© Andrew H. Walker/Getty Images

Das war meine Rettung "Wenn ich ein Problem habe, male ich, bis es verschwindet"

Nach gescheiterten Beziehungen hat Julian Schnabel gemalt, bis die Krise vorbei war. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 52/2015

ZEITmagazin: Herr Schnabel, können Sie sich noch an Ihren ersten Besuch in Deutschland erinnern?

Julian Schnabel

64, studierte Kunst in Texas. In New York wurde er als Maler erfolgreich. Als Regisseur drehte er Filme wie Basquiat. Gerade erschien eine Faksimile-Ausgabe des vergriffenen Buchs CVJ, das er über sein Leben geschrieben hat
 

Julian Schnabel: Das war 1978, als ich meine erste Ausstellung in Deutschland hatte, in der Düsseldorfer Galerie December von Gerald Just. Als ich ankam, war Gerald nicht da. Also rief ich einen Freund von ihm an, Wolfgang Niedecken, der mich dann bei sich wohnen ließ. Zur Ausstellungseröffnung kam niemand außer Sigmar Polke und Imi Knoebel, die ich aus den USA kannte, und den Jungs von Niedeckens Band. Ich habe kein einziges meiner Bilder verkauft, aber ich war glücklich, sie überhaupt zeigen zu können.

ZEITmagazin: Was sagen Sie Menschen, die Ihre Bilder nicht verstehen?

Schnabel: Die muss niemand verstehen. Es geht nicht um den Verstand, sondern um Gefühle. Wenn Menschen Kunst anschauen, müssen sie einfach nur fühlen. Und zwar ihre eigenen Gefühle, nicht meine. Das ganze verdammte Kunstwerk ist tot, bis jemand davorsteht und es anschaut.

ZEITmagazin: Sie sind ein erfolgreicher Maler, aber in Ihrem autobiografischen Buch "CVJ" erzählen Sie, wie Sie früher als Taxifahrer und in einem Restaurant arbeiteten, um über die Runden zu kommen.

Schnabel: Ich möchte meine Erfahrungen nicht missen. Als ich 1973 aus Texas nach New York zog und später durch Europa reiste, hatte ich kein Geld. In Italien sprang ich von der Straßenbahn, wenn der Kontrolleur kam. Ich stand vor den Fenstern von Lebensmittelgeschäften und überlegte: Kann ich mir ein bisschen Mozzarella leisten? Glauben Sie mir, wenn ich heute eine schöne runde Kugel Mozzarella essen kann, dann weiß ich das zu schätzen. Das waren gute Erfahrungen. Ich weiß, wie es ist, kein Geld zu haben oder hungrig zu sein. Ich finde das wichtig. Es geht darum, Menschen zu respektieren, egal was sie besitzen oder wo sie herkommen. Das ist das Wichtigste überhaupt: Respekt.

ZEITmagazin: Wenn Sie zurückblicken: Gab es Krisen in Ihrem Leben?

Schnabel: Die Momente, die ich als Krisen sehe, hatten immer mit meiner Beziehung zu Frauen zu tun. Alles andere, die Welt da draußen oder Leute, die meine Kunst kritisierten, spielt keine Rolle. Damit komme ich klar, das ist Teil meines Jobs. Als ich zum Beispiel begann, Filme zu drehen, dachten viele: Oh, er ist jetzt ein Filmemacher, er ist kein Maler mehr, und viele dachten sogar: Er ist ein besserer Filmemacher! Ich habe mich selbst nie als solchen gesehen. Das gehörte einfach zu meiner Arbeit als Künstler. Mit der Malerei bin ich verheiratet, das Filmemachen ist meine Geliebte.

ZEITmagazin: Womit wir wieder bei den Frauen wären. Wie sahen die Krisen aus?

Schnabel: Es ist eine Krise, die seit 30 Jahren andauert. Ich bin zweimal geschieden. Mit einer weiteren Frau, mit der ich nicht mehr zusammen bin, habe ich einen zweijährigen Sohn. Dieses Kind ist ein Geschenk, ich liebe es, und ich habe zu all diesen Frauen ein gutes Verhältnis.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen geholfen, diese Krisen zu überwinden?

Schnabel: Ich habe mich immer aus Krisen herausgemalt. Wenn ich ein Problem habe, male ich, bis es verschwindet. Durch meine Arbeit kann ich Frieden finden. Und Freunde können dich auch am Leben halten. Es ist superwichtig, dass du jemanden hast, den du anrufen kannst. Egal wie berühmt du bist, es gibt immer nur wenige Menschen, mit denen du wirklich reden kannst und willst.

ZEITmagazin: Warum fiel es Ihnen schwer, eine lange Beziehung zu führen?

Schnabel: Nun, das hat ganz offensichtlich mit meiner Mutter zu tun. Meine Mutter und ich hatten eine sehr, sehr enge Beziehung, und wer weiß, vielleicht dachte ich, dass niemand mich mehr lieben könne, als sie es getan hat. Mein Vater dagegen hat mit mir im Grunde nicht gesprochen, bis ich 20 Jahre alt war. Er hat zwar was gesagt, aber nicht viel. Ich bin ein ähnlich paternalistischer Vater wie er für meine sechs Kinder. Manche Leute trauen mir nicht zu, dass ich mich um sie kümmere – aber bis jetzt hat sich keines meiner Kinder beschwert.

ZEITmagazin: Haben Sie ein enges Verhältnis zu Ihren Kindern?

Schnabel: Wenn eine Frau und ein Mann sich trennen, reden sie oft nicht mehr miteinander, und dann verliert einer von ihnen den Kontakt zu den Kindern. Das war bei mir nicht so. Sie kennen sich untereinander, ich rede viel mit ihnen, ich hatte nie das Gefühl, sie verloren zu haben. Ich tue, was ich kann, ich liebe sie, und ich gebe ihnen das Gefühl, dass ich da bin und sie akzeptiere, wie sie sind.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren