Dance Tanzen heißt kämpfen

Der Wunsch zu tanzen hat die Kolumbianerin Sonya Rima bis nach Hamburg geführt. Aus dem Traum wurde ein harter Job. Welche Opfer muss man als Künstler bringen? Von

Als ich Sonya zum ersten Mal treffe, wirkt sie auf mich wie eine Mischung aus Bundeswehroffizier und Elfe. Sie trägt einen weichen Gesichtsausdruck und offene Haare, während sie mit weiten Schritten durch das Studio tanzt. Sie redet nur wenig. Zu uns, ihren Tanzschülern, spricht sie in Befehlen. "Higher!" – "Nice and sharp!" – "More energy!" Manchmal sagt sie auch nur: "Five, six, seven, eight!", und das ist dann das Zeichen, dass wir zu springen, drehen oder ins Plié zu gehen haben.

Aus der letzten Reihe versuche ich, die Bewegungen der anderen zu kopieren. Obwohl ich als Mädchen den obligatorischen Ballettunterricht genommen, als Schülerin Jazzdance kennengelernt und während meines Studiums eine Leidenschaft für HipHop entdeckt habe, fühle ich mich in den demütigenden Zustand einer Anfängerin zurückversetzt. Sonya jagt uns von einer Übung in die nächste. Nach wenigen Sequenzen bin ich verschwitzt. Meine Arme hängen herab wie schlaffe Blätter, meine Beinmuskeln zittern. Wann ist diese Hölle endlich vorbei?

Sonya nimmt mein Leiden ungerührt zur Kenntnis. Ihr Blick sagt mir, was sie denkt: Mal sehen, ob die Neue in der letzten Reihe zu denen gehört, die aufgeben, oder denen, die sich durchbeißen. Als ich später wieder nach Hause taumele, verstehe ich, was ihre wichtigste Lektion ist: zu tanzen heißt zu kämpfen. Sieben Jahre ist das nun her.

Höchste Konzentration: Sonya Rima in ihrem Tanzstudio © CamiloVillamil

Auf den ersten Blick geht es beim Tanzen um schnelle Schritte, elegante Sprünge und durchtrainierte Körper. Doch dahinter steckt noch etwas anderes: die Sehnsucht, Perfektion zu erreichen. Ausgerechnet diese Kunst, die so leicht daherkommt, verlangt einem nicht nur körperliche, sondern auch mentale Härte ab: Es ist der Versuch, die eigenen Grenzen zu überwinden, immer und immer wieder. Vielleicht ist das der Grund, warum es in Deutschland so viele Tanzschulen, Tanztheater und Tanzshows im Fernsehen gibt. Vielleicht träumen deshalb so viele Mädchen davon, eine Tänzerin zu werden wie Sonya.

An dieser Stelle würde man die Geschichte einer russischen Ballettdiva erwarten, doch Sonya Rima stammt aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Ihr Vater besaß einen Elektroladen, ihre Mutter, eine Amerikanerin, belieferte die feinsten Restaurants der Stadt mit New York Cheesecake. Als Mädchen zog sich Sonya mit ihrer Freundin oft schöne Kleider an, um die Flamencotänze der Erwachsenen nachzumachen. Daraus einen Beruf zu machen, wäre ihr nicht eingefallen. Sie wollte Marinebiologie studieren.

Dann verliebte sie sich in Carlos.

Leichtigkeit, die Kraft kostet

Er war ihr buchstäblich über den Weg getanzt, in der ersten Jazzdance- und Modern-Schule Kolumbiens. Sie kamen zusammen, als sie 17 war. Carlos hatte große Pläne: Er wollte amerikanische Stile mit lateinamerikanischen vermischen. Eine eigene Schule aufmachen, eine Compagnie gründen. Sein Leben der Kunst widmen, mit ihr an seiner Seite. Machst du mit?, fragte er Sonya. 

Sie dachte daran, dass sie beim Tanzen ausdrücken konnte, wofür ihr die Worte oft fehlten. Dass es schwierig werden würde, davon zu leben. Aber kam es nicht darauf an, das zu tun, was einen glücklich macht?

Anfangs lief es gut. Sie gaben Vorstellungen in ganz Kolumbien und wurden nach Miami, Bern und Hamburg eingeladen; bei einem Festival in Barcelona gewann Sonya einen wichtigen Preis. Doch sie und Carlos lebten im Kolumbien der achtziger Jahre, in der Ära des Kokainkönigs Pablo Escobar. Seine Auftragskiller entführten Industrielle, ermordeten Polizisten und bombardierten Bogotá. Je länger der Drogenkrieg andauerte, desto weniger Schüler kamen zum Unterricht, desto unsicherer wurde ihr Leben. Schließlich mussten Sonya und Carlos ihre Tanzschule schließen. Was sollten sie nun tun? Lass uns auswandern, sagte Sonya.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Nope, Schmerz gehört nicht automatisch dazu - es gibt leider viel zu viele Tanzschulen, die von Orthopädie keine Ahnung haben.

Es gibt inzwischen sportmedizinische Untersuchen die belegen, das die meisten Ausfälle und vorzeitigen Karriereenden von Berufstänzern von falschem Ballettunterricht herrühren.

Richtig ausgeführt sollte man vor allem als Amateur keine Nachwirkung von Tanzunterricht spüren - Muskelkater ist natürlich möglich wenn man das Fitnessniveau noch nicht erreicht hat.

Auch Profis können nicht jahrelang Verletzungen durchschleppen - hier hat z.B. die Reformschule von Maggie Black viel bewirkt. Meine alte Ballettlehrerin ist hierdurch z.B. vom kurz vorm Totalausfall mit 26 gerettet worden, sie tritt jetzt mit 60 immer noch ab und an auf.

Es ist halt ein Unterschied, ob man sich nach "alter russischer Schule" schindet oder man die Freude hat das alle Gelenke reibungslos laufen und nur der Schweiß tropft - ich hab mit über 40 nach 90 Minuten modern mit Sprüngen, mehrfachem Bodenpart in der Choreographie etc. keine Nachwirkung. Ein Lehrer mit einer profunden Ausbildung in Tanzpadagogik und Tanzmedizin ist hier viel Wert, mehr als er leider verdient.

Ich verstehe weder etwas von Anatomie, noch Tanzen noch Medizin, aber ist es wirklich eine gute Tanzschule, die verlangt, selbst verletzt voll im Training mitzumachen? Bei manchen Tanzschulen kommt es mir vor, dass nur weil jemand selbst gut tanzen kann, er oder sie denkt, er könne auch unterrichten. In andern Sportarten haben Trainer (Grund-) Kenntnisse über Sportmedizin, Anatomie und Muskelaufbaumethoden. Ein guter Unterricht sollte doch aus mehr bestehen, als einfach eine komplexe Choreo nachzutanzen? Gerade auch um langfristig die Gesundheit zu erhalten. Wie gesagt, ich bin Laie. Vielleicht liege ich da ja falsch.