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Das war meine Rettung "Eigentlich bin ich ein ziemlicher Eremit"

Seit Jeanette Hain ein Bedürfnis nach Stille entwickelt hat, liebt sie die frühen Morgenstunden. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 1/2016

ZEITmagazin: Frau Hain, Sie sind mit 21 Jahren Mutter geworden, als Sie noch Regie an der Filmhochschule studierten. Sind Sie ein Familienmensch?

Jeanette Hain

46, wurde während ihres Filmregie-Studiums als Schauspielerin entdeckt. Ihr wurden ein Grimme-Preis und ein Bambi verliehen. Im Januar ist sie in der ZDF-Verfilmung von Ken Folletts Die Pfeiler der Macht zu sehen.

Jeanette Hain: Eigentlich bin ich ein ziemlicher Eremit. Tatsächlich aber hatte ich immer meine Kinder um mich, erst meinen Sohn und dann meine Tochter, die jetzt neun ist. Das würde ich auch immer wieder genauso machen, aber trotzdem habe ich irgendwann gemerkt, dass ich Alleinsein und Stille auch zu schätzen weiß.

ZEITmagazin: Was ist das Gute an der Stille?

Hain: Dass diese Gedankengespenster, die einen manchmal tragen, aber manchmal auch jagen, zur Ruhe kommen. Schon morgens auf dem Weg ins Bad rattert die Gedankenmaschine los. Der Druck, das und das und auch noch das zu machen. Man versieht sich dann mit so vielen Fragezeichen: Warum bin ich jetzt nicht da oder dort? Warum schreibe ich jetzt nicht? Warum setze ich mich nicht mit diesem Buch auseinander? Warum habe ich mich noch nicht für die Flüchtlinge engagiert? So viele Baustellen, von denen man den Anspruch hat, sich um sie kümmern zu müssen. Man will parallel ganz viel. Aber es ist besser, immer nur eine Sache zu machen. Wenn du das Bad putzt, putzt du nur das Bad. Da denkst du nur an die Fliesen und den Schaum. Wenn einem das gelingt, ist das toll. Dann kann man darin so viel Erfüllung finden wie in Dreharbeiten.

ZEITmagazin: In welchen Momenten finden Sie die Stille, die Sie suchen?

Hain: Ich habe irgendwann entdeckt: Wenn ich morgens um vier Uhr aufstehe, dann passiert etwas mit mir, weil dann noch alles still ist. Mein Kind schläft, die Nachbarn schlafen, Berlin schläft. In diesen Morgenstunden ist meine Seele noch unberührt und ganz dünnhäutig. Wenn ich so den Einstieg in den Tag finde, zieht die Stille in mich ein und begleitet mich den Tag über. Insofern haben mich die frühen Morgenstunden gerettet.

ZEITmagazin: Was geschieht denn in diesen frühen Morgenstunden?

Hain: Ich sitze da, koche mir zwei Liter Espresso und habe das Gefühl, als schaute ich aufs Meer. Manchmal mache ich gar nichts, manchmal male ich, und manchmal schreibe ich etwas. Für mich selber. Geschichten, mit denen ich manches aufarbeite, was mich beschäftigt. In diesen frühen Morgenstunden passiert das wie von alleine. Wenn ich das später wieder lese, erinnere ich mich oft gar nicht, dass ich das geschrieben habe. Wenn ich mich abends hinsetze, ist da immer unglaublich viel Druck, ganz egal, was ich den Tag über gemacht habe. Dann denke ich: Du musst jetzt noch was zustande bringen! Dann warte ich, dass die Muse kommt. Die ist also bestellt. Aber sie kommt nicht. Man muss aufhören, zu planen, wo es hingehen soll.

ZEITmagazin: Wenn man keine Pläne schmiedet, droht dann nicht die Stagnation?

Hain: Nein, die Gefahr der Stagnation sehe ich nicht. Auf meiner inneren Landkarte sind noch so viele Orte, die ich kennenlernen möchte.

ZEITmagazin: Nennen Sie ein Reiseziel!

Hain: Ich bin jetzt schon so viele Jahre allein, viele, viele Jahre, sodass ich manchmal denke: Vielleicht gibt es auch wieder eine Zeit zu zweit. Nicht nur mit den Kindern, sondern mit einem Partner. Diese Vorstellung erscheint mir wie ein Riesenabenteuer, dass man vielleicht mal wieder mit jemandem ein Stück gemeinsam reist.

ZEITmagazin: Ist es denn so schwierig, den Richtigen zu finden?

Hain: Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass man wirklich eine Liebe findet! Es kann sein, dass einem das einmal oder zweimal im Leben passiert, vielleicht aber auch keinmal. Ich finde nicht, dass man zusammen sein sollte um des Zusammenseins willen, sondern wirklich nur, weil man sich liebt. Das ist ja in der Realität oft anders. Eine Bekannte erzählte mir neulich, sie habe jetzt einen Freund. Sie ist zwar gar nicht richtig verliebt, aber sie findet, dass sie jetzt in einem Alter ist, wo sie einen Partner braucht, der für sie da ist. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich könnte das nicht. Deswegen lebe ich allein. Ich bin auch nicht auf der Suche.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Hain: Wenn, dann soll es einfach Liebe sein. Vor Jahren habe ich mal jemanden gesehen in Venedig, wo ich sofort dachte: Unglaublich, was jetzt in mir passiert! Aber dann vergehen wieder fünf Jahre, und mir passiert das überhaupt nicht mehr. Man sollte nur zusammen sein, weil man sich riesig freut, dass man sich hat. Punkt, aus.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Evelyn Finger zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Stille und Alleinsein ist das größte. Insbesondere in einer Zeit, wo man mittlerweile von Dauerbeschallung belästigt wird. Wenn ich den ganzen Tag unter Leute war, muss ich am Abend allein sein um mich wieder zu fokussieren und zu regenerieren.
Deswegen passen Kinder auch nicht zu meiner Persönlichkeit. Ich brauche die Stille um psychisch gesund zu bleiben.
Andere wiederum vielleicht viel Trubel und Gesellschaft...

Ich bin damals zu Jugendzeiten auch aus Zwang abends in Clubs gegangen, weil ich dachte, das gehöre dazu, dabei habe ich mich zuhause mit mir selbst immer sehr viel wohler gefühlt. Heute kann ich meinen Zustand, introvertiert und hochsensibel zu sein, besser zulassen und meine Bedürfnisse danach ausrichten.