Ich habe einen Traum Charlie Brown

"Ein paar Minuten lang ist da dieses großartige Gefühl, es geschafft zu haben"

Von
ZEITmagazin Nr. 1/2016

Träume sind toll. In meinen Träumen geht nie etwas schief. Mein Drachen steigt hoch in die Luft, ohne in einem Baum zu landen, und ich kann den Football treten, ohne dass Lucy ihn wegzieht. Einmal hatte ich in einem Traum zwei Ponys. Das kleine rothaarige Mädchen und ich sind auf ihnen geritten, und sie hat mich angelächelt. Als ich dann die Augen öffnete, war neben mir doch nur ein Hund. Ich wünschte, Snoopy wäre zwei Ponys!

Vor allem abends kann ich es kaum erwarten, dass die Träume kommen. Oft liege ich lange mit offenen Augen in meinem großen Bett und mache mir Sorgen. Um alles. Oder ich fürchte mich. Jedes Geräusch, jeder Schatten macht mir schreckliche Angst. Ich weiß, ich muss damit aufhören, das ist nicht gut für mich. Wenn ich dann irgendwann einschlafe, wird es besser.

Charlie Brown

ist seit 1950 die Hauptfigur der weltweit erfolgreichen Comicserie Die Peanuts. Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Jean Schulz, der Witwe des im Jahr 2000 verstorbenen Peanuts-Schöpfers Charles M. Schulz. Zurzeit ist Charlie Brown in Die Peanuts – Der Film im Kino zu sehen

In einem besonders schönen Traum bin ich in einem Baseball-Team, das tatsächlich die Chance hat, mal ein Spiel zu gewinnen! Snoopy ist ja ganz gut darin, den Ball zu fangen. Aber mit dem Werfen hapert es bei ihm etwas.

In meinem Traum läuft alles rund. Sogar Lucy unterstützt mich. Sie ist nicht auf dem Spielfeld, hält sich auch sonst aus allem heraus und kommandiert niemanden herum. Sie sitzt nur still auf der Spielerbank und zählt die Punkte. Am Ende gratuliert sie mir sogar zu unserem Sieg! Natürlich nicht ohne zu behaupten, sie habe im Hintergrund den wichtigsten Beitrag zu unserem Sieg geleistet. Nicht mal im Traum kann sie auf so etwas verzichten. Aber das ist mir dieses Mal vollkommen egal.

Im Traum treffe ich den Ball perfekt, laufe von Base zu Base und rutsche schließlich, in eine Staubwolke gehüllt, auf die Home Plate. Durch meinen Home Run gewinnen wir das Spiel. Das kleine rothaarige Mädchen hat die ganze Zeit vom Spielfeldrand aus mit leuchtenden Augen zugesehen. Nun läuft sie auf mich zu und umarmt mich fest.

Mein gesamtes Leben würde sich ändern, wenn dieser Traum in Erfüllung ginge! Wahrscheinlich würde ich vor lauter Freude tot umfallen. Wie viel Glück kann man aushalten? Ich wahrscheinlich nicht so viel. In Wahrheit bin ich nämlich der geborene Außenseiter, der nirgends hineinzupassen scheint. Nicht mal bei den Außenseitern.

Andererseits, würde dieser Traum wahr werden, könnte alles, was danach kommt, wohl nur noch enttäuschend sein. Und Enttäuschungen habe ich schon genug erlebt. Also ist es vielleicht besser, wenn der Traum ein Traum bleibt.

Aber wenn ich aus diesem Traum aufwache, ist da zumindest ein paar Minuten lang dieses großartige Gefühl, es geschafft zu haben. Im Traum habe ich es ja tatsächlich erlebt. Das reicht mir. Ich kann diesen Traum ja jederzeit wieder träumen.

Außerdem gibt er mir die Hoffnung, dass es sich auch in der Realität lohnt, nicht aufzugeben und es immer wieder zu versuchen, egal, wie oft es schiefgeht. Deshalb ist dieser Traum so wichtig für mich.

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