Stift Unter Strom

Von
© WobbleWorks
ZEITmagazin Nr. 2/2016

Ich denke manchmal darüber nach, wie Kinder malen. Es gibt Kinder, die wahnsinnig akkurat etwas abmalen und die einen großen Ehrgeiz haben, etwa ein Haus genau so zu malen, wie es tatsächlich aussieht. Mit Perspektive und richtigen Winkeln und allem. Und es gibt Kinder, denen fehlt die Geduld dazu, und sie kritzeln einfach drauflos. Ich habe nie verstanden, warum nur die exakten Häuschenmaler jene sind, von denen man sagt, sie könnten richtig gut malen. Wild mit bunten Farben um sich zu werfen ist doch unter Umständen auch sehr kreativ. Zuletzt habe ich darüber nachgedacht, als ich den Stift 3Doodler in die Hand bekam. Ein Stift, mit dem man dreidimensional malen kann. Es ist eine Mischung aus Heißklebepistole und Wachsmalkreide. In dem Stift wird eine Plastikmasse erhitzt. Sie fließt heraus wie aus einer Tortengussspritze und erkaltet danach sofort. Man kann damit also in die Höhe malen, auch kleine Türmchen und Häufchen basteln. Im Internet habe ich gesehen, wie jemand damit den Eiffelturm nachgebaut hat. Das wollte ich auch. Der 3Doodler entpuppte sich als ziemlich laut summend und gar nicht leicht zu handhaben. Man braucht Geduld und eine ruhige Hand. Den Eiffelturmbau ließ ich bald bleiben, ich versuchte ein Häuschen. Ich kriegte es nicht hin, mit dem 3Doodler eine gerade waagerechte oder senkrechte Linie im Raum zu zeichnen. Schließlich gab ich auf und malte Kringel, die spiralförmig in die Luft wuchsen. Immer mehr, in allen Popfarben. Ich geriet richtig in einen Rausch. Nach ein paar Stunden war meine ganze Wohnung voller bunter Spiralen. Ich hätte das als Dreijähriger kaum besser hinbekommen.

Technische Daten

3Doodler 2.0 Pen, Zeichenstift zum dreidimensionalen Malen; geeignet ab 14 Jahren; Farben nachfüllbar; Preis: 99 Euro

 Mirko Borsche, Creative Director des ZEITmagazins, schreibt jede Woche die Kolumne "Unter Strom"

2 Kommentare

Es ist wahrscheinlich sinnlos über die Attraktivität eines aus erkaltetem Heisskleber „gebauten“ Eiffelturmes zu sinnieren, Vieles wird schlicht deswegen gemacht, weil es möglich ist und nicht weil es Sinn ergibt.

Bezüglich Ihrer Schwierigkeiten eine waagerechte Linie in den Raum zu malen vermute ich mal, dass diese schlicht zu Boden plumpst. Überraschend.
Selbst unter der Vorstellung, dass das verwendete Material in Nanosekunden fixiert, kann mich mir kaum vorstellen wie man an eine senkrechte Linie eine waagerechte ranflanscht.
Mittlerweile habe ich mich in Ihren Stil eingelesen und freue mich, dass Sie auch mal was schlecht finden können.

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