Joachim Gauck Briefe nach oben

Über 3000 Briefe und E-Mails schreiben die Deutschen jeden Monat an ihren Bundespräsidenten. Wer die Absender trifft, erfährt viel über die Stimmung im Land – und die Sehnsucht der Bürger nach einem, der sie erhört. Von

ZEITmagazin Nr. 1/2016

"Dann schreib ihm doch!", sagt ihr Mann. Wieder einmal ist Manuela Hagene an diesem Nachmittag aus dem Supermarkt zurückgekommen, bestürzt über eine Frau, die fast anfing zu weinen, als Hagenes Einkaufswagen ihr in die Quere kam.

"Die Menschen sind so unzufrieden", sagt sie zu ihrem Mann, sie hetzten und jammerten, oft reiche es nicht mal für ein Danke. Wieder einmal sitzen sie zusammen im Wohnzimmer in ihrem Haus Berlin-Buckow, Stoffherzen an der Wand, Kerzen auf dem Tisch. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Leben, ganz im Gegensatz zum Rest des Landes, so kommt es ihnen vor. Manuela Hagene, 51, ist nach einem Bandscheibenvorfall berufsunfähig, ihr Mann Volkmar, 47, Beamter, sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Trotzdem finden sie, dass sie ein gutes Leben haben. Warum sind alle anderen bloß so schlecht drauf? "Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen", sagt Manuela Hagene zu ihrem Mann. "Die Menschen sollten sich darüber klar werden, wie gut sie es haben." Einen gibt es, der könnte das Volk aufwecken, glaubt sie: der Bundespräsident.

Ihm schreiben! Warum eigentlich nicht? Wann habe das Land das letzte Mal so einen überzeugenden Bundespräsidenten gehabt? Einen, dem sie glaubt, was er sagt, und dem sie abnimmt, dass er sich wirklich interessiert für die Menschen. Am nächsten Tag fährt sie nach Steglitz, kauft im Bastelgeschäft rosafarbene Pappe und eine Herz-Schablone. Dann, an einem Februarabend 2015, zündet sie eine Kerze an und setzt ihre schönsten Buchstaben aufs Papier: "Sehr geehrter Herr Bundespräsident und sehr geehrte Frau Schadt", schreibt sie, "mein Mann und ich möchten Sie herzlichst zu einem Kaffeeklatsch zu uns einladen." Bei der Gelegenheit möchte sie Joachim Gauck bitten, die Deutschen aufzurütteln. Auf die erste Seite malt sie mit Filzstift ein Herz und schreibt "Einladung" darüber. Drei Sonntagnachmittage bietet sie dem Staatsoberhaupt an: "Wegen der von mir vermuteten Fülle in Ihrem Terminkalender möchte ich Ihnen 3 Vorschläge in der nahen Zukunft machen: Am 1. März, 8. März oder 15. März 2015, 15 Uhr." Auf dem Postamt, wo Manuela Hagene den Brief als Einschreiben aufgibt, guckt der Mann am Schalter ein bisschen zu lange auf die Adresse.

In den nächsten Wochen stellen sich die Hagenes manchmal vor, wie am Sonntagnachmittag eine schwarze Limousine den Mariendorfer Damm hinunterfährt und in ihre Straße abbiegt. Haben sie wirklich geglaubt, er würde kommen?

"Null Chance", sagt Manuela Hagene später.

"Ich sogar etwas mehr", sagt ihr Mann.

"Vorbereitet waren wir jedenfalls an den drei Sonntagen."

"Wäre ja blöd, wenn wir hier in Feinripp gesessen hätten."

Im Königreich Preußen hefteten die Bürger ihre Post für den König an die sogenannte Bittschriftenlinde. Manchmal, so sagt die Überlieferung, stieg der König vom Pferd, um von den Nöten des Volkes zu erfahren. Heute ist der Weg, um die Aufmerksamkeit des Staatsoberhauptes zu erlangen, zwar weniger poetisch – aber immer noch sind Briefe die direkteste Art, um mit dem Mann in Kontakt zu treten, dem viele die Güte eines Landesvaters und die Macht eines Königs zusprechen.

An ihn schreiben zu dürfen ist das Recht aller Deutschen, zugesichert im Artikel 17 des Grundgesetzes.

Manuela Hagenes rosafarbener Umschlag landet zunächst im Durchleuchtungsraum im ersten Stock des Bundespräsidialamtes. Dort röntgt das BKA alle Briefe. "Joachim Gauck (persönlich)" steht auf manchem Kuvert oder einfach "Schloss Bellevue, Berlin". In solchen Fällen hat die Deutsche Post schon einen Aufkleber auf den Brief geklebt: "Sdg nachadressiert wg. unkorrekter Anschrift. Ermittelte Anschrift: BUNDESPRÄSIDIALAMT. 11010 Berlin".

Wenig später bekommt Manuela Hagenes rosafarbene Einladung das Aktenzeichen 11-00018-10-167/15 und landet schließlich in einem Büro im zweiten Stock. Dort hat Antje Siebenmorgen, Leiterin des Bürgerbüros, ihr Arbeitszimmer.

Mit sieben Mitarbeitern liest und beantwortet sie die Briefe. Einige von ihnen wird der Bundespräsident später selbst unterschreiben.

In diesem Jahr haben die Bürger bis Mitte Dezember etwa 28.000 Briefe und 8.000 E-Mails an den Bundespräsidenten geschrieben, durchschnittlich 160 Botschaften bearbeiten Siebenmorgen und ihr Team am Tag.

Antje Siebenmorgen ist 56 Jahre alt, eine Rheinländerin mit schwarzem Bob, elegant gekleidet und so herzlich, dass sich sofort der Eindruck aufdrängt: Hier steht die Richtige an der Schnittstelle zwischen Volk und Oberhaupt, zwischen unten und oben. Seit 22 Jahren leitet sie das Bürgerbüro. Sie hat schon die Post für Roman Herzog und Johannes Rau gelesen, für Köhler und Wulff. Kaum jemand weiß mehr über die Ängste, Wünsche und Ärgernisse der Bürger – oder darüber, wie sensibel das Volk für Mondphasen ist: Die meisten Briefe gehen kurz nach Vollmond ein.

Bereits zum Jahreswechsel ist das Thema vorgegeben, das 2015 die Bürgerbriefe dominieren wird. Gauck hatte in seiner Weihnachtsansprache appelliert, offen für Flüchtlinge zu sein. Danach gehen 165 Briefe bei Antje Siebenmorgen ein. "In den Zuschriften werden Ängste vor Überfremdung, Arbeitsplatzverlust und steigender Kriminalität artikuliert", schreibt Siebenmorgen in ihrem Jahresbericht.

Unterscheiden lassen sich jene, die einmal im Leben schreiben, und die "Dauerschreiber". Sind ihre Briefe allzu wirr, werden sie irgendwann nicht mehr beantwortet. "Z.d.A.", schreibt Antje Siebenmorgen auf die Zuschriften derer, die sich von unbekannten Mächten verfolgt fühlen: zu den Akten. Dorthin kommen auch die Briefe sogenannter Reichsbürger, die schreiben: "Die Zugehörigkeit zur Vereinigung Bundesrepublik Deutschland lehne ich ab." Droht jemand mit Suizid, ruft Siebenmorgen den Sozialpsychiatrischen Dienst vor Ort an und bittet, jemanden vorbeizuschicken.

Dass der Bundespräsident zum Kaffee eingeladen wird: "Sehr ungewöhnlich", sagt sie. Relativ normal hingegen: Einladungen zu Hochzeiten oder zur Taufe, Letzteres kommt deshalb oft vor, weil der Bundespräsident ab dem siebten Kind in einer Familie die Ehrenpatenschaft übernimmt, wenn die Eltern das wünschen. Aus Berlin kommen dann eine Urkunde, ein Autogramm und 500 Euro. Jahre später schreibt dann bisweilen das Patenkind selbst: "Lieber Patenonkel, ich wünsche mir ein Fahrrad zum Geburtstag."

Johannes Rau habe manchmal zum Telefon gegriffen, erzählt Siebenmorgen. "Hier spricht Ihr Bundespräsident!", habe er dann gesagt. Viele Bürger dachten, es handle sich um einen Telefonstreich.

Trägt der Brief die Unterschrift des Bundespräsidenten, lag er ihm persönlich vor. Häufig steht aber Antje Siebenmorgens Name unter der Antwort. Manuela und Volkmar Hagene schreibt sie am 14. April 2015: "Sehr geehrte Eheleute Hagene, der Bundespräsident hat mich gebeten, Ihnen ganz herzlich für Ihre Einladung zu danken. Leider ist es ihm wegen der Fülle anderweitiger Verpflichtungen nicht möglich, Ihnen zusammen mit Daniela Schadt einen Besuch abzustatten." Wobei – eine Idee hat Antje Siebenmorgen noch. Sie tippt weiter.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ne, echt nicht, glaube ich nicht. Es kommen jeden Monat so viele repräsentative Umfragen und Studie raus, dass jeder Volksrepräsentant die Volksseele kennt. Wenn er denn will.

Anders gefragt, will ich überhaupt einen Volksrepräsentanten, ein politisches System, in dem die Repräsentanten in einem derart hohen Elfenbeinturm, dass sie teilweise Mehrheiten von über 90% nicht mitbekommen? Es sei denn, ihr Sekretär leitet einen rührenden Brief einer Mutter weiter?

Aber hey, ich rege mich nicht auf. Ich verstehe dieses System ja. Wenn die Volksrepräsentanten schon Wirtschaft- und Bankenrepräsentanten sind, dann doch zumindest anständige "Volksnähe PR". Wobei selbst die früher besser war. Also ich meine jetzt nicht das 12J Reich früher, ich meine das "vor dem Internet" früher. Die PR war da zwar nicht wirklich besser, aber die Menschen eben desinformierter, naiver und in globalen Belangen weltfremder.

>> Hier steht die Richtige an der Schnittstelle zwischen Volk und Oberhaupt, zwischen unten und oben. <<

Zwischen ... bitte: Was? Ich weiß nicht, ob man sich noch erinnert, aber wir leben in einer Demokratie. Der Souverän - hier leider falsch mit "unten" bezeichnet - ist das Volk.

Wir sind nicht die Untertanen dieses Herrn, übrigens auch nicht die der Kanzlerin.