Stilkolumne Ins Netz gegangen

Von
© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 1/2016

Kleidung dient nie ausschließlich der Bedeckung, sondern enthüllt gleichzeitig auch. In gewisser Weise galt das sogar für die übereinandergeschichteten Unterröcke im 18. Jahrhundert, die die Damen von Stande in Stoffberge verwandelten, aus deren Gipfel ein weiblicher Oberkörper wuchs. Denn je mehr Stoff den Unterleib umgab, desto mehr wurde dieser betont – je weiter eine Rockschicht den Betrachter vom Unterleib der Frau entfernte, desto begehrenswerter wurde sie für ihn. Erotik entsteht eben nicht nur über bloße Nacktheit. Ähnlich verhält es sich mit dem Schleier der Braut: Indem sie verhüllt wird, wird sie besonders hervorgehoben.

Heute funktioniert Erotik leider fast ausschließlich über Nacktheit. Es ist aber keineswegs die Nacktheit, wie beispielsweise der Fotograf Helmut Newton sie inszenierte, jene mystifizierende Nacktheit, die das Modell in eine andere Welt enthebt und dadurch völlig unnahbar macht. Die neue Nacktheit ist pure Bloßstellung. So wie man Leuten in der Sauna begegnet. Durch das Internet ist das entkleidete Individuum allzu begreifbar geworden, Körper werden zur Begutachtung ausgesetzt, zur simplen Objektbeschau. Man sieht mehr Haut denn je, aber sie ist gänzlich unerotisch.

Auch Netzstoff symbolisierte früher Erotik. Die Netzstrumpfhose war Kleidungsstück und Entkleidungsstück zugleich, weil sie die Verhüllung der Beine nur andeutete – gewissermaßen lückenhaft. Solche Andeutungen waren entscheidend für die Eroberungsfantasien von Männern: Zwischen fast nackt und nackt spielte sich in ihren Vorstellungen eine Menge ab.

Im heutigen Überangebot von Haut funktioniert das aber nicht mehr so einfach. Netzstrumpfhosen werden kaum noch als verführerisch wahrgenommen. Dafür ist der Netzstoff jetzt in anderer Form bei vielen großen Modemarken zu sehen. Es gibt geknüpftes Netz, knotenloses Netz, gewirktes Netz, gestanztes und gelasertes Netz. Diese unterschiedlichen Interpretationen von Netz finden sich etwa in den Kollektionen von Balmain, Burberry, Christian Dior, Givenchy, Miu Miu, Proenza Schouler, Alberta Ferretti, Acne und Emilio Pucci. Allerdings tritt Netzstoff nicht mehr vornehmlich auf nackter Haut auf, sondern als eine von mehreren Lagen. Es ist mehr Verhüllung als Enthüllung. Und so wirkt er wieder aufregend. Weil die wirkliche Erotik eben nur dort entstehen kann, wo man etwas gerade so nicht sieht.

Foto: Kleid von Miu Miu, 1.100 Euro

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