Die trinkende Frau Auf der Suche nach Trost

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Endlich bekommen Trinker in Bars was Richtiges zu essen. © Sergio Membrillas
ZEITmagazin Nr. 52/2015

Als Kind stellte ich mir das Reichsein folgendermaßen vor: Man hat so viel Geld, dass man keins mehr will. Selbst für eine Sechsjährige scheint mir das naiv. Ich weiß nicht, wann mich die bittere Erkenntnis traf, dass man immer mehr haben will, als man hat.

Noch als junges Mädchen hatte ich abwegige Vorstellungen vom Erwachsensein.

Ich glaubte, wenn man älter wird, lösen Probleme sich einfach auf. Keine Ahnung, wie ich darauf kam. Wahrscheinlich dachte ich, wenn man seinen Kummer begreifen könnte, ginge er weg. Nie hätte ich gedacht, dass man auch als erwachsener Mensch manchmal einfach nicht weiterweiß. Die Leute mit den grauen Haaren sahen immer so aus, als wüssten sie besser Bescheid als ich. So haben sie das mir gegenüber auch immer dargestellt.

Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, dass es Wunden gibt, die die Zeit nicht heilt. Letzteres ist ja leider offensichtlich beim Älterwerden: Manche Schwellung und Falte, die am Vorabend noch nicht da war, wird nicht wieder weggehen, sondern für immer bleiben. Zeit läuft ab, man sieht ihr hinterher, und nichts ist gelöst, so ist das Erwachsensein. Schon klar, warum die Leute so ungern erwachsen werden.

Hier kommt der Alkohol ins Spiel.

Alkohol ist nämlich entgegen einer weitverbreiteten Meinung immer noch das beste Mittel gegen Pessimismus. Meditieren und Yoga helfen sicher auch gegen schlechte Gedanken. Aber ein Glas Wein genügt meistens, damit der Tag, der mies war, doch noch sehr schön endet. Die Verspannung im Kiefer und im Nacken lässt mit jedem Schluck nach. Was andere Leute Gemeines und Ungerechtes über einen denken, ist mit einem Mal egal. Die allumfassende Müdigkeit lässt nach, und das Leben scheint plötzlich wieder unglaublich interessant. Was zählt, ist der Moment. Das nenne ich wahre Achtsamkeit.

In ein paar Berliner Bars hat man jetzt festgestellt, dass diese Augenblicke besonders wertvoll und feierlich sind. Der Trinker wird dort nicht mehr wie ein Tagedieb behandelt, sondern wie eine sensible Seele auf der Suche nach Trost: Er bekommt jetzt zu seinen Drinks etwas Richtiges zu essen. In der Bar des Pauly Saals wird zum Beispiel ein im Ganzen gebackener Blumenkohl serviert. Und in der Bar Milano richtet ein Italiener hinter dem Tresen sehr liebevoll kleine Snacks an, die man zu jedem Drink bekommt. Das Ganze heißt Bar-Food, und es ist meilenweit entfernt von den Nüsschen, die sonst am Tresen einstauben und über die man sich immer und immer wieder Geschichten von Schmutzkeimen erzählt.

Warum auch soll man sich die Dinge nicht schöntrinken, wenn sie hässlich sind?

Man kann vieles sowieso nicht ändern. Praktisch nichts lässt sich am selben Abend noch lösen. Man muss warten, bis der nächste Tag da ist. Das Jahr geht zu Ende. Wir leben noch. Wir sind alle ein bisschen erwachsener geworden. Nur Kinder und Barbaren verspüren nicht den Wunsch, die bevorstehenden freien Tage dazu zu nutzen, sich zu betrinken.

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Also ich weiß nicht, ich finde diesen Artikel gruselig.
Ist der Artikel ironisch gemeint, oder ernst?
Ich bin jedenfalls lieber nüchtern. Ich habe gern selbst die Kontrolle über mein Leben, und ich möchte die Dinge nicht erst dann schön finden, wenn ich ein Glas Wein getrunken habe. Lieber tue ich alles dafür, dass ich mein Leben auch im nüchternen Zustand so schön finde, dass ich mich wohl und glücklich fühle.