Ich habe einen Traum Melissa Lee

"In Deutschland meint man, weniger sei mehr. Ich finde, mehr ist meistens mehr"

Von
ZEITmagazin Nr. 2/2016

Ich träume davon, dass sich alle ein bisschen locker machen. Ich bin vielleicht etwas ungewöhnlich für meine Generation, aber ich hatte nie eine Sinnkrise und habe auch nie damit gehadert, was ich eigentlich mit meinen Leben anstellen möchte. Es war mir immer klar, dass ich Mode machen möchte. Schon als Teenager habe ich Kleider für meine Barbies geschneidert. Ich hätte mir eigentlich einen Teil meiner Schulbildung sparen und vor dem Abi abgehen können. Ich studierte Modedesign – und brach das Studium ab. Von dem, was mich interessierte, konnte man mir einfach nicht mehr viel beibringen. Lieber gründete ich mein eigenes Label, Mademoiselle Opossum, und machte einen Laden im Wedding auf. Ich hatte Glück, dass die japanischen Mangas in Deutschland damals gerade so in Mode kamen – ich schneidere japanischen Streetstyle und mache zuckersüßen Schmuck. Mit der deutschen Art, Mode zu machen, habe ich dagegen nie viel anfangen können. In Deutschland ist alles schwarz und grau, und man meint, weniger sei mehr. Ich finde aber, dass mehr meistens mehr ist. Ich mag es knallig und bunt. Vielleicht liegt das daran, dass ich in einer farbenfrohen Umgebung aufgewachsen bin.

Melissa Lee

26, wurde in Berlin geboren. Sie verkauft in ihrem Laden im Berliner Stadtteil Wedding eine eigene Modekollektion, die von japanischem Streetstyle inspiriert ist. Ihr YouTube-Kanal Breeding Unicorns hat 50.000 Abonnenten. Seit September moderiert sie jede Woche die Top-100-Charts des Musiksenders VIVA

Mein Vater ist ein chinesischer Kung-Fu-Meister. Seine Kampfschule in Berlin war so etwas wie mein Kinderzimmer. Ich habe natürlich auch Kung-Fu gelernt, bin aber noch nie in eine Situation geraten, in der ich mich hätte verteidigen müssen. Vielleicht liegt das daran, dass ich nur 1,50 Meter groß bin. Bei mir bekommt jeder einen Beschützerinstinkt.

Auf den Namen meines YouTube-Kanals, Breeding Unicorns, also "Einhörner züchten", kam ich, weil Einhörner wahnsinnig süße Tiere sind, einen aber auch mit ihrem Horn aufspießen können. Auf Breeding Unicorns zeige ich hauptsächlich Do-it-yourself-Videos, die ich in meinem eigenen Laden drehe. Man kann da lernen, wie man sich einen Meerjungfrauenschwanz bastelt oder Voodoo-Puppen – Dinge eben, die jeder Mensch gebrauchen kann. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich für den Musiksender Viva moderieren wolle. Inzwischen sage ich dort die Viva Top 100 an. Anfangs habe ich vom Teleprompter abgelesen, aber das liegt mir nicht so, es fällt mir leichter, frei zu sprechen. Ich habe keine Ahnung, ob ich für so etwas eigentlich Talent habe. Doch ich finde, dass man die Dinge einfach ausprobieren muss. Meine ersten YouTube-Videos habe ich einfach mit dem Smartphone gefilmt. Wenn man sich ständig überlegt, was einen alles zurückhalten könnte, wird man nie dazu kommen, etwas Neues auszuprobieren. Mir hat mal jemand gesagt, er würde so gerne Zeichner werden, aber er hätte leider kein Geld für das ganze Equipment. Ich habe ihm geraten, zu Ikea zu gehen, da gibt es Bleistifte gratis. Zurzeit arbeite ich an einem Konzept für eine Wissenschaftssendung mit Experimenten. Ich verstehe leider nicht viel von Chemie. Aber ich mag es, wenn Dinge explodieren.

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