WhatsApp Generation WhatsApp

Warum ältere Eltern neuerdings so gut sind im Umgang mit ihrem Smartphone Von
ZEITmagazin Nr. 52/2015

Meine Tante fragte mich, als ich sie nach längerer Zeit wiedersah: "Sag mal, bist du nicht bei WhatsApp?" Sie klang besorgt. Ich wollte ihr erst sagen, dass ich dort aus Gründen des Datenschutzes nicht bin, aber dann sah ich ein, dass es im Gespräch mit Tanten, die man leider zu selten sieht, nicht um langweiligen Datenschutz gehen kann. Also sagte ich: "Hol ich mir jetzt endlich auch mal. Wird echt Zeit."

Meine Tante ist, das weiß ich von meiner Schwester, geübte WhatsApp-Nutzerin und Teil einer größeren Familiengruppe. Jüngster Zugang: ihr Bruder – mein Vater, 73, neuerdings Besitzer eines iPhones. Er hatte gesehen, was seine Schwestern damit so anstellten.

Als Kurznachrichten auf dem Handy noch ausschließlich SMS waren, tat sich die ältere Elterngeneration schwer mit dieser Technik. Sie benutzte Satzzeichen, die im Schriftdeutsch so nicht vorgesehen waren, und versandte SMS, die eher Rätsel als Nachrichten waren. Diese Differenz zwischen der Altersgruppe um die 35 und der Altersgruppe um die 70 ist nahezu eingeebnet, seit Smartphones das Schreiben und vor allem das Fotografieren und das Weiterschicken der Fotos leichter machen. Die Technik war hilfreich, und der Wille, sie zu lernen, war groß. Um Enkel, wenn sie nicht in derselben Stadt wohnen, öfter als nur an Festtagen zu Gesicht zu bekommen, entwickeln Großeltern eine Energie, die mit jener Energie zu vergleichen ist, die frei wird, wenn Atomkerne miteinander verschmelzen.

Wird ein Kind geboren, kaufen sich die Eltern den ersten Kombi und die Großeltern das erste Smartphone. Und fortan schicken die Jungeltern ihren Eltern in an Stalking erinnernder Frequenz Fotos der Kleinen. Dieselben Fotos an gleichaltrige Freunde zu senden würde dazu führen, dass die "Wie süß!!!"-Antworten rasch ärmer an Ausrufezeichen würden. Großeltern jedoch verfügen, das ist erwiesen, über unendliche Ausrufezeichen-Reserven.

Selbst wenn keine Enkel im Spiel sind, bannt das iPhone die Familien: Man schickt sich Fotos hin und her von Broten, die gebacken wurden, von Adventskränzen, die gebunden wurden, von Stadtwahrzeichen, die besichtigt wurden. Diese Fotos bilden den Gegenpol zu den Fotos, die die Jüngeren auf Instagram posten: Dort zeigt sich das kühle Ich (das gesellschaftlich akzeptiert werden will), in der Familien-WhatsApp-Gruppe zeigt sich das warme Ich (das mal wieder in den Arm genommen werden will). Valerie Marouche, Hospitantin des ZEITmagazins, schrieb in einer kleinen Redaktionsumfrage zum Thema: "Muss zugeben: Zu wissen, dass mein Bruder in 500 Kilometer Entfernung gerade mit einem Kuchen zu meiner Mutter fährt, gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit."

Die WhatsApp-Eltern-Kind-Gruppe ähnelt einem spontanen Kurzbesuch bei den Eltern, dem Vorbeischauen, der vielleicht schönsten Form des Besuchens überhaupt, die den Weit-weg-Gezogenen leider unmöglich geworden ist.

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Das kann ich voll unterschreiben.
Meine recht betagte und seit der Jahre zurückliegenden Verwitwung etwas vereinsamte Schwiegermutter hat sich von mir ein Smartphone beschaffen lassen. Nun ja, seit dem bin ich Admin ;-)
Aber seitdem kann sie das Teil nicht mehr wegdenken. Sie benutzt eigentlich nur Whatsapp. Hatte in kürzester Zeit wieder und bis heute regelmäßigen Kontakt zu Familienteilen, von denen sie nur höchstens 2 x im Jahr etwas hörte und alle 2 Jahre einmal traf.
Des weiteren hat sie nun verschiedene Gruppen aus Urlauben und im Ort,
nimmt darüber auch in real life wieder an verschiedenen Aktivitäten teil.
Für sie ist Whatsapp ein Segen, es hat sie aus der Isolation befreit.

Mit an die 70 Jahren hatte sie noch nie Kontakt mit Computern, aber sie hat sich vergleichsweise überraschend schnell hineingefummelt und beherrscht die Funktionen schon aus dem "FF".

Ich finde das schon irgendwie interessant, dass es immer heisst, die Generation um die 70 hätte so gar keine Ahnung von neuerer Technik.
Meine Mutter (70) war im Berufsleben in den 1980ern schon immer ganz scharf auf alles, was sich arbeitstechnisch mit Computern befasste, und empfand diese Technik als enorme Erleichterung. Ebenfalls gehörte sie damals zu den ersten Menschen aus meinem Umfeld, die ein Handy hatten (damals noch Riesenklötze mit Antenne).
Dementsprechend hat sie (ähnlich wie all ihre Freundinnen übrigens) schon ewig ein Smartphone (länger als ich) - ihr macht auf den Dingern keiner was vor ;-)

Bei meinen Großeltern (Ende 70) ist es deutlich anders. Die befanden sich Anfang der 90er mit damals Anfang 50 Jahren rundweg für zu alt für jegliche Computertechnik. Dementsprechend stellt sie der Bordcomputer ihres Autos, Programmierfunktionen an Fernseher und Stereoanlage sowie alles, was mit Telefonen zu tun hat, vor enorme Herausforderungen. Von Smartphones und Laptops/Tablets ganz zu schweigen. Es hat sich auch als vergebliche Liebesmüh herausgestellt, ihnen die Logik hinter den Systemen beibringen zu wollen. Sie schreiben sich lieber einen Zettel für alles, was sie so bedienen müssen, als das Gerät zu verstehen. Argumentation: „Das begreifen wir nicht mehr.“ Schade eigentlich, denn sie sind geistig noch voll auf der Höhe.

Diese Enkelkindnilderverteilungsmaschine läuft wie weiland der Käfer. Und ist der Grund, warum ich mein heissgeliebtes NOKIA 6210 aus dem Jahr der Milleniumswende aufgeben musste, obwohl sein Energiespeicher nur alle zwei Wochen geladen werden musste (wahrscheinlich betrieben die Heinzelmännchen in seinem inneren eine kleine Dampfmaschine als Perpetuum Mobile).
Aber nachdem meine Frau entdeckte, dass auf ihrem Android-Tablettrechner WhatsAPP problemlos läuft und mein iPad sich diesem beharrlich verweigerte, musste ich ein Smartphone akzeptieren und bin einigermassen glücklich damit, den visuellen Kontakt zu Kindern, Kindeskindern und dem ganzen Rest der Bagage dami afrevht zu erhalten. Sogar meine Verwandtschaft in Schweden ist damit leichter erreichbar, denn über fb.