Gesellschaftskritik Über Kopftücher

© Ben Stansall/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 52/2015

Margaret Thatcher war nicht nur eine politische Vorreiterin (erste Frau an der Spitze eines westlichen Staates, Turbokapitalismus, Niederknüppeln streikender Arbeiter), sondern auch eine modische. Das Auktionshaus Christie’s versteigerte dieser Tage persönliche Gegenstände aus ihrem Nachlass. Darunter allerhand Politisches, aber auch viele Kleider, Kostüme, Schmuck, Taschen.

Oh, diese Taschen.

Mrs Prime Minister mochte keinen Bullshit, keinen Schnickschnack, nur klare Linien und unterkühlte Eleganz. Ihr Stil war bewusst unauffällig – und gerade deshalb auffällig.

Vielleicht lag es an diesem Understatement, dass Thatcher nie eine Kopftuch-Debatte über sich ergehen lassen musste. Dabei war sie dem in vielen Ländern so hart umkämpften Stück Stoff gar nicht abgeneigt. Thatchers Kopftuch wurde sogar zu einer politisch-modischen Ikone. Eines (beige, ein Hauch aus Seide) kombinierte sie mit einem ebenfalls beigen Trenchcoat bei ihrem Besuch britischer Truppen 1986 in Fallingbostel, good old Germany. Sie schaute keck aus der Einstiegsluke eines Panzers, während sich die Welt am Rande eines Krieges zwischen West und Ost befand. Schlecht gekleidet Politik zu machen, dachte sie sich wahrscheinlich, ist auch keine Lösung. Ein Hut wäre zu mondän gewesen, gar keine Kopfbedeckung wäre zu wenig gewesen und hätte die Frisur bei den Fallingbosteler Windverhältnissen gefährdet. Sie wusste also, was sie tat.

Das Kopftuch und den Regenmantel der britischen Luxusmarke Aquascutum konnte man nun also bei Christie’s ersteigern. Ein anonymer Käufer erwarb die Kombination, der Preis lag irgendwo zwischen 10.000 und 20.000 Pfund.

Was uns zu der Frage führt: Warum gibt es eigentlich immer nur dann Stress, wenn Musliminnen Kopftuch tragen? Die Auktion erinnert uns an die lange und gute Tradition des Kopftuchs im Westen: Nicht nur Margaret Thatcher fand es praktisch, sondern auch Grace Kelly und andere Cabrio-Fahrerinnen, ebenso wie deutsche Trümmer- oder Landfrauen sowie Katholikinnen – und das nicht nur, wenn sie eine Audienz beim Papst bekommen. Heute geben Vogue und Brigitte auf ihren Websites Falt-Tipps für das "Hermès-Carré".

Wenn Musliminnen ein Kopftuch aufsetzen, werden sie pauschal als Opfer betrachtet: ihres Glaubens, ihrer Männer, Väter, Brüder. Westliche Ladys dagegen werden zu Stilikonen.

Nun gut. Das wird wohl erst einmal so bleiben. Konzentrieren wir uns also auf die Taschen.

Kommentare

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Warum nicht gleich Grace Kelly? Wie verlogen kann man sein? "Westlichen Ladies" droht niemand, ihnen Säure ins Gesicht zu schütten, sie werden nicht vergewaltigt oder verprügelt, weil sie kein Kopftuch tragen. Das passiert natürlich eher nicht in Deutschland. Und ich will, dass das so bleibt. Wer das Problem auf so oberflächliche Weise leugnet, muss sich nicht wundern, nicht ernst genommen zu werden. Anstößig ist nicht das Kopftuch, sondern die religiöse Pflicht, es zu tragen, weil sie explizit frauenfeindlich begründet wird. Frauen, die es freiwillig tragen, werden damit Teil der Propagandamaschine der Unterdrückung.

Apropos religiöse Pflicht ... explizit frauenfeindlich begründet:
"Ein jeglicher Mann, der betet oder weissagt und hat etwas auf dem Haupt, der schändet sein Haupt. Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist ebensoviel, als wäre es geschoren. Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es aber übel steht, daß ein Weib verschnittenes Haar habe und geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.
Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre. Denn der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib vom Manne. Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen. ...
Richtet bei euch selbst, ob es wohl steht, daß ein Weib unbedeckt vor Gott bete. Oder lehrt euch auch nicht die Natur, daß es einem Manne eine Unehre ist, so er das Haar lang wachsen läßt und dem Weibe eine Ehre, so sie langes Haar hat? Das Haar ist ihr zur Decke gegeben."

Kein Zitat aus Koran oder Sunnah, sondern aus dem Neuen Testament, 1. Korintherbrief 11, 4-15.

Die englische Stilikone in Sachen 'Kopftuchmädchen' ist allerdings nicht Thatcher, sondern die Queen.

Tja, erstens ist das Kopftuch, zumindest in muslimischen Ländern, mehr als nur ein modisches Accessoire, sonst würde das Kopftuchtragen nicht so vehement von konservativen Muslimen eingefordert und zweitens war das Kopftuch auch in Europa zu Thatchers Zeiten ein Zeichen von modischer Rückständigkeit. Meine Großmutter hat auf dem Dorf in den 70/80ern auch noch gelegentlich ein Kopftuch getragen, es aber später kaum noch getragen, da es ihr zu altmodisch erschien.Das können sie aber vermutlich nicht wissen , da zu jung?