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Sexuelle Übergriffe Vier Lehren aus der Silvesternacht in Köln

Ein halbes Jahr ist seit Silvester vergangen. Woher kamen die Täter? Welche Fehler hat die Polizei gemacht? Hätte man die Übergriffe verhindern können? Eine erste Bilanz Von

Ein zehnköpfiges Reporter-Team hat in den vergangenen Monaten mit Dutzenden Betroffenen und Beteiligten aus der Silvesternacht in Köln gesprochen. Mit Belästigern und Dieben, mit betroffenen Frauen und frustrierten Polizisten, mit Verteidigern und Staatsanwälten, mit Kölner Bürgern und Prominenten, mit Sozialarbeitern und Politikern.

Was in den Nachmittagsstunden des 31. Dezember 2015 rund um den Kölner Hauptbahnhof seinen Anfang nimmt und sich bis in die Morgenstunden des 1. Januar 2016 hinzieht, hat es zuvor in Deutschland nicht gegeben. Über Stunden hinweg bilden sich immer wieder Gruppen von Tätern. Die meisten sind berauscht, betrunken und enthemmt. Sie schießen mit Feuerwerkskörpern aufeinander, sie prügeln sich und machen Krawall. Vor allem aber stehlen sie. Und sie belästigen Hunderte Frauen sexuell. In einigen Fällen kommt es sogar zu Vergewaltigungen. 1.182 Strafanzeigen wurden bis heute eingereicht, 1.276 mutmaßliche Opfer gibt es. Das sind nur einige Kennzahlen für die Silvesternacht in Köln. Was können wir heute aus den Ereignissen der Nacht schließen?

1. Die Polizei hätte die Übergriffe nicht verhindern können – aber eingrenzen

Weder die Kölner Staatsanwaltschaft noch die Polizei-Ermittlungsgruppe "Neujahr" haben Hinweise dafür gefunden, dass die Täter sich gezielt und massenhaft verabredet hätten. Die Kölner Silvesternacht, sie kennt keine Drahtzieher und Hintermänner. Stattdessen haben sich kleinere Gruppen von untereinander bekannten Männern in den Tagen vor dem Jahreswechsel gegenseitig per SMS und WhatsApp versichert, dass man in Köln gut "feiern" könne und dass dort "Frauen unterwegs" seien. Es gab also keine Anzeichen dafür, dass sich innerhalb weniger Stunden Tausende junge Männer mit vorwiegend nordafrikanischen Wurzeln am Kölner Hauptbahnhof einfinden würden.

Die Führung der Polizei ging stattdessen von den Erfahrungen des Vorjahres aus: Taschendiebstähle, Betrunkene, gezieltes Beschießen von Menschen mit Feuerwerkskörpern. Vor allem im Ausgehviertel des Kölner Rings, an den Rheinbrücken und in der Altstadt. Als der Polizei am Silvesterabend klar wurde, dass die Situation aus dem Ruder zu laufen drohe, reagierte sie zwar. Aber mangelhafte Absprachen und unkoordinierte Maßnahmen sorgten dafür, dass sich die Lage zeitweise sogar verschärfte.

Den massenhaften Aufmarsch hätte die Polizei vermutlich nicht verhindern können, aber vermutlich viele Taten. Jeder, der sich um 20 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz befand, hätte ahnen können, dass zu wenig Polizisten vor Ort waren.

2. Die Täter entstammen einem spezifischen Milieu

Von den 183 Beschuldigten der Silvesternacht gelten 55 Personen als Marokkaner, 53 als Algerier, 22 als Iraker, 14 als Syrer, 14 als Deutsche. 73 Beschuldigte sind Asylsuchende, 36 hielten sich zur Tatzeit illegal in Deutschland auf, 11 hatten eine Aufenthaltserlaubnis. Es gibt also einen klaren Schwerpunkt: Täter mit nordafrikanischer Herkunft. Diesen Eindruck haben auch die zahlreichen Gespräche bestätigt, die das Reporterteam geführt hat.

Die meisten Täter entstammen einem Milieu, das sich ziemlich genau eingrenzen lässt: junge Marokkaner, Tunesier und Algerier, die im Sommer oder Herbst 2015 nach Deutschland kamen auf der Suche nach einer wirtschaftlich besseren Zukunft. Einige von ihnen haben hier Asyl beantragt, was ziemlich aussichtslos ist, wenn man aus einem dieser Staaten kommt, aber für ein paar Monate ein Dach über dem Kopf sichert. Andere bevorzugen die papierlose Illegalität.

Die meisten dieser jungen Männer haben eine Odyssee hinter sich; sie sind auf illegalem Wege nach Europa gelangt, meistens zunächst nach Spanien. Von dort reisten sie quer durch Europa, arbeiteten oft schwarz, kamen zeitweise bei Freunden und Verwandten unter. Wie viele von ihnen kriminell sind, lässt sich nicht in exakte Zahlen fassen, aber es sind etliche. Sie sind allesamt eine Art Glücksritter: ausgezogen auf der Suche nach einem besseren Leben und etwas Geld, das sie nach Hause schicken können. Drogenkonsum ist in diesem Milieu verbreitet, was sich auch an der Bilanz der Silvesternacht zeigt. Viele Angeklagte standen nachweislich unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Sie sind meistens bildungsfern aufgewachsen.

Florian Storz hat als Pflichtverteidiger drei Männer vertreten, die wegen Diebstahls in der Silvesternacht vor dem Amtsgericht Köln angeklagt wurden. Das große öffentliche Interesse hat insbesondere das erste Verfahren seiner Ansicht nach stark beeinflusst.

Dieses Milieu unterscheidet sich signifikant von den Milieus anderer Migranten. Diese jungen Männer sind fast ausnahmslos ohne weitere Familienmitglieder hier. Sie haben, anders als etwa syrische Kriegsflüchtlinge, keine Perspektive auf legalen Aufenthalt und dürfen hier dementsprechend nicht legal arbeiten. In dem Moment, in dem sie Asyl beantragen, fallen sie für die Bürokratie in dieselbe Kategorie wie Kriegsflüchtlinge. Aber es ist sinnvoll, an dieser Stelle zu differenzieren: Die meisten der Täter von Köln sind keine Flüchtlinge. Je genauer man ein Milieu kennt, desto gezielter kann man es ansprechen, kann man abgestimmte Maßnahmen planen, kurz: passgenaue Politik machen. Auch deshalb ist diese Differenzierung zentral.

3. Wer nicht klar kommuniziert, verliert

In den ersten Tagen nach der Silvesternacht gab es wenig zuverlässige Informationen über die mutmaßlichen Täter und das Ausmaß der Übergriffe. Die Pressestelle der Polizei beging in dieser Situation einen eklatanten Fehler: Erst meldete sie am 1. Januar aus Unkenntnis, dass die Silvesternacht friedlich verlaufen sei. Dann ließ man zu viel Zeit verstreichen, bevor man diese Aussage korrigierte. Auch der später geschasste Polizeipräsident Wolfgang Albers sendete scheinbar widersprüchliche Signale. Am 4. Januar sprach er von nordafrikanisch aussehenden Tätern. Einen Tag später erklärte er, formal korrekt, weil es noch keine Festnahmen gab: "Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über die Täter." Es dauerte nicht lange, bis Vorwürfe der Vertuschung erhoben wurden. Gegen die Polizei, aber auch gegen Spitzenpolitiker. Es ist nicht leicht, in solch einer unübersichtlichen Situation gut und angemessen zu kommunizieren. Aber gar nicht oder widersprüchlich zu berichten, das müssen Behörden um jeden Preis vermeiden. Nichts spräche dagegen, wenn eine Polizei-Pressestelle zum Beispiel erklärt: "Wir prüfen derzeit Berichte, die darauf hindeuten, dass..."

Es gibt keine Belege dafür, dass die Stadt Köln, die Kölner Polizei oder das Innenministerium von NRW gezielt verharmlosen oder vertuschen wollten. Aber es ist fatal, dass der Eindruck entstehen konnte, aus Gründen der Political Correctness werde der Öffentlichkeit etwas vorenthalten.

4. "Köln" war ein Ventil – und das erklärt einen Teil der Aufregung

Die Silvesternacht war schlimm, ohne Zweifel. Aber die Wucht des weltweiten medialen und politischen Echos lässt sich damit allein nicht erklären. Schaut man jedoch genauer hin, wie über Köln berichtet und die Vorfälle eingeordnet wurden, erkennt man: "Köln" ist über Nacht zu einer Chiffre geworden. Die Silvesternacht wurde mit bestimmten Themen verknüpft, über die bereits Unmut bestand. Viele Menschen zogen sie als Beleg für gefühlte und tatsächliche Missstände heran.

Am offenkundigsten ist dabei, wie die Ereignisse mit Kritik an der Politik der Willkommenskultur verknüpft wurden. Die Silvesternacht, meint etwa Helge Malchow, der Herausgeber des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch, habe nur deshalb zu einer weltweiten Chiffre werden können, weil alle auf solch ein Ereignis gewartet hätten. Auf ein Ereignis, das den Stimmungsumschwung von der Willkommenskultur zur Ablehnungs- und Furchtkultur markiert.

Lesen Sie die gesamte Rekonstruktion der Silvesternacht in Köln ab Mittwoch 18 Uhr im ZEITmagazin Nr. 27 vom 23.06.2016. Weitere Analysen, Grafiken und bisher unveröffentlichte Aufnahmen der Nacht finden Sie ab Montag auf ZEIT ONLINE.

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