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Partnerschaft Ein Leben mit dir

Paare, Freunde, Partner: Was ist das Geheimnis langer Beziehungen? Von
ZEITmagazin Nr. 52/2015

An einem Dienstag im Dezember streichelt Brunhilde Ernst die Wange ihres Mannes Erich, und er weicht zurück. Zärtlichkeit vor anderen ist ihm peinlich. Brunhilde ist eine kleine, runde Frau mit braunen Haaren, die gern erzählt. Erich sitzt auf seinem Lieblingssessel und beobachtet sie von der Seite. Er muss sich mühen, zu Wort zu kommen. Im Wohnzimmer brennt ein Kaminfeuer. Der Fernseher, die braune Schrankwand, das Geschirr hinter Glas – Zeichen langjähriger gemeinsamer Behaglichkeit. Ihr Haus haben die Ernsts selbst gebaut in Paulinenaue, einer 1.200-Seelen-Gemeinde im Havelland, mit dem Zug eine halbe Stunde von Berlin entfernt. Dort, wo die Züge noch halten, die Bahnhöfe aber schon Ruinen sind.

Brunhilde und Erich Ernst sind beide 65 und seit 48 Jahren ein Paar. Sie erfüllen alle Klischees: Sie fallen einander ins Wort, einer beendet die Sätze des anderen, Geheimnisse haben sie keine mehr. So scheint es.

Vor fünf Jahren spendete Brunhilde ihrem Mann eine Niere. Ein Liebesbeweis, der jede Beziehung in den Abgrund führen kann. Der eine gibt einen Teil seines Körpers, riskiert seine Gesundheit, der andere kann das niemals wettmachen. Woran liegt es, dass die Ernsts noch immer friedlich zusammensitzen und diesen Schicksalsschlag gemeinsam überstanden haben? Warum glückt bei den einen, was bei anderen misslingt? Was hält Paare zusammen, was Freundschaften? Eine Reise durch Deutschland auf der Suche nach dem Geheimnis der Treue, dem Geheimnis lang währender Beziehungen.

Verliebt haben sich Brunhilde und Erich Ernst beim Tanztee. Sie schwärmt: "Er sah so gut aus. Alle wollten ihn haben, aber ich habe ihn abkassiert." Er sagt: "Sie hatte ein tolles Kleid an." Beide wussten: Das ist sie, die Liebe fürs Leben. Da waren sie 17. Mit 18 haben sie geheiratet. Mit 19 kam das Kind, ein Mädchen.

Im Wohnzimmer fragt Brunhilde ihren Mann, ob er sich an das Hochzeitsdatum erinnert. Erich hat es vergessen. Beide lachen. Es ist ihr Spiel, und sie spielen es nicht zum ersten Mal. Erich arbeitete viele Jahre als Kraftfahrer und brachte seiner Frau jede Woche Blumen mit. Brunhilde war 28 Jahre bei der Post, sie weiß alles über alle im Dorf.

Ihre Ehe verlief ziemlich ruhig. Bis Erich vor sechs Jahren nicht mehr aus dem Sessel kam, schlapp lag er dort, nicht ansprechbar. Niereninsuffizienz. Der Arzt entschied: Dialyse, Blutwäsche dreimal in der Woche. Das hätte den Alltag des Paares zerstört. Reisen und Kreuzfahrten, ihre Leidenschaften, erschienen plötzlich unmöglich. Um ihr gemeinsames Leben zu retten, setzte Brunhilde ihres aufs Spiel und schenkte ihrem Mann Ernst eine Niere.

Am Morgen des 15. Juni 2010 nach der Operation trat der behandelnde Arzt an Brunhilde Ernsts Bett und sagte, bereits nach einer Minute habe die neue Niere im Körper ihres Mannes gearbeitet. "Wenn ich sie umsonst abgegeben hätte, das wäre schlimm", sagt Brunhilde heute. Den 15. Juni feiert das Paar jedes Jahr wie einen Geburtstag: "Unser zweites Leben."

Erich Ernst erholte sich bald, dafür fühlte sich Brunhilde "susig", wie sie es nennt, nicht ganz bei sich. Bis zu einem Drittel der Spender haben nach einer Transplantation psychische Probleme. Der Arzt hatte Schonung verordnet: "Der Sommer gehört Ihnen und Ihrem Sonnenstuhl!" Aber es ging weiter abwärts. Erich Ernst sah mit an, wie seine zuvor gesunde und fröhliche Frau, der er so viel zu verdanken hatte, in Schwermut versank. Je besser es bei ihm wurde, desto schlechter wurde es bei ihr.

Vor der Transplantation hatte Brunhilde Ernst es sich nicht erlaubt, zu zögern, vor ihrem kranken Mann Schwäche zu zeigen. Jetzt war alle Energie aufgezehrt. Sie schaffte es auch nicht mehr, zu arbeiten.

Nicht jede Ehe übersteht einen solchen Kraftakt, dem Paar half damals eine Psychologin. Mit der redete Brunhilde Ernst über ihre Ängste und Zweifel. Manches zwischen dem Paar blieb unausgesprochen. Nicht alles ist mit Worten zu klären. Vielleicht hat die Stille ihnen geholfen. Brunhilde und Erich Ernst machten einander keine Vorwürfe, rechneten nicht auf. Sie gründeten eine Selbsthilfegruppe für "Lebendspender und Empfänger von Nieren", verfolgten wieder ein gemeinsames Ziel, andere in ähnlichen Situationen zu unterstützen.

Heute geht es ihnen beiden wieder gut. Die nächste Kreuzfahrt steht an, diesmal mit Enkeln. Sie haben das Gefühl, noch näher aneinandergerückt zu sein. Die Niere verbindet sie aufs Neue.

Über die schwere Zeit der Transplantation reden die Ernsts kaum noch. Negatives lassen sie hinter sich. Haken es ab. Das erscheint als Muster ihres Lebens. Nach dem Mauerfall verloren beide ihre Stelle und fanden wieder Arbeit, die ihnen noch mehr Freude machte als die vorherige. Oder ihr Pech am 9. November 1989, als sie für ihr Erspartes von 25.000 DDR-Mark einen Škoda kauften, der am Morgen danach noch ein Zehntel wert war. Die beiden lachen bloß: "Das war unser Zuschuss zur Wende." Es ist ihre Art, mit dem Schweren umzugehen. Sie können vergessen, und sie haben einander.

An einem Winternachmittag, 50 Kilometer von Paulinenaue entfernt, betreten Hans Jellouschek und seine Frau Bettina die Lobby eines Berliner Hotels. Er ist einer der bekanntesten Paartherapeuten Deutschlands, hat Bücher geschrieben wie Liebe auf Dauer oder Wie Partnerschaft gelingt. Hans Jellouschek ist 76, weiße Haare, wache Augen, seine Frau ist 16 Jahre jünger als er. Gemeinsam betreiben sie eine Praxis in der Nähe von Stuttgart. Seit mehr als 40 Jahren berät er Paare in der Krise. Sein Fazit: Streit wird überschätzt.

Er zitiert den amerikanischen Beziehungsforscher John Gottmann, der herausfand, dass es fünf liebevolle Worte braucht, um ein einziges gemeines aufzuwiegen. Das Positive sollte zum Negativen stets im Verhältnis von 5 : 1 stehen. Das Negative hat die Angewohnheit, sich von selbst zu vermehren, während das Positive erkämpft werden muss. Andernfalls, meint Jellouschek, bestehe die Gefahr, dass ein Paar in den Strudel der Verletzungen gerate.

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