© Daniel Josefsohn

Daniel Josefsohn Das Leben ist eine Halfpipe

Daniel Josefsohn hat es Zeit seines Lebens krachen lassen. Vom Skater wurde er zu einem der wichtigsten Fotografen Deutschlands. Abschied von einem Überflieger Von

Er war in den siebziger Jahren einer der ersten Skater Deutschlands, und im Grunde ist er immer einer geblieben. Rauf aufs Board, ab in die Halfpipe, volles Risiko ins Abenteuer. Wenn's dich mal umhaut, gibt's blaue Flecken und Knochenbrüche, aber es gibt kein besseres Gefühl, als abzuheben und einen Trick zu stehen.

Das Brett hat er in den achtziger Jahren gegen die Kamera getauscht. "Früher war das Skateboard die Verlängerung meines Fußes, dann die Kamera die Verlängerung des Arms", so hat er das einmal selbst beschrieben.

Mit dieser Verlängerung seines Arms wurde Daniel Josefsohn zu einem der wichtigsten Fotografen in Deutschland, in einem Atemzug zu nennen mit den Gleichaltrigen Wolfgang Tillmans und Jürgen Teller. Sein Blick auf die Welt, seine Haltung, sein Mut, seine Offenheit, sein Witz, seine immerzu sprudelnden Ideen haben ihn auch zum Vorbild für die jüngeren Generationen unter den Fotografen gemacht.

Er hat, wenn es nötig war, weder sich, noch seine Protagonisten geschont, er ließ Franz Beckenbauer stramm stehen und setzte sich zwischen die Klitschkos, die ihm einen Faustschlag verpassten, er düste um die Welt, immer auf der Suche nach Bildern, die man noch nicht gesehen hatte. Die Stormtrooper auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, die ahnungslosen amerikanischen Polizisten, denen er ein Exemplar von Rainald Goetz' Buch Rave in die Hand drückte, mit dem Hinweis, es sei ein Drogenaufklärungswerk: echte Josefsohns.

Er fotografierte für die stilprägenden Magazine, für Tempo und für jetzt, für das SZ-Magazin und für das ZEITmagazin. Berühmt wurde er in den neunziger Jahren mit seiner Kampagne für den Musiksender MTV. Er hatte junge Leute aus dem Münchner Nachtleben fotografiert, die dann auf den Bildern als "Miststück", "Egoist" oder "Konsumgeile Göre" bezeichnet wurden, darunter der Satz "Willkommen zu Hause". Er selbst wurde zum "Faulen Sack".

An den Rollstuhl gefesselt

Daniel Josefsohn hat es immerzu krachen lassen, und über seinen Drogenkonsum hat er offen gesprochen. Jahrelang schien er unverwundbar zu sein, aber dann holte ihn seine Vergangenheit doch ein. Am 15. November 2012 um fünf Uhr morgens, so hat er es selbst erzählt, "machte es einen furchtbaren Schlag, und ich bin aus dem Bett gefallen". Ein Schlaganfall, den er gerade so überlebte. Er kämpfte sich zurück mit unbändiger Energie und der Hilfe seiner Vertrauten, insbesondere seiner Lebensgefährtin Karin Müller. Aus dem Überflieger wurde einer, der an den Rollstuhl gefesselt ist.

Anfangs verwandelte er sein Schicksal in Kunst. Für das ZEITmagazin führte er ein Jahr lang die Kolumne Am Leben. Er fotografierte sich im Rollstuhl vor einem Bild des Künstlers Martin Kippenberger, ebenfalls im Rollstuhl sitzend. Daneben stand Milo, Josefsohns Sohn. Die Kolumne hielt ihn wirklich Am Leben, sie wurde bei den Lead Awards 2014 mit Gold ausgezeichnet, aus ihr entstanden zwei Bücher.

Und Josefsohn fotografierte weiter: Er porträtierte Jan Böhmermann, und er reiste in das Land seiner Familie, nach Israel. "Rein in den Rollstuhl und raus aufs Rollfeld", das war sein Plan. An der Klagemauer begegnete er einer Gruppe von orthodoxen Juden. "Hey guys, I'm handicapped, I had a stroke, but I really want to dance with you!", rief er ihnen zu. Sie nahmen ihn in ihre Mitte. In diesem Moment fühlte er sich ein bisschen wie früher. Es wurde seine letzte Geschichte für das ZEITmagazin.

Zuletzt verließen ihn zusehends die Kräfte. Immer wieder schmiedete er Pläne, die ihm eine Weile lang Kraft schenkten, um sie dann doch wieder zu verwerfen. Erst vor Kurzem hatte er sich in den Kopf gesetzt, eine neue Wohnung zu finden. Er wusste noch nicht genau wo. Er bat nur darum, dass wir eine Kerze für ihn anzünden.

In der Nacht vom Freitag auf Samstag ist Daniel Josefsohn gestorben. Jetzt hat er seine neue Wohnung gefunden.