Gesellschaftskritik Über das Männerhaar 2016

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© Andrew Kelly/Reuters
ZEITmagazin Nr. 2/2016

Wie schon oft an dieser Stelle wollen wir das Jahr mit einer Haaresvorschau beginnen, also Antworten auf die Frage suchen, worauf wir uns so einstellen können, rein kopfmäßig.

Klar ist, dass der Undercut vorbei ist, er ist ganz undramatisch aus den meisten Männerhaaren herausgewachsen. Was man gut an David Beckham sehen kann, der derzeit erstmals in seinem Erwachsenenleben so etwas wie eine undefinierte Normalfrisur trägt, die nur auf ein Signal ihres Herrchens zu warten scheint, in welche Richtung es jetzt weitergehen soll. Auch die Haare der anderen Trendsetzer sind derzeit merkwürdig unentschieden: Brooklyn Beckham sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Schüler, Justin Bieber verbirgt seine Ratlosigkeit unter einer Baseballkappe. Zahlreiche Imam-, Holzfäller- und Hipsterbärte sind ebenfalls in den letzten Monaten auf dem Kompost gelandet – nur ein Dreitagebart hat noch überlebt, in der Version, wie ihn in den achtziger Jahren Männer wie Heiner Lauterbach oder Don Johnson ihr Eigen nannten.

Wenn die Barbiere nach Dreikönig wieder öffnen, wird die Entscheidung fallen, wie es weitergeht. Unsere Prophezeiung: Das Haar 2016 wird sich, wie auch die restliche Mode, irgendwo in der Zeit zwischen 1989 und 1991 einpendeln. Und die Frage ist, ob es eher Richtung kahl rasiert oder Richtung Pferdeschwanz gehen wird. Ja, genau, Pferdeschwanz, wie man sie zuletzt an 2CV-Fahrern mit "Erst wenn der letzte Baum gefällt ist ..."-Aufklebern gesehen hat. Allerdings brauchen Zöpfe, wie alle nachwachsenden Rohstoffe, etwas Zeit.

Unsere zweite Weissagung lautet deshalb: Das Jahr wird mit Kahlschädeln beginnen und mit Pferdeschwänzen enden. Der Dreitagebart passt mehr oder weniger zu beidem. Was macht Jérôme Boateng, seit Jahren ein zuverlässiges Trendorakel? Tatsächlich, Jérôme trägt den Kopf schon fast rasiert, nur oben hat er noch ein paar Haare drangelassen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch seine Brille, die, wenn man genau hinschaut, keine klassische Hornbrille mehr ist, sondern Metallbügel hat. Und hier kommt die dritte Weissagung der Gesellschaftskritik: 2016 wird das Jahr, in dem die Nerdbrille endgültig zum Accessoire SUV-fahrender Münchnerinnen absteigen wird. Unglaublich, aber wahr: Wir sehen Stahlrandbrillen in unserer Kristallkugel, wir sehen Männer mit runden Stahlbrillen und langen, leicht fettigen Pferdeschwänzen. Aber erst im November!

10 Kommentare

Schön. So sehe ich seit 15 Jahren eh schon aus. Dabei war ich gerade in Versuchung, den Pferdeschwanz zu kürzen und mir statt meines schlichten Metallgestells endlich eine Nerdbrille zuluegen. Frau Faller, was würde ich nur ohne Sie tun?

Fazit: Frauen und junge Burschen brauchen Mode. Als Mann hat man dagegen seinen Stil gefunden. Und mit dem wird man irgendwann auch beerdigt.

Mangels nachwachsender Rohstoffe leider nicht mein Thema. Nerd-Brillen erinnerten mich immer an Stasi-Mitarbeiter und SUV passt nicht in meine nachhaltige Garage.
Dreitagebart bleibt: Man(n) gönnt sich ja sonst nix.

Die inneren Werte wären ein Thema – die hab ich massenhaft:)

Tolle Vorhersage, und was machen die, die es bis November mit dem Pferdeschwanz nicht hinbekommen? Die nehmen sich dann im Dezember das Leben weil sie nicht dazu gehören können.. . Gut das es noch Menschen gibt die den eigenen Trend setzen.

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