Harald Martenstein Über das Altwerden und Fremdsein

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ZEITmagazin Nr. 2/2016

Im Fernsehen habe ich ein Interview mit dem englischen Schriftsteller Martin Amis gesehen, er ist Mitte sechzig. Er sagte, dass er es als Erleichterung empfunden habe, als er sechzig wurde. Seine fünfziger Jahre seien für ihn, lebenshistorisch, die schlimmste Zeit gewesen. Ich verstand sofort, was er meinte. In den Vierzigern siehst du, wenn du in den Spiegel schaust, gewisse Veränderungen, du bist nicht mehr jung. Aber du kannst noch gegen das Alter kämpfen, du kannst Diäten machen, Sport hilft auch. In den Fünfzigern wird der Kampf schwieriger. Und du weißt inzwischen, dass du nicht gewinnen kannst. Wenn du in den Spiegel schaust, siehst du keine Veränderungen mehr, sondern Verluste, es sind jetzt eindeutig Verluste. Die Zukunft ist vom Tanzsaal zu einem Bügelzimmer geschrumpft. Mit sechzig ist die Sache endlich klar. Du bist jetzt auf der anderen Seite, du kannst niemandem mehr etwas weismachen. Du bist alt. Du darfst den Kampf aufgeben. Du kannst dich im Fluss treiben lassen und in Ruhe das Ufer betrachten. Alter ist kein Thema mehr, so wenig, wie Geld für Bill Gates ein Thema ist.

Als junger Mensch war mir nicht klar, wie wenig der Geist altert. Irgendwann lässt auch das nach, aber hinter der faltigen Fassade bleibst du noch ziemlich lange der Typ, der du mit vierzig gewesen bist, sogar von dem Zwanzigjährigen ist noch erstaunlich viel übrig. Das unterscheidet uns von den Tieren, oder? Wir haben, außer dem Körper, ein Ich. Das Alter wirkt wie eine Tarnkappe, dein Ich wird unsichtbar. Denn im Kopf brennt noch das gleiche Licht. Der Kopf wird sogar eher besser, zumindest hat man diese Illusion.

Dies ist übrigens keine Kolumne über das Alter, sondern eine Kolumne über Flüchtlinge. Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es nicht mehr. Das ist bei jedem so, ungefähr ab dreißig, schätze ich. Die Städte sehen anders aus als in der Kindheit, Menschen verschwinden, neue Regeln gelten, und es gibt keinen Weg zurück. Du selbst veränderst dich viel langsamer als die Welt um dich herum. Alt werden bedeutet, ein Fremder zu werden.

Die Erfahrung der Flucht ist, vermute ich, ein bisschen ähnlich. Nur dass es im Zeitraffer geschieht und unter dramatischeren Umständen. Selbst wenn in ein paar Jahren in Syrien wieder Frieden einkehrt – das Land, aus dem die Flüchtlinge gekommen sind und in dem sie sich auskannten, wird es für sie nie wieder geben, so wenig, wie es das Land meiner Kindheit jemals wieder geben wird, weder das Gute noch das Schlechte. Es gibt keinen Weg zurück. Ich hatte Zeit, mich daran zu gewöhnen, selbst das Verschwinden der DDR hat ein paar Jahre gedauert, bei ihnen passiert es ganz schnell.

Das, was ich gelernt habe: Es gibt fast nie ein "ganz richtig" oder ein "ganz falsch", es gibt immer unerwünschte Nebenwirkungen. Wenn etwas Neues passiert, kann ich nicht begeistert "Hurra" rufen, ich frage mich dann: Gibt es irgendwo einen Notausgang, für den Fall, dass es schiefgeht? Ich gurte mich an, ich lese sogar die Packungsbeilage, bevor ich eine Pille schlucke. So bin ich geworden, ein typischer deutscher Hasenfuß. Die Zeitungen schreiben jeden Tag, dass die Öffnung der Grenzen ein wunderbarer Akt der Menschlichkeit war. Wer Angst hat, ist zum ersten Mal, seit ich denken kann, in Deutschland verdächtig. Angst soll ich vorm Klimawandel haben, vor Atomkraftwerken, vor Genfood, vor Pegida, aber doch nicht davor. Wir sind alle Brüder, wie Kain und Abel. Aber ich kann, wenigstens ein bisschen, nachempfinden, was es heißt, ein Fremder zu sein.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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"In den Fünfzigern wird der Kampf schwieriger. Und du weißt inzwischen, dass du nicht gewinnen kannst. Wenn du in den Spiegel schaust, siehst du keine Veränderungen mehr, sondern Verluste, es sind jetzt eindeutig Verluste. Die Zukunft ist vom Tanzsaal zu einem Bügelzimmer geschrumpft."

Na ja, also ich habe da eine Theorie: wenn jemand alles ab vierzig aufwärts als Kampf betrachtet, dann kann es ihm dabei ja nur schlecht ergehen.
Wenn man das so negativ sieht, ist es ja klar, dass man sich selbst damit runterzieht.
Also meine Jugend war schon mal kein "Tanzsaal", ich bin daher eher froh, dass ich diese Zeit überwunden habe. Wohl dem, der diesbezüglich so auf Rosen gebettet war - ich war es nicht. Ich genieße mein Leben so wie es jetzt ist, und ich liebe dabei sogar mein "Bügelzimmer".
Und in Bezug auf das Flüchtlingsthema: das schöne "Land", in dem ich heute lebe (also mein heutiges Leben), das mußte ich mir erst erkämpfen, und ich habe nicht vor, es wieder aufzugeben.