Zeichnen Angestiftet

Die New Yorker Illustratorin Joana Avillez erinnert sich in Bildern an ihren verstorbenen Vater, der ebenfalls Zeichner war. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 2/2016

ZEITmagazin: Frau Avillez, Ihr Vater ist 2013 gestorben. Erst jetzt haben Sie die Geschichte Ihrer engen Beziehung zu ihm gezeichnet. Warum?

Joana Avillez: Ich wollte unser Verhältnis seit Langem beschreiben, aber mir fehlte die Distanz. Erst diesen Sommer hat es funktioniert, in sehr kleinen Schritten. Über Monate hinweg habe ich höchstens eine Stunde pro Tag an dem Porträt gearbeitet, länger habe ich es nicht ertragen.

ZEITmagazin: Entstanden ist eine liebevolle Verneigung vor dem Zeichner Martim Avillez. Oder ist es eher Ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Verlust?

Avillez: Eigentlich ging es mir darum, die besondere Art der Kommunikation zwischen uns beiden zu beschreiben – die eigene Welt, die wir uns geschaffen haben. Aber dann habe ich mich bei der Arbeit unbewusst mit seinem Tod auseinandergesetzt. Vor dreizehn Jahren kam mein Vater in ein Pflegeheim in seiner Heimat Portugal. Er hatte ein schweres Alkoholproblem und brauchte nach einem Sturz Rundumbetreuung. Ich war fünfzehn. Hier in New York hätten sich meine Mutter und ich um ihn kümmern können, in Portugal gibt es eine riesige Familie. Wir haben ihn jedes Jahr mehrmals besucht.

ZEITmagazin: Alkohol und Sturz kommen in dem Porträt Ihres Vaters gar nicht vor.

Avillez: In gewisser Weise endete unser Verhältnis, als ich fünfzehn war – und dann begann ein vollkommen neues. Nach dem Sturz war er eine andere Persönlichkeit, aber wir haben uns immer noch wortlos verstanden. Als er starb, war ich 27. Unser Verhältnis gründet auf die frühen Jahre, auf meine Kindheit. Um die Geheimwelt dieser Jahre geht es in meinem Porträt.

ZEITmagazin: Was war an Ihrer Kindheit besonders?

Avillez: Meine Eltern waren vierzig, als sie mich bekamen, es gab also einen großen Altersabstand zwischen ihnen und mir. Ich bin ein Einzelkind – und fand in meinem Vater diesen fantastischen Spielkameraden. Er hat mich immer spüren lassen, wie dankbar er für die Möglichkeit war, mit mir in Fantasiewelten abzutauchen. Wir haben ständig irgendwas gemacht. In den Ferien in Portugal zum Beispiel haben wir den ganzen Tag draußen gezeichnet. Oder wenn wir verreist sind, haben wir unterwegs ein Buch über die Reise gestaltet, beim Essen im Restaurant haben wir auf Servietten und Papier-Tischdecken gezeichnet. Und wir haben uns dauernd über Fonts und Schriftgrößen unterhalten, unsere Leidenschaft.

ZEITmagazin: Ihre Mutter kommt in Ihrem Porträt nicht vor. Welche Rolle hat sie gespielt?

Avillez: Sie hat es akzeptiert, dass ich total auf meinen Vater fixiert war, und fand unser Verhältnis zauberhaft. Meine Eltern sind beide Künstler. Als Kind bin ich mit meinen Bildern immer sofort zu meinem Vater gerannt, um sie ihm zu zeigen. Ich wollte wahnsinnig gerne so gut zeichnen können wie er. Mein Vater hat mir immer sofort alles gezeichnet, was ich haben wollte. Meine Mutter hat meine Wünsche nicht immer erfüllt – sie malt abstrakt.

ZEITmagazin: Ihre Beziehung zu Ihrem Vater war eng. Gibt es etwas, das Ihnen dabei hilft, ohne ihn weiterzuleben?

Avillez: Der Tod ist so endgültig. Ich habe keine andere Wahl, als einfach weiterzumachen. Ich lebe in dem alten Apartment meines Vaters und werde ständig an ihn erinnert, durch die portugiesischen Kacheln, seine Bücher und vor allem natürlich durch die Zeichnungen. Die spielen eine ungeheuer wichtige Rolle in meinem Leben. Sie sind der Beweis, dass unsere gemeinsame Welt tatsächlich existiert hat.


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