Partnersuche "Die Ressource 'gebildeter Mann' wird knapp"

Millionen Menschen suchen heutzutage online einen Partner. Können sie glücklich werden? Arne Kahlke, einst Chef von Parship und Elitepartner, ist sich nicht sicher. Ein Interview von

Das Netz hat die Liebe befreit. Noch nie konnten wir aus einer so großen Zahl potenzieller Partner wählen, auf Wunsch gefiltert nicht nur nach Alter und Größe, sondern auch nach Lieblingssex und Lieblingsfilm. Noch nie gab es so viele Singles, und 2,5 Millionen Alleinstehende suchen in Deutschland online einen Partner. Was wissen wir nach zwei Jahrzehnten digitaler Beziehungsanbahnung? Wen suchen die Millionen? Werden sie glücklich mit denen, die sie im Netz finden? Ein Gespräch über Beziehungen in Zeiten des Internets mit einem der führenden Experten: dem Elitepartner-Gründer und langjährigen Parship-Chef Arne Kahlke.


ZEITmagazin ONLINE: Herr Kahlke, wie viele Beziehungen haben Sie im Laufe Ihres Lebens gestiftet?

Arne Kahlke: Sicher eine halbe Million, alles zusammengenommen.

ZEITmagazin ONLINE: Damit wären Sie auch einer der größten Heiratsvermittler Europas – und nicht ganz unbeteiligt an der Zeugung Zehntausender Kinder. Und das alles wegen etwas Code, den Sie mal ins Netz gestellt haben.

Kahlke: Ja, das ist ein sehr gutes Gefühl.

Arne Kahlke

Arne Kahlke war 2001 ein früher Mitarbeiter der heute führenden Onlineplattform Parship, gründete später den Konkurrenten ElitePartner und ging nach dessen Verkauf als Geschäftsführer zurück zu Parship. Seit vergangenem Jahr sind beide Dienste in der Hand einer britischen Investmentgesellschaft. Kahlke ist nicht mehr beteiligt und mittlerweile Chef der Wohnungsvermittlung Wimdu. Nun, so die Hoffnung, kann er frei über die Digitalisierung der Liebe sprechen.

ZEITmagazin ONLINE: In Georg Büchners Leonce und Lena flieht Prinz Leonce vor der Zwangsheirat mit einer ihm unbekannten Prinzessin. Auf der Reise lernt er eine Frau kennen und verliebt sich in sie. Es ist die für ihn vorgesehene Prinzessin Lena, ebenfalls auf der Flucht. Happy Ending! Beschreibt diese Geschichte aus dem 19. Jahrhundert nicht auch im 21. noch das Problem mit der Suche nach dem signifikanten Anderen?

Kahlke: Das ist sehr treffend, denn die Menschen werden nicht glücklicher, wenn sie sich alles selbst aussuchen können.

ZEITmagazin ONLINE: Dass Sie das nach 14 Jahren in der Anbahnungsbranche so sehen, ist bedrückend.

Kahlke: Maximale Freiheit und maximale Optimierung führen nicht zu maximalem Glück. Wer seine Beziehung nach dem Baukastenprinzip konstruiert, bekommt nur das, was er will – aber nicht unbedingt das, was er braucht. Wir haben in den digital sehr aktiven Großstädten über 50 Prozent Scheidungsrate. Einige Menschen kehren immer wieder auf die Onlineplattformen zurück, sie kommen nie zur Ruhe. Das geschieht besonders häufig bei Angeboten, die sehr detaillierte Wahlmöglichkeiten bieten. Das andere Extrem sind Dienste, die nur noch nach dem Foto filtern: "Heiß oder nicht?" Und das soll dann mein Lebenspartner werden?

ZEITmagazin ONLINE: Tinder ist ja auch nicht gerade für die Anbahnung von Hochzeiten gedacht. Und eine der weltweit erfolgreichsten Partnervermittlungen, OKCupid, bietet viele der von Ihnen kritisierten Filterfragen. Sie wurde nicht von Psychologen, sondern von Mathematikern gegründet.

Kahlke: Wir sollten bei den meisten Zahlenkriterien locker lassen, selbst bei Alter, Größe und Gewicht. Es ist viel wichtiger, dass man eine ähnliche Einstellung hat und aus einem ähnlichen sozialen Umfeld mit ähnlichen Grundwerten kommt. Das zeigten unsere Langzeitstudien.

Die Persönlichkeitstests, die bei manchen Angeboten der eigentlichen Vermittlung vorausgehen, zeigen zudem, dass die Menschen ein verschobenes Bild von sich haben. Viele meinen, sie seien ganz anders, als die Tests ergeben.

Und sie wissen oft nicht, was gut für sie ist: Wir haben etwa Menschen mit dem stark ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmal Dominanz eher solche vorgeschlagen, die weniger dominant waren. Auf der Straße finden sich zwei dominante Menschen zwar attraktiv. Gerade sexuell kann sich Dominanz kurzfristig sehr anziehen. Aber solche Beziehungen sind häufig nach zwei oder drei Jahren kaputt.

Arne Kahlke im Interview mit ZEITmagazin ONLINE © Andreas Prost für ZEITmagazin Online

ZEITmagazin ONLINE: Sieht so aus, als sei es trotz des riesigen Angebots im Netz nicht gerade einfacher geworden, den richtigen Menschen zu finden.

Kahlke: Eine verhaltensökonomische Grundregel: Wenn es zu viel Auswahl gibt, können wir uns kaum noch entscheiden. Und dann warten wir so lange, bis es zu spät ist. Besonders Frauen kosten die Freiheit der Wahl aus. In früheren Generationen hatten sie ja oft wenig zu bestimmen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn Sie Millionen von Singles aufeinander loslassen, impliziert das, dass nicht eine Person für genau eine andere vorgesehen ist, dass es nicht die eine, große Liebe gibt, sondern Hunderte passende Partner.  

Kahlke: So war es früher ja auch schon. Nur haben sich die Menschen nicht so oft getrennt, wegen der vielen Restriktionen. Man blieb zusammen. Häufig, wenn ich mich mit alten Menschen unterhalte, habe ich das Gefühl, dass es trotzdem eine glückliche Beziehung war. Mit der großen Liebe verbinden wir heute gemeinhin große Affekte, das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch. Das Gelingen einer langfristigen Beziehung erfordert aber so viel mehr. Dazu gehört auch, gemeinsam Höhen und Tiefen durchzustehen. Wohnungssuche, Nachwuchs – jede gemeisterte Krise kann die Liebe stärken.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es noch die große Liebe?

Kahlke: Das muss jeder für sich entscheiden. Die große Liebe gibt es auf jeden Fall für mich.

Kommentare

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"Die Persönlichkeitstests, die bei manchen Angeboten der eigentlichen Vermittlung vorausgehen, zeigen zudem, dass die Menschen ein verschobenes Bild von sich haben. Viele meinen, sie seien ganz anders, als die Tests ergeben. "

Das ist der entscheidende Punkt. Man schätzt sich selber falsch ein, und sucht sich einen Partner der das gewünschte Selbstbild bestätigen soll.

Ich persönlich stehe dem ganzen auch etwas skeptisch gegenüber. Dennoch glaube ich, dass die Vermittlungen im Grunde schon versuchen haltende Beziehungen zu vermitteln (vorausgesetzt der User ist auch an einer solchen interressiert). Nach einer Weile werden die Nutzer andernfalls sowieso frustriert die Seite verlassen, entweder zu einer Konkurrenz Seite wechseln oder online dating ganz aufgeben. Ihrer Logik entsprechend würde einer Maler auch nicht ihre Wand streichen, um sie als Kunden für Streicharbeiten an derselbigen zu erhalten.

Wenn man sich die gezeigten grafischen Auswertungen und die genannten Erfahrungswerte des Interviewpartners zum Online-Datingverhalten anschaut, scheinen wir in ein demographisches Desaster zuzusteuern, was die Möglichkeiten der Partnerfindung betrifft.

Allein die Tatsache der unterschiedlichen wahrgenommenen Wichtigkeit und der tatsächlichen Verteilung der Bildungsabschlüsse zwischen den Geschlechtern lässt schon die Schlussfolgerung zu, dass es für gebildete Frauen immer schwieriger sein wird, den "geeigneten" Partner zu finden. Wenn man nun noch bedenkt, dass das Alter Kriterium Nr. 1 für die Männerwelt ist, und sich absolut niemand, auf keine Art und Weise, dem Alter entziehen kann, schwindet der Pool an "bindungsmöglichen" Männern für gebildete Frauen mit zunehmenden Lebensalter rapide.

Jetzt wäre die Frage nur noch, inwiefern das Online-Datingverhalten die reale gesamte Partnersuche wiederspiegelt und in welchem Maße die (sicherlich evolutionär verankerten, wie ja schon im Text angerissen) "Beuteschemata" anhand der Erforderlichkeiten dynamisch ändern lassen.

Das erinnert mich an eine Problematik in China. Durch die langjährige Durchführung der 1 Kind Politik, mangelt es nun an Frauen, da viele Familien einen Sohn einer Tochter verzogen. Nun ist es für viele Männer zwischen 20 und 30 schwierig Partnerinnen ihrer Altersgruppe zu finden wenn ich mich recht entsinne. Somit gibt es dieses Problem auch in umgekehrter Form, ausgelöst durch einen ganz anderen Faktor.
In beiden Fällen wird es meiner Ansicht nach darauf hinauslaufen, dass eher die Erwartungen rapide sinken, bevor es die Zahl der Partnerschaften tut.