohner einer Guckung würde ich ebenso stellen: „Haben diese Menschen keine Geschichte, keine Erinnerungen, leben die wirklich ganz im Heute?“

Typisch Mann, denke ich. Wenngleich auch Frauen gern Dinge aufbewahren, so ist der Kerl vielfach immer noch der Jäger und Sammler. Ich zum Beispiel liebe Schnäppchen von Floh/Trödelmärkten oder auch kleine Fundstücke, wie einen alten T2 Bus als Modell 1:28, den mein Hund im Wald fand.

Das unterscheidet uns halt vom Tier. Mein Hund Trico wäre niemals auf die Idee gekommen, dieses alte Automodell mit nach Hause zu nehmen, oder in der Wohnung irgendwo gezielt aufzubewahren. Wozu auch, wenn er nichts mit dem Teil zu verbinden weiß?
Es lagen wundervolle Äste (sogar seines geliebten Birkenholzes) im Wald herum, die er hätte, apportieren oder abnagen können. Metall anschleppen ist nicht Tricos Art. Naja, vielleicht hatt

DAS KENNE ICH SEHR GUT

Bei mir geht das so weit, daß ich für mich Erinnerungsspuren sammle, erzeuge und zugleich alles aufschreibe was mir wichtig oder bedeutsam erscheint. Ich sammle Details aus meinem Leben.

Das sind auch viele Fotos von simplen Gegenständen aber auch Geräusche.
Eines davon ist von meinem Ölofen, dessen Lüftungsklappe bei stürmischen Wetterlagen so ein leichtes sehr charakteristisches Scheppern und Quietschen von sich gab. Ich habe 15 Jahre mit diesem Geräusch gelebt. Und mochte die Zeit und die Wohnung. Zwei Wochen vor dem Umzug in eine neue Wohnung hatte es mal wieder gestürmt und ich hatte es aufgezeichnet.
So auch das Glockenläuten in einem kleinen französischen Ort auf meiner Fahrradreise, wo ich direkt neben der Kirche zu Mittag aß. Es ist jetzt mein Handyton.

Gebrauchsgegenstände, Geräte Möbelstücke und dergleichen
beschrifte ich an verborgener Stelle mit dem Kaufdatum. Und bin dann
überrascht, wenn ich bemerke, wie kurz oder lang ich dieses oder jenes schon habe, während meine Erinnerung mir öfters etwas anderes sagt.
Das verschafft mir Zeitperspektiven. Ein Gefühl für Dauer.

Von dreien meiner ehemaligen "Lebensabschnittspartnerinnen" habe
ich die Flacons ihres Lieblingsparfüms, die -obwohl leer- noch nach Jahren ihren Geruch nicht verloren haben. Aber nicht aus Verzweifelung, sondern reiner Nostalgie. Erinnerungen an ehemalige Liebschaften, die im Rückblick wie Erinnerungen an schöne Reisen sind.

Das Sammeln und Aufbewahren ist wohl eine Art, mit dem Bewußtsein, das alles vergänglich ist, irgendwie umzugehen.

Ich habe Mühe mit dem Gedankensprung von Dingen mit Bezug über Geschenke und Weihnachten zum Verkleiden als Kiwi und Banane (um Muslime nicht auszugrenzen). Verkleiden hat für mich etwas mit Fasnacht zu tun. Den letzten Absatz hätte es (m. E.) für den netten Artikel nicht gebraucht.

@Mike-Stgt: Das habe ich mir auch gedacht. Aber vermutlich meinte er die Tradition des Weihnachtsspiels. Und das diese Traditionen für ihn eine ähnliche Funktion haben wie seine "Gegenstände". Der letzte Abschnitt
wirkte auch so, als wenn er beim Verfassen plötzlich in Zeitnot geraten ist.
Macht aber nichts. Passiert mir als Forist mindestens bei jedem zweiten Beitrag.

Es stimmt alles. Allerdings kann man die Geschichte unendlich erweitern: in dem man darüber nachdenkt, dass die Beschenkten nicht unbedingt abwesend sein müssen, damit der wichtige Gegenstand eine Erinnerung hervorruft; wer der Schenkende und der Beschenkte sind und dass der wichtige Gegenstand einer Neigung des Beschenkten entsprechen kann; wie man zu einem wichtigen Gegenstand kommt und welche Charaktereigenschaft oder Hobbys des Beschenkten der Schenkende ausmacht uswusf. Es ist sehr schwierig und es gibt nicht so viele Leute, die Schenkungen richtig machen, aber es ist äußerst unterhaltsam.

Danke, Herr Martenstein, für Ihren schönen Artikel.
Ich glaube auch, dass Dinge eine Magie in sich tragen. Ich merke das zum Beispiel, wenn ich etwas in einem Geschäft sehe, und wenn ich mir dann überlege, ob ich es kaufe. Dabei frage ich mich immer, hat das eine Magie, die zu mir passt? Wenn ich das gut erspüren kann, liege ich bei meinem Einkauf selten daneben.
Das Ganze hat aber auch seine Schattenseiten. Es ist mir auch schon passiert, dass Leute mir Dinge geschenkt haben, die ich nicht in meiner Nähe ertragen konnte, und dann - welche Schande - weggeben mußte. Ich weiß, das klingt schlimm bei so einer netten Geste, aber die Magie der Dinge ist für mich schon ziemlich deutlich spürbar, ob positiv oder negativ...

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