Harald Martenstein Über traurige und lustige Geschichten

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ZEITmagazin Nr. 1/2016

Ich war, kurz vor den Feiertagen, in dieser fremden Stadt und fuhr mit dem Taxi zum Bahnhof. Der Fahrer fragte, ob ich noch genug Zeit hätte, mit ihm einen Tee zu trinken, er lade mich ein. Das war mir noch nie passiert. Wir setzten uns also im Bahnhof in ein Café.

Der Mann war in meinem Alter. Er sah eher wie ein leitender Angestellter aus, nicht wie ein Taxifahrer. Randlose Brille, kariertes Jackett, Businesshemd, Krawatte. Weißes, kurzes Haar. Er stammte aus Pakistan. "Meine Frau ist gestorben", sagte er. "Darf ich davon erzählen?" Sein Deutsch war fast fehlerfrei. Er sagte, dass er vor etwa 20 Jahren nach Deutschland gekommen sei, mit seiner Ehefrau und den Kindern. Sieben Kinder hätten sie gemeinsam.

"Das ist wunderbar", sagte ich. "Das ist doch trotz allem ein Glück." Der Mann sagte: "Wir waren noch nicht lange in Deutschland, da habe ich eine Deutsche kennengelernt. Sie war geschieden und hatte auch zwei Kinder. Wir kannten uns zwei Tage, da habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht." Ich sagte: "Oh."

"Ich musste es tun", sagte der Mann. "Es war zu stark. Meine erste Frau ist nach Pakistan zurückgegangen. Unsere Kinder haben wir aufgeteilt. Die drei Ältesten sind bei mir geblieben, drei Söhne. Aus allen ist etwas geworden! Einer ist Arzt, einer ist Architekt, der dritte studiert noch. Meine zweite Frau hat mir Deutsch beigebracht. Als wir uns kennenlernten, konnte ich fast nichts. Sie war sehr klug, sie war Chefsekretärin. Aber sie hat gekündigt, damit wir mehr Zeit miteinander verbringen können. Das war alles nicht einfach. So ein ungewöhnliches Paar. Eine erfolgreiche Frau und ein Mann, der nichts hat, der anders aussieht und kaum ein Wort richtig aussprechen kann. Wir haben zusammen ein Unternehmen aufgebaut, ich habe viele Taxen, wissen Sie. Und mehrere Angestellte. Wir haben auch ein Haus gebaut. Egal, was wir anfassten, wir hatten mit allem Glück."

"Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer ersten Frau?", fragte ich.

Der Mann schüttelte den Kopf. "Seit meine zweite Frau gestorben ist, fahre ich nur noch Taxi, die ganze Zeit. Ich kann nichts anderes mehr machen. In unserem Haus halte ich es nicht aus. Ich fahre Taxi, Tag und Nacht. Manchmal lade ich einen Fremden ein, so wie Sie jetzt. Alle, die mich kennen, können meine Geschichte nicht mehr hören."

"Verkaufen Sie das Haus", sagte ich. Der Mann sagte, das könne er nicht. Das Haus habe seiner Frau so gut gefallen. Der Gedanke, dass dort jemand anderer lebt als sie, sei für ihn unerträglich. "Sie ist ganz schnell gestorben, innerhalb von ein paar Tagen. Ich höre oft den Rat, dass ich etwas Neues anfangen soll, vielleicht mit einer anderen Frau. Meine Freunde meinen es gut. Aber ich kann nicht, es ist unmöglich."

"Im Lauf der Zeit wird es besser", sagte ich. "Ganz bestimmt. Es geht langsam, aber es wird besser. Wie lange ist Ihre Frau denn schon tot?" Der Mann sagte: "Das sind jetzt sechs Jahre."

Während er redete, wirkte er nicht besonders bedrückt, er hätte in diesem Ton auch über das Wetter sprechen können. Er muss das schon Hunderte Male erzählt haben, dachte ich im Zug. Und jedes Mal wird er ein paar Gramm seiner Last los. Das ist es, worauf es beim Geschichtenerzählen ankommt, egal, ob es eine lustige Kolumne ist oder ein trauriger Roman. Wenn es keinen Schmerz mehr gibt und keine offenen Fragen, dann gibt es wohl auch nichts Wichtiges mehr zu erzählen. Das Glück der Menschheit wäre das Ende der Literatur, was für ein grausamer Gedanke.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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