Isabel Allende auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2015 © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Das war meine Rettung "Du musst schreiben, oder du wirst sterben"

Als die Tochter von Isabel Allende starb, gaben ihr die Worte ihrer Mutter die Kraft, weiterzumachen. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 2/2016

ZEITmagazin: Frau Allende, haben Sie jemals eine Psychotherapie gemacht?

Isabel Allende

73, wurde in Lima geboren. Die Chilenin arbeitete zunächst als Journalistin. Ihr Familienroman Das Geisterhaus wurde 1982 ein Weltbestseller. Zuletzt erschien von ihr Der japanische Liebhaber (Suhrkamp).

Isabel Allende: Wenn man in den USA lebt, ist das etwas Alltägliches. Ich war mit einem Amerikaner verheiratet, wir hatten viele Krisen. Drei seiner Kinder waren drogenabhängig, zwei sind gestorben, das dritte ist immer noch süchtig. Ich war vorher nie mit Sucht in Berührung gekommen, ich habe nicht verstanden, dass das eine Krankheit ist und wie eine Krankheit behandelt werden muss. Nach dem Tod meiner eigenen Tochter haben wir erneut eine Therapie gemacht. Momentan mache ich eine allein, weil ich Hilfe brauche.

ZEITmagazin: Was haben Sie in der Therapie gelernt?

Allende: Ich habe gelernt, den Standpunkt des anderen zu verstehen und zu sagen, was ich fühle. Ich habe auch viel über mich gelernt, wie dominant ich bin, wie intolerant, hart und ungeduldig. Dank der Therapie kann ich meine Bedürfnisse ausdrücken, darum ist auch meine Ehe zerbrochen. Mehr als fünf Jahre hatten mein Mann und ich eine Therapie gemacht, und im April sagte er: "Ich kenne deine Bedürfnisse genau: Vier Punkte, die ich nicht erfüllen kann, es tut mir leid, ich weiß, das tut weh." Und ich sagte, dann müssen wir uns trennen. Das war das Ende von 27 Jahren Ehe.

ZEITmagazin: Es war Ihre zweite Scheidung?

Allende: Ja, von meinem ersten Mann, dem Vater meiner Kinder, habe ich mich getrennt, als ich ihn nicht mehr liebte. Ich wollte nicht mit jemandem weiterleben, den ich nicht liebe. Als ich meinen zweiten Mann heiratete, war ich lange Zeit wahnsinnig verliebt, und wir haben alles versucht, aber irgendwann merkte ich, dass bei ihm zu bleiben schlimmer war, als allein zu sein. Niemand trennt sich gern mit 73, da ist die Angst, allein zu bleiben, aber es ging nicht anders. Liebe kann bedingungslos sein, wenn es die Liebe zu Kindern ist, zu den Eltern, einem Haustier. Aber mit dem Menschen, mit dem du schläfst, ist sie nie bedingungslos. Du willst etwas zurück. Bekommst du nichts zurück, ist die Balance zerstört.

ZEITmagazin: Haben Sie jemals unter Depressionen gelitten?

Allende: Ich bin traurig gewesen, aber nie depressiv. Depression lähmt, man fällt in ein Loch und kommt nicht mehr raus. Ich bin oft in ein Loch gefallen, aber immer rausgekommen, und ich weiß auch jedes Mal, dass ich es schaffe. Ich sehe das Licht. Als meine Tochter 1992 mit 29 Jahren starb, schrieb ich ein Buch. Meine Tochter und ich waren Charaktere darin, und das erlaubte mir, das, was geschehen war, aus der Distanz zu betrachten. Es hat mir geholfen. Ich sah meine Traurigkeit und Trauer mit den Augen des Schriftstellers.

ZEITmagazin: In dieser schweren Situation haben Sie Licht gesehen, Hoffnung gehabt?

Allende: Ja. Als meine Tochter starb, war ich am Boden zerstört. Sie war am 6. Dezember gestorben, und ich beginne alle meine Bücher an einem 8. Januar. Meine Mutter kam aus Chile und fragte mich: Was wirst du schreiben? Und ich sagte: Ich kann jetzt nicht schreiben! Sie sagte: Du musst schreiben, oder du wirst sterben, dieser Schmerz ist wie ein langer dunkler Tunnel, und du musst weiterlaufen, Tag für Tag, Träne für Träne, denn es gibt ein Licht an seinem Ende, lauf weiter, lauf weiter. Ich bin weitergelaufen, indem ich schrieb. Immer, wenn ich in meinem Leben seitdem im Tunnel war, erinnerte ich mich daran, dass ich weiterlaufen muss, dass es ein Licht an seinem Ende gibt. Vielleicht dauert es ein Jahr, vielleicht zwei, aber ich werde hinausfinden.

ZEITmagazin: Eine Haltung, die vielen Menschen helfen könnte ...

Allende: Meine Mutter sagte mir auch, dass alles ständig in Transformation begriffen ist. Nichts bleibt, wie es war. Als mein Mann auszog, weinte ich. Ich weinte um alles, was verloren war, um die Jahre, die ich in die Beziehung investiert hatte, die Kraft, die es gekostet hatte, die Liebe zu erhalten, und aus Angst vor Einsamkeit. Aber während ich weinte, wusste ich bereits, dass ich aufstehen, eine Tasse Tee trinken und darüber hinwegkommen würde. Ich wusste, das ist der Beginn des Tunnels, und Schritt für Schritt, Tag für Tag werde ich seinem Ende näher kommen.

ZEITmagazin: Sie sind eine starke Person.

Allende: Ich bin stark, weil ich ein ereignisreiches Leben hatte, ich habe viele wunderbare und viele schreckliche Dinge erlebt, und ich fühle, dass ich mich allem entgegenstellen kann. Das ist ein tolles Gefühl. Ich bin verletzlich und offen für alles, was kommt. Ich bin nicht verschlossen, verbittert oder verhärtet, sondern unverwüstlich.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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