Der neue Mann Drei Meilen gegen den Wind

Cremes, Lotions, Aftershave – alles ist parfümiert. Unzählige Herrendüfte versprechen Attraktivität und Männlichkeit. Aber wie riecht man für Frauennasen wirklich gut? Von

"What colours shall the poor girl wear", seufzte Christa "Nico" Päffgen in All Tomorrow's Parties, einem Lied von Velvet Underground aus den sechziger Jahren. Seitdem hat sich einiges getan zwischen Frauen und Männern. Mittlerweile fragen sich auch Männer häufig: Was soll ich tragen? Der belgische Modeschöpfer Dries Van Noten fand neulich eine Antwort: "Möglichst wenig Parfum."

Morgens im öffentlichen Nahverkehr und am aufdringlichsten in Aufzügen findet man sich mitunter in Duftwolken gefangen, die einem noch minutenlang nachhängen, so als hätte ein Mitreisender an einem sein Revier markiert. Nun ist der Geruchssinn vieler Männer evolutionsbiologisch bedingt schwächer ausgeprägt als der von Frauen, denn Frauen sollen für ihren Nachwuchs schädliche, weil verdorbene oder giftige Stoffe frühzeitig erkennen können. Dieses Frühwarnsystem funktioniert bei vielen Männern schlechter, deswegen übertreiben sie es bei der Behandlung ihrer Gesichtshaut mit Aftershave häufig. Aber eben nicht nur dort.

Parfümiertes wurde in früheren Zeiten erfunden, um den Körpergeruch zu kaschieren. Heute wäscht man sich in den westlichen Industrienationen so viel wie nie zuvor. Mit Duschgels geht das schnell und bequem. Kommen diese aus der Drogerie, sind sie meist extrem parfümiert. Besonders Produkte, die in markig gestalteten Flaschen For Men angepriesen werden. Zum Duschgel kommt routinemäßig noch ein parfümiertes Deodorant, eine Bodylotion, besagtes Aftershave, eventuell noch ein ebenfalls parfümiertes Haarpflegeprodukt wie Schaum oder Wachs.

Die Sinfonie der Düfte am Körper des Mannes ist also angerichtet und macht ihn zu einem Wunderbaum, wie er in Rauchertaxis am Rückspiegel hängt. Wer jetzt noch ein paar Stöße aus dem Flakon auf seine Halsschlagadern aufbringt, um danach mit den Pulsschlagadern kernig darüber zu reiben, bewirkt das Gegenteil von dem, was unser Wunderbaum eigentlich beabsichtigt: Er wird gemieden. Dabei sollen Düfte ja Lockstoffe sein.

Es darf gefickt werden

Uns Menschen lockt bei basalen Bedürfnissen wie Essen und Sex aber ein möglichst eindeutiger Duft. Diese Erfahrung macht jeder bei frischem Kaffee oder beim Schnuppern an einem getragenen T-Shirt des Liebespartners, der möglichst wenig Parfum trägt. Es gibt Versuche, bei denen es Menschen gelingt, mit verbundenen Augen unter Hunderten Achselhöhlen die dem Liebespartner zugehörige herauszufinden. Wer nun mit blumigen Düften aus dem Flakon zu locken versucht, wird eventuell Insekten anziehen, aber keine Menschen. Als Lockstoff funktioniert deshalb ein Parfum am besten, das an jene betörende Mixtur erinnert, die von körpereigenen Drüsen im Schambereich und in den Achselflächen hergestellt wird und dort über die Behaarung diffundiert, falls eine vorhanden ist.

Der in Kassel geborene Parfümeur Geza Schön hatte 1996 eine grandiose Idee: Er verdünnte einen einzigen synthetischen Duftstoff, das zedernholzartige Iso E Super, mit Parfümeursalkohol und erklärte die entstandene Lösung zu einem Parfum. Das wollte zunächst niemand verkaufen. Selbst der italienische Jeansgigant Diesel, immerhin mit dem Slogan "Only The Brave" beworben, lehnte ab, zu radikal war das Produkt. Also gründete Herr Schön eine eigene Firma, sein Molecule One wurde zu einem Superstar unter den sogenannten Nischenparfums. Wer einen interessierten Neukunden des Zauberwassers belauschen kann, wird überall auf der Welt zu hören bekommen: "Ich habe da gestern jemanden kennengelernt, der roch bombastisch geil." Das liegt an dem singulären Lockstoff, dem Duft des Iso E Super, das Molecule One verströmt.

Professor Hans Hatt von der Ruhr-Universität Bochum hat die Molekülstruktur des Iso E Super erforscht. Sie ähnelt einem Pheromon, das Menschen untereinander signalisiert, dass sie nicht blutsverwandt sind. Auf unterschwelliger, aber evolutionsbiologisch bedeutender Ebene bedeutet das: Es darf gefickt werden.

Geza Schön hat aus seiner Idee mittlerweile eine Serie entwickelt, aber keiner der Düfte wirkt so direkt wie Molecule One. Männer, die es dekorativer mögen, sollten sein Escentric 01 beschnuppern, das ebenfalls den Zauberstoff Iso E Super enthält, aber dazu noch ein kleines Bouquet mit pfeffrigen Noten und synthetischem Amber. Dieser Duftstoff wird aus einer Drüse am Anus von Walen gewonnen, einst blätterte man Unsummen dafür hin. Tatsächlich mögen Parfümerien Duftstoffe, die Exkrementen ihren charakteristischen Geruch beigeben. In vielen von Männern wie Frauen als verführerisch empfundenen Parfums sind winzige Mengen von solchen Skatolen enthalten. Auch hier wirkt offenbar eine uralte Triebstruktur fort.

Wirkt wie Katzenminze auf Katzen

Wer gar nicht anlocken will, sondern bloß ein bisschen anders duften möchte an gewissen Stellen (und es ist zu empfehlen, den Kopfboden anzusprühen, weil die Kopfhaut stets am wärmsten ist und dort die Haare, so vorhanden, als Diffusoren dienen), der sollte die Parfums des jungen Engländers James Heeley versuchen. Bei ihm gibt es ein Eau de Parfum, das nach Minze duftet, und eines, das riecht wie ein frisch gekaufter Schuh, also nach Kalbsleder — darauf muss man erst mal kommen! Außerdem in Heeleys Sortiment: ein Extrait de Parfum namens Agaroud.

Es enthält den Duft des teuren Baumharzes Oud, das in den Wäldern von Laos gewonnen wird, indem man die Arganbäume durch Anritzen mit einem Schimmelpilz infiziert, gegen den sich die Bäume mit diesem Harz zu wehren versuchen. Dieses Harz war lange Zeit vor allem im arabischen Raum begehrt und teurer als Gold, weil es von wohlhabenden Schichten zu Hochzeitsritualen verwendet wurde: Man platzierte die nackte Braut über einem Kohlebecken, in dem man Klumpen des Oudharzes verglimmen ließ. Die Harzdämpfe hinterließen den schweren, extrem aphrodisierenden Duft auf der Haut. Er wirkt auf Menschen wie Katzenminze auf Katzen. Man hört von Fällen, da mündete Oudgenuss in sexueller Raserei.

Vor ein paar Jahren wurde dieser Stoff auch von der Parfumindustrie entdeckt. Das mit Abstand beste Parfum,  das dementsprechend teuer ist, stellt Kilian Hennessy her, der Erbe der Cognacdynastie. Er nennt es zu Recht Oud Extreme. Von Hennessy gibt es noch einen weiteren Juice, der Männer über ihr natürliches Maß hinaus attraktiv erscheinen läßt: "Love, Don't Be Shy" duftet nach heißer Zuckerwatte. Wer eher mit seinem Naturburschenimage zu punkten gedenkt, wird in der Apotheke der Klosterbrüder von Santa Maria Novella fündig. Dort werden aus in eigenen Gärten gezogenen Pflanzen eindeutige Eau de Colognes komponiert und das mit Abstand schönste heißt Ginestra. Ginster ist eine Blühpflanze, die den wenigsten im olfaktorischen Gedächtnis stehen dürfte. Aber die Assoziationen kommen sofort: Wind, Wellen, Dünen und Meer.

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Dries Van Noten hingegen duftet, wie er aussieht und frisiert ist. Nämlich sauber. Und so ist seine Aussage auch zu verstehen: Es geht nicht um die Menge an Parfum. Wer überparfümiert ist, signalisiert unterschwellig, dass er sich zu selten wäscht und einen üblen Körpergeruch überdecken muss. Man kennt das von Alkoholikern, die traditionell Old Spice oder Pitralon benutzen, um ihre Fahne zu verschleiern. Es geht also darum, einen Duftstoff für sich zu finden, der die eigene Persönlichkeit möglichst komplettiert oder zumindest wiedergibt.

Schließlich lassen wir nichts so nahe an uns heran wie ein Parfum. Es entsteht eine intime Beziehung. Der Duft verschmilzt im Lauf der Zeit mit seinem Träger. Liebeserfolge und -niederlagen werden persönlich erlebt, der Duft gehört bei diesem Erleben zur Persönlichkeit längst dazu. Wodurch sich auch erklären lässt, warum speziell Männer für immer das eine Parfum benutzen wollen, wenn sie es denn erst einmal gefunden haben. Von daher sollte man besonders wählerisch sein, bevor man sich entscheidet. 


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Kommentare

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Die Frau, so Lacan, führt eine "Maskerade" der Weiblichkeit auf, weil sie glaubt, "gerade um dessentwillen, was sie nicht ist, begehrt und geliebt zu werden".

Der Neue Mann ist also eine Frau. Es wäre komisch, wenn's nicht so tragisch wäre. Während Frauen schon lange sich selbst ent- und an Rollenspiele gewöhnt werden, erreicht es nun auch den Mann. Zurück bleiben Menschen, die sich mit ihrer Kleidung, ihrem Foto, ihrem Parfüm ausfüllen.